Vom Schweigen, verzerrten Tönen und Berührungen erzählen Giulia Ravarotto und Meryem Freitas do Nascimento in der komPOST Ausgabe #37.
From Silence
Giulia Ravarotto, 2024


Eisen schmecken
Meryem Freitas do Nascimento, 2024
Ich sah die Geigen schweigen, einen unerklärlich stillen Nachmittag lang sah ich dem Ganzen zu und wartete, darauf, dass ihnen doch der Ton entspringt. Ich sah sie ruhen, an dem Tag als das Orchester ohne die Instrumente mitzunehmen nach Hause ging. Sie schritten, eilig und schulterbepackt mit lauter anderen Dingen, heimlich zurück zu ihren Ruinen, den Raufasertapeten entgegen, mit wässrigen Blicken vorbei an Bratensauce und gestapelten Briefen. Über Schuhe und Teppiche steigend, immer mit halbem Blick auf das Schreckgespenst gerichtet, nach Auswegen suchend, zurück an den Tisch ihrer Routinen. Ich hätte eher da sein müssen, um den Moment ab und einzufangen, in den sich die Stille legte. Festnehmen hätte ich sollen, verhaften für ihre Unfähigkeit, einander das Wasser zu reichen, die Hände zu wärmen, das Licht anzulassen. Sie plagen die Saiten, fuchteln und zupfen, rupfen, ziehen und zerren an unserer ruhelos rotierenden Welt. Ich kann es nicht, dafür bin ich zu langsam. Langsam wie ein Marienkäfer, nicht scheppernd, nur langsam, so wie alles eigentlich, so wie alles vor dem ersten Set, lange bevor wir bemerken, dass sich ein Sturm zusammenbraut, lange vor den ersten Tropfen. Eine*r muss immer den Anfang wagen, die anderen ziehen dann zögernd nach, reihum, als fiele allen erst zum Schluss ein, dass sie frei waren zu gehen und nur geblieben sind, weil sie nicht wussten wohin. Dieses Zuerst, und dann geradezu, dafür bewundern sie die Ersten. Die ersten Mythen, die ersten Male, die erste Schreigeräusche eines Kinds, das erste Mal rennen und Eisen schmecken. Der längste Ton verzog sich mit ihnen, nur ich schien hier vergessen worden zu sein, eingeschlossen in die Enge fremder Hallen, in denen Nacht um Nacht vergeht, kein Ozean nach mir fragen kann, kein Licht die Bunker aus Beton zerbricht. Und doch ist es nicht finster, dort in meiner Erinnerung: Ich liege querbeet auf der Bühne und halte mich am Boden fest, nicht andersherum, nicht wirklich wie die Welt es vorschreibt mit ihren Regeln, selbst das Physische begrenzen sie! Ich bleibe genau dort liegen, ein großer Fussel Mensch, in mich hineingeknäult, ein riesengroßes schönes Etwas voller Fragezeichen und Ausrufepunkten. Hat meine Mutter damals an mich gedacht, als sie über den Markt am Prater lief, hat sie mich da in ihren Kopf gelassen? War es ihre Hand, die den Vorhang bewegt, die Tür angelehnt, das Fenster geöffnet hatte, durch die kaum andere jemals blicken durften? Was, wenn sie es tat, weil sie so ist wie ich und auf etwas mehr Liebe zu wagen hoffte? Dann sind wir irgendwo in unserem Menschsein miteinander verwandt, wie irre Fliegen, die um Marmelade buhlen und nie genug davon bekommen, so sehr sind wir uns gemeinsam. Und dann auch nicht, denn sie läuft über das Kopfsteinpflaster, als würde es ihr gehören, als würde die ganze große Weite der Welt ihr gehören. Ich sehe sie, einen Gürtel mit Strasssteinen hüfthoch gebunden wie das Tuch in ihren Haaren, dort eine goldene Verzierung, hier noch der Beutel aus dem der Koriander schaut. Mit erhobenem Haupt blickt sie über die Köpfe der anderen hinweg, ich hingegen liege hier und erschleiche mir meinen Weg durch die Buchstaben, ungewiss und zitternd, direkt in sie hinein. Meine Hand blutet vom Versuch, Harfen zu zähmen. Der rote Saum legt sich auf mich und meine Absturzstelle. Ich sterbe Tropfentode, das mache ich gut. I pour my soul out, raus in dieses Riesenmeer. Die wummernden Geräusche meines Herzens. Schlag um Schlag, von Anfang an.
Every touch is an information
Giulia Ravarotto, 2024

A spy in the house of love
Meryem Freitas do Nascimento, 2024
The squishy sound a sponge held by your hands absorbs in the foamy water, guided, touched by your skin, balmed into cleanliness. The way your drawers look has me thinking, what else does look messy and tangled inside of you? Like my hair after not being keen on brushing it for days. Or are they maybe sometimes organized, unlike every other aspect of a life lived in the depths and despairs? When the golden rays of the morning sun proceeds to hit the ceiling – do you push these curtains back or do you close them rapidly, depending on whether the light blinds or softens your distress? I’d like to know the smell of your favorite soap, even though this sounds creepy as hell, maybe it’s just me wanting to know the bits and pieces of your day. I want to leave my soap at your place and come back to an empty jar of it, wondering why I am running out of stuff. I’d like to kiss your neck and find out where it went. I think of you while doing dishes and I ask myself if you sip tea immediately, impatiently, like bruising your tongue, dipping into its heat without a single care.
I’d like to see you running errands, running around looking all mind made up, like a fairytale. I dream about you with rough hair, dirty socks and a not so white tee. I ask myself, how many flies my mouth caught while I was standing there, watching you in amazement. You got me thinking that at the end of the day I just need to open the door and leave the world besides these dreamy hallways, unpacking groceries with you, talking about what rips us open. Healing it with homemade lasagna. I know we are both the type of lovers to never apply pressure nor to spread guilt, the type of lovers that look at each other with a sense of paradise.
Alexa, play ‘Paradis’ by Sade
BIOS
Meryem Freitas do Nascimento
Mina (Menina) wird am 14. 11. 1999 in Stadthagen geboren und wächst die ersten Lebensjahre in Recife, im Nordosten Brasiliens auf, bis sie nach Deutschland zurückkehrt und in ein neues Leben hineinwächst. Hier findet sie im Schreiben eine Heimat, die ihr als Zuflucht dient. Ihr „literarisches Ich“ wohnt in den Sprachen ihrer Kindheit und erobert Freiräume in der Weite und Enge der Welt. Neben einigen Essays veröffentlicht sie zwei Bücher, „Wachstumsschmerzen“ (2024) und „Die Meuterei“ (2023).
Giulia Ravarotto
I work as dancer and artist especially through improvisation. I studied contemporary dance, instant composition and Contact improvisation while I was also drawing and making poetry. Instant composition is a very precious place where I allow myself to use those different languages, and where I train myself to focus on what is present rather than what is missing.
