Eine Gruppenübung in Radical Empathy. Nachbericht zum POSITIVE FUTURES FESTIVAL 2024

Das Positive Futures Festival brachte im Oktober zum zweiten Mal eine Menge Outernational Music nach Innsbruck. Über den ganzen Monat verteilt konnte man an einer Vielzahl verschiedener Locations in der Stadt Konzerten beiwohnen, in deren Genuss man hier sonst eher selten kommt. komplex war wieder dabei und teilt im Nachbericht ein paar Momentaufnahmen.

WaqWaq Kingdom | Bild: Daniel Jarosch

Über eines der PFF-Pre-Events mit dem georgischen Soundkünstler Giorgi Koberidze haben wir bereits hier berichtet. Es wäre vollkommen unmöglich, einen Nachbericht über das gesamte Programm des Positive Futures Festivals zu schreiben. Bei ca. 41 Konzerten in sieben verschiedenen Locations – ergänzt von einem Rahmenprogramm inkl. Poetry Slam und einem Talk – fällt es mir schon schwer, nur ein Wort zu finden, das alle beschreibt. Schnell tritt als Besucherin eine angenehme Reizüberflutung ein: Am letzten Abend bin ich von der Fülle an Eindrücken schon so überstimuliert, dass ich mich während der psychedelischen Reise von Fauna aus Schweden fühle wie in einem glasigen Fiebertraum. Anders als andere Festivals möchte das PFF nicht Fans eines bestimmtes Genres anziehen, sondern Austausch und Vielfalt fördern, zwischen Musikrichtungen, zwischen Künstler:innen, zwischen den Gegenden, aus denen sie kommen – entsprechend divers ist die Programmgestaltung. In der Liste der Musiker:innen zähle ich 17 verschiedene Herkunftsländer.

Bewundernswert das Commitment, das ich im Laufe der Wochen bei manchen Besucher:innen beobachte, sich beinahe jedes einzelne Konzert anzuschauen – und allem irgendetwas abzugewinnen. Das bringt einen in Lokale, in die man sonst eher selten geht und animiert so nebenbei noch das jeweilige Stammpublikum, sich mit Festivalbesucher:innen zu mischen, die vielleicht noch nie da waren – ein kleiner, aber wertvoller Beitrag zum Austausch innerhalb der Stadt. Auch einige Gratisveranstaltungen sind im Programm, was ich wichtig finde: ein Festival, das sich Austausch auf die Fahne schreibt, muss auch finanzielle Barrieren senken.

Es gibt verschiedene Herangehensweisen an ein so umfangreiches Festival. Wer auf Nummer sicher gehen will, studiert das Programm im Vorhinein und wählt Tage nach den eigenen Musikvorlieben aus. Mindestens ebenso schön ist es aber, sich ohne Vorinformation einfach hineinzustürzen und dabei jeden Abend völlig neue Entdeckungen zu machen – seien es Instrumente (wie ein mysteriöses meterlanges Rohr bei Takeshis Cashew), Bühnenoutfits (wie der wilde Mix aus Gegenständen, die von den Mitgliedern der Band Fulu Miziki herunterbaumeln) oder ganze Genres, von denen man vorher nicht wusste, dass es sie gibt. So unterschiedlich alles sein mag, so stimmig wirkt es gleichzeitig. Das Programm hat eine Leichtigkeit, wirkt nie erzwungen oder verkopft, trotz der durchaus politischen Botschaften und Ansprüche, die damit einhergehen. Es scheint hier zum Beispiel richtig unkompliziert, ein Lineup mit so vielen tollen Frauen zu schaffen – ein Gleichgewicht, nach dem man sich bei anderen Festivals noch immer vergeblich sehnt. Das Festivalteam ist übers Jahr hinweg global auf Festivals unterwegs, um Entdeckungen fürs Booking zu machen. Herausgekommen ist auch dieses Jahr wieder eine Fülle an Musik und Programm, auf die Innsbruck stolz sein kann.

Samstagabend – Halle 6

Auf dem Weg nach St. Bartlmä komme ich an diesem Abend vor dem Stift Wilten an einer mysteriösen Versammlung vorbei. Auf einem Platz, der normalerweise verlassen daliegt, sind eine Menge Stände aufgebaut, eine Traube von Menschen tummelt sich vor einer Bühne, auf der eine Band verträglichen Rock zum Besten gibt. Kurz überlege ich, stehen zu bleiben, aber ich muss weiter, die Halle 6 wartet. Stunden später, auf meinem Heimweg, sind die Bühne und alles andere spurlos verschwunden – „Jetzt fühle ich mich, als hätte ich nur einen seltsamen Traum geträumt“ meint meine Begleitung.

