„Malen ist für mich Leben“ – ein Interview mit MICHAELA SCHWARZ-WEISMANN

Vor kurzem zu Besuch in Wien nutzten wir die Gelegenheit, die ebenso aus Tirol stammende Künstlerin Michaela Schwarz-Weismann persönlich in ihrem Atelier in der Kleinen Neugasse zu treffen, wo sie gerade noch die letzten Pinselstriche ihrer neuen Bilderserie ausführte. Zwischen großflächigen Leinwänden, auf denen noch die frischen Farbschichten trockneten, unterhielten wir uns mit der Malerin über ihren künstlerischen Zugang und die Motive ihrer Arbeiten – von schlafenden Männern zu Pippi Langstrumpf.

Michaela Schwarz-Weismann in ihrem Atelier | Foto: Jork Weismann

Wenige Tage nach unserem Besuch wurden die neuen Werke von Michaela Schwarz-Weismann nach Tirol transportiert, wo vergangenen Freitag, 27. Juni 2025, ihre Soloausstellung momentum us im Kunstraum Innsbruck eröffnete – eingebettet ins Sommerfest des Hauses und in eine tänzerische Dauerperformance von Tamara Maksymenko und Olena Polianska. Die großformatigen Ölgemälde kreisen nämlich um die Praxis der Contact Improvisation und fragen, was eigentlich passiert, wenn sich Körper berühren – und wie diese unsichtbaren Kräfte sichtbar werden können. 

Die Ausstellung wurde kuratiert von Ivana Marjanović in Zusammenarbeit mit Magdalena Saxer. Ein weiterer Höhepunkt folgt am 8. August mit Shall We Talk einer kollektiven Improvisation der Lehrenden des SOLO & CI Tyrol Festival 2025, die Tanz und die Energie der Berührung ein weiteres mal in den Ausstellungsraum bringt.

Im Gespräch erzählte Michaela Schwarz-Weismann, was sie selbst zum Malen bewegt:

Bild aus der Serie „momentum us“

komplex: Michaela, wie bist du zum Malen gekommen?

Michaela Schwarz-Weismann: Ich habe immer schon großes Interesse für Malerei gehabt. Schon als Kind war es mein größter Traum, Malerin zu werden und als Jugendliche habe ich meinen ganzen Kleiderkasten im Klimt-Stil bemalt. Auch in meiner Familie gab es viel Malerei – nicht professionell, aber sie war präsent. Mein Großvater war ein sehr ambitionierter Hobbymaler, er hat mir schon früh das Aquarellieren beigebracht, wenn wir gemeinsam in der Natur waren. 

Rückblickend finde ich es interessant, dass ich schon früh wusste, was ich wollte, dann aber einen großen Umweg gemacht habe. Das sage ich auch meinem Kind: „Du weißt, was du willst“. Im Grunde weiß man es schon, wenn man jung ist, mit zehn, zwölf, dreizehn, was man machen will. Aber dann kommt die Schule, die Meinungen anderer, Ängste und realistische Aussichten aufs Leben – und man lässt sich abbringen. Das ist falsch. Als Kind spürt man sehr genau, wer man ist und was richtig für einen ist.

Du bist also zwischenzeitlich von deinem Weg abgekommen – wie hast du zurückgefunden?

Ja, ich bin ziemlich abgekommen. Ich habe Architektur an der Angewandten studiert. Ich wollte zwar Malerei machen, aber ich habe es mir nicht zugetraut, gut genug zu sein und davon leben zu können. Nach dem Studium war ich einige Jahre als Model im Ausland, danach arbeitete ich in einem Designbüro, habe aber immer nebenbei gemalt. Bis ich mit 30 endlich die Kraft und den Mut hatte, zu sagen: „Ich will einfach nur malen – und sonst nichts“.

Ich habe dann noch in London am Chelsea College und am Royal College eine Malereiausbildung begonnen, wobei ich dieses Studium nicht mehr abgeschlossen habe. Ich wusste genau, wo ich hin wollte. Am meisten habe ich gelernt, indem ich andere Maler studiert habe. Malerei muss man einfach übers Tun lernen.

