Das Theater Praesent wechselt seinen Spielort und hat sich als letztes Stück im alten Zuhause einen ganz besonderen Text vorgenommen: „Viel gut essen“ ist ein Stück, das in für Sibylle Berg typisch zynischer, böser und ebenso lustiger wie tieftrauriger Manier die Geschichte eines Mannes erzählt. Ein Mann, dem immer vorgeworfen wurde, seine Familie zu vernachlässigen, und der versucht, sie durch die Zubereitung eines Mahls zurückzugewinnen. Einer, der eigentlich alles richtig machen wollte. Ein sogenannter „moderner Jedermann“, der über die Welt sinniert und schimpft und im Laufe des Stücks zunehmend erkennen lässt, dass er sein Leben ganz und gar nicht im Griff hat und, dass er nicht dort gelandet ist, wo er eigentlich gedachte, als weißer, heterosexueller, gutbürgerlicher Mann hinzukommen. Und zudem einer, der in dieser Inszenierung von Michaela Senn und Elena-Maria Knapp verkörpert wird. Wir haben mit der Regisseurin Elke Hartmann gesprochen.

Worum geht es in Bergs Stück tatsächlich, wenn die Oberfläche erst mal abgekratzt ist?
Es geht um Angst. Angst vor Einsamkeit, Angst, dass dir eine Lebensgrundlage genommen wird, Angst, dass du nicht mehr verstehst, wie die Welt funktioniert, wie das System funktioniert. Wenn du in einer Welt lebst, in der du die Spielregeln plötzlich nicht mehr kennst, bekommst du Angst.
Was macht den Protagonisten zu einem modernen Jedermann?
Er ist die Stereotype des Mannes, der in einem Patriarchat aufgewachsen ist und bis dahin gedacht hat, es wäre das Wichtigste auf der Welt, sich diesem Patriarchat gemäß zu verhalten und alle Regeln zu befolgen – nur dann könne man ein zufriedenes Leben führen. Er kann nicht fassen, dass sein Teil des Vertrages zwar eingehalten wurde, aber die andere Seite des Vertrags gar nicht existiert. Und das, obwohl er immer gearbeitet, das Geld nach Hause gebracht und seine Frau nicht betrogen hat! Die Zufriedenheit will sich nicht einstellen. Er ist der Inbegriff der Bürgerlichkeit – das macht ihn zu einem Jedermann, denke ich.
Er versucht, Erwartungen zu erfüllen, allen voran seine eigenen, und ein möglichst korrektes Leben zu führen. Doch innerlich scheint er leer zu sein. Warum?
Im Sibylle-Berg-Kosmos wird ständig in Frage gestellt, wie viel Authentizität und Identität ein Mensch überhaupt hat. In diesem Kosmos sind eigentlich immer alle Menschen bestimmt von ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Das find’ ich sehr interessant, weil man sich ständig fragen kann: Wie wenig bin ich letztlich ein Unikat? Wie sehr entspreche ich irgendwelchen Dingen, ohne es zu merken? Der Protagonist bemerkt seine Leere auch nur deshalb, weil plötzlich alles nicht mehr zu funktionieren scheint.
Woraufhin er beginnt, Schuldige für seine Unzufriedenheit zu suchen. Sind wir heute so? Ist es das was uns ausmacht – dass wir verzweifelt versuchen, ein bestimmtes Ziel in dieser Leistungsgesellschaft zu erreichen und wenn wir das nicht schaffen, eine*n Schuldige*n brauchen, der*m wir dann all unsere Fehler anlasten?
Ich denke, wir haben vielleicht Teile davon in uns. Ich glaube, wir denken schon auch, wenn wir eigenen Paradigmen folgen, stellt sich Zufriedenheit ein. Aber Sibylle Berg hat das zu der Zeit geschrieben, als PEGIDA begann, öffentlich aufzutreten. Sie wollte zeigen, warum so ein Rechtsruck stattfindet – zum Beispiel weil alte weiße Männer, die gescheitert sind, in ihren Beziehungen nicht mehr das Sagen haben und so viele Kränkungen durchlebt haben, Zuflucht suchen in etwas Rückwärtsgewandtem, das einem verspricht, diesen Halt wiederzugeben.

Worauf legst du bei deiner Inszenierung den Fokus? Was war dir besonders wichtig?
Der Mann wird von zwei Frauen gespielt. Das Reizvolle daran war für mich, den Gegner „alter, weißer, rechter Mann“ von innen zu verstehen. Wir waren dabei durchaus mit vielen Widerständen konfrontiert. Dadurch, dass diese Rolle von zwei Frauen gespielt wird, bekommt das eine andere Künstlichkeit und man hat eine andere Draufsicht auf diesen Menschen; es ist auch weniger anklagend oder vorführend, weil es nicht naturalistisch ist. So kann man den Werdegang dieser Person besser betrachten. Abgesehen davon, dass es natürlich einfach wahnsinnig witzig ist.
Warum genau dieser Text von Sibylle Berg?
Das Stück ist unfassbar böse und abgründig, witzig und dabei unendlich traurig, weil dieser Mann so verloren ist. Ich liebe dieses Stück, weil es keine Scheu hat, grob und zugleich ganz, ganz zart zu sein und weil dieser Typ einem wirklich leid tut.
Wie kam es zur Auswahl von „Viel gut essen“ als letztes Stück, das im alten Spielort in der Jahnstraße aufgeführt wird?
Das Stück war lange geplant, bevor wir wussten, dass wir einen neuen Spielort bekommen. Wir werden es auch im neuen Spielort weiterspielen.
Ein bisschen ist es eine Fortsetzung von „Und dann kam Mirna“ – ein Stück, das ebenfalls von Sibylle Berg ist und das wir vor einigen Jahren mit denselben zwei Schauspielerinnen im Praesent inszeniert haben.
Was erwartet uns mit dem Spielort-Wechsel? Ändert sich auch etwas am Programm?
Natürlich nicht, das Programm ist perfekt! (lacht) Wir bleiben klein und widerständig. Wir werden weiterhin politische Themen aufgreifen, neue Literatur aufgreifen, Stückentwicklungen machen, nur in einem etwas größerem Rahmen. Wir haben endlich mehr Platz in einer super Lage mit Foyer und Büro und Lager – auf all das freuen wir uns natürlich ganz besonders. Endlich haben wir einen Spielort, der unseren Inhalten gerecht wird. Es ist ein wunderschöner neuer Ort!
| Sarah Caliciotti
VORSTELLUNGEN
PREMIERE DO 16.05.2024. 20 UHR
WEITERE TERMINE: FR 17. / SA 18. / FR 24. / SA 25. / SO 26.05.202416. März 2024, jeweils 20 Uhr im THEATER PRAESENT, Jahnstraße 25
Mehr Infos auf www.theater-praesent.at
