Alt, schlaff und wunderbar: Über die Radikalität von alternden Frauen – aktuell im Theater praesent

Es gibt lustigeres als Altwerden, da sind sich wohl viele einig. Die körperlichen Gebrechen und Krankheiten nehmen zu, oft auch Einsamkeit oder Altersarmut. Die größte Angst, die die Gesellschaft in Bezug auf das Altern umtreibt, scheint aber die vor den äußerlichen Veränderungen zu sein. Falten, Hängebrüste und Hängeärsche, schlaffe Haut an Beinen und Armen, graue Haare und Altersflecken – das Desaster hat viele Gesichter und Körperteile. Obwohl die biologischen Gegebenheiten immer schon so waren, scheint sich die Einstellung dazu zu verändern. Die Bedeutung des Themas nimmt zu, was allein schon am Verkauf von Kosmetikprodukten, die dem Altern entgegenwirken sollen, sichtbar wird. Zugleich werden alte Menschen aber eher zurückgedrängt, gerade in Film und Theater verschwinden sie zunehmend – insbesondere ältere Frauen. Warum ist das so? 

Marion Rothhaar hat sich unter anderem dieser Frage im Zuge ihrer Inszenierung (Premiere: 14.2.2026) im Theater praesent gewidmet: „RADIKAL ALT“ heißt die Stückentwicklung, die Frauen dreier Generationen auf die Bühne stellt: 70, 60 und 40 Jahre alt sind die drei Figuren, verkörpert von Cornelia Heyse, Elke Hartmann und Wiltrud Stieger, und so unterschiedlich ihr Alter ist, so ähnlich sind die Sorgen, die sie mit sich herumtragen. Denn die Probleme kommen längst nicht mehr erst dann, wenn sie für alle sichtbar sind. Im Übrigen zeigt sich auch in der Kosmetkindustrie und bei Schönhets-OPs: die Kund*innen werden immer jünger. 

Foto: Alena Klinger

Es ist ein Thema, das zutiefst privat und persönlich ist, zugleich aber einen politischen Boden hat. Natürlich bietet es sich geradezu für feministisches Theater an – gerade das sei auch ein Grund, warum es zur Entscheidung für eine Stückentwicklung zu diesem Thema kam, meint Marion Rothhaar. „Zurzeit ist die Thematik jedenfalls in aller Munde. Man kann keine Frauenzeitschrift aufschlagen, ohne über die Menopause orientiert zu werden und auf den Büchertischen stapelt sich die „Mitte des Lebens Beratungs-Literatur“, zudem gibt es Podcasts ohne Ende – nach einer jahrelangen Tabuisierung schlägt es gerade in die andere Richtung aus.“  Außerdem tendiere Rothhaar generell stark zu Themen und Stücken, die Raum für eigene Erfahrungen lassen. 

Erfahrungen in Bezug darauf, welche gesellschaftliche Dimension unsere Körper bekommen, machen insbesondere viele Frauen schon seit jeher. Ihr Aussehen wird ständig kommentiert; entweder sind sie zu dick oder zu dünn, zu geschminkt oder zu blass, zu freizügig gekleidet oder sie verhüllen sich zu sehr. Aber wie sehr das Altern thematisiert und zugleich tabuisiert wird, scheint neue Dimensionen anzunehmen. Noch nie war es so wichtig, das Altern zu verstecken – und die Mittel dafür noch nie so präsent. Auch Marion Rothhaar meint dazu: 

„Das Alter(n) hat früher einfach stattgefunden und ältere Menschen galten viel mehr als Autoritäten in der Gesellschaft. Heute wird vermehrt versucht, dem Alterungsprozess so lange wie möglich aus dem Weg zu gehen. Einfach, weil man es kann, in bestimmten Bereichen, und weil es von unserer Leistungsgesellschaft scheinbar verlangt wird – in der dein Wert und dein Job an jugendlichem Auftreten hängen und körperliche und geistige Fitness das höchste Gut sind. Dazu kommt der Boom der Schönheits-OP‘s. Botox to go schon für die Jüngsten!“ 

Das betrifft Frauen oftmals noch stärker als Männer und das wiederum liegt wohl in erster Linie daran, dass die jugendliche, kraftvolle und gebärfähige Frau ein starkes Bild und ein gesellschaftlicher Wert an sich ist. „In unserem Team wurde das persönliche Gefühl zum Ende der Regelblutung durch die unterschiedlichen Generationen hinweg kontrovers diskutiert und es bedeutet tatsächlich für jede etwas anderes in einer dehnbaren Spanne zwischen Verlust und Freiheit. Ich für meine Teil, mitten in der Menopause und Mutter einer 13-jährigen Tochter, weine meinen fruchtbaren Tagen nicht hinterher.“ Ältere Frauen würden gemeinhin und gemeinerweise als unattraktiv gelten, weil unsere Wertmaßstäbe weibliche Körper eher mit Jugend und Reproduktion verbinden würden. Unfruchtbarkeit sei aber nicht die Ursache sondern eine Art Rechtfertigung für diese gesellschaftliche Abwertung, so Rothhaar weiter. Solange Attraktivität bei Frauen zuerst körperlich und bei Männern zuerst sozial definiert werde, werde Altern ungleich bewertet werden. 