Hat es lange gedauert, bis du deinen eigenen Malstil entwickelt hast?

Nein, eigentlich nicht. Ich wollte immer figurativ malen, schon von klein an. Mich hat immer das gegenständlich Genaue fasziniert, das handwerkliche Körperdarstellen. Das interessiert mich auch bei anderen Malern wie Lucian Freud, Jenny Saville oder Egon Schiele. Es geht mir aber nicht darum, fotorealistisch zu malen, sondern um expressionistische Pinselstriche. Ich male auch gerne sehr schnell und mag es, wenn eine Dynamik im Bild entsteht. 

Viele deiner Bilder zeigen eine ähnliche Farbpalette – ist das eine bewusste Entscheidung?

Die Farben sind nicht so bewusst gewählt. Ich versuche auch immer wieder, eine neue Farbpalette zu verwenden – manchmal beginne ich bewusst mit anderen Farben, aber dann kommen am Ende doch immer „meine“ Farben raus. Eigentlich finde ich es aber eh gut, dass ich meine eigene Welt entdeckt habe.

Bild aus der Serie „momentum us“

Ich finde diese Kombination aus eher matten und dunklen Grundfarben und den dazwischen leuchtenden Akzenten schön – haben die eine bestimmte Bedeutung?

Ja, das ist besonders in der aktuellen Serie deutlich zu sehen. Da war es mir wichtig, weil es um Gemeinschaft geht, um Kontakt, um das Miteinander in all seinen Facetten – wie wir miteinander umgehen, wie wir in Verbindung treten können, wie man sich auch aus Verbindungen lösen kann, ohne sich dabei zu verletzen. Das Leuchtende steht für mich für die Energie, die durch Berührung entsteht – dieses Ungeplante, das man nicht vorhersehen kann.

Dieses Gefühl, das in der Begegnung entsteht, war mir für die Serie zentral. Es gibt sogar ein neues Wort dafür, „Kama Muta“, das diesen Zustand beschreibt, wenn man sich als Teil einer Gemeinschaft erlebt. Dieses Glücksgefühl von Geborgenheit, das nur in der Gruppe entstehen kann – wenn man sich wirklich fallenlassen darf. Und genau das, finde ich, spürt man auch in den Bildern sehr stark.

Ja, man spürt richtig, dass die Körper in deinen Bildern nie für sich abgeschlossen sind – da ist immer noch etwas, das über die reine Körperlichkeit hinausgeht. Die Serie ist ja von Contact Improvisation inspiriert, wo es viel um Energie geht. Wie kam es dazu, dass du begonnen hast, Tanz zu malen?

Contact Improvisation ist eine Möglichkeit, diese Energie darzustellen. Aber eigentlich geht es mir um die Energie, die bei jeder Form von Begegnung zwischen Menschen entsteht – nicht nur im Tanz. Auch wenn ich selbst tanzaffin bin und viel tanze, schon seit meiner Kindheit in Innsbruck. Ich habe auch schon mit dem Impulstanz Festival zusammengearbeitet.Tänzer:innen sind besondere Menschen – sehr in ihrem Körper, sehr präsent – und dadurch auch sehr gut darstellbar. Ich liebe das einfach, es macht mir große Freude. Für mich gehören Tanz und Körper eng zusammen.

In meinen Bildern ist der Blick oft einer von oben – es ist ein Blick auf die Gesellschaft, auf das Menschsein im Allgemeinen.

Wie siehst du aktuell die Gesellschaft – und wie reagierst du darauf in deiner Kunst?

Ich sehe die Kunst als Möglichkeit, Lösungen zu finden. Was mir in letzter Zeit auffällt, ist eine zunehmende Spaltung, ein totales Gegeneinander – man ist entweder so oder so – und da gibt es keinen Kontakt mehr, man kann sich nicht mehr verstehen. Für mich ist die einzige Lösung, miteinander in Verbindung zu treten, auch wenn es schwer ist. Diese Suche nach Kontakt ist das übergeordnete Thema meiner aktuellen Arbeit.

Kannst du etwas über den Entstehungsprozess deiner Ausstellung im Kunstraum Innsbruck erzählen? 

Ivana Marijanovic hat mich zur Soloausstellung eingeladen, nachdem ich schon bei der feministischen Gruppenausstellung „WHEN WE MOVE, IT’S A MOVEMENT“ (2024) dabei war. Ich verfolge das Thema „Kontakt“ schon länger, und so entstand die Idee, mit Tänzer:innen aus Innsbruck zu arbeiten – auch mit einer Live-Performance zur Eröffnung. Ivana hat im Vorfeld auch einen Workshop für Tänzer:innen im Kunstraum organisiert – ihre Fotos und Videos waren Grundlage und Inspiration für meine Serie. Ich finde es auch schön, Kunstarten miteinander zu verbinden – um auch ungewöhnliche Verbindungen zu schaffen. Ich habe dabei selbst  neue Materialien ausprobiert und mich auf neue Verbindungen eingelassen. 

Du hast auch Serien zu Pflanzen gemacht. Worum ging es dabei?

Pflanzen male ich schon lange. Ich hatte 2021 auch eine eigene Ausstellung dazu in der Galerie Im Vektor in Hall – Chlorophyll – da ging es um die Frage: Was macht Leben auf der Erde überhaupt möglich? Es sind die Pflanzen. Ohne sie gäbe es keine Atmosphäre und damit keinen Sauerstoff. Mir gefällt auch das Bild, dass die Pflanze von einem kleinen Punkt aus wächst, ihre unglaubliche Anpassungsfähigkeit.

Die Pflanzenserie begann nach der Pandemie – davor hatte ich viele schlafende Männer gemalt, als Vision für eine Beruhigung unseres turbokapitalistsichen Systems. Doch das, was ich malte, ist dann mit dem Lockdown auf brutale Weise eingetreten. Ich wusste nicht mehr, was ich als nächstes malen sollte. Mein Kind sagte: „Mama, du musst die Rettung malen.“ Doch was ist die Rettung? Und das waren dann die Pflanzenbilder.

Bild aus der Serie „CHLOROPHYLL“

Inwiefern sind Pflanzen die Rettung?

Weil sie uns das Leben ermöglichen – psychisch und physisch. Auf meinen neuen Pflanzenbildern zeigen sich vor allem Myrthen, die ich über ein Buch über griechische Heilerinnen entdeckt habe. Die Myrthe steht für Liebe, Familie, Gemeinschaft – es gibt kaum eine Venus-Darstellung ohne die Myrthe, sie zieht sich als sehr positiv aufgeladene Symbolpflanze durch die Kunstgeschichte. Für mich sind Pflanzen Energiespender. Ein paar Bilder dazu kommen auch in die Ausstellung nach Innsbruck.

Was hat es mit deinen Pippi-Langstrumpf-Bildern auf sich?

Pippi Langstrumpf war meine Jugend-Heldin. Meine ersten feministischen Heldinnenbilder begannen mit ihr. Später kamen auch andere Frauen wie Simone de Beauvoir oder Hannah Arendt dazu – aber Pippi war der Anfang. Ich habe sehr viele Pippi-Bilder gemalt. Fast bei jeder Ausstellung ist eines dabei. 

Ein Pippi-Langstrumpf – Bild von Michaela Schwarz-Weismann

Deine früheren Werke wirken mehr feministisch aufgeladen – würdest du sagen, dass sich dein Zugang verändert hat?

Ja, schon. Früher waren meine Arbeiten härter, feministischer, angriffslustiger – etwa die Serie der schlafenden Männer oder der verkehrten Frauen, die stark das patriarchale, kapitalistische System kritisieren. Im Moment ist es mit wichtig, Lösung zu zeigen, Utopien vielleicht. Bilder zu malen, bei denen man sich wohlfühlt, die Leichtigkeit und Freude ausstrahlen. 

Wie erlebst du den Kunstmarkt? Hast  du eine bestimmte Galerie, mit der du zusammenarbeitest?

Ich arbeite mit zwei Kunstberaterinnen: Ema Kaiser und Alexandra Grubeck. Alexandra betreibt die grubeck contemporary Galerie in Wien, mit ihr nehme ich regelmäßig an Messen Teil. Ema organisiert an immer neuen, außergewöhnlichen Orten Ausstellungen, wie 2023 meine große Soloshow in der Villa Mautner-Jäger. Im Moment arbeiten wir gerade an einer Ausstellung für ein Museum in Zagreb. Das sind die beiden Hauptpersonen, mit denen ich eng zusammenarbeite. 

Hast du bedenken, dass Künstliche Intelligenz die Malerei beeinflusst?

Ich sehe in der KI keine Bedrohung für die Malerei. Natürlich könnte ich ChatGPT genaue Anweisungen geben und  es würde vielleicht ein ähnliches Bild rauskommen. Aber ich glaube stark an Energie, an eine Ausstrahlung – und die kann der Computer nicht erzeugen. Auch bei Texten spürt man – selbst wenn sie noch so formvollendet sind – dass sie nicht von einem Menschen kommen. In der Malerei geht es viel um das Unsichtbare, darum, was man spürt. Ich merke das selbst bei den Bildern der Schlafenden – da werde ich beim Malen sehr ruhig und deswegen strahlen sie auch diese Ruhe aus. 

Bild aus der Serie „Sleeping Men“

Also fließt auch deine eigene Energie in deine Bilder?

Immer! Man erkennt zum Beispiel auch, welche Bilder ich in Zeiten gemalt habe, in denen es mir nicht gut ging. Aber auch die Bilder, die ich im Winter gemalt habe, sehen anders aus die Sommerbilder. Beim Malen kannst du dich nicht nicht einbringen – das geht gar nicht. Jedes Bild bin auch ich.

Was gibt dir das Malen persönlich?

Für mich ist es das Leben. Auch in harten Zeiten erdet Malen mich immer. Ich habe noch nie beim Malen nicht wieder zu mir selbst gefunden. Natürlich habe ich auch Krisen beim Malen – ich erlebe extreme Höhen und Tiefen bei jedem Bild. Aber Malen ist wie eine Heimat für mich. Auch meine Farben. Und jedes Bild ist immer eine Überraschung. Auch wenn ich geplant beginne, entsteht daraus etwas ganz Ungeplantes, von dem ich vorher nicht wusste, dass es in mir ist und dass es es überhaupt gibt. Das ist das Spannende: diese intuitiven, unterbewussten Entscheidungen. Und man lernt mit jedem Bild weiter. Ich muss wirklich täglich malen – sonst habe ich das Gefühl, ich fange wieder von vorne an. Aber wenn man einmal drin ist, gelingt es immer lockerer. Und das ist ein schönes Gefühl, wenn es aus mir herausfließt. 

| Brigitte Egger


Kurzbio

Michaela Schwarz-Weismann

wurde in Innsbruck geboren und lebt in Wien. Nach dem Studium der Architektur und des Designs an der Universität für angewandte Kunst in Wien studierte sie Malerei am Royal College of Art in London. Michaela Schwarz-Weismann hat sowohl lokal als auch international in verschiedenen Kunstinstitutionen und -festivals ausgestellt – unter anderem bei Parallel Vienna, Grubeck Contemporary Wien, Künstlerhaus Wien, Kunstpavillon und Neue Galerie der Tiroler Künstler*innenschaft, im Vektor, Hall in Tirol, Soo Contemporary, Teheran, und Scotty Space, Berlin.





Ein Gedanke zu “„Malen ist für mich Leben“ – ein Interview mit MICHAELA SCHWARZ-WEISMANN

  1. Prinz Prospero schreibt:
    Avatar von Prinz Prospero

    Sehr schöne und beseelte Bilder und man spürt die Gefühle hinter dem Ausdruck. ChatGPT könnte das nie leisten, den ihm fehlen Seele und Gefühle. Feminismus ist gut, solange er die Geschlechter sich näher- und nicht auseinanderbringt. Ja, die Kunst wird zum Leben des wahren Künstlers. Mir gefällt die Künstlerin, nicht nur als Künstlerin, nicht nur als Frau, sondern als Gesamtkunstwerk. Danke für den erhebenden Einblick.

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