Flügellose Flugzeugmodelle, die am Boden liegen, mit persönlichen Erinnerungen aufgeladenes Geschirr und eine aus unterschiedlichen Schriften bestehende, sich im Raum verlaufende Aufzählung von Familienmitgliedern: In Baukastenmanier arrangiert Siggi Hofer in der Galerie „Im Vektor“ (Hall in Tirol) einige seiner Werke zu einem ganzheitlichen Setting, das dann in Kombination mit den Eigenheiten des Raumes zum Klingen gebracht wird. Die Ausstellung „Drum Roll 2“ ist wie ein Vorspiel, das mit kräftigem Trommelwirbel ankündigt, dass da was folgt, aber offenlässt, was das sein wird. Ob es ein Zirkusständchen oder doch martialisches Kriegsgepolter ist, muss jede:r für sich entscheiden.

Zentral im Raum finden sich zu einer Girlande zusammengebaute, vertikal liegende Holzpfeiler, die mit Rollen am unteren Ende ausgestattet, bewegt werden können. Unmittelbar dahinter, an eine Wand angelehnt, poppen zwei anonyme, auf MDF-Platten gemalte Anzugsheinis auf. Ihnen fehlen Augen, Nasen und Münder, jene Teile des Gesichtes, die Individualität ausmachen. Zum Teil verdeckt die eine, kleinere Figur im Vordergrund die Größere – den Betrachter:innen bleiben in dieser Ausstellung gewisse Dinge verwehrt. Plötzlich zieht dann ein gemaltes Paket auf einer Stapelkarre die Blicke auf sich. Was verbirgt sich wohl darin? Die interventionsartig zusammengebaute Schau verrät nicht zu viel und schon gar nicht alles auf Anhieb. Vieles bleibt ungelöst, wie der Inhalt dieses gemalten Kartons. Bezeichnenderweise erkennt man dann hinter dem ganzen Konvolut an Kunstwerken und Arrangements, dicht in die Ecke gedrängt, erst die eigentlich titelgebende Arbeit: Es handelt sich um eine Trommel, innen in augenfälliges Orange getüncht, ummantelt von einem schwarzen Sechseck und mit zwei Trommelschlägeln mit rundem Kopf bespielt. Die Zacken da im Hexagon des Snare-Drum Rahmens referieren unmittelbar auf die bereits erwähnte Stäbegirlande am Boden, wo sich dieser Zick-Zack-Kurs ebenso festmachen lässt. Alles scheint miteinander verwoben, auch im symbolischen Sinne – man denke an die Scharniere, die die Holzteile am Boden zusammenfügen und so zu einer verbundenen Einheit zusammenwachsen.
Durch das künstlerische Werken und Wirken des gebürtigen Bruneckers Siggi Hofer zieht sich ein modulhafter Ansatz. Der Künstler – er hat die Meisterschule für Malerei an der HTBLVA Graz besucht und dann an der Universität für angewandte Kunst in Wien studiert – zeichnet sich durch sein facettenreiches Oeuvre aus, das von Malerei, Skulptur, Installation und Zeichnung bis hin zu textuellen Gebilden reicht. Oft fließen die Grenzen der einzelnen künstlerischen Bereiche auch ineinander. Eine Malerei auf Stapelkarre wird so zur Installation, in den Raum gestellte Spielflugzeuge werden zu Raumzeichnungen, sowie auch die Raumhängung und Raumstellung in seinen Ausstellungen eine nicht zu unterschätzende Rolle einnimmt. Für die Personale in Hall hat der italienisch-österreichische Künstler Werke aus unterschiedlichen Schaffensphasen, die bereits in anderem Kontext zu sehen waren, zusammengetragen. Die Ausstellung liest sich deshalb wie eine aus mehreren Teilen bestehende, zusammenhängende Installation, dessen Einzelteile ihre Eigenständigkeit zwar nicht zur Gänze aufgeben, zumindest aber aufweichen. Die Positionen stehen in unterschiedlicher Beziehung zueinander – die „Snare Drum“ weist mit dem Zackenmuster auf die Girlande, das verschlossene Paket ähnelt wiederum der Trommel, die durchaus die Spannung ihres Schlagfelles inhaltlich in sich aufnimmt, indem sie zum Trommelwirbel ausholt. So sind wir in ständiger (An)Spannung was kommen wird, wissen aber nicht, was es ist.