Mika Bascha schrieb in „Mutprobe: Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden“: 

„Bereits im Mittelalter versuchte man das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern wissenschaftlich zu begründen. Angelehnt an die Temperamentenlehre galten Männer als heiß und trocken, Frauen als kalt und feucht. Damit war das Schicksal der alternden Frau besiegelt. Warum hören also Frauen auf zu bluten? Weil sie von innen austrocknen. Klar, dass sie dann zum welken Weib schrumpeln. Und, sobald der Blutfluss versiegt, werden ja auch keine Gifte mehr ausgeschwemmt. Ergebnis, Frauen bekommen nicht nur Runzelgesichter, sondern werden auch noch alte Giftspritzen“. 

Dass grundsätzlich alles, was mit Krankheit und Tod – oder dem Tode näher kommend – zu tun hat, als negativ bewertet wird, erscheint irgendwie ja naheliegend. Aber wie passiert es, dass etwas zutiefst Natürliches wie das Altern bei Frauen als so etwas wie ein Manko gesehen werden und nicht angenommen werden kann? Warum können wir etwas, das wirklich jeden Menschen betrifft, als hässlich oder gar abstoßend empfinden? Läuft das der Natur nicht zuwider? 

 Susan Sontag beschrieb das Phänomen schon vor rund 50 Jahren in „Über Frauen“: 

„Eine alte Frau ist per definitionem sexuell abstoßend – es sei denn eben sie sieht nicht alt aus. Der Körper einer alten Frau gilt im Gegensatz zu dem eines alten Mannes grundsätzlich als etwas, das nicht mehr gezeigt, dargeboten, enthüllt werden darf. Wenn sich Frauen schön anziehen, schminken, die Haare färben, Blitzdiäten machen und das Gesicht liften lassen, geht es ihnen also nicht nur darum, attraktiv zu sein. Vielmehr verteidigen sie sich mit diesen Maßnahmen auch gegen eine tiefe Missbilligung Frauen gegenüber, eine Missbilligung, die bis hin zum Abscheu reichen kann. Die Tatsache, dass beim Älterwerden mit zweierlei Maß gemessen wird, verwandelt das Leben der Frauen in eine unaufhaltsame Abwärtsbewegung hin zu einem Zustand, in dem sie nicht nur unattraktiv, sondern abstoßend sind.“ 

Und das wirklich Traurige ist dabei, dass es nicht nur Männer sind, die diese Missbilligung zum Ausdruck bringen. Wie so oft sind es auch die Frauen selbst, in die das patriarchale Bild einer perfekten Frau eingeschrieben wurde. „Wir Frauen müssen also zuallererst das eingeimpfte Ideal-Bild und den kritischen Blick auf uns selbst loswerden und aufhören zu denken und zu sehen, dass Altern bei uns selbst und anderen Frauen etwas Hässliches ist“, meint die Regisseurin. 

Dass das Alter als Manko oder sogar als abstoßend empfunden werde, liege nicht im Altern selbst, sondern in unserer Kultur, die Jugend als Ideal anbete und den Verfall ausklammere, wahrscheinlich aus Angst davor. „Altern hat was von Kontrollverlust, Endlichkeit und Tod. Wir schieben diese Ängste weg. Das macht Altern nicht einfach nur hässlich, sondern angstbesetzt.“ 

Foto: Alena Klinger

Eine Figur im Stück sagt: „In Würde altern ist so eine dumme Floskel, die hauptsächlich dafür verwendet wird, dass Frauen ihre schwindende Attraktivität mit Unsichtbarkeit verarbeiten sollen.“  Und auch wenn zweifellos jede Frau tun sollte, womit sie sich wohl fühlt, ohne anderen genügen zu wollen, so stellt sich doch die Frage, ob wir mit Schönheitsoperationen und sonstigen Methoden, unser Aussehen an ein vermeintliches Ideal anzupassen und unser Alter dementsprechend zu verbergen, nicht genau diese patriarchalen (und nicht zuletzt kapitalistischen) Strukturen bedienen. Rothhaar meint dazu: „‘In Würde altern’ finde ich persönlich problematisch, weil es Frauen nahelegt, zu verschwinden. Würde heißt doch hier zuerst: sich zurücknehmen, aus der Gesellschaft zurückziehen, Schnauze halten und keine Probleme machen. Aber du hast auch als ältere Frau das Recht, sichtbar zu bleiben – mit Falten oder mit Eingriffen, mit Lust und auch mit Widersprüchen. Das Problem ist ja nicht dieFrau, die was machen lässt, sondern die Gesellschaft, die Altern bei Frauen bestraft. Schönheits-OP‘s und Botox sind nicht automatisch Ausdruck von Anpassung, sondern auch Strategie: ökonomisch, beruflich, sozial. Feminismus kann Frauen nicht gleichzeitig für strukturelle Zwänge sensibilisieren und sie dann für individuelle Bewältigungsstrategien moralisch verurteilen. Auch in meiner Bubble tauchen diese Themen und auch Eingriffe auf.Für mich persönlich fällt eine Schönheits-OP nicht unter „Choice Feminism“ aber es erscheint mir reizvoll, die Frage im Stück zur Disposition zu stellen. „Würde ist Sein im Konjunktiv“ schrieb Ingrid Lausund mal. Ich würde sagen, Würde entsteht nicht durch Anpassung, sondern durch Selbstbestimmung.“ 

