Vom 5.-7. Oktober ging ein neues Musikfestival über die Innsbrucker Bühnen: das Positive Futures Festival (PFF) des Vereins Structure Research, das im Rahmen der Projektförderschiene TKIopen23 zum Thema „kippen“ umgesetzt wurde. Gekippt werden sollten Vorurteile zugunsten der Vielfalt – und die wurde von über 40 verschiedenen Künstler:innen aus dem globalen Musikkontext repräsentiert. Wir haben uns dabei u.a. mit der Musikdokumentation „A Story of Sahel Sounds“ (NEOPANKOLLEKTIV, 2016) beschäftigt:
Erster Tag des Festivalwochenendes. Gegen 17:30 Uhr schaffe ich es gerade noch ein paar Minuten vor Screening-Beginn des Musik-Doku-Films A Story of Sahel Sounds ins cinematograph. Der Saal ist schon recht gefüllt, denn als Vorprogramm spielt dort bereits der slowenische Multiinstrumentalist Iztok Koren aus seinem Solo-Programm, von dem ich unverhofft noch eine Kostprobe zu hören bekomme, bevor dann Moderator Martin Fritz mit schillerndem Outfit die Bühne betritt und in charismatischer Manier den nächsten Programmpunkt ankündigt (was sich nebenbei bemerkt, einem glitzernden Faden gleich, durchs gesamte Festival zieht und dem Ganzen den festlichen Touch verleiht, der ihm gebührt). Vorgestellt wird im Zuge der Anmoderation auch einer der anwesenden Regisseure des Films, Florian Kläger, der meint, dass er selbst schon gespannt drauf sei, wie der Film heute, ein paar Jahre nach dessen Veröffentlichung (2016), auf ihn wirke.

A Story of Sahel Sounds hat mir Martin Bleicher, Kurator des Festivals und Mitglied von Structure Research, in einem Vorgespräch persönlich ans Herz gelegt: „Dass dieser Film am Festival gezeigt wird, verdanken wir unserer Grafikerin, die den Kontakt zum Regisseur hergestellt hat“. Bleicher war zwar das Musik-Label und Publikations-Projekt Sahel Sounds von Christopher Kirkley bereits bekannt – sein Verein hatte auch schon eine der darin gefeaturten Bands, Etran de L`Aïr, nach Innsbruck geholt, – dass es aber auch einen Dokumentarfilm darüber gibt, wusste er bis dahin nicht. „Das war ein schöner Zufall! Der Film könnte thematisch gar nicht besser ins Programm passen“. Und mit dem Film wurde gleich noch Regisseur Florian Kläger selbst ins Line-Up aufgenommen, weil er auch als DJ (unter dem Namen NEOPANKOLLEKTIV) auflegt.
Das Projekt Sahel Sounds hat es zum Ziel, Musik und Kultur aus der westafrikanischen Sahelzone zu verbreiten und zu unterstützen und steht damit ganz im Sinne der Grundidee, die hinter dem PFF steckt: Musik aus unterrepräsentierten Gegenden der Welt in den Vordergrund zu heben. Dieses Interesse für globale Musik teilen auch die Mitglieder des NEOPANKOLLEKTIVS, die vor ungefähr zehn Jahren selbst auf Kirkley’s Label gestoßen sind: „Die Musik war zwar nicht per se neu für uns, spannend daran war aber der roughe, ungefilterte Klang. Dazu gab es auf der Sahel Sounds-Website nicht nur die Platten zu kaufen, sondern auch noch Geschichten zu lesen“, erinnert sich Kläger über die ersten Eindrücke zu den Field Recordings von Sahel Sounds, die eben keine gewöhnlichen Studioaufnahmen waren. „Das Ganze hatte etwas Magisches“ – das Kollektiv war schließlich so fasziniert von dem Projekt, dass es den gebürtigen US-Amerikaner Kirkley kurzentschlossen über E-Mail kontaktierte und ihm vorschlug, ihn auf eine seiner Reisen in die Sahel-Gegend filmisch zu begleiten. Das war also die Initialzündung des Films, auf dessen Idee Kirkley anfangs noch eher zurückhaltend reagierte. Ein paar Monate später war er dann aber mit Mamman Sani auf Europatour, wo sich ein erstes Kennenlernen und bereits erstes Filmmaterial ergaben, bevor die dreiköpfige Crew Kirkley dann auf eine abenteuerliche Reise in den Niger begleitete.