FOTOCOPIA | Bild: Daniel Jarosch

Einen seltsamen Traum gab es für uns an diesem Abend auch im ehemaligen Industrieareal St. Bartlmä zu träumen. Immer ist es schön hier, aber heute besonders: die Wände der alten Gießerei sind in tiefes Purpur und Blau getaucht und während dem ersten Act (Throw Down Bones aus London/Mailand) von spiraligen Bildern überzogen. An einem Punkt im Jahr, knapp bevor es wieder zu kalt für Veranstaltungen wird in der unbeheizten Halle der früheren Gießerei Oberhammer, rücken wir vor der Bühne zusammen. Fotocopia aus Spanien versammelt das Publikum in der Mitte des Raumes um sich herum. Eine Stunde lang lässt uns dieses Konzert nicht aus dem klammernden Griff des Lärms entkommen. Schwer zu sehen, was um einen herum passiert, weil das Stroboskop den Moment in winzige, zuckende Scheiben schneidet. Schwer zu hören, was um einen herum passiert, weil der Lärm alles andere gnadenlos übertönt. Schwer zu fühlen, was in einem passiert, weil der Bass auf der Haut prickelt und die Innereien massiert, als wären wir im Inneren einer rießigen Knetmaschine. Durch eine derart intensive Beschallung, direkt aus dem Kopf und der Welt eines anderen Menschen heraus, ist man gezwungen, die eigene innere Welt auf neue Arten kennenzulernen. Ich kultiviere meine Negativität. Außen und innen passen zusammen.

FOTOCOPIA | self-titled, 2023 (Scan)

„Fotocopia’s main goal is playing live. The songs are composed with that in mind. I understand the performance not only as showing a repertoire but as a communal experience. I mean, for me, concerts, or pop concerts are that. Sound or music, lyrics, light, movement is only a tool for other things, bigger things, I guess… Even the „excuse“ of the pop concert itself may be a purely practical decision, a ritual familiar enough just to agree from the start. It works if there are more people, the closer, the better.“ – Fotocopia im Interview

Als ich mir hinterher eine Platte kaufe, treffe ich am Merch-Stand die sympathischste Person überhaupt. Vielleicht können manche Künstler:innen so freundlich sein, gerade weil sie all ihre Negativität in Musik und Performance kanalisieren und danach gereinigt und geläutert zurück in die Welt kehren. Als ich Fotocopia bitte, die Platte zu unterschreiben, bekomme ich noch einen Satz mit dazu: „Empathy over Opinion“, das Festivalmotto, auf Spanisch übersetzt.

Dadurch, dass die Acts nicht unterschiedlicher sein könnten, konkurrieren sie nicht miteinander. Es wäre für jeden Noise-Act schwer, an die Show von Fotocopia anzuschließen, aber das müssen Fulu Miziki gar nicht, weil sie etwas völlig anderes machen. Ihre Musik ist melancholisch, ryhthmisch und betörend. Danach quellen die Leute versöhnlich und fröhlich aus der Halle in den Rest der Nacht.

Dienstagabend – Kater Noster

So intensiv das eben Beschriebene auch war, das PFF-Publikum ist schon von anderen Festivals und Veranstaltungsreihen in Innsbruck einiges gewöhnt und von markerschütternden Schreien und ohrenbetäubendem Lärm nicht wirklich aus der Fassung zu bringen. Stell es aber auf ein Rapkonzert, und die Knie werden plötzlich steif, die Gesichtsausdrücke angespannt und die Gespräche nur mehr im Flüsterton geführt. Phiik & Lungs und Akai Solo sind Hiphopkünstler aus den vereinigten Staaten und im Zuge einer Europatour für einen Dienstagabend im Keller des Kater Noster zu Besuch. Selbst für das PFF ist dieses Konzert ein Sprung ins Experimentelle, gerade weil es so einfach ist: einfach Rap, einfach gut. Vermutlich ist die Stimmung in der New Yorker Hiphopszene irgendwie anders als in diesem industrial chicen Hipster-Weinkeller, aber die Jungs machen das Beste draus und leisten ganze Arbeit damit, uns verkopfte Noisecrowd aufzulockern. „Feel free to, you know… catch a groove.“ meint Akai Solo, als während seinem ersten Lied offensichtlich alle nur unbeholfen herumstehen. Nach und nach beginnen die meisten dann doch noch zu tanzen. Schön, wenn jemand etwas richtig gut kann, an einer Fähigkeit offensichtlich über Jahre gefeilt hat, um sich selbst technisch an den Punkt zu bringen, an dem er jetzt vor uns steht. Meister seiner Worte, seines Ausdrucks, seiner Realität. In den Texten gleichzeitig eine Ehrlichkeit und Verletzlichkeit, die, so kanalisiert, als Stärke herauskommt.

