Mit „Aural Visions“ hat Quintessenz ein Veranstaltungskonzept geschaffen, das Konzerte thematisch mit Filmvorführungen und Installationskunst verknüpft. Für die jüngste Ausgabe holte der Verein vergangene Woche die Ambient Black Metal Band Darkspace und das Innsbrucker Dark Drum’n‘Bass Urgestein Todesstern in die p.m.k, ergänzt durch Kunst von Mirjam Miller und ein haarsträubendes Screening des Science-Fiction Klassikers „ALIEN“ im cinematograph. Mehr zur Kulturarbeit des Vereins und der Idee hinter Veranstaltungen wie dieser im Nachbericht.

„Wir wollten uns bei Aural Visions die Wechselwirkung verschiedener Kunstformen zunutze machen“ erklären die Organisator:innen zum Veranstaltungskonzept, das im September bereits zum dritten Mal stattfand. Den Kulturverein Quintessenz gibt es seit 2020, ursprünglich gegründet aus der Motivation, vor allem Konzerte aus der extremeren Metal-Underground-Szene in Innsbruck zu veranstalten: „Umso weiter wir die Idee verfolgten, umso mehr wurde uns klar, dass wir offen bleiben wollen für ein breit gefächertes Programm, welches auch Ausstellungen, Performances oder andere Formate, wie eben Kino zulässt.“
Zu Beginn der diesjährigen Ausgabe von Aural Visions tummelt sich deshalb eine Vielzahl schwarz gekleideter Gestalten im cinematograph. Gezeigt wird ALIEN von 1979 – ein Sci-Fi/Horrorfilm, den ich mir normalerweise vermutlich nie anschauen würde, der uns dann aber unverhofft viel Spaß, Grausen und ein an Anstrengung grenzendes Level von Spannung bereitet. Ein Raumschiff ist nach einer Expedition auf dem Weg zurück Richtung Erde, als eines der Crewmitglieder von einem parasitären Wesen attackiert wird, das sich an seinem Gesicht festsaugt und dort etwas einpflanzt, das schließlich durch seinen Oberkörper hervorbricht, ihn dabei umbringt und anschließend droht, das Raumschiff zu übernehmen – so weit die Story. ALIEN ist schon rein ästhetisch ein besonderer Film für sein Genre. Das ganze Raumschiff und die Crew triefen vor Coolness – ständig lehnen alle lasziv und mit fettigen Haaren an irgendetwas, rauchen und trinken ununterbrochen Kaffee, in einer chaotischen Umgebung voll Krimskrams und an die Raumschiffwände gepinnter Familienfotos. Keine Spur von der weißen Sterilität, die man visuell oft mit der Zukunft assoziiert. (Und die Dinge, die doch steril wirken, werden im Laufe des Films mit einer gehörigen Menge Schleim, Blut oder Eingeweiden überzogen.) Der Film bedient auch in Bezug auf Geschlechterrollen kaum gängige Klischees: in der ganzen Storyline keine Spur von einem Liebesdrama oder Frauen, die gerettet werden müssen. Hauptcharakter Ellen Ripley ist stark, klug und selbstständig und verliert auch unter größtem Druck nicht die Nerven. Einzig geschmälert wird der positive Eindruck diesbezüglich durch die Szene, in der sie sich nach dem knappen Überleben eines Alien-Angriffs spontan auszieht – anscheinend vor Erleichterung. (Naja, es war halt doch erst 1979.)
Eine feministische Analyse des Films könnte vermutlich in verschiedene Richtungen ausfallen. „I mean, the scariest thing the men who wrote ALIEN could think of was a living thing taking up residence in your torso, then bursting out of you.“ kommentiert die Schriftstellerin Olivia Campbell trocken auf Twitter. Manche Theorien zum Film behaupten, Drehbuchautor Dan O‘Bannon hätte sich das Genre des Body Horror bewusst zunutze gemacht, um die Männer im Publikum einer ihnen bisher unbekannten Art von Unbehagen in Bezug auf ihre eigenen Körper auszusetzen. Die Parallelen zu einer ungewollten Schwangerschaft sind trotz aller Horror- und Sci-Fi-Elemente jedenfalls nicht von der Hand zu weisen. Nach dem Filmscreening treffen wir in der p.m.k auf eine extra für Aural Visions entstandene Installation der Künstlerin Mirjam Miller, die Puppenkörperteile und Plastikwaffen zu einem grotesken Klumpen verschmolz, welcher im Durchgangsbereich von der Decke baumelt. Eine zugehörige Soundinstallation pumpt pulsierende Geräusche durch die Toilettenräume, bedrohlich schimmern die Augen des grünlichen Säuglings im Zwielicht und verfolgen uns Richtung Konzert – das Wesen in dir ist nicht nur parasitär, es ist auch noch bewaffnet.

