Starre Uhren auf „5 nach 12“ – ein KÖR-Projekt von RICHARD SCHWARZ aka islandrabe 

Das Räderwerk der Turmuhren des Domes zu St. Jakob ist außer Betrieb gesetzt. Ebenso stehen die Zeiger der Zifferblätter der Spitalskirche, der Servitenkirche, der Jesuitenkirche sowie vieler anderer Uhrwerke der Stadt in aller Herrgottsfrühe reglos auf 5 nach 12. Der Konzeptkünstler Richard Schwarz hat im Zuge seines KÖR-Projektes „5 nach 12. Oder warum wir nicht bremsen können“ einen uhrzeitlosen Raum mitten im Zentrum Innsbrucks geschaffen, indem er so viele öffentliche Uhren wie möglich auf Rest-Mode stellen ließ. Wir haben den 18.10.2023. Vor exakt 121 Jahren wurde ein neues Zeitverständnis eingeleitet, dieselben Uhren, die nun stillstehen, auf Mitteleuropäische Zeit gedreht. Schwarz nimmt dieses Datum als Ausgangspunkt, um über die Zeit zu sinnieren und darum, was sie mit dem inneren Rhythmus des Menschen macht und was passiert, wenn man sie anhält – zumindest für Dauer eines Halbtages. 

5 nach 12 | Bild: Verena Nagl

Unwissende Passant:innen geraten am 18.10.2023 in der Innsbrucker Innenstadt ins Stocken. Irritation macht sich breit, das Fragezeichen im Kopf wird größer: Da geht man an sämtlichen öffentlichen Uhren der Stadt vorbei und alle sind auf derselben Zeit – 5 nach 12 – hängengeblieben. Verantwortlich dafür ist Richard Schwarz aka islandrabe, der mit seiner Aktion einen Diskurs über die Zeit und was daran nicht stimmt auslösen möchte und zwar unausweichlich mitten im öffentlichen Raum. Berechtigterweise gilt es wohl auch und vor allem in dem Zusammenhang zu sagen, dass das Anhalten der Zeit zwar eine schöne Metapher bildet, jedoch nicht ganz der Wahrheit entspricht. So kann man lediglich vom Anhalten der die Uhrzeit anzeigenden Maschine sprechen. Die Zeit rennt ja ungeachtet dessen unaufhaltsam ihren Lauf weiter. Das zeigt geradezu die Problematik auf, mit der sich der Künstler Richard Schwarz im Projekt „5 nach 12“ auseinandersetzt: Die vom Menschen vermessene Zeit wurde – berücksichtigt man die Geschichte der Zeitnehmung mitsamt allen Standardisierungen – so weit getrieben, dass sie das gesellschaftliche Leben bis ins kleinste Detail ordnet und so rasant abläuft, dass sie überhaupt keine Zeit mehr zum Anhalten geschweige denn Durchatmen zulässt. Die Einführung der Mitteleuropäischen Zeit, in Tirol geschah das laut einer von Schwarz aufgegriffenen Zeitungsannonce am 18.10.1902, stellte eine neue Stufe der Genauigkeit und eine Zäsur dar, da ab diesem Zeitpunkt alle Uhren gleich zu ticken begonnen. Das brachte Vorteile wie eine bessere Ordnung von Verkehr, Freizeit und Arbeit mit sich. Das führte aber auch dazu, dass ein Griff auf die Bremse zum Problem wurde und heute schon fast widerständig anmutet. Schnelllebigkeit und Beschleunigung sind die Folge. Ein Bremsen oder gar Anhalten scheint unmöglich und muss als künstlerischer Akt künstlich heraufbeschworen werden – im Falle von „5 vor 12“ als Intervention und vielleicht auch ein bisschen mit dem erhobenen Zeigefinger. Man muss sich lediglich das Bild des englischen Polarforschers Sir John Franklin im 1983 erschienenen Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny vor Augen führen. Er hatte Schwierigkeiten mit dem Tempo mitzukommen, wurde aber schließlich gerade aufgrund seiner Langsamkeit und Beharrlichkeit zum großen Entdecker. Die Grundintention von „5 nach 12“ ist nicht weit davon entfernt. Sie handelt davon, was wir gewinnen, wenn wir die Zeit verlieren. Es ist 10:19 am Vormittag als ich diesen Text schreibe, diesen Satz tippe. Die Zeit rennt mir davon, denn um 10:30 habe ich ein Telefonat mit Richard Schwarz vereinbart und um 12:00 muss ich bereits bei einem Meeting sein. Das allein zeigt, wie abhängig wir von der Zeit geworden, ja wie unterworfen wir ihr sind. 