Zugleich hilft aber sicherlich die mediale Darstellung von diverseren und insbesondere auch älteren Frauenkörpern, um dieses verfälschte Bild zu einem echteren und gesünderen zu machen. Denn wenn alles, was wir sehen durch Eingriffe vermeintlich „perfektioniert“ wurde, wachsen auch unsere Selbstzweifel wieder, weil wir dem eben nicht entsprechen (können). 

Dem stimmt auch die Regisseurin zu:

„Je mehr ’normale‘ und ältere Menschen wir auf der Straße und in den Medien sehen, desto besser. Und im Theater erst, da gibt es immer weniger Ältere – wohingegen divers seit einiger Zeit beinahe Pflicht ist. Wir bedienen uns im Stück bei Vivienne Westwood als Role Model, die mit 50 keinen Zweifel an ihrer intellektuellen und sexuellen Kraft aufkommen lässt. Ich finde wichtig, dass ältere Frauen nicht als Ausnahme in der (medialen) Öffentlichkeit erscheinen, sondern als selbstverständlicher Teil gesellschaftlicher Realität sichtbar sind. Die verstärkte Präsenz älterer Frauen in Filmen, Serien, Werbung oder auf Bühnen verändert nach und nach auch unsere Wahrnehmung: Altern wird dann wieder als normal wahrgenommen denke und hoffe ich.“ 

Mit ein Grund dafür, dass man gerade im Theater kaum ältere Menschen auf der Bühne sieht, obwohl die Gesellschaft doch immer älter wird, dürfte sein, dass Alter automatisch als konservativ, langsam oder nicht mehr zeitgemäß gelte. Wenn das Medium Theater, das doch von Erfahrung und gelebtem Leben profitieren könnte, alte Menschen weiterhin ausklammert, verspiele es eine große Chance und widerspiegele die (alternde) Gesellschaft ungenügend. „Dass ältere Menschen im Theater unterrepräsentiert sind, liegt ja nicht daran, dass sie nichts mehr zu sagen hätten, sondern daran, dass Altern strukturell ausgeblendet wird: aufgrund ästhetischer Normen, ökonomischer Zwänge und der Angst vor Bedeutungsverlust.“ 

Genau aus diesem Grund freue sich Rothhaar besonders darauf, in ihrer Inszenierung zu zeigen, dass bereits in der Verkörperung der verschiedenen Lebensphasen durch unsere 3 Frauen im Alter von 40, 60 und 70 Jahren jedes Alter seine schönen und blöden Seiten hat. Und, dass wir beim Älterwerden von den unterschiedlichen Lebenserfahrungen profitieren können. Eine 70-Jährige könne zum Beispiel Vorbild sein für die Jüngeren und deren Probleme entschärfen, die immer noch mehr oder weniger stark um Äußerlichkeiten kreisen.

„Mein Fokus in der Inszenierung liegt zu einem großen Teil auf dem Körper, der Wahrnehmung desselben, seinen Veränderungen im Alterungsprozess und dem individuellen Umgang damit. Die ein oder andere Absurdität des Körper- und Jugendwahns wird dabei lustvoll vorgeführt. Älterwerden wird meines Erachtens einfacher, wenn man sich nicht permanent mit anderen vergleicht, sondern sich an sich selbst orientiert. Vergleichen ist sowieso etwas Schädliches, finde ich. ‚We are always the same age inside‚ schrieb Gertrude Stein und das glaube ich auch, einen Spiegel braucht es also gar nicht unbedingt!“ (grinst) 

| Sarah Caliciotti


PREMIERE SA, 14.02.2026, 20 Uhr

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DI, 17.02.2026, 20 Uhr
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DI, 10.03.2026, 20 Uhr 

*Vormittagsvorstellung: MI, 18. Februar um 10 Uhr (ANSTATT DER ABENDVORSTELLUNG!) – Für Eltern, ältere Menschen oder Menschen mit längerer Anreisezeit

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