Farbenfrohe Frische der Vergangenheit – die Ausstellung FPMS/CPPS von Christine Ljubanovic 

Christine Ljubanovic wurde mit dem großen Kunstpreis der Klocker Stiftung 2023 gekürt. Damit ist sie nach Martha Jungwirth die erst zweite weibliche Preisträgerin dieser Auszeichnung und stellt als gebürtige, in Paris lebende Tirolerin, gleichzeitig eine aus dem Blickwinkel geratene Position hierzulande dar. Das Klocker Museum in Hall will dies mit einer umfangreichen Ausstellung, die sich auf die selten gezeigten malerischen Studien von Ljubanovic konzentriert, ändern. Mit Farben, Pigmenten, Mustern und Skalen schlägt die Ausstellung mit dem Titel FPMS/CPPS* unmittelbar eine Brücke zum Statement der Jury, in dem die Künstlerin als „Kartografin der Kulturen“ gepriesen wurde. 

Christine Ljubanovic | Bild: Sophie Tramier

Das Atelier der 84-jährigen Künstlerin Christine Ljubanovic in Paris ist fast schon zum Archiv gewachsen. Reihenweise stapeln sich da Ordner in Regalen, ihnen zugeordnet leuchten auf Post-its Begrifflichkeiten wie Crystal, Porphyr oder Indigo auf. Unter ihnen kleben auch immer wieder Namen von unterschiedlichsten Ländern und Städten. Die Mappen selbst sind nummeriert und vollgepackt mit Studien nahezu vergessener Farbnuancen aus allen Weltteilen in Form mehrerer tausend Blätter. Knapp zwanzig Jahre hat sich die Künstlerin intensiv mit Farbstudien auseinandergesetzt, hat die ganze Welt bereist, um verschwindendes Wissen über die Herstellung von Farben und Pigmenten zu erkunden. Daraus ergab sich allmählich eine globale Lehre nur mehr in Bruchteilen vorhandener Kenntnisse über die schwindende Vielfalt der Farben, aber auch über Formensprachen und Grundmuster, die den besuchten Ländern eigen sind. Die beiden Ebenen sind nämlich verwoben. Muster und Strukturen werden bei Christine Ljubanovic stets malerisch mit ihnen zugehörigen Farbnuancen dargestellt. Auf diese Weise lässt sie Ästhetik mit der Bewahrung von kollektivem Wissen einhergehen. 

