Im Jahr 2017 sollte Marco Trenkwalders Film Das Glück der Lücke das Licht des Projektors erblicken. Doch es gab Komplikationen, denn es schien keinen Ort zu geben, an dem sich dieses närrische Stummfilmmärchen hätte entfalten können. Und so begann Marco selbst eine geeignete Brutstätte zu bauen. Er kuratierte ein eintägiges Programm aus Filmen, die – wie Das Glück der Lücke – ein bisschen komisch waren. So war die erste DIAMETRALE heraufbeschworen. Um das Schiff sicher in den Hafen der Andersartigkeit zu lenken, holte sich Marco das Kulturkollektiv ContrApunkt mit an Bord. Was als einmalige Veranstaltung begann, fand in diesem Jahr zum 10. Mal statt. Heute ist die DIAMETRALE ein Highlight im Innsbrucker Kulturkalender, was die stets vollen Kinosäle bestätigen. Wie schön, sich gemeinsam mit offenen Augen in Abgründe zu stürzen wo man dann von Trampolinen aus Kaugummi aufgefangen und ins Weltall katapultiert wird, sich dort an einem Mikroplaneten aus versteinerten Teddybären den Schädel einschlägt, der dann explodiert und Lametta auf die Erde regnen lässt.

Auch die Vorstellung des diesjährigen Opening-Films Beyond the Infinite Two Minutes war bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Film handelt von einem Café Besitzer, der sich plötzlich zwei Minuten in der Zukunft wiederfindet. In einem Wettlauf mit sich selbst versucht er, die Zeit wieder in korrekte Bahnen zu lenken. Mit kaum Budget und Handykamera gelang der Theatergruppe Europe Kikaku aus Kyoto ein Debüt-Film, der einen derartigen Kabelsalat in den Köpfen der Zuschauer:innen hinterließ, dass bei so manchen der Entwirrungsprozess bis heute anhält. Ein Film, der überrascht, Fragezeichen hinterlässt, zum Selbermachen inspiriert und unmögliche Ideen entfaltet – so wie die DIAMETRALE.
Zum Jubiläum haben wir uns mit einem Teil des Kernteams der DIAMETRALE unterhalten: Maurice Kumar, David Prieth, Nadja Studenik, Marco Friedrich Trenkwalder-Salner und Marian Wilhelm




Johanna Hinterholzer: Wie habt ihr eure Liebe zum Film entdeckt?
Marco Trenkwalder-Salner: Ich kann das klar beantworten. Bei mir war das damals Old Boy von Park Chan-wook. Den hat mir mit 16 ein Kollege gezeigt und ich war total überwältigt und wollte wissen, was es da noch so gibt. Davor habe ich nur Hollywood-Kino gekannt. Ich habe mir dann fast alles vom koreanischen Kino der 2000er Jahre angeschaut. Das war der Anfang und dann bin ich in die Filmgeschichte eingetaucht. Ich habe drei bis fünf Filme am Tag angeschaut. Dann habe ich angefangen, selbst Filme zu machen.
David Prieth: Bei mir war’s über das Studium. Ich habe Literaturwissenschaften studiert. Da haben wir uns interdisziplinär mit einer breiten Fülle an kulturellen Ausdrucksweisen und deren gesellschaftlicher Einbettung beschäftigt. Ich habe immer gerne Filme geschaut und gelesen. Aber das Handwerkszeug, das ich mir im Studium angeeignet habe und die verschiedenen Kontexte und historische Referenzrahmen, die ich kennengelernt habe, haben für mich sehr viel aufgemacht.
Marian Wilhelm: Wenn ich einen Film wählen müsste, der entscheidend war, dann war das Lawrence of Arabia, den ich relativ früh im Leokino auf analogem Material gesehen habe. Das ist für mich das Größte, was Kino hergibt, bis heute.
Maurice Kumar: Für mich war Film immer da. Mal mehr, mal weniger. Ich bin aber nicht über Film zur Diametrale gekommen, sondern über KontrApunkt, ein Verein, mit dem wir verschiedenste Events aus allen möglichen Bereichen, von Musik, über Film über diskursive Formate organisieren. Wir sind quasi das andere Puzzleteil der Diametrale.
Nadja Studenik: Diametrale und Kontrapunkt passen auch rein vom Namen her perfekt zusammen.
Marco, du hast bei der Eröffnung erzählt, dass die Diametrale als Filmfestival nie geplant war, sondern du nur eine Premiere für deinen Film Das Glück der Lücke organisieren wolltest. Zur 10 jährigen Premiere ist er in diesem Jahr wieder im Programm. Was kannst du uns über den Film erzählen?
