ULTRA | memoria cosmica: Wenn Klang und Licht den Kosmos öffnen

Das stillgelegte Wasserkraftwerk in Innsbruck-Mühlau verwandelt sich aktuell in ein vibrierendes Klanglaboratorium. Wo einst Maschinen ratterten und die imposanten Jugendstil-Schalttafeln die Energie der Stadt steuerten, ziehen nun leuchtende Lautsprecher und seltsame Unterwasser-Klänge Besucher:innen in eine Sphäre, die zwischen Kunst und Wissenschaft oszilliert. Mit der Ausstellung ULTRA | memoria cosmica eröffneten am 5. September kulturnetzTirol und KG17 ihr diesjähriges Kunstprojekt, das im Zeichen der Physik steht und eine Brücke schlägt zwischen wissenschaftlicher Pionierarbeit in Innsbruck und der sinnlichen Erfahrbarkeit von Geisterteilchen aus dem All. Die Ausstellung ist bis 24. Oktober Freitag und Sonntag von 16 bis 19 Uhr für Besucher:innen geöffnet.

Der Turbinenraum des alten Mühlauer Waserkraftwerks in das Licht der Kunstinstallation ULTRA | memoria cosmica getaucht. | Bild: Andreas Gänsluckner

Die untergehende Sonne ist schon fast hinter den Bergen verschwunden und taucht die Umgebung in einen bläulichen Dunst, als am 5. September kulturnetzTirol und das KG17 zur Eröffnung des jährlichen Kunstprojekts laden. Beim Betreten des alten Turbinenraums verstärkt sich dieser Eindruck: Auch hier drinnen schimmert alles in Blau, hervorgerufen durch Filterfolien an den Decken. Von diesen herab hängen kugelförmige Lautsprecher, inzwischen noch still und unbeleuchtet, aufgefädelt an Schnüren wie kleine Quallen. Das Blau ist, wie wir in Kürze im Rahmen der Eröffnungsreden erfahren werden, vieldeutig: Einerseits erzeugt es – gemeinsam mit den Lautsprechern – den Eindruck jener Unterwasserwelt, aus dem die physikalischen Prozesse stammen, die mittels der Kunstinstallation erfahrbar werden. Es kann aber genauso für die Cherenkov-Strahlung stehen, die sich als blaues Licht zeigt, wenn hochenergetische Teilchen durch ein Medium wie Wasser oder Eis rasen. Blau steht aber genauso für Marietta Blau, die österreichische Physikerin, die in den 1930er-Jahren auf der Messstation auf dem Hafelekar eine bahnbrechende Entdeckung gemacht und kosmische Strahlung nachgewiesen hat. Im Zentrum steht also das für das bloße Auge Unsichtbare, das Mystische und das Historische – das in einer ebenso geschichtsträchtigen Umgebung wie in dem alten Wasserkraftwerk auf besondere Weise zum Leben erweckt wird.

Kunst als Übersetzerin des Unsichtbaren

Seit 2021 finden im Turbinenraum des alten Kraftwerks jährliche Kunstprojekte in Zusammenarbeit mit kulturnetzTirol statt. Die Kuratorin und Obfrau von kulturnetzTirol Helga Madera knüpft in ihrer Begrüßung an den besonderen Ort an: „Die Kunstprojekte im KG17 nehmen immer Themen des Raumes und der Umgebung auf. ULTRA | memoria cosmica ist eigens für diesen Turbinenraum konzipiert.“ In der Tat wirkt der denkmalgeschützte Industriebau wie ein Resonanzkörper, in dem sich historische Schichten und gegenwärtige Fragen überschneiden. Das diesjährige Thema ist nicht zufällig gewählt: 2025 wurde von den Vereinten Nationen als Jahr der Physik ausgerufen, 100 Jahre Quantenmechanik werden gefeiert. Auch Innsbruck kann auf eine langjährige Wissenschaftstradition der Physik und Quantenphysik zurückblicken. Davon zeugt das international renommierte Institut an der Universität Innsbruck, aber auch historische Monumente wie die Victor-Franz-Hess-Messstation am Hafelekar. Innsbruck ist somit seit über einem Jahrhundert ein Knotenpunkt physikalischer Forschung. Heute forschen hier mehr als 30 Arbeitsgruppen an Quantencomputern, Astro- und Teilchenphysik.