Bezeichnend ist daher, wie sich im Kontext der Ausstellung im Klocker Museum eine Erdkarte auftut, der allerhand Farben und Pigmenten zugeordnet sind. Teile Südamerikas sind bläulich-grün ausgemalt, Indien gelb, Japan tiefblau. Rund um den dargestellten Erdball finden sich geologisch anmutende Erläuterungen. Wirr beschrieben mit Notizen aus persönlichen Gesprächen, Feldforschungen, Untersuchungen, bis hin zu Bibelüberlieferungen, arbeitet sich die Landkarte an Wissensbeständen ab, die weit über unsere normierte Farbskala reichen und kontextualisiert sowie verortet diese. Die Karte bildet so etwas wie das Zentrum dieser Topografie der Farbenlehre. Um sie herum gruppieren sich dann im Ausstellungsraum konkrete Ausformungen in Form von Einzelwerken und Werkgruppen der Künstlerin. Betrachter:innen stehen dem orangerot leuchtenden Zinnober aus China in Lotusblütenmotiven gegenüber, sehen Gitterstrukturen aus Venedig sowie Fuchsitpigmente aus dem brasilianischen Bahia. Gestreifte Linien, Flechtmuster und brush strokes auf Gampi-Papier sind Japan zugerechnet, selbst altertümlich-antikes Ägyptischblau und Ägyptischgrün reiht sich im Zusammenhang mit historischen Mustern als Wissensbestand alter Hochkulturen auf den Wänden auf. Die Erkenntnisse hat Ljubanovic in ansehnliche Gemälde gegossen, die wie mal wie geometrische Studien, dann wieder wie abstrakte Gebilde anmuten. Fast magisch wirkt ihre Farbkraft, auch weil Rezipient:innen Erd- und Kristallpigmente wie Smalte, Ägyptischblau oder Fucsita Xisto  gemeinhin nicht mehr zu Gesicht bekommen. Diese sind von der Bildfläche nahezu verschwunden. Jedenfalls sind sie auf der Farbskala unserer Monitore und Bildschirme nicht vorhanden. So wirkt das Gesehene fremd wie anziehend zugleich. Das alles hier aufeinander abgestimmt ist, Christine Ljubanovic nichts dem Zufall überlässt, kann mit einem Beispiel untermauert werden: In einer ihrer jüngsten Arbeiten beschäftigte sich die Künstlerin nämlich mit gemahlenem Porphyr, einem Material, das in der römischen Antike allein Kaisern und der Fertigung ihrer Büsten vorbehalten war. Nicht zufällig erarbeitete sie darauf basierend Collagen von fotografischen Abbildungen der dem Grabmal Kaiser Maximilians I zugehörigen „Schwarzen Mander“ der Innsbrucker Hofkirche, die sie in weiterer Folge mit Porphyrpigmenten bemalte. Material und Inhalt verschränken sich, werden in den Werken Ljubanovics eins. Gleichzeitig hinterfragt sie aber die Praxis, indem sie das Porphyr, das früher nur Sache der Herrscher war, für sich vereinnahmt.

Ausstellungsansicht Klocker Museum | Bild: WEST.Fotostudio/David Steinbacher

Blickt man auf Ljubanovics Œuvre sticht die Vielseitigkeit ins Auge. Als berufliche Grafikerin hat sie sich neben der Gebrauchsgrafik früh der Fotografie zugewandt sowie seit den 1960er Jahren auch vermehrt Multimedia und Mixed-Media Kunst gemacht. Parallel zu der Beschäftigung mit der wohlgemerkt analog hergestellten Druckgrafik, gelten Recherche, Forschung und Archivierung spätestens seit den 1970ern als ein gängiges Vorgehen der Künstlerin in einem Kunstfeld, in welchem derartige Methoden noch weitgehend unbekannt waren. „Spurensicherung“ nannte sie ihre Arbeit damals und wurde quasi zur Vorreiterin der Bestrebung, Kunst und Recherche zusammenzudenken.  Ljubanovic wurde zur Reisenden, erforschte nicht zuletzt vor Ort Marginalisiertes, vor dem Verschwinden Bedrohtes. Ihre von 2003-2021 getätigten Studien zu Farben, Pigmenten, Muster und Skalen (FPMS) steht paradigmatisch für diesen Ansatz. Unterschwellig schwingen dabei auch ökologischen Fragestellungen mit, die mit dem Erhalt der Biodiversität des Planeten zu tun haben. Ausgezeichnet wurde Ljubanovics Werk vornehmlich aufgrund der „tiefgründigen wie vielschichtigen Komplexität und deren außergewöhnlich konsequenten Umsetzungen“, so das Urteil der Fachjury. Ferner wurde ihre akribische Nachforschung im Kunstprozess herausgestrichen. Nicht zufällig setzt die Ausstellung im Klocker Haus daher den Schwerpunkt auf ihre FPMS-Werke, die die Künstlerin geradezu paradigmatisch als Kartografin von Kultur, Gesellschaft und Kunst ausweist. 