Das Projektteam macht Passant:innen auf die Aktion aufmerksam | Bild: Daniel Jarosch

Zeit ist Schwarz´ Leitmotiv: „Das Thema hat mich irgendwie immer schon beschäftigt. Vielleicht, weil ich immer der Letzte bin, der beim Essen fertig wird“, scherzt der in Kufstein lebende Künstler. Er führt mit ernster Miene fort:

„Das mit dem Essen kann in speziellen Situationen wie der Mittagspause bei der Arbeit zum Problem werden. Irgendwann habe ich gemerkt, dass da etwas in Bezug auf Zeitdauer und Abläufe in unserer Gesellschaft gewaltig schiefläuft. Das markierte quasi den Anfang, mich vertieft mit der Philosophie der Zeit auseinanderzusetzen.“

Schwarz begann mit Recherchen, kam zur Erkenntnis, dass die heute standardisierte Zeit nur ein menschliches Konstrukt bildet, die Uhren in der Vergangenheit anders gelaufen sind, ja geradezu nach einem anderen Rhythmus tickten. Er schrieb seine Abschlussarbeit zum Thema Zeitwohlstand und widmete sich darin der Grundfrage, wie Zeit auch anders eingeteilt werden kann – gesünder und vor allem menschlicher. Die Zeit wurde immer stärker Teil seiner künstlerischen Praxis. Man nehme eine als historische Studie angelegte Arbeit, die untersucht, wie die Zeit Teil der Stadt Wien wurde und dem Entstehen der Uhreninfrastruktur in Wien nachgeht. Man nehme – etwas praxisnäher – seine sogenannten Müden Spiegel, eine digitale Langzeitbelichtung, die zunächst den Anschein gewöhnlicher Spiegel macht, doch erst über die Dauer hinweg, Pixel um Pixel, das fertige Spiegelbild in Slow-Motion zusammenfügt. Es braucht Zeit, um sich darin zu erkennen. Poppen zunächst nur einzelne, nicht ins Bild zu passen scheinende Elemente auf, so werden Betrachter:innen je länger sie sich Zeit nehmen, umso genauer ins Bild gesetzt: „Diese Arbeit ist quasi bereits eine Spielerei mit der Zeit“, so Schwarz. 

Die Zeit wurde zur Präsenten in seinem Werk. Sie schwingt untergründig selbst in Werken wie in Jetzt neu: Alte Werbung mit, wo Schwarz gemeinsam mit Stefanie Blasy und Johannes Felder über 2400 Werbeanzeigen aus den vergangenen beiden Jahrhunderten im Ausstellungskontext, an öffentlichen Orten Innsbrucks sowie im virtuellen Raum kursieren ließ. Mit Blick auf den Faktor Zeit fällt hierbei auf, dass die Beeinflussung von Reklamen durch Wunschbildprojektion heute noch funktioniert, obgleich es die dargestellten Produkte gar nicht mehr zu kaufen gibt. Das aktuell laufende Projekt „5 nach 12“ ging übrigens bereits vor dem Anhalten der Uhren mit diversen Aktionen wie einen Stadtspaziergang, einen Zeitsalon, Workshops und Diskussionsabenden in die Öffentlichkeit. Das komplette Programm soll zum Nachdenken über die Zeit anleiten und in vielen Diskursen münden. Zeit wurde in Sautens verlost, um das Freibad ohne Zeitdruck für die Dauer eines ganzen Tages alleine nutzen zu können. Experimentelle Veranstaltungen wie „Es spart Zeit“ im Kunstraum Schwaz stellten Konnexe zwischen dem Smartphone und dem zeitlichen Zwang her. Ein als Guided Tour angelegter Spaziergang durch Innsbruck begab sich auf die Suche nach der öffentlichen Zeit. Online abrufbare Hörspiele widmen sich historischen und brandaktuellen Fragestellungen wie der Rolle von Kirchturmuhren als verlässliche Fixpunkte im Alltag, der Zeitregelung in der Schule oder aber der Relevanz von Zeit im öffentlichen Verkehr. 