Der Film beginnt nicht, wie vielleicht erwartet, mit exotischen Bildern und Klängen aus der uns wenig bekannten Sahelzone, sondern zeigt Kirkley und dessen Partnerin Karen Antunes beim gemeinsamen Frühstück in ihrer privaten Wohnung in Portland, USA, wo sie darüber reden, ob es nun aufgrund der politischen Situation zu gefährlich sei, nach Mali zu reisen. Darauf folgt eine Szene in einem Plattenladen, in der Kirkley sich mit Eric Isaacson, Gründer von Mississippi Records, über den Idealismus hinter seiner Arbeit unterhält. „To be broke is noble“, blieb mir noch als Zitat dieses Gesprächs im Kopf hängen. „Wir wollten auch das DIY-Arbeitsumfeld von Chris im Film zeigen, das hat sich als Einstiegsszene dramaturgisch gut angeboten“, sagt Kläger. Da das Kollektiv im Film auf eine erklärende Off-Stimme verzichten wollte, führt Kirkley als leitende Figur und einziger Erzähler durch den Film. „Es war nicht unsere Intention, Chris und sein Projekt mit diesem Film zu heroisieren“, so der Regisseur, „nichtsdestotrotz fanden wir aber, dass er einen gesunden und charmanten Idealismus sowie eine gewisse Radikalität pflegt und dabei genau weiß, was er nicht machen möchte und wer er nicht sein will“.
Es ist ein komplexes Unterfangen, sich als westlicher Weißer mit global unterrepräsentierten Kulturen zu beschäftigen und, wie es Christopher Kirkley betreibt, darauf seine Arbeit aufzubauen. Kritik ist da von allen möglichen Seiten und Standpunkten vorprogrammiert – und in solchen Kontexten auch oft gerechtfertigt. Da braucht es sensible und differenzierte Herangehensweisen, wie Kläger selbst in Bezug auf den Film meint: „Je komplexer das Thema, desto komplexer muss auch der Zugang sein“. Bevor der gelernte Filmeditor einen Kompromiss eingeht, verzichtet er lieber auf eine Szene: „Es gehört auch dazu, sich eingestehen zu können: ‚da find ich jetzt keine Entscheidung‘“. Der Schnitt des Sahel Sounds Projekt bereitete ihm des Öfteren Kopfzerbrechen:
„Ich fand es teilweise extrem schwierig, zwei Bilder aneinanderzureihen, weil Bilder unweigerlich miteinander kommunizieren. Ich wollte nicht, dass eine Kommunikation stattfindet, die falsch verstanden werden könnte“.
Themen wie westliche Privilegien, Ungleichheit und Kolonialgeschichte werden auch im Film bewusst sowie unterschwellig aufgegriffen, etwa wenn in einer Szene fast schon hoffnungslos verwickelte Tape-Bänder von alten Recordings aus den verstaubten Regalen hervorgegraben werden. „Es wäre sicherlich toll, wenn es auch im Niger eine Priorität sein könnte, Kulturgüter zu konservieren“, ergänzt Kläger, „man muss sich in diesem Kontext halt fragen, was es für Strukturen braucht, um sowas machen zu können. Vorher müssen notwendigere Dinge in einer Gesellschaft laufen“. Kläger verweist in diesem Kontext aber auch auf Unterschiede in der kulturellen Praxis und nennt dabei die Musikvermarktung als Beispiel. Urheber-, Nutzungs- und Verwertungsrechte haben im Niger – wie in vielen anderen Ländern – einen anderen Stellenwert als in unserer westlichen Gesellschaft. So seien die beiden Takamba-Spieler im Film Berufsmusiker, die regelmäßig für Zeremonien gebucht werden. Sie bekommen Geld für ihren Auftritt, mit dem dann quasi auch die Musik schon mitverkauft ist. Aufnahmen werden ungefragt verbreitet, das ist dort gängige Praxis.
Trotz einiger schlafloser Nächte, die ihm damals das Filmschneiden bereitete, hat sich Kläger sein Werk auch heute noch gerne im Kinosaal angeschaut: „Ich bin immer noch sehr froh darüber, was am Ende dabei rausgekommen ist – und würde so einen Film sofort wieder drehen“. Zehn Jahre sind seit dem Dreh vergangen. Die Dokumentation ist mittlerweile schon zu einem Zeitdokument avanciert. „Je länger der Film existiert, desto spannender wird es, ihn anzuschauen“, findet der Regisseur, der bereits einige Veränderungen, im Positiven wie im Negativen, feststellen kann. Zu den schönen Sachen zählt sicher der weltweite Anklang, den manche der damals noch ganz unbekannten Bands inzwischen finden konnten.

