Am 1. Februar 2024 eröffnete die gebürtige Ötztaler Künstlerin Lilee Imperator ihre Soloausstellung „BLANC“ in der Bäckerei Kulturbackstube Innsbruck. In ihren Werken – die nicht nur auf Wänden, sondern auch auf Papier oder selbstdesignten Kleidungsstücken entstehen, – behandelt sie das Thema, sich selbst mehr Raum zu geben. Im Interview mit komplex erzählt die 32-Jährige mehr über ihren persönlichen Werdegang, den Hintergrund ihrer Motive sowie ihr Leben als Street Artist in ihrer derzeitigen Wahlheimat Bordeaux.

Deine aktuelle Ausstellung führt den Titel „BLANC“ – worum geht es in diesem Werkkomplex?
„BLANC“ ist französisch und steht für „weiß“. Der Titel bezieht sich auf „Weißraum“ und „Leerraum“, was man aus dem Grafikdesign kennt. Da geht es bei der Gestaltung darum, einen Platz frei zu lassen, damit das Auge rasten kann. Ich übertrage diese Idee auf die innere Welt, denn wie sich die innere Welt gestaltet, so nimmt man auch das Außen wahr bzw. so wird man von außen wahrgenommen. Wir nehmen hier zum Beispiel einen fixen physischen Platz ein, aber der psychische Raum, den wir einnehmen, kann entweder winzig klein sein oder so groß, dass wir am Ende des Raumes immer noch gespürt werden. Wenn man mit sich selbst im Reinen ist und sich traut, in seiner Persönlichkeit zu sein, strahlt man das auch aus. Es ist in diesem Sinne ein Raum, den man sich selber erschafft, den man nicht sieht, aber fühlt – und das versuche ich, in diesen Werken auszudrücken.
Sind psychologische Themen grundsätzlich ein Schwerpunkt deiner Arbeiten?
Ja, meine Arbeiten gehen eigentlich immer in diese Richtung. In meiner ersten Ausstellung „Kopfweh“ behandelte ich den Prozess meiner persönlichen Entwicklung. Früher war ich eine sehr unsichere Person. Ich habe sehr viel über mich selber, und wie ich auf andere wirke, gekopft, was sich auch psychosomatisch auswirkte. Das war ein richtiges Drama für mich, das ich dann künstlerisch in meinen Bildern verarbeitete. Meine zweite Ausstellung hieß „Kaktus“. Ich finde die Pflanze sehr cool, weil sie innen so weich ist und außen ihre Nadeln hat, ihren eigenen Schutzmechanismus sozusagen. Bei der dritten Ausstellung „confiance“ ging es um das Thema Selbstvertrauen und die vierte Ausstellung „BLANC“ schließt diesen Kreis gewissermaßen – also wenn man dieses Selbstvertrauen, diesen Schutz, diese Stabilität für sich selber erkannt hat – kann man schlussendlich ausbrechen und sich so zeigen, wie man ist.

Vor drei Jahren bist du aus Tirol nach Frankreich gezogen. Wie nimmst du die Streetart-Szene in deiner neuen Heimat Bordeaux im Vergleich zu Tirol wahr?
Die sind voll die Streetart Fans in Bordeaux. Da merke ich total den Unterschied zu Tirol. Wenn ich in Frankreich etwas auf der Straße male, dann bleiben Leute stehen, machen Fotos und fragen mich, ob ich bei ihnen auch was malen kann. Wohingegen in Innsbruck – da gibt es bestimmte freie Wände bei der HTL Bau und Kunst und bei der Olympiahalle, auf denen offiziell gemalt werden darf – und sogar da ist es mir passiert, dass Passant:innen die Polizei riefen und meinten, dass da im öffentlichen Raum vandaliert werde.
Wie sieht das in Bordeaux aus – gibt es da auch klare Regelungen für Street Artists?
Das scheint dort irgendwie gar nicht geregelt und undurchsichtig, also alles Grauzone. Banken oder größere Konzerne verbauen teilweise sogar ihre Fenster temporär mit OSB-Platten, damit die Gebäude nicht beschädigt werden, wenn Demos stattfinden oder eben darauf gemalt wird. Soweit ich weiß, gibt es dort keine offiziellen Flächen, auf denen gemalt werden darf – ich als Österreicherin in Frankreich hätte schon gerne eine Wand, wo ich mir sicher sein kann, dass es legal ist, darauf zu malen und mir nichts passieren kann. So ist es halt immer ein bisschen sketchy, man muss sich das einfach trauen.

