Die aktuelle Ausstellung im Kunstraum Innsbruck „Clément Cogitore & Andrzej Steinbach“ (noch zu sehen bis 21.02.2026) präsentiert Filme und Fotoserien zweier Künstler, die sich beide mit Identität, Repräsentation und gesellschaftlicher Wirklichkeit auseinandersetzen: Steinbach dekonstruiert in seinen Porträts stereotype Darstellungen von Individuen, während bei Cogitore die Gruppenzugehörigkeit im Vordergrund steht.

An den Wänden entlang verändert sich der Ausdruck in den Bildern, die Andrzej Steinbach von seinen zwei „Figuren“ gemacht hat. Es sind 68 Aufnahmen einer Frau, die quasi in Zeitlupe dokumentieren, wie ein Gesicht verhüllt wird und 118 Bilder einer anderen Frau, die in drei Reihen übereinander die kleinen Feinheiten in Gestik, Mimik und Körperhaltung festhalten, während sich die Posen vor der Kamera verändern.
„Ich hab mich vorher 15 Jahre lang immer mit Porträt und Menschenbild auseinandergesetzt und mir dann irgendwann überlegt, was das Wenigste wäre, das nötig ist, um über ein Porträt etwas sagen zu können.“,

beschreibt der 1983 in Polen geborene Künstler Andrzej Steinbach die Idee zu seinen 2013 und 2014 entstandenen Fotoserien „Figur I“ und „Figur II“. Das Ergebnis sind stark reduzierte Aufnahmen ohne erzählerische Bildelemente. Was übrig bleibt, sind Kleidung und Posen der Personen, die in vielen Bildern durch kleine Details Wahrnehmungen hervorrufen, welche in der Gesamtheit der Bildserie wieder zu verschwimmen scheinen. „Bei meiner Fotografie geht es darum, was zu sehen ist und was nicht zu sehen ist.“ Inspirationen dafür waren etwa die Fotokünstler August Sander, der Menschen in Kategorien abbildete, und Marianne Wex, dessen Buch Weibliche und männliche Körpersprache Steinbach auch als Ausgangspunkt für seine Fotografien verwendet hat, „um eine Figur herzustellen, die mit Kleidung und Posen diese typischen Zuschreibungen auflöst.“

Der französische Filmemacher Clément Cogitore (geboren 1983) schafft hingegen Wahrnehmung und Wirkung durch Bewegung, Rhythmus und Gruppendynamiken. Seine Filme aus den Jahren 2017 und 2012 werden abwechselnd auf die beiden leeren Wände projiziert und zeigen einen historischen und einen politischen Konflikt. Beide Filme charakterisieren Kampf- und Protestszenen – einmal auf der Bühne der Pariser Oper und einmal auf dem Hauptplatz von Kairo in Ägypten.
In „Les Indes Galantes“ (2017) verbindet der Künstler Bewegungen des emotionalen Krump-Tanzes mit der Energie eines berühmten Stücks der französischen Barockopernmusik. „Die Musik gefällt mir sehr; sie ist aber in der Ideologie sehr problematisch. Das Libretto ist total kolonial“, beschreibt Cogitore. Um dem Konflikt zwischen Musik und Libretto entgegenzuwirken, habe er Tänzer:innen und Choreograf:innen eingeladen, zur Musik einen Tanzstil zu performen, der in den Bewegungen Kampfszenen verkörpert. Krump ist eine Art Hip-Hop-Tanz, der in den 90er Jahren in den afroamerikanischen Vierteln von Los Angeles entstand. Immer wieder bildet die Gruppe einen Kreis, in dessen Mitte sich die tänzerischen Kampfszenen spannungsgeladen steigern. Die Kamera zeigt dabei die Perspektive der Zuschauer:innen, deren Präsenz genauso wichtig sei, wie die Bewegungen der Tänzer:innen.

Der Film Tahrir (2012) steht zum vorherigen in völligem Kontrast. Statt Opernmusik hört man das Geschrei aus der Menge, Trillerpfeifen und immer wieder Schüsse. Flackernde Bilder deuten auf Zusammenstöße von Demonstranten und Sicherheitskräften, die Szenen und die Gewalt sind echt und dennoch wird beim Betrachten ein falscher Eindruck erzeugt. Das Video zeige 25 Bilder pro Sekunde, beschreibt der Künstler, wodurch beim Betrachten eine verfälschte Wahrnehmung entstehe. „Ich wollte den physikalischen Prozess nutzen, um das Kampfgebiet zu kreieren. Auf den originalen Bildern waren sie getrennt. Die Polizei war im Norden auf diesem Platz und die Demonstranten waren südlich“, beschreibt der Künstler die Aufnahmen, die im Oktober, November 2012 während der zweiten Revolution des Arabischen Frühlings gemacht wurden. Diese originalen Aufnahmen, deren Ausschnitte teils wiederholt und vergrößert im Film vorkommen, seien weit weniger spektakulär. „Es ist nicht wirklich narrativ, es gibt keine Musik und keinen Text. Es ist nur diese Präsenz, eine sehr hypnotische Präsenz des Konflikts auf dem Tahrirplatz.“ Damit verweise der Künstler auch darauf, wie dieser Konflikt vom Westen und von Europa wahrgenommen wird:
„Die Kameras nahmen den ganzen Tag und die ganze Nacht lang auf, aber niemand schaute sich das wirklich an. Die Kamera nahm nur auf, schickte die Dateien an den Satelliten und dann zum Fernsehsender, und wenn dann etwas passierte, hatten sie die Bilder. Aber es gab niemanden, der sich die Aufnahmen tatsächlich anschaute. Es geht also nicht wirklich um die Tahrir-Revolution selbst, sondern um die Sichtweise darauf.“
Ohne voneinander zu wissen, wurden Cogitore und Steinbach von den Kurator:innen Sofia Ohmer und Florian Waldvogel eingeladen. Das Verbindende: Beide Künstler arbeiten mit dem menschlichen Körper, der als Projektionsfläche gesellschaftlicher Machtverhältnisse in den Fokus rückt. Durch die Gegenüberstellung der Werke verschiebt sich die Wahrnehmung – während bei den Porträts der Blick auf konfrontative Details fällt, treten beim Betrachten von „Les Indes Galantes“ einzelne Personen aus der Gruppe hervor.
| Sieglinde Wöhrer
