Das Underbrigde Festival, das nichts Geringeres als eine Liebeserklärung an urban art und an junge Kunstformen im Allgemeinen ist, findet seit 2018 regelmäßig in Innsbruck statt und trägt heuer den Namen „vibrate dimensions“. Dieser verweist einerseits darauf, dass die Szene stets in Bewegung und aktiv ist und nie stehen bleibt, wie auch die Kunstwerke stets bewegt bleiben, und stellt andererseits ein Plädoyer für die Dreidimensionalität und Objekthaftigkeit dar. Die Künstler:innen Melanie Gandyra und HNRX, die das Festival seit 2021 gemeinsam organisieren, möchten den Fokus heuer nämlich auf Skulpturen legen, anstatt auf Bilder. Die „Fläche soll verlassen“ und stattdessen eine „betretbare Wunderkammer“ gebaut werden. Wir sind neugierig geworden und haben bei HNRX nachgebohrt.

Komplex: Das Underbrigde Festival findet heuer zum 5. Mal statt. Wie ist es entstanden?
HNRX: Das erste Mal organisiert haben wir das Festival 2018, in Innsbruck beim Westbahnhof unter der Autobahn. Da hatten wir fünf Künstler:innen und fünf zu bemalende Säulen im Programm und dazu noch eine Gruppenausstellung. Seit 2021 gibt es ein neues Team, das unter anderem aus meinem Freund Julian Hackl und aus Melanie Gantyra besteht. Melanie ist Graphikerin und hat sehr ähnliche visuelle Vorstellungen von Ästhetik, wie ich sie habe und so haben wir 2021 einen Neustart hingelegt. Es ist ein Verein, der aus mehreren Menschen besteht – Melanie und ich sind aber aktuell diejenigen, die das Geschehen voranbringen, die künstlerische Leitung übernehmen und auch entscheiden, wer beteiligt ist.
Die Idee zum Festivals hatte ich, weil ich 2017/2018 viel im Ausland gemalt habe, auf Festivals war und gemerkt habe, dass in Österreich dahingehend eigentlich sehr wenig passiert. Es war mir wichtig, dass es auch in Innsbruck ein Festival dieser Art gibt. Mittlerweile hat die Stadt Innsbruck aber auch Eigeninitiative gezeigt und schreibt das Street Art-Stipendium alle zwei Jahre aus – dieses Konzept der urban art fruchtet also.
Worin liegt der Erfolg des Konzepts deiner Meinung nach?
Ich denke er liegt darin, dass wir sehr spontan und situativ arbeiten können. Die Leistung des Festival hängt natürlich immer von den Subventionen ab. Wir haben keine Privatförderung, sondern nur Kultursubventionen. Wir sind alle Freelancer und opfern unsere Zeit dann, wenn sie gebraucht wird. Anders würde es auch nicht funktionieren, weil wenn wir alle einen full-time Job hätten, wären wir nie flexibel genug, das zu organisieren.
Wie werden die Künstler:innen ausgewählt?
Also in den letzten Jahren ist jeweils eine Fassade bemalt worden – wir wollen, dass die Beteiligten finanziell entschädigt werden, deswegen machen wir jetzt nur noch eine Fassade und eine Ausstellung. Meistens sind es 2 live malende Künstler:innen, die Melanie und ich auswählen. Zusätzlich gibt es jedes Jahr ein neues Konzept für die Ausstellung, an der mehrere Künstler:innen teilnehmen.
Wie schwierig ist es in Innsbruck, das Publikum zu erreichen?
Innsbruck ist schon recht offen finde ich. Es hängt natürlich immer auch von den Künstler:innen der jeweiligen Stadt ab – in Innsbruck gibt es Menschen, die nachhaltige (im Sinne von langfristige) murals erstellen, dadurch haben die Menschen auch das Gefühl, dass Street Art eine Stadt bereichert und nicht zerstört. Deswegen wird es auch von der Stadt gefördert denke ich – weil junge Menschen ja auch hierbleiben sollen und Street Art ist zumindest eine jüngere Kunstform als die klassischen traditionellen Formen.
Das Interesse ist aber grundsätzlich schwer zu messen bei dieser Kunst. Bei urban art geht es ja darum, das ein Bild entsteht, das für viele Jahre bestehen bleibt – das ist das Endresultat und nicht unbedingt eine Ausstellung auf Zeit, bei der etwa Besucher:innenzahlen gemessen werden könnten.
Apropos Ausstellung. Das zentrale Motiv der diesjährigen Ausstellung soll die „Erforschung der Objekthaftigkeit“ sein. Was ist damit gemeint?
Die meisten von uns sind ja Maler:innen, deshalb fanden wir es spannend, diesmal ein neues Medium auszuprobieren. Außerdem wollten wir auch die Galerie mal anders bespielen. Diesmal wird der Platz in der Mitte mehr genutzt, da wir Skulpturen und 3D-Objekte zeigen werden. Die Wände werden wohl eher frei bleiben.
Der zweite Fokus während des Festivals liegt auf dem live painting. Ist es für dich persönlich auch inspirierend, andere Künstler:innen beim Malen zu beobachten?
Ich glaube der Reiz ist für mich eher ein geringerer, weil ich mittlerweile weiß, wie die Bilder entstanden sind, wenn ich sie mir ansehe. Ich denke für Menschen, die sich nicht tagtäglich damit beschäftigen,ist es aber schon sehr interessant zu sehen, wie so etwas entsteht.
Man arbeitet ja im öffentlichen Raum und das ist eigentlich sehr intim. Es gibt viele Menschen, die – nicht immer nur positive – Meinungen haben zu dem, was man malt und diese auch schnell kundtun. Das beeinflusst dich natürlich automatisch beim Malen. Es ist kein neutraler Raum, in dem man etwas schaffen kann.
Deine Anfänge des Malens spielten sich ja eher nachts bzw., wenn man so will, „illegal“ ab, bevor du begonnen hast, Aufträge anzunehmen. Inwiefern hat sich deine Situation geändert? Und gibt es viel Kritik von den Menschen, die diese Kunstform als etwas sehen, die nicht kapitalistisch verwertet werden sollte, sondern als Subkultur weiterbestehen muss? Wie stehst du der Kritik des „Verrats“ gegenüber?
Ich bin früher schon mit einer anderen Motivation rausgegangen. Früher hat mir dieses Abenteuer, in der Nacht aktiv zu sein, sehr gut gefallen. Das hat sich gewandelt; mittlerweile will ich meine Kunst der breiten Masse zugänglich machen. Viele Subkulturen arbeiten nur für die Subkultur selbst, das finde ich eigentlich schade. Ich finde es spannend, mehrere Menschen damit zu erreichen, für mich ist es einfach Gestaltung. Meine Motivation wird sich auch immer wieder ändern. Ich mache auch Studioarbeiten, viele Ausstellungen – ich hab Interesse daran, unterschiedliche Medien zu bedienen, und nicht bei einem Medium hängen zu bleiben.
Jede Kultur, die sich nicht weiterentwickelt, stirbt meiner Meinung nach sowieso. Es gibt viele Menschen, die sagen, dass was wir machen ist kommerziell, da hast du vielleicht recht. Aber es gibt sehr viele Ursprünge von urban art; es gibt politisches Graffiti aus der Punkszene aus den 60/70ern, dann die Hiphop Bewegung aus New York und so weiter. Junge Menschen sollen auch die Möglichkeit haben, etwas sagen zu können, ohne viel haben zu müssen. Außerdem braucht es Veränderung, um am Leben zu bleiben, insbesondere bei Kulturbewegungen.
Sollte urban art deiner Ansicht nach politisch sein?
Nein! Du kannst auch nur deinen Namen sprayen und der Welt so etwas hinterlassen. Jede Art von Kunst hat ihre Daseinsberechtigung.
Wo liegt denn der gesellschaftlich Mehrwert bei einem gesprayten Namen? Ist das nicht nur noch Selbstinszenierung?
Wir als Gesellschaft haben das Bedürfnis, uns selbst zu realisieren und auszudrücken und zu inszenieren. Ich glaube dieser gesunde Anteil an Egoismus ist notwendig, um sich ausleben zu können. Auch ein kleiner Mensch in der Welt ohne finanzielle Mittel kann etwas hinterlassen – so kann es ja durchaus auch als Kapitalismuskritik gesehen werden.

Was kann dem heurigen Festival noch hinzugefügt werden, das bisher noch nicht da war?
Junge Bewegungen brauchen eine Bühne. Allein schon deswegen finde ich es notwendig, für diese Kunstform regelmäßig eine Plattform zu schaffen. Jetzt gibt es mehr Kapazitäten diesbezüglich, deswegen denke ich, das Festival sollte unbedingt weiter bestehen. Man darf auch nicht vergessen, dass die Wände nicht für immer sind – Häuser werden abgerissen oder erneuert; viel länger als 5 bis 10 Jahre leben die meisten Wandbilder nicht, also bracht es auch immer neue Bilder. Viele meiner Bilder von früher sind zum Beispiel schon weg – diese Kunstform ist vergänglich.
Macht es dich traurig, wenn deine Arbeiten verschwinden?
Ich fotografiere meine Arbeiten, das ist mir wichtig. Dass manche murals verschwinden, finde ich aber sehr okay; einerseits weil ich nicht mit allen zufrieden bin und andererseits weil alles im Leben sich verändert und irgendwann verschwindet.
Was erfüllt dich am meisten beim Malen?
Wenn ich bei guten Wetterverhältnissen mit Freund:innen zusammen draußen sein kann und malen, ist das schon sehr schön für mich. Aber man darf es auch nicht romantisieren. Es kann auch einfach Zwang, Routine oder Beruf sein. Ich hab mir viele Routinen geschaffen, weil ich davon lebe. Außerdem ist es wie Selbsttherapie. Es nicht jedes Mal lustig und schön. Es ist Teil meines Daseins.
| Sarah Caliciotti
Vernissage: 29.9. ab 19 Uhr
Ausstellung: 30.9. bis 2.10. 2023, 14 – 18 Uhr, openspace (Mentlgasse 12b, Innsbruck)
Muralpainting: 25.9. bis 29.9.2023 (Phil.Welser.Str. 1, Innsbruck)