Wie Siggi Hofer mit Verbindungslinien arbeitet, demonstriert bereits der Ausstellungstitel: „Drum RolL 2“ setzt dabei an „Drum Roll/ the upcoming thing“ an, eine in Zirl entstandene Fassadenarbeit auf dem Gebäude der Museumspartner GmbH, wo die Trommel als widergehrenden Motiv in den Murals auftritt:
„Die Titel stehen bei mir auch immer für gewisse Lebensmodelle. In einer Ausstellung im Kunstverein Ve:sch verwendete ich beispielsweise den Titel ‚Gift basket‘, anspielend auf den Geschenkekorb als Metapher für Reflexionen über Beziehung, Familie, Identität und Erinnerung.“
Unmittelbar daran knüpfte „Stillife“ in der Secession an, wo der Künstler den gemeinhin bekannten Topos des barocken Stilllebens aufgreift, um über Fragen der Komposition und Farbgebung zu sinnieren. „Drum Roll 2“ ist in diesem Zusammenhang als eine Fortsetzung und Weiterformulierung des bereits in Zirl auftauchenden Motives der Trommel gedacht. Die Trommel kann dabei als Ankündiger in einer gesellschaftlich ungewissen Zeit fungieren. Richtig auflösen was da denn kommt, will, kann und soll auch diese Ausstellung nicht. Alles bleibt ein wenig in Schwebe:
„Es geht mir darum, den Betrachter:innen möglichst viel Assoziationsspielraum zu geben. So stelle ich zum Beispiel das Geschirr meiner Mutter aus, doch es steht nicht nur für mein Erbe, sondern als Gemeinplatz für Erbe und den damit in Verbindung stehenden Emotionen ganz allgemein“,
so der Künstler. Zeitgleich knüpft die Schau aber auch an „Gift basket“ und „Stillife“ an, auch weil Themen rund um Erinnerung und Erbe hier künstlerisch fortgeschrieben werden. Handelt es sich bei dem verschlossenen Paket, das da in den Räumen zu sehen ist, nicht in gewisser Hinsicht auch um ein „Gift basket“?

Die Ausstellung selbst ist in drei Kapitel gegliedert: Nach dem bereits beschriebenen, allgemein gehaltenen und noch unpersönlichen Teil „Drum Roll“ – man denke nur an die gesichtslosen Gesichter, an die verschlossenen Pakete, an den Ankündigungstrommelwirbel – folgt ein zweiter, persönlicherer: Hier steht die Thematik des Erbes im Zentrum. Porzellantassen und Teller stehen wirr verteilt am Boden, um diese herum drapieren sich in Glasvitrinen eingerahmte Flugzeugmodelle, die durch das Setting ihre eigentliche Funktion – als Spielzeuge – abstreifen. Dann und wann werden diese von losen rumliegenden oder aufeinander gestapelten Flugzeugmodellen begleitet. Metaphorisch soll hier wohl das im ersten Raum zu sehende, verschlossene Paket aufgeschnürt werden, das nochmals hinter all den Modellen und Tassen auf einem Plateauwagen lauert – abermals im verpackten Zustand. Die hier ausgestellten Objekte wirken gleichwertig: Ganz egal ob das von der Mutter vererbte Geschirr oder die Spielflugzeuge, der Künstler ordnet nichts dem anderen über. Die Werke wirken in den Raum gewürfelt. Wie sie arrangiert sind, hat zufälligen Charakter. Und doch spielt Hofer mit der Wahrnehmung der Betrachter:innen. Erst spät wird man gewahr, dass da auch noch Flugzeugmodelle auf den Balken des Dachstuhls im Raum platziert sind.
Der dritte Teil zieht die Erzähllinie fort: Zu sehen sind Buchstaben auf Metallschienen, die die Familiengeschichte wie bei einem Standesprotokoll nüchtern durchdeklinieren. Was als neutrale, wertungslose Aufzählung von Familienmitgliedern daherkommt – da taucht die Mutter, der unbekannte Vater, die Pflegemutter, der Pflegevater sowie die Halbschwester und der Halbbruder auf – löst dann instinktiv Assoziationen zur eigenen Familie aus. „Man beginn zu vergleichen und über die eigene Familiengeschichte nachzusinnen“, so der Künstler. Die auf Metallschienen befestigten Letter benötigen eine gewisse Anstrengung um gelesen zu werden: Mal sind sie gleich erkenntlich, mal schweben sie so in der Luft herum, mal ragen sie gar ins Treppenhaus hinunter. Auch hier spielt Hofer mit den Elementen von Zufall, Wichtigkeit und Beliebigkeit. Einige Namen sind völlig anonymisiert, was in „Don´t know“ gipfelt, andere wie Petra oder Klara sind individuell mit ihren Vornamen gekennzeichnet. Nun liegt es aber im Kern der Sache das auch diese für eine beliebige Petra und Klara stehen können. Es könnte auch jede Pflegemutter oder jeder Pflegevater sein, die oder der hier aufpoppt. Und abermals ist das Publikum am Zug, diese Leerstelle(n) zu füllen.

„Drum Roll 2“ ist ein Versuch eines Künstlers über sich selbst und die eigenen Erinnerungen über so etwas wie Erbe, Familie und Beziehung nachzusinnen. Spannend ist, wie es Hofer schafft, das alles auf eine Metaebene zu bringen, die dann über seine eigenen Assoziationen hinaus auf eine allgemeine Ebene driften und alles weitere dem Publikum überlassen. Die Schau gibt ein zusammenhängendes Ganzes ab. Scharniere ist das Stichwort von „Drum Roll 2, weil hier jedes Einzelwerk zeitgleich auch auf ein Gegenüber weist: Trommel – Girlande, Paket – Trommel, Figuren – Paket, Paket – Geschirr, Geschirr – Namen, und so weiter.
| Florian Gucher