„Dass wir das Ganze gerne in der p.m.k machen wollten, lag daran, dass wir selbst alle regelmäßige Besucher:innen dieser Venue waren und gerne ein Teil davon sein wollten“ so Quintessenz zur Wahl des Veranstaltungsortes. „Der politische, solidarische Duktus und die non-profit Orientierung spielte für uns eine zentrale Rolle.“ Nur durch die Unterstützung der p.m.k als niederschwelliges Veranstaltungszentrum für Tirols Subkultur sei es möglich gewesen, den Verein zu realisieren und auch in relativ kurzer Zeit ziemlich erfolgreich damit zu werden. Die Events von Quintessenz sind häufig ausverkauft, so auch die heutige Veranstaltung, für die sie die Ambient Black Metal Band Darkspace aus Bern holten – deren allererster Auftritt in Österreich. Die Band zieht mit ihrem einzigarten Sound viel Publikum von außerhalb an. Die drei hatten dieses Jahr auch den Ausgangspunkt für die Programmplanung gebildet: „Da ALIEN eine riesige Inspirationsquelle für die Band darstellt und mit zahlreichen Samples in ihren Alben verarbeitet wurde, lag es auf der Hand, zusätzlich den Film im cinematograph zu zeigen“ so Quintessenz.

Der letzte Programmpunkt des Abends war dann auch noch eine logische Wahl. Nach meditativ dröhnenden 1 ½ Std fallen einigen Besucher:innen an der Bar schon die Augen zu. Gut, dass sich Darth Vader wenig später entscheidet, von den Toten aufzuerstehen um die Party mit seinem Dark Drum’n‘Bass-Projekt Todesstern aufzumischen. Die Band ist schon seit gut 20 Jahren aktiv und immer wieder einfach stark. Auch heute gibt Todesstern eine Stunde full power ohne Atempause mit elektronischen Samples, Live-Drums und Metal-Vocals.
Das abwechslungsreiche Programm von Aural Visions passt nicht nur thematisch gut zusammen, sondern ergänzt sich auch in Stimmung und Intensität. Kommt man vielleicht nur wegen einem einzelnen Programmpunkt, kann man hier viel Neues kennen und schätzen lernen. Auch ihre anderen Veranstaltungen werden von den Organisator:innen, die der Vereinsarbeit alle ehrenamtlich neben ihren Jobs nachgehen, jedes Mal liebevoll und detailgetreu geplant:
„Wenn wir uns dazu entscheiden, eine Veranstaltung zu organisieren, sind wir mit vollem Herzblut hinter der Sache. Unser Anspruch ist ganz oder gar nicht”
erklären sie. „Zu einer gelungenen Veranstaltung zählt für uns zum Beispiel auch ein visuelles Konzept. Wir können uns glücklich schätzen, einige talentierte Künstler:innen in unseren Reihen zu haben, die immer wieder aufs Neue wunderschöne Artworks schaffen.“ Die Poster-Designs, die mit dem Stil des Horrorkünstlers H.R. Giger, der auch das Kostüm für den ALIENim Film entwarf, zu spielen scheinen, stammen diesmal vom Nürnberger Künstler Lucas Passenberger. Vom Musik- und Filmprogramm über Raumgestaltung und Grafikdesign bis hin zum jeweiligen Special Drink des Abends, der diesmal den appetitanregenden Namen „Facehugger“ trägt – bei Quintessenz wird an alles gedacht.

Der Verein veranstaltet deshalb auch nicht ausschließlich in der p.m.k, letztes Jahr trat etwa der niederländische Lautenspieler Jozef van Wissem in der Dreiheiligenkirche auf. „Genauso wie diese Wechselwirkung aus Film und Musik bei Aural Visions eine Synergie erzeugen kann, kann es auch der Veranstaltungsort selbst sein, der als Verstärker wirkt“ erklären die Organisator:innen. „Die intime Atmosphäre und die besondere Akustik einer Kirche waren in dem Fall einfach der ideale Rahmen.“
Beim Thema besondere Veranstaltungsorte kommen wir noch auf St. Bartlmä zu sprechen. Dort veranstaltete Quintessenz im Sommer ein Pianokonzert der US-Amerikanerin Emma Ruth Rundle. Auf den Abend blicken die Organisator:innen als eines ihrer Highlights zurück: „Der Gig verlangte uns organisatorisch sehr viel ab, was aber durch den wunderschönen Auftritt und das begeisterte Feedback der Gäste zig-fach ausgeglichen wurde“. Und das, obwohl man nicht ohne Hindernisse in den Abend startete: „Durch eine bis heute nicht komplett rekonstruierbare Kette an kommunikativen Missverständnissen zwischen uns und der Bookingagentur traf Emma mit der Erwartungshaltung ein, dass es sich bei St. Bartlmä um eine alte Kapelle an einem See handeln würde.“ Entsprechend groß die Überraschung, als die altehrwürdige Kapelle spontan zu einer rußgeschwärzten Fabrikhalle neben der Autobahn wurde.
Emma Ruth Rundle ist wohl nicht die Einzige, die bei einer Quintessenz-Veranstaltung schon die ein oder andere Überraschung erlebt hat. Bei Aural Visions wurden unsere Gesichter jedenfalls von einer gehörigen Menge Lärm umarmt, dessen in uns eingepflanzte Samen wir wohl bis jetzt mit uns herumtragen – wir werden sehen, was daraus entsteht.
| Delia Salzmann
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