5 nach 12, Pressekonferenz | Bild: Verena Nagl

Die konkrete Ausführung des Uhrenstillstellens war dem Faktum verschuldet, dass die KÖR Tirol die diesjährige Ausschreibung dem Thema „Zeitenwende“ widmete. Obwohl die Idee schon länger im Hinterkopf des Künstlers herumgeisterte:

„Ich dachte, es könnte ein interessantes Bild ergeben, möglichst auf einem Ort zentriert, so viele Uhren wie möglich auf Stillstand zu bringen. Mit der Ausschreibung der KÖR 2023 bot sich mir die Gelegenheit, an eine Realisierung dieses Vorhabens zu denken – vor dem Hintergrund einer Zeitloswende natürlich.“

Richard Schwarz selbst kommt eigentlich von der Europäischen Ethnologie und hat parallel dazu das damals an der Universität für angewandte Kunst in Wien neu angebotene Studium „Art and Science“ absolviert – eine Kombination, die Theorie und Praxis verschmelzen lässt:

„Meine Arbeiten haben viel mit Recherche zu tun und damit, diese in eine passende Erzählung zu bringen. Auf der einen Seite ist da die Archivarbeit, auf der anderen die Ausarbeitung. Diese kann, wie im Falle der Arbeit Dörfliche Nachbarschaft, aus Grafiken bestehen, die wieder den Weg zurück zu ihrem Ursprung finden und gemeinsam am Wirtshaustisch diskutiert werden. Sie kann aber auch in einem kollektiven Zeichen münden, das erst entsteht durch die Beteiligung anderer Menschen.“

Wenngleich Schwarz´ ältere Arbeiten mit spielbaren Klangkuben oder aber den bereits erwähnten Müden Spiegel eher der Medienkunst zugeordnet werden können, wurde sein Werk zuletzt konzeptlastiger und er näherte sich immer mehr der Konzeptkunst im Sinne eines Bruce Nauman oder Sol LeWitt an, die das Konzept als eigenständige künstlerische Leistung in den Fokus schoben. Ganze Publikationen aus Grundentwürfen entstanden in der in den 1960er Jahren in die Mode gekommenen Konzeptkunst, die künstlerisch dem eigentlichen Werk um nichts nachstanden. LeWitt gab seine Entwürfe sogar an die Ausstellungshäuser für eine Wiederaufführung ohne sein Zutun weiter, man denke an die monumentale Installation Wall fürs Kunsthaus Graz. Ähnlich agiert auch Schwarz: „Meine Idee, mein Konzept, schafft mehr den Rahmen, für die Realisierung benötige ich in den allermeisten Fällen andere Personen, sie geschieht gemeinschaftlich“, so der Künstler. Ein Paradebeispiel hierfür bildet die Arbeit Chatbot Knigge, ein digitaler Chatbot, der Mensch und Maschine paradoxerweise über das Thema des Zwischenmenschlichen in Interaktion treten lässt. Die Auswertung der Gespräche schließlich kreiert oder vollendet erst das Kunstwerk. Da seine Kunst mehr als nur ihn selbst umfasst kam Schwarz schließlich auf die Idee der Verwendung eines Pseudonyms. Seine Kunst ist weniger Label Richard Schwarz als islandrabe, so das stellvertretend für seine Kollaborationen stehende Alias. Warum ausgerechnet der Rabe und