Marco: Nach meinem Diplomfilm beim Medienkolleg (Die Blume des Bösen – YouTube) wollte ich noch etwas besseres machen. Etwas bunteres, längeres mit mehr Leuten, Szenen und Kostümen. Wie bei meinem ersten Film wollte ich aber wieder ohne Dialog auskommen. Einerseits weil es mich einfach interessiert hat, die Sprache wegzulassen, andererseits weil ich keine Connection zur Tiroler Schauspielszene hatte.
Ich habe vier bis fünf Jahre an dem Film gearbeitet. Ursprünglich wollte ich den Film ganz ohne Budget machen, weil ich mir gedacht habe, wenn man Fördergelder bekommt, ist man abhängig. Ich war da mehr Punkrock-anarchistisch unterwegs. Erst für die Vertonung (ISTARI LASTERFAHRER & WORSEL STRAUSS) habe ich dann Förderung angesucht.

Warum hat die Diametrale so Fuß gefasst? Was hat euch dazu motiviert, es all die Jahre immer weiterzuverfolgen?
Marian: Die Diametrale deckt einen Bereich aus der filmischen Bandbreite ab, der nicht oft zu sehen ist, ob im normalen Kino oder im Festivalbetrieb: Filme, die auf einer körperlichen Ebene wirken. Das finde ich spannend, weil es eine dritte Welt zwischen dem großen Attraktionskino Hollywoods und dem europäischen oft politischem Kunstkino aufmacht. Es ist eine spannende Ergänzung, die mir bei meiner Brotarbeit als Filmjournalist nicht oft unterkommt. Das hat mich fasziniert und deshalb bin ich im dritten oder vierten Jahr dazugestoßen.
Außerdem ist die Diametrale zugänglicher als viele andere Filmfestivals. Wir sind immer offen für DIY-Projekte mit wenig Budget. Der Eröffnungsfilm ist das beste Beispiel. Marco schaut sich alle 800 Einreichungen an und es kann durchaus ein Film in der Endauswahl landen, der null Budget hatte und den irgendwer in Australien zum Spaß gemacht hat.
Marco: Warst du am Anfang eigentlich auch ein bisschen skeptisch, was wir da machen?
Marian: Nicht skeptisch. Das Einzige, wo ich ein bisschen skeptisch war: In Österreich gibt es eine langen Tradition von rein formalistisch Experimentalkino. Filme, die wirklich nur blinkende Bilder und irgendwelche Rhythmen zeigen. Das war bei der Diametrale aber nie wirklich dabei, weil da der Humor fehlt.
Marco: Die erste Ausgabe hieß Diametrale – Experimental Film Festival Innsbruck. Im Zuge der TKI-open-Ausschreibung 2018 zum Thema Humor haben wir unser Profil nochmal überarbeitet. Aber ich glaube, es war auch schon davor in uns angelegt, dass Humor einen großen Stellenwert für uns hat. Und das ist bis heute so.
Die Filme sind zwar experimentell, lassen aber über Narration oder Humor trotzdem einen Zugang zu.
David: Qualität muss nicht abgehoben oder sperrig sein. Ich finde es cool, wenn Leute mit verschiedenem Vorwissen reingehen und sich etwas rausholen können. Virtuose Kunst, die nur einem kleinen Teil vorbehalten ist, hat auch ihre Berechtigung, langweilt mich aber oft. Die Diametrale ist gleichzeitig artsy, trashy, funny und sexy.
Wie seid ihr auf das Motto „nutzlos und schön“ gekommen?
Marco: Da habe ich schmunzeln müssen, weil mir das selbst nicht mehr so klar war. Das Glück der Lücke beginnt mit einem Zitat von Tschechow: „Nur das Nutzlose bereitet Vergnügen.“
David: „Nutzlos und schön“ habe ich immer auch auf Förderlogik bezogen. Man muss bei Förderungen immer angeben, warum man etwas macht. Warum es wichtig und gesellschaftlich relevant ist. Da würde ich gerne sagen: Es ist vielleicht nicht immer verwertbar. Manchmal ist etwas zwar nutzlos, aber schön.
Marian: Und gleichzeitig steckt doch meistens irgendwo etwas Politisches drin, auch wenn man es nicht immer vorkehrt. Der iranische Film (Gray Umbrella – Mohammad Poustindouz), der 2018 den Kurzfilmpreis gewonnen hat und bei der Eröffnung wieder gezeigt wurde, ist das beste Beispiel dafür. Obwohl es extrem absurd ist, wenn da ein Typ andauernd einen Regenschirm auf den Kopf bekommt, kann man doch so viel reinlesen und rausziehen.
Maurice: Der Film ist vor fast zehn Jahren gelaufen und heute ist er so passend. Echt schön, dass wir den damals ausgewählt haben.