Akai Solo | Bild: Daniel Jarosch

Freitagabend – Treibhausturm

Vermutlich erwarten Leser:innen von einem journalistischen Text eine gewisse Neutralität. Ich soll ein Konzert besuchen, die Musik rational analysieren und hinterher einige emotionsfreihe Fakten über Genres oder Spotify-Aufrufzahlen aneinanerreihen. Die Realität ist aber: so funktioniert eine Konzertbesucherin nicht. So zu tun, als könnte man Musik neutral begegnen, wäre nicht nur langweilig, sondern würde auch den Zweck eines Konzertes völlig verfehlen. Als ich am Freitagabend bei Kessoncoda, einem Schlagzeug-Klavier-Duo aus Großbritannien, den Turm des Treibhauses betrete, bin ich zum Beispiel gerade ziemlich traurig, was mich für das Konzert aber nur um so offener macht. Drinnen wartet eine große Ruhe, die Musik packt mich sofort in eine dicke Decke. Diese leichte, sonnige Melancholie, zu flüchtig und warm um sich richtig fassen oder beschreiben zu lassen, erinnert mich an eines meiner zeitlosen Lieblingslieder: „Flim“ von Aphex Twin. Die zwei Musiker sind mehr zueinander hingewendet als zum Publikum, voll in Verbindung und ständigem Augenkontakt miteinander, nehmen sie uns eine Stunde lang mit auf eine Reise, und wir lassen uns ein. „Sie sollten niemals aufhören.“ flüstert meine Begleitung.

Kessoncoda | Bild: Daniel Jarosch

Es gibt ja eigentlich wenig Intimeres, als öffentlich Musik zu spielen. Steckt wirklich etwas Echtes darin, dann öffnet ein:e Künstler:in beim Spielen jedes Mal aufs neue Herz und Wunden für das Publikum. Und damit öffnen sie auch meine. Manchmal ist es vermutlich anstrengend, den Weg noch einmal zurückzuverfolgen, der zu einem Lied geführt hat, die alten Gefühle wieder aufzuwärmen, damit sie real sein können für die, die sie jetzt hören; damit sie sich übertragen können. Aber darum geht es. Stünden im Publikum 100 Musikjournalist:innen, die die Musik rational analysieren, das Konzert wäre sinnlos.

Die im Festivalmotto erwähnte „Radical Empathy“ klingt erstmal ein bisschen hippiemäßig. Aber Radical Empathy muss nicht heißen, dass wir alle über kulturelle Grenzen hinweg gemeinsam Kumbayah singen und uns an den Händen halten. Wenn mir bei Aïta Mon Amour die Tränen in den Augen stehen, weil sie jahrhundertealte Lieder über Krieg und Leid mit ihrer Stimme wieder zum Leben erweckt, dann ist das auch Radical Empathy. Wenn ich bei Fotocopia meine ganze innere Negativität nach außen kehre und eine Stunde lang sprühe vor Wut, und um mich herum eine Menge anderer Leute genauso, dann ist auch das Radical Empathy, auch das die beschriebene „communal experience“. Und: manchmal geht man zu einem Konzert, und es berührt einen, weil es einen an etwas erinnert, etwas wachruft oder gerade genau das repräsentiert, was man spürt und braucht. Und manchmal geht man hin und alle Dramatik der Welt prallt von einem ab und kein Gefühl will überspringen. Und der Mensch neben einem lacht und weint vor Begeisterung. Das ist das Geheimnis. Darüber etwas Rationales sagen zu wollen, wäre sinnlos, deswegen versuche ich es lieber nicht. Sondern bediene mich stattdessen zum Abschluss schlicht einem der Leitsätze des PFF:

„Es gibt nichts zu verstehen, nur zu fühlen.“

| Delia Salzmann

Ein paar neue Lieblingslieder:

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