Ganz nach dem Motto: „Es wird nicht belehrt, es gibt nichts zu verstehen, nur zu fühlen“, geht es gleich nach dem Film im Treibhaus mit drei unterschiedlichen musikalischen Darbietungen weiter. Und ich fühle mich schon wie auf einer audio-visuellen Reise von einer Raum-Zeit-Konstellation zur anderen getrieben. Im Treibhaus-Turm hat das slowenische Folk-Avantgarde-Trio Širom Platz genommen, darunter auch wieder Iztok Koren, den ich gleich an seinem Neurosis-Bandshirt wiedererkenne. Der Festivalkurator selbst ist schon gespannt auf dieses Konzert: „Die Alben von Širom waren eine meiner meistgehörtesten im letzten Jahr. Und auf der Bühne – mit ihren selbstgebastelten Instrumenten – passiert da auch was fürs Auge“. Das war nicht zu viel versprochen. Von irgendwelchen Samenkörnern, die energisch in Metallschalen geschüttet werden (ein paar davon landen auch im Publikum) und den lauten Schnall-Geräuschen vom Zusammen-Kleben und Schnell-Wieder-Auseinanderreißen eines Tapes direkt vor dem Mikrofon werden im Zusammenspiel mit traditionellen, mittelalterlich anmutenden Instrumenten und dem Gesang filigraner Stimmen mystische Kulissen erzeugt.

Die Spannung hält bis zum zweiten Act an, dem aus Belarus stammenden Yegor Zabelov, der als Solo-Akkordeonist das Publikum mit überraschenden Sounds fesselt, die aus diesem Instrument wohl kaum jemand erwartet hätte. Das Akkordeon wirkt an Zabelov beinahe wie eine Extension seines Körpers. Dazu schafft er eine akustische Intensität, die den Eindruck vermittelt als würde er mit einem ganzen Orchester auf der Bühne stehen. Und als letzter Act des ersten Abends, und für viele der Besucher:innen wohl ein Highlight, ist schließlich die aus dem Niger stammende Band TisDass angesagt – wo wir wieder zurück bei Sahel Sounds wären. Auch wenn die Band im Film nicht vorkommt, spielte einer ihrer Mitglieder eine zentrale Rolle in diesem ganzen Adventure. Deren Frontman, Moussa Kildjate Albadé, begleitete die Filmcrew damals nämlich fünf Wochen über als Guide durch das Land. Dementsprechend ist auch Florian Kläger schon gespannt auf das persönliche Wiedersehen. Die globale Vernetzung, die während dem PFF stattfindet, und teils bereits vorher schon stattgefunden hat, zeugt von einer ganz besonderen familiären Atmosphäre dieses Events.
“If people have to understand each other, it’s through music.”, sagt Goumar Abdul Jamil im Videoausschnitt (Min 1:30). Und was könnte die Intention des Festivalteams besser zusammenfassen als diese Worte? Oder jene von Martin Fritz, der selbst einen schönen einleitenden Text darüber verfasst hat:
(…) Wie die spannende Musik eben immer schon nicht entstanden ist aus dem am eigenen Standpunkt und Rechthaben Beharren, sondern aus dem sich über wahrgenommene, metaphorische und ganz reale Grenzen Hinwegsetzen, aus dem auf-, neu- und anders Lösen, aus dem Austausch, der Kooperation von Verschiedenen und dem neugierig Sein; (…)
So soll der Festival-Slogan „empathy over opinion“ eben dazu anregen, sich gegenseitig wieder mehr zuzuhören, andere Meinungen auch mal stehen zu lassen und zu versuchen, sich in das vielleicht andersdenkende Gegenüber hineinzuversetzen, anstatt jede einzelne Aussage auf die Waagschale zu legen. „Das vielfältige Festivalprogramm ist ein Spiegelbild unserer vielseitigen Gesellschaft“, so die Organisator:innen, die durch globale Musik mehr Offenheit und weniger Vorurteile erreichen wollen. Es wäre schön! Das Festival war es jedenfalls!
| Brigitte Egger
Releases von Sahel Sounds: sahelsounds.bandcamp.com

Ein Gedanke zu “„A Story of Sahel Sounds“ und viele mehr: Global unterwegs am Positive Futures Festival”