Kuratorin Helga Madera (l.) und Künstler Tim Otto Roth (r.) bei der Eröffnung von ULTRA | memoria cosmica im KG17. | Bild: Andreas Gänsluckner

Wie also dieses Jubiläum in eine Kunstinstallation aufnehmen? „Die Suche nach einer geeigneten Künstlerin oder einem Künstler war nicht einfach“, erzählt Helga Madera. „Doch dann fanden wir mit Tim Otto Roth jemanden, der seit vielen Jahren physikalische Phänomene in seine künstlerische Arbeit einbindet und sie auf eine Weise sichtbar und hörbar macht, die auch sperrige Themen begreifbar werden lässt.“ Die besondere Qualität von ULTRA | memoria cosmica liegt darin, dass es die Grenze zwischen Wissenschaft und sinnlicher Erfahrung überschreitet:

„Physik ist oft abstrakt, schwer zugänglich. Aber Kunst kann Brücken bauen. Sie ermöglicht, dass wir nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den Sinnen verstehen.“

So kann man auch das Anliegen der KG17-Projekte beschreiben: die Sichtbarmachung und Erfahrbarkeit von Kunst in Räumen, die nicht von vornherein als kulturelle Zentren gelten. Auch ULTRA | memoria cosmica ist ein Beispiel dafür, wie Kunst historische Orte neu auflädt und künstlerische, wissenschaftliche oder auch gesellschaftliche Fragen in ungewohnten Formaten verhandelbar macht. Oder wie Gerhard Kerschbaumer, Techniker und Besitzer des Kraftwerks, erklärt: „Wir stehen hier vor einem Industriedenkmal. Dieses Kraftwerk produziert keine Energie mehr, aber es birgt eine Geschichte von Energie, die mit den Kunstprojekten wieder zum Leben erweckt wird.“ In den vergangenen Jahren thematisierten die Ausstellungen hexalux, klang[kraft]werk und spielraum die Geschichte des Kraftwerks und sein historisches Erbe in unterschiedlichen Facetten mittels Licht-, Raum- und Klanginstallationen. Hierbei entstanden Verknüpfungen mit Glaskunst, Poesie, Klangkunst oder Architektur. Eine technologische oder wissenschaftliche Komponente wird also laut Madera auch stets ins Spiel gebracht. Dass im diesjährigen Projekt nun kosmische Strahlung künstlerisch erfahrbar wird, fügt dem Ort eine weitere neue Dimension hinzu.

Hommage an die Forschungsleistung von Frauen

Helga Madera betont im Gespräch auch die Bedeutung, gerade Frauen in Wissenschaft und Kunst sichtbar zu machen. Mit ULTRA | memoria cosmica sei es ihr ein Anliegen, an Marietta Blau zu erinnern, deren zentrale Beiträge zur Erforschung der kosmischen Strahlung lange Zeit übergangen wurden. Die Ausstellung sei daher nicht nur eine Hommage an die Physik, sondern auch ein Beitrag dazu, das Fundament, das Frauen für die heutige Forschung gelegt haben, ins Licht zu rücken.

„Forscherinnen wie Marietta Blau haben mit großer Beharrlichkeit geforscht und Bahnbrechendes geleistet, wurden aber oft nicht angemessen gewürdigt. Es ist wichtig, ihre Arbeit nicht nur im wissenschaftlichen, sondern auch im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern.“