Kannst du von deiner Streetart leben?
Ja, und das immer besser. Es ist halt auch einfach ein Business, an dem man dranbleiben muss. Vor allem aber ist es wichtig, den Wert der eigenen Arbeit zu erkennen.
Das „Grauzone“-Malen auf Wänden oder in verlassenen Gebäuden bringt nicht direkt Geld ein, das ist eher für das eigene Instagram, zum Videos und Fotos machen, damit man ein Portfolio hat oder auch einfach zum Üben neuer Techniken. Bezahlte Aufträge gibt es dann aber auch, die werden offiziell organisiert und angemeldet.
Welcher Auftrag hat dich bis jetzt am meisten begeistert?
Letztes Jahr hatte ich einen Traumauftrag in Frankreich, da durfte ich bis dato meine größte Wand, eine 30 Meter lange und 3 Meter hohe Fläche, bemalen. Das Projekt wurde von mehreren lokalen Vereinen organisiert und war sehr umfangreich. Von Anfang bis Ende gab es viel Zusatzprogramm wie Streetart-Workshops für Teenager. Diese waren komplett in die Gestaltung miteingebunden. Vorab befragten sie die lokalen Einwohner:innen, was sie gerne in ihrer Umgebung hätten, um sich besser zu fühlen – dieses Interview haben sie mir weitergereicht und ich habe dann die Wand anhand dieser Angaben entworfen. Am Ende war ich selber stolz auf das Ergebnis und das Schönste für mich war, dass die Bewohner:innen genau so reagiert haben, wie ich es mir erhofft habe: Laut den Interviews fühlten sie sich unwohl, weil es in diesem Viertel so stressig war, viele Autos, keine Natur… deshalb habe ich ein Motiv mit beruhigenden Farben entworfen, das entspannen soll. Und als die Leute es sahen, war das Erste, das sie sagten: „Wow, ist das fein zum Anschauen, so beruhigend“.
Es fand auch eine Einweihungsfeier zur Eröffnung der Wand statt und es wurde ein Podcast ausgestrahlt, in diesem ich über meine Arbeit und meine Rolle als Frau in der Streetart-Szene spreche, die ja doch auch sehr männerdominiert ist.

Wie empfindest du allgemein die Streetart-Szene – auch als Frau –, weil du das eben angesprochen hast?
Ich versuche mich schon seit drei Jahren in Frankreich zu vernetzen – das geht noch ein bisschen langsam. In Tirol bin ich ultravernetzt, weil ich dort aufgewachsen bin und die Leute von früher kenne. Ich finde, dass mich das Thema – Frau sein in einer männerdominierten Streetart-Szene – gar nicht so beschäftigt. Ich habe hier in Tirol viele männliche Kollegen, bei denen ich das nicht so spüre, weil es schon so ist, dass wir alle gleich gestellt sind. Wobei mir aber andere Frauen erzählt haben, wie etwa meine Streetart-Kolleginnen in Italien oder Frankreich, dass dort die Männer etwas distanzierter sind und einen nicht so einfach rein lassen in die Szene.
Aber trotzdem gibt es in Tirol klar mehr Männer in der Streetart-Szene als Frauen?
Das fühle ich schon ja, dass es mehr Männer gibt, aber eigentlich kann man in Tirol eh schon fast alle Streetart Künstler:innen auf einer Hand abzählen (lacht). Zurzeit sind wir da fast so als Gang unterwegs – zusammen mit dem Crazy Mister Sketch, dem another drop, dem Mint One und der Illunis aus Salzburg. Wir hatten erst kürzlich eine Gruppenausstellung (URBAN ALPS) auf der Kristallhütte im Zillertal und gehen auch gerne zusammen malen. So eine Community fehlt mir noch in Frankreich.
Wie ist das für dich, wenn eines deiner Bilder im öffentlichen Raum von anderen übermalt wird?
Auf freien Wänden finde ich das gar nicht schlimm, damit muss man rechnen. Diese Wände sind schließlich für alle da. Ich mache immer ein Foto von meinen Bildern fürs Portfolio und dann kann gerne wer drüber malen. Auf eigens für mich organisierten Wänden sieht das aber ganz anders aus. Das ist mir letztes Jahr in München passiert. Da durfte ich im Rahmen des Projekts Isart, organisiert vom Verein Die Faerberei, eine Wand bemalen. Diese Wand trägt jedes Jahr eine:n andere:n Künstler:in. Bis Sommer 2024 ist diese Wand also für mich bestimmt. Ich habe dort mein Bild gemalt und nicht einmal fünf Tage danach meinen Fotografen hingeschickt, nur um dann festzustellen, dass der Typ, dessen Bild ich übermalen durfte, da Beleidigungen drüber geschmiert hat. Das fand ich einfach nur absolut unprofessionell und zum Schämen.

