Warme Pole im kalten Feld – „ERINNERUNGEN“ von NATELA GRIGALASHVILI im Fotoforum

Die Arbeit der georgischen Fotografin Natela Grigalashvili lebt von Kontakt – immer stehen bei ihren Bildern die Menschen im Vordergrund, oft im Kontrast zu der imposanten Landschaft, die sie bewohnen. Vier ihrer Serien, darunter eine fortlaufende Dokumentation vom Leben der letzten Georgischen Nomaden und eine Portraitserie ihrer Mutter, sind derzeit im Innsbrucker Fotoforum zu sehen. Für komplex hat die in Tbilisi ansässige Künstlerin dazu einige Fragen beantwortet. 

Aus der Serie „The Doukhobor‘s Land“

Ein Boot, das wenig mehr zu sein scheint als ein paar aneinander genagelte Bretter, treibt in einem gigantischen Fluss. Darauf, winzig klein, die Schemen dreier Kinder wie die letzten Bewohner einer einsamen Insel. Das größte Bild der Ausstellung „Erinnerungen“ dominiert eine Wand im Fotoforum und zieht die Betrachtenden hinein in die Brutalität und Schönheit der georgischen Landschaft. Anderswo eine Frau, liegend im Gras, neben ihr ein verknoteter Ast: zwei ruhende Körper, die wirken, als seien sie aus demselben Material geschaffen. Dann ein langes Wasserbecken als Pfad durch endlos scheinende Felder –ein paar lachende Frauen stehen darin, wohl um sich abzukühlen. Das Wasser führt im Bildhintergrund in die Ferne, irgendwohin, wohin wir nicht schauen können. Menschen sind in dieser Landschaft verstreut wie warme Pole im riesigen, kalten Feld. Eine Landschaft, die Sehnsucht erzeugt, eben weil sie sich so endlos anfühlt. In ihrer Arbeit möchte die Fotografin Natela Grigalashvili vergehende Welten festhalten. Wie vielerorts verlassen die Menschen auch in Georgien ihre kleinen, abgelegenen Heimatdörfer – auf der Suche nach Arbeit, oder vielleicht eben dieser unbestimmten Sehnsucht auf der Spur. Die Landschaftsbilder lassen mich an Immanuel Kants Begriff des Erhabenen denken, also eine Konfrontation mit der Natur, die so gewaltig ist, dass sie unser menschliches Vermögen, ihre Größe zu begreifen oder sie auch nur als schöneinzuordnen, übersteigt.

Aus der Serie „Final Days of Georgian Nomads“

Doch hier steht, obwohl sie auf den Fotos so viel Raum einnimmt, nicht die Landschaft im Mittelpunkt. Die Kinder auf dem Boot mögen nur kleine Punkte sein, trotzdem bilden sie das Zentrum. Überall in den Arbeiten von Natela Grigalashvili finden sich menschliche Spuren: eine Rüsche, die aus dem Nebel hervorschimmert, ein Stück geblümter Stoff, das Ende eines wehenden Kleides, ein Strauß Blumen, in Zellophan verpackt, wie vergessen im Gras, eine Wäscheleine, die hinauf in den Bildrand, ins Nirgendwo führt. Überall etwas Kleines, das spricht und sagt: „Wir sind da.“. 

Die in Schwarz-Weiß fotografierten Serien „Book of my mother“ und „Tagveti/Village of the mice“ stehen in direktem Bezug zum Leben der Fotografin. Als Natela Grigalashvili ihr Heimatdorf verließ, um in der Hauptstadt zu studieren, zeigte ihre Mutter nur wenig Interesse an ihrem Lebensweg und die beiden entfernten sich zunehmend voneinander. Bei jedem Besuch zuhause fühlte die Fotografin sich wie eine Fremde in ihrer gewohnten Umgebung. Gleichzeitig ist auch ihr Heimatort, dessen Name übersetzt „Dorf der Mäuse“ bedeutet, von starker Abwanderung betroffen, die Häuser verfallen und die Spuren ihrer Kindheit drohen in Vergessenheit zu geraten. So dokumentiert die Künstlerin einerseits das Leben ihrer Mutter und andererseits ihren eigenen Ursprung. Die Praxis des Fotografierens, die Mutter und Tochter einst getrennt hat, wird zur Strategie, um wieder zueinander zu finden. Natela Grigalashvilis Mutter ist hier zu sehen, wie man die eigene Mutter in der Kindheit nicht wahrnehmen kann, voller Komplexität: besonnen, träumend, in die Ferne blickend, verstimmt, kummervoll, geprägt und geformt von einem Leben der Arbeit. Die Fotografin findet durch die Linse wieder Zugang zu einer ihr sonst verschlossenen Welt. Die Innenraumaufnahmen wirken wie Blicke in die Tiefe eines Bienenstockes hinein, als würde man mit dem Teleskop durch ein Guckloch in einen versteckten Ort hineinspähen, der sonst in Dunkelheit getaucht ist und vom Licht der Welt oder dem analysierenden Blick der Kamera nie berührt wird. 