Bild: Andreas Gänsluckner

Marietta Blau: Pionierin der Teilchenphysik

Marietta Blau (1894–1970) war eine österreichische Physikerin, die als Wegbereiterin der modernen Teilchen- und Astrophysik gilt. In den 1920er Jahren entwickelte sie eine bahnbrechende Methode: Sie nutzte Fotoplatten als Detektoren, die von kosmischer Strahlung durchschossen wurden und dabei sichtbare Spuren hinterließen. Die ursprünglich als „Höhenstrahlung“ bzw. „Ultrastrahlung“ bezeichnete hochenergetische Teilchenstrahlung aus dem Weltall wurde von Victor Franz Hess in den Jahren 1911/1912 bei Ballonfahrten auf über 5000 Metern Höhe entdeckt. Auf Einladung von Hess, der zu dem Zeitpunkt eine Professur in Innsbruck innehatte, kam sie im Sommer 1937 gemeinsam mit ihrer Kollegin Hertha Wambacher auf die von Hess eingerichtete Beobachtungsstation am Hafelekar auf 2.300 Meter. Elf Kernspurplatten wurden am Gipfel installiert und wurden über 4 Monate lang der Strahlung ausgesetzt. Die Platten zeigten in langen Bahnspuren angeordnete schwarze Punkte, die als „Zertrümmerunssterne“ bezeichnet wurden, da sie einen Hinweis auf nukleare Reaktionen der Teilchen boten. Die Veröffentlichung ihrer Erkenntnisse stieß auf großes Interesse, da sie die Energie der kosmischen Strahlung belegten und das Potenzial der fotografischen Methode für die Kernforschung sichtbar machten. Trotz ihrer großen Verdienste blieb ihr die wissenschaftliche Anerkennung lange verwehrt – nicht zuletzt aufgrund ihrer Vertreibung während des Nationalsozialismus. Heute gilt Blau als eine der bedeutendsten Physikerinnen des 20. Jahrhunderts, deren Entdeckungen bis zu den modernsten Neutrinodetektoren unserer Zeit nachwirken.

Künstler zwischen Kosmos und Komposition

Tim Otto Roth ist kein Unbekannter: Der deutsche Komponist und Konzeptkünstler bewegt sich seit Jahren an den Schnittstellen von Kunst, Musik und Naturwissenschaft. Seine Installationen, darunter das rotierende Lautsprecherkarussell Heaven’s Carousel oder Klanglaboratorien wie Theatre of Memory, haben international Beachtung gefunden. Das Projekt mit den Namen [aiskju:b], das im KG17 präsentiert wird, war zuvor bereits in Berlin, München, Aachen und Paris ausgestellt.

Roth ist ein Grenzgänger, der nicht nur Klänge, sondern auch Räume komponiert. „Mich interessiert das Unsichtbare“, erklärt er.

„Unsichtbares hat Kunst und Wissenschaft schon immer beschäftigt. Wir sind permanent kosmischer Strahlung ausgesetzt. Pro Stunde fließen hunderttausende Teilchen durch unseren Körper. Man sieht sie nicht, man spürt sie nicht, und doch sind sie da. Mit [aiskju:b] bzw. ULTRA | memoria cosmica wollte ich dieses Unsichtbare sinnlich erfahrbar machen.“

Die Installation übersetzt echte Messdaten aus Neutrino-Observatorien wie IceCube am Südpol in Tonhöhen und Lichtbewegungen. Diese wurden durch Roth zu 10 unterschiedlichen Kompositionen verwebt und werden in der Installation durch 70 leuchtende Lautsprecher wiedergegeben. Die Tonhöhe variiert je nach gemessener Lichtintensität. Jeder Lautsprecher erzeugt nur einen Ton, darunter nicht nur Sinustöne, sondern auch Dreieckswellen und gefiltertes Rauschen. Je nach Tonhöhe variiert die Lichtfarbe des Lautsprechers. Hierbei machte sich Roth das Regenbogenspektrum zunutze, von tiefrot bis zu blau, von ganz tief bis ganz hoch. Diese Synthese von Klang und Licht im Zusammenspiel der Lautsprecher ermöglicht einen einzigartigen Zugang zu einem mehrdimensionalen visuellen und auditiven Erlebnis oder wie Roth es beschreibt: einer natürlichen Partitur, die anhand physikalischer Prozesse neue Tonsysteme schaffen kann.

Wie kann man sich dieses Erlebnis vorstellen? Mal wie ein Flüstern, mal wie ein aufgeregtes Schwärmen, mal kurz angebunden, mal zischend, mal dröhnend, mal flatternd. Dann mutet es wieder einem dissonanten Orgelklang an. Die Lichteffekte gestalten sich kongruent, strahlen anhaltend oder flackern nur kurz auf. Das Ineinander von Klang und Licht ändert sich je nach Perspektive, je nachdem, an welchem Punkt man sich im Raum befindet.