So wie Filme ihre Bedeutung mit der Zeit und dem Kontext verändern, so stehen auch Filmfestivals in Konversation mit der Zeit, in der sie stattfinden. Was hat sich über die Jahre verändert?
Marco: Die ersten drei Jahre war es eher eine Spaßangelegenheit. Wir haben gezeigt, was uns gefiel. Irgendwann fängt man dann an, zu überlegen, weil man doch eine gewisse Verantwortung nach außen hin hat. Was zeigt man, wer ist der/die Filmemacher:in dahinter, in welchem Kontext zeigt man es. Es entstehen viele gute Diskussionen im Team. Wir sind heute, was die Kuratierung angeht, viel sensibler.
Denkt ihr, dass die höhere Sensibilität durch das gewachsene Publikum entsteht oder durch den Zeitgeist?
Marco: Ich denke beides. In diesem Jahr haben wir sehr viel über Triggerwarnungen diskutiert, weil wir eigentlich dagegen sind. Aber der Zeitgeist verlangt es, viele finden es gut und auch die meisten anderen Festivals ziehen mit. Wir haben uns für Content Notes entschieden. Wir versehen die Filme im Programmheft mit Zahlen und die Zuschauer:innen müssen aktiv in der Legende nachlesen.

Wie sieht eure Beziehung mit dem Publikum aus?
Marian: Bei Premieren bleiben Filmemacher:innen meistens im Saal, um zu sehen, wie das Publikum reagiert. Da geht es uns zum Teil ähnlich. Die Künstler:innen und Filmemacher:innen, die das Publikum komplett ignorieren, das kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Bei Festivals ist es dasselbe: Man braucht die Reaktion, sei es in Q&As oder nur die Stimmung im Saal. Für mich ist das schon ein Kriterium für jede Kunst: Funktioniert es?
Nadja: Bei Filmen, wo wir selbst viel diskutieren, ist es natürlich nochmal spannender, wie die Reaktion vom Publikum ist. Das Publikum sieht die Filme oft anders als wir. Und man merkt an den Reaktionen auch, ob es passt oder nicht. Das macht etwas mit uns und wirkt sich auf die nächste Diametrale aus.
Maurice: Ja, wir sind schon ein bisschen abgehärtet.
David: Ich will nicht sagen, dass man irgendwann nihilistisch wird, aber man hat viel gesehen. Man hält viel aus. Manchmal denkt man garnicht daran, wie es für jemanden ist, der zum ersten Mal auf ein Filmfestival geht. Man denkt sich: Wird schon passen, werden sie schon packen. Aber dann ist es für manche vielleicht doch ein bisschen viel. Gerade bei sexy Filmen.
Die Reaktionen sind oft auch sehr unterschiedlich. Es gab Filme, bei denen manche sagten: Ihr könnt doch diesen Film nicht zeigen. Und andere wiederum: Voll geil, dass ihr diesen Film zeigt.
Marian: Umso mehr Fragezeichen oder Rufezeichen um etwas herum sind, umso mehr braucht man einen Rahmen mit Gesprächen und Diskussionen drumherum. Bei gewissen Filmen kann erst etwas entstehen, wenn jemand für ein Gespräch da ist. Und das ist auch etwas, was ein Festival möglich macht, wenn es öffentlich dotiert ist.
David: Wenn man mit 1000 Emotionen rausgeht, ist es super, wenn man jemanden, der im Filmprozess involviert war, fragen kann: Hey, warum hast du das eigentlich so gemacht?
Marco: Und wenn Leute vom Filmteam nach der Vorstellung 20 min über den Film reden, dann ist er danach auch immer noch um eine Spur besser, weil man vielleicht etwas übersehen hat oder den Zugang nicht verstanden hat.
Ihr arbeitet alle sehr interdisziplinär, was unterscheidet Film von anderen Kunstformen?
David: Eine Punknummer ist schnell geschrieben, aber Film machen ist wirklich Arbeit. Dass man sich das antut, so einen Wahnsinn aufzuführen, ist schon eine eigene Art von Dedication. Es gibt so viele tolle, verrückte Persönlichkeiten. Ich finde es cool, mit solchen Menschen zu reden und zu fragen: Warum hast du dafür 2 Jahre investiert?
Marco: Oder zwölf Jahre bei Wenzel Storchs Reise ins Glück.
Apropos Filme machen: Wird es nach Das Glück der Lücke einen weiteren Film von dir geben Marco?
Marco: Erstmal nicht. Derzeit hätte ich keine Zeit dafür. Ich habe zwar einen Ideenkatalog daheim, aber das ist alles sehr kryptisch. Vielleicht ist es aber auch das Glück der Lücke, wenn ich es dann nicht mache.
| Johanna Hinterholzer