Da Ljubanovics Werk derart facettenreich ist, kommt die auch als Begleitschau zum Hauptpreis konzipierte Ausstellung nicht drum rum, ausufernder zu werden. Die Konzeption der Kuratorin Lena Ganahl erweist sich dabei als klug durchdacht. Fokus bildet ihre Farbenlehre, doch repräsentativ werden auch einzelne Sidesteps fernab der FPMS-Studien vorgenommen, um das Kunstschaffen Ljubanovics in der Breite zu demonstrieren. In diesem Sinne bespielen neben Fotografien, einzelne Grafiken und zwei Lichtdrucke aus der Serie Paris/Lavis/Phototypie die Ausstellungsräume. Auf Wand 9 der Ausstellung hängen dann doch ihre symptomatischen Conversation Portraits, die die Künstlerin bekannt gemacht haben. Nicht aber um das vor wenigen Jahren umfassend in einer Ausstellung in Innsbruck gezeigte wiederkauen – 2019 gab es bereits eine auf ihre Konversationsportaits fokussierende Personale im Kunstraum – sondern um drei Exemplare dieser Serie herauszugreifen, die die Intention hinter diesen Werken fassen. Wer die Conversation Portaits nicht kennt, darf sie sich nicht wie großformatige Einzelbildnisse, nicht wie eine einzige Aufnahme, vorstellen: Sie spulen sich vielmehr fotofilmähnlich als aneinandergereihte Miniaturaufnahmen vor unserem Auge ab.

Ausstellungsansicht Klocker Museum | Bild: WEST.Fotostudio/David Steinbacher

Die zusammengefügten Bilder sind einem Daumenkino nicht unähnlich, nur dass sie eben auf der Wand auf einer Ebene – nebeneinanderstehend und gerahmt – zusammengebastelt sind. Im Grunde sind es dokumentarisch belegte Begegnungen. Als solche erzählen sie von dem Verhältnis zwischen der Künstlerin und der/dem Portraitierten. Manchmal sind die Personen selbst zu sehen – oft ganz nah, dann wieder aus größerer Distanz – in anderen Aufnahmen auf sie referierende, sie umgebende Gegenstände wie beispielsweise Kruzifixe oder verlassenes Mobiliar. Immer erzählen sie durch ihre Komposition eine Geschichte. Die drei Werke der Ausstellung sind smart ausgewählt, könnte doch die Entstehungsgeschichte der drei Arbeiten unterschiedlicher kaum sein. Man benötigt gar nicht mehr als diese drei Exemplare, um die Intention hinter diesen Werkzyklus zu begreifen: In der Mitte ist die kaum bekannte Gastronomin Margaritha Haueis zu sehen, umrahmt von den internationalen Kunststars Yoko Ono zu ihrer Rechten und Hito Steyerl links neben ihr. Pflegte Ljubanovic zu „Gretl“ Haueis ein emotionales, fast familiäres Verhältnis, resultiert Onos Portrait aus einem Treffen im Zuge einer Ausstellung im Pariser Musée d´ Art moderne und Steyerls – noch unpersönlicher – inmitten der Corona-Pandemie über Zoom. Diese komplett ungleichen Voraussetzungen, Beziehungen und Begegnungen scheinen wie von der Linse eingefangen. Aus den Werken spricht Authentizität. Man bekommt einen Eindruck um welche Art von Begegnung es sich gehandelt habe –ohne die eben genannten Hintergründe zu kennen. 

In diesem Sinne lässt sich dann doch, aller Divergenz zum Trotz, eine Klammer zwischen den Konversationsporträts und ihren Farb- und Formstudien machen: Einer „Spurensicherung“ gleich gehen beide Werkserien von akribischer Beobachtung aus und kartografieren wahrgenommene Prozesse, Verhältnisse und Begegnungen, um sie für die Ewigkeit einzuschmelzen. Christine Ljubanovic ist eine pedantische Forscherin in der Kunstwelt. Mit ihrem Werk wurde nun – wie es zur Tradition des Hauptpreises der Klocker Stiftung gehört – ein für die zeitgenössische Kunst Österreichs repräsentatives Lebenswerk mit internationaler Relevanz geehrt.

*Farben/Pigmente/Muster/Skalen
Colours/Pigments/Patterns/Scales

| Florian Gucher

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