Bild: Andreas Gänsluckner
KG17: Vom Wasserkraftwerk zum Kulturraum

Das KG17 im Innsbrucker Stadtteil Mühlau ist ein Ort, an dem Industriegeschichte und zeitgenössische Kunst aufeinandertreffen. Errichtet 1906/07 von der Lodenfabrik Weyrer, diente das Wasserkraftwerk mehr als ein Jahrhundert lang der Energieversorgung, zunächst für die Textilproduktion, später für die Stadt. 2006 wurde das Kraftwerk stillgelegt und steht heute in Privatbesitz. Unter der Leitung von Maschinentechniker Gerhard Kerschbaumer und in Zusammenarbeit mit kulturnetzTirol wird sie seit 2021 als Kultur- und Veranstaltungsort genutzt und erzählt so von Innsbrucks Pionierrolle in der Elektrifizierung Tirols. Die Turbinenhalle, geprägt von Jugendstilornamenten und einer original erhaltenen Schalttafel, zeugt vom technischen Fortschritt und ästhetischen Anspruch der Gründerzeit und bietet sich somit für Kunstprojekte an, die an der Schnittstelle zwischen Energiegeschichte und zeitgenössischer Kunst, zwischen dem Eigenleben von Material und künstlerischer Intention, zwischen Klangexperimenten und architektonischen Rauminstallationen operieren.

Überhaupt ist der Stadtteil Mühlau aufgrund seiner günstigen Lage seit jeher als Gewerbegebiet genutzt worden. Am Mühlauer Bach entstanden seit dem Mittelalter zahlreiche Hammerwerke, deren Plattner Kaiser Maximilian I. mit Rüstungen versorgten und deren Bronzegießer das Grabmal in der Innsbrucker Hofkirche schufen. 1881 verzeichnete Dorfschuldirektor Johann Purner 24 Betriebe, die in der Umgebung Wasserkraft nutzten. Der Unternehmer Leopold Rauch errichtete 1888 ein modernes Elektrizitätswerk, das bald die erste elektrisch betriebene Werkbahn Tirols ermöglichte. 1907 folgten die Weyrer-Fabrikanten mit dem Wasserkraftwerk in der Kirchgasse 17.

Zwischen Nachhall und Aufbruch

Die Ausstellung ist nicht als statische Installation gedacht, sondern als Ausgangspunkt für Gespräche und Auseinandersetzungen. Am 19. September fand im Rahmen des Projekts ein Vortrag der Astrophysikerin Anita Reimer über den Ursprung der kosmischen Strahlung statt, gefolgt von einem Panel mit Wissenschafter:innen und Künstler:innen. Am 27. September konnten Interessierte die Victor-Franz-Hess-Messstation am Hafelekar besichtigen. Am 24. Oktober schließt die Finissage den Bogen.

ULTRA | memoria cosmica kann also als Statement verstanden werden: darüber, wie wir das Unsichtbare begreifen können, wie Kunst und Wissenschaft einander befruchten, und wie Räume wie Kraftwerke oder Forschungslabore Geschichten tragen, die neu erzählt werden können. Tim Otto Roths Installation ermöglicht den Betrachter:innen einen Zugang zu einem für uns sinnlich unbegreifbaren physikalischen Phänomen und lässt uns ahnen, dass wir Teil eines kosmischen Geschehens sind, das uns unaufhörlich durchdringt. Zwischen Licht und Klang, zwischen Erinnerung und Gegenwart, zwischen lokaler Verankerung und universeller Dimension entfaltet sich eine Erfahrung, die einen neuen Resonanzraum eröffnet.

Noch bis 24. Oktober ist das KG17 für Besucher:innen geöffnet, jeweils freitags und sonntags von 16 bis 19 Uhr. Wer den Raum betritt, begegnet nicht nur einer Installation, sondern einer Einladung innezuhalten, zu lauschen, zu beobachten.

| Julia Zachenhofer

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Mehr Infos zum KG17: www.kg17.at
Mehr Infos zu kulturnetzTirol: www.kulturnetztirol.at

Die Ausstellung ist geöffnet freitags und sonntags, 16–19 Uhr, bis 24. Oktober
Am 24. Oktober findet die feierliche Finissage der Ausstellung statt.

  

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