Aus der Serie „Book of my mother“

Dann, ein anderes Zimmer, diesmal in Farbe. Das Portrait zweier Kinder, es müssen Zwillinge sein: Ein kleiner Mann im großen Anzug, dahinter die Schwester wie ein Spiegel von ihm, beide starren ernst und beklommen ins Bild. Für die ebenfalls fortlaufenden Serien „Final Days of Georgian Nomads” und “The Doukhobors Land” begleitet die Fotografin in abgelegenen Gebieten lebende Gemeinschaften wochenlang, wohnt bei ihnen und hält ihren Alltag fest. Einige der Bilder wirken wie aus der Zeit gefallen, nicht so, als kämen sie aus der Vergangenheit, eher so, als könnte man sie in keine Zeit richtig einordnen. Die moderne Kleidung, die Neonfarben, Stöckelschuhe und perfekten Frisuren der Menschen stehen im starken Kontrast zu den teilweise baufälligen Gebäuden aus Holz im Hintergrund. Über dem Gesicht eines Mädchens im traditionellen Kleid strahlt die Projektion eines Desktops. Bei einem Fest Kinder, die mit Seifenblasen spielen, daneben Erwachsene, die sie mit Smartphones fotografieren.

Auch im Umgang mit anderen Lebewesen zeigt die Fotografin eine besondere Sensibilität: lange fesselt mich das Bild einer kleinen Kuh beim Trinken, tapfer und zugleich weise in die Kamera blickend. Obwohl anderswo Kuhkadaver am Bildrand im Schatten liegen, Tiere hier offensichtlich genauso viel Nahrung wie Kameradschaft bieten, sind Mensch und Tier oft auf ganz ähnliche Weise abgebildet. Beide offenbaren im Angesicht der Fotografin ihre Tiefe und Einzigartigkeit: in jedem Gesicht liegt ein Geheimnis verborgen.

Aus der Serie „Tagveti/Village of the mice“

Delia Salzmann: Why did you decide to become a photographer?

Natela Grigalashvili: I was originally drawn to cinema and wanted to become a cinematographer. Photography was something I started almost practically, as a way to move closer to that world. But for different reasons, I wasn’t able to continue with cinematography, and photography stayed with me. Over time, it became more than a substitute, it gave me freedom, independence, and a way to stay close to real life and real people. That’s when I understood this was the medium I would continue with.

DS: Your work is very focused on people. What do you find interesting about photographing them?

NG: People are at the heart of my work because I’m drawn to real lives, real stories, and real change. I grew up in a rural village and that upbringing made me sensitive to the rhythms of everyday life, the way people work, laugh, struggle, celebrate, and adapt. When I photograph, I spend time with people first, listening and learning about them, and only then do I take pictures. For me, photography is a way to show not just how they look but how they live and what’s slowly changing around them.

DS: Can you go a bit more into the process of working with the people pictured – how much do you tell them ahead of the project, for instance?

NG: My process is slow and based on trust. I usually spend a lot of time with people before taking out the camera, talking, listening, sharing everyday moments. I explain why I am there and what I am interested in, but I don’t over-explain or stage things. Over time, the camera becomes almost invisible, and the photographs grow out of real relationships rather than single encounters.

DS: Do you approach a new project with a specific goal in mind, or do you just observe and see what happens?

NG: I don’t usually start with a fixed end product in mind. What I do have is a curiosity, something that pulls me to a place or a community. Before committing to a project, I spend time observing, learning, and seeing if a story really reveals itself. Only after I understand a place and the people do I start photographing. The final form emerges slowly through time and attention, not from a fixed plan.

DS: How do you know that a photograph is right or important?

NG: I usually don’t know immediately. A photograph proves itself over time. If it stays with me, if I keep returning to it months or even years later, then I understand it is important. For me, a good photograph carries honesty and quiet tension, it doesn’t explain everything, but it feels true to the moment and the person.

DS: What are you currently working on?

NG: I’m currently continuing my long-term work with rural communities in Georgia and revisiting my archive. In the future, I want to keep returning to the same places and people, allowing projects to develop slowly over time.

| Delia Salzmann


Die Ausstellung „ERINNERUNGEN“ ist noch bis 06.02.2026 im Fotoforum zu sehen.

Natela Grigalashvili

Fotoforum

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