„Da ist ein Mann, und der Mann hat eine Waffe,
und vielleicht war er immer schon hier.“

Was hat es nur mit der Angst auf sich? Ein Phänomen, das ursprünglich dazu gedacht war, uns zu schützen, uns aber oft auch daran hindert, das Richtige zu tun. Zugleich lösen wir Angst mitunter bewusst in uns selbst aus, wenn wir zum Beispiel Horrorfilme ansehen oder true crime-Podcasts anhören. Warum tun wir das? Und wie verändert uns dieser Konsum? Werden wir immer abgestumpfter? Können wir bisweilen gar nicht mehr unterscheiden zwischen realer Gewaltgefahr und ihrer Repräsentation?
„Big guns“ ist ein Stück von Nina Segal über Gewalt – über die Angst davor aber auch über die Faszination für sie – und darüber, wie unsere Medienrealität unsere Sicht darauf verändert hat. Es zeigt, wie Gewalt durch Medien in unseren Alltag gelangt und warum wir sie oft beinahe beiläufig konsumieren. Aus Angst entsteht plötzlich Sensationslust und aus ständiger Reizüberflutung eine Kultur, die Leid eher betrachtet als begreift.
Regisseur Martin Mader bringt dieses Stück (vom 10.4. bis 9.5. im Innsbrucker Theater praesent) zum ersten Mal auf eine österreichische Bühne. Die zwei Spielerinnen Lisa Hörtnagl und Marion Fuhs legen Schicht um Schicht jene Angst frei, die uns umkreist, uns bestimmt und in uns fortwirkt.
Sarah Caliciotti hat für das komplex Magazin mit dem Regisseur über seine Inszenierung gesprochen.

Sarah Caliciotti: Das Stück „big guns“ handelt von Gewalt – insbesondere digitaler – und unseren Umgang damit. Denkst du, dass Gewalt sich heute mehr und mehr in den digitalen Raum verschiebt oder ist es nur ein Aspekt, der hinzukommt – gibt es also de facto mehr Gewalt als früher?
Martin Mader: Schwer zu sagen. Die Menschheitsgeschichte ist ohne Gewalt nicht denkbar. Die Entwicklung von politischen, kulturellen, aber auch pädagogischen Spielregeln kann man als den Versuch verstehen, Gewalt in den Griff zu bekommen. Und es wäre tatsächlich falsch zu sagen, dass dabei keine erstaunlichen Entwicklungen gelungen sind. Gleichzeitig zeigen uns aber die Kriege im 20. Jahrhundert und leider auch die gegenwärtigen, dass Fortschrittlichkeit verheerend in ihr Gegenteil kippen kann. Und mit dieser Fortschrittlichkeit verändern sich, Stichwort „digitaler Raum“, auch die Formen, in denen Gewalt auftritt. Wobei mit Blick auf das Stück „Big Guns“ zwischen der Gewalt unterschieden werden muss, die im digitalen Raum von jedem ausgeübt werden kann – etwa Cyberkriminalität, Mobbing etc. – und der Gewalt als Konsumgut.
Woher glaubst du entsteht denn diese menschliche Lust darauf, digitale Gewalt zu „konsumieren“? Geht es um Katharsis?
Katharsis ist ein gutes Stichwort. Ich bin mir allerdings unsicher, ob die ungefilterte Darbietung von Gewalt im Internet tatsächlich die reinigende Kraft der Katharsis besitzt. Aristoteles setzt ein mitfühlendes Nachvollziehen voraus, und die Darbietung von Gewalt ist in einen Plot, also in einen Kontext, integriert. Das fällt in den sozialen Medien meist gänzlich aus, und auch die Unterhaltungsindustrie sowie der Boulevard setzen auf Gewalt als bloßen Showeffekt und bewirtschaften damit Affekte.
Warum das dennoch so populär ist? Wahrscheinlich, weil uns die Darstellung von Gewalt in einen Zustand der Angstlust versetzt und (verdrängte) Triebregungen in uns wachruft.
Im Text taucht immer wieder „der Mann mit der Waffe“ auf, der „vielleicht immer schon da war“ – deutet der darauf hin, dass es männliche Gewalt immer schon gegeben hat?
Ja, bestimmt. Der Mann mit der Waffe ist ein zentrales Motiv und kann wörtlich verstanden werden. Männer mit Waffen sind seit jeher die Gefahr schlechthin. Das Stück ist jedoch vielschichtig und lädt den „Mann mit der Waffe“ auch metaphorisch auf. Dabei steht er zunächst für die personifizierte Angst und Gewalt, vor der man sich zwar (zu Recht) fürchtet, die aber auch Thrill verspricht. Die Unterhaltungsindustrie ist voll von solchen Männern – sei es der Mörder im fiktiven Sonntagskrimi oder die Faszination für echte Schwerverbrecher. In einem nächsten Schritt lädt das Stück „den Mann mit der Waffe“ noch mit weiteren Assoziationen auf.
Assoziationen wie zum Beispiel die, dass der Mann auch „eine schwangere Frau, ein Tier oder ein Kind“ sein kann, wie im Text beschrieben wird? Aber ist es nicht in erster Linie männliche Gewalt, die durch das Patriarchat, in dem wir leben, zum Problem wird? Stichwort Femizide?
Diese Assoziationen kommen gegen Ende des Stücks und verweisen darauf, dass „ein Mann mit der Waffe“, also Gewalt, nicht nur bei allen Menschen zu finden sein kann, sondern ebenso gut in ein Verwertungsschema passt. Gewaltbereite Kinder oder Schwangere sind dabei sicherlich das gesellschaftlich wesentlich kleinere Problem, aber gerade deshalb „klicken“ sie im Zweifelsfall sogar noch besser – weil es ungewöhnlicher ist. Das Stück befindet sich in einem ständigen Zwiespalt zwischen tatsächlicher Gefahr und ihrer medialen Repräsentation. Von den beiden Schauspielerinnen wird diese Grenze auch konsequent verwischt.
Im Text steht immer wieder, es hätte nur mehr Zeit gebraucht, dann wäre alles besser gewesen. Was ist damit gemeint? Inwiefern könnte uns Zeit helfen?
Auch das ist eine Formel, die mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen wird, ohne sich vollends auf eine festzulegen. Die Figuren stellen sich damit implizit die Frage, warum sie so vernarrt sind in die Geschichten von Menschen, die sie gar nicht persönlich kennen, sondern nur mittels eines Tagebuchs oder im Netz verfolgen. Sie deuten damit an, zwar keinen Ausweg zu kennen, aber womöglich eine bessere oder angemessenere Darstellung für diese Geschichten zu finden, den Geschichten also einen Grund abtrotzen zu können, der es rechtfertigt, dieses oder jenes Schicksal zu verfolgen. Wenn sie nur mehr Zeit gehabt hätten, hätten sie ihr schlechtes Gewissen vielleicht aufgelöst. Letztlich bleibt es jedoch eine Floskel, die gerne als Ausrede verwendet wird. Die Spannung zwischen Interesse und Voyeurismus lässt sich nicht ganz auflösen.
An einer anderen Stelle im Text wird gesagt: „Vielleicht brauchen wir Frauen, die ermordet werden, damit wir ihre hübschen Fotos in der Zeitung sehen können. Vielleicht brauchen wir Kinder, die verschwinden und für vermisst erklärt werden, damit wir nicht vergessen, unsere eigenen fest zu umarmen, wenn wir sie ins Bettchen stecken.“ – Ist das so? Brauchen wir Gewalt, um dankbar zu sein für ihre Abwesenheit?
Auch das ist eine unauflösbare Spannung, die meist gar nicht bewusst wahrgenommen wird. Wir benötigen die Gewalt nicht als solche, sondern ihre Repräsentation; die Vorstellung davon zieht uns an. Einerseits, weil wir uns über Vorkommnisse informieren wollen, andererseits, weil sie Aufregung verspricht. Berichte über Morde und Katastrophen erinnern uns instinktiv daran, dass die Gefahr real existiert. Zugleich sitzen wir mit unseren Smartphones in den eigenen vier Wänden (oder eben im Theater) und wissen, dass sie uns nicht unmittelbar droht. In diesem Setting haben furchtbare Geschichten eine anziehende und anregende Wirkung.
Wo wir also wieder bei der Katharsis wären.
Genau!
Verrätst du uns noch etwas über das Bühnenbild? Inwiefern wird es sich auf den Inhalt des Stückes beziehen?
Das Bühnenbild zeigt eine etwas abgerockte WG-Wohnküche – ein Zuhause, die eigenen vier Wände. Jener Ort, an dem wir die meiste Zeit damit verbringen, Medien aller Art zu konsumieren. Hier erzählen und konsumieren die beiden Schauspielerinnen folglich mit und für uns die Geschichten von Em, Ike und Kay sowie Laila. Abgerockt auch deshalb, weil wir uns sowohl im ehemaligen Weekender/Utopia als auch in einer Student:innenstadt befinden. Es soll also nicht der Eindruck entstehen, dass es „uns“ nicht betrifft, sondern im Gegenteil – die beiden Darstellerinnen repräsentieren zwei intelligente Figuren, Vertreter:innen des urbanen Raums. Zugleich ist die Bühne aber auch als Artefakt erkennbar und will nicht die Illusion einer „echten“ Wohnküche erzeugen. Wir befinden uns schließlich in einem Theater, und es sitzt Publikum vor uns.
Worauf legst du besonderen Wert bei deiner Inszenierung? Was ist dir wichtig, zu zeigen?
Uns ist es wichtig, nicht den moralischen Zeigefinger zu erheben, sondern uns als Teil einer (Medien-)Realität begreifbar zu machen. Diese Realität versteht es durchaus, zu unterhalten und spannend zu sein – das wollen wir auch. Dass dies jedoch eine Kehrseite hat, soll ebenfalls deutlich werden. Dieser Spagat ist interessant und steht im Vordergrund.
| Sarah Caliciotti
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VORSTELLUNGSTERMINE im Theater praesent:
MI 15.04.2026. 20 Uhr
FR 17.04.2026, 20 Uhr
DI 21.04.2026, 20 Uhr
FR 24.04.2026, 20 Uhr
DI 28.04.2026, 20 Uhr
MI 29.04.2026*, 20 Uhr *vorher: LESUNG
DO 30.04.2026, 20 Uhr
DI 05.05.2026, 10 Uhr
DO 07.05.2026, 20 UHR
SA 09.05.2026, 20 UHR