Du hast in Salzburg 3D-Animation studiert – hat das Studium deinen künstlerischen Stil und deine Technik sehr geprägt?
Ja schon. Es kommt auch oft vor, dass Leute, wenn sie meine Bilder sehen, kommentieren, dass es alles ein bisschen an Game-Art erinnert. Das habe ich eben im Studium gelernt – Computerspiele und das Design dafür zu kreieren. Das Studium hat mir voll viel gebracht, weil ich gelernt habe, wie man ein Bild aufbaut, sodass es ansprechend ist und man es mit dem Auge gut lesen kann, und auch, wie man eine mündliche Geschichte in ein Bild transformiert, was man insbesondere für Storyboards in Animationsfilmen oft braucht. Das schlägt sich in meiner Arbeit schon sehr durch.
Machst du deine Entwürfe analog oder verwendest du auch Computerprogramme zum Zeichnen und Bearbeiten?
Beides eigentlich. Mit Computer arbeite ich gerne, wenn ich ein Wandprojekt habe, weil ich mir da die digitale Farbpalette von der Dosenmarke, mit der ich Sprühe, hole und dann das Bild mit diesen Farben digital ausmalen kann – so habe ich das Bild genau in dem Farbplan wie es dann auf der Wand aussieht. Aber Ideen starte ich am liebsten mit Kugelschreiber in meinem Sketchbook.

Wie stehst du zur Verwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) in der Kunst?
Ich find’s ganz interessant, KI als Ideenanstoß zu verwenden. Aber man merkt schon, dass sie sehr generisch ist. Ich habe mal ein eigenes Bild von mir reingehauen und gesagt, sie soll jetzt was Neues daraus formen. Das war mein Bild von der Tirolerin, also einer schwarzen Frau mit Dirndl und da sieht man dann schon, dass es zum Beispiel nur wenige Dirndl in der Datenbank gibt und, dass andere spezifische Sachen fehlen. Eine KI würde nie von selbst darauf kommen, eine schwarze Frau im Dirndl zu konfigurieren. Ich bin der Meinung, dass Bilder der KI nie ohne einem Mensch Kunst sein können, weil da der emotionale Wert fehlt, aber als Denkanstoß für Künstler:innen find ich’s ganz ein cooles Tool. Übrigens konnte ich auch ich mithilfe von KI die Schmiererei auf meinem Bild in München retuschieren.
Dein Werk „Die Tirolerin“ ist ja sehr verbunden mit deiner kulturellen Heimat, dem Ötztal. Fließt dieser Aspekt deiner Herkunft öfter in deine Arbeiten ein?
Ich habe ein paar themenbezogene Bilder dazu und habe auch für die Ausstellung im Zillertal ein Bild gemalt, das widerspiegelt, wie es mir geht, wenn ich nach langer Zeit wieder nach Tirol komme. Das Motiv zeigt eine Person, die sich die Augen zuhält und damit ausdrückt: „Ich pack’s gar nicht, wie schön das hier ist“. Ich bin schon sehr stark verwurzelt mit Tirol.

Wie bist du eigentlich zu deinem Künstlerinnen-Namen „Lilee Imperator“ gekommen?
Es ist ein mächtiger, maskuliner Name für eine Person, die gewonnen hat. Ich finde den Namen sehr passend, weil in diesem stereotypen Denken mein Charakter eigentlich konträr zu dem ist, was man sich unter Imperator vorstellt, aber ich trotzdem Macht habe. Meine Message ist, dass man nicht brutal, egoistisch und unliebend sein muss, um mächtig zu sein, sondern das Gegenteil: viel Liebe zeigen und strahlen – denn es ist das Mächtigste, das man tun kann.
Die Ausstellung „BLANC“ kann noch bis 24.2. bei freiem Eintritt zu den Öffnungszeiten der Bäckerei Kulturbackstube besucht werden.
| Brigitte Egger
Kurzbio
Lilee Imperator
aufgewachsen in Sautens im Ötztal, lebt inzwischen in Bordeaux, Frankreich. Seit 2018 ist sie als Selbstständige tätig und malt großflächige Wände. Ihre Fresken sind in Frankreich, Deutschland und Österreich zu sehen. Und auch in privaten sowie kommerziellen Inneneinrichtungen lassen sich ihre Werke wiederfinden.

Sie malen (malen? 😉 ) wunderbare Bilder! Große Kunst! Ich wünsche Ihnen noch viele interessante Aufträge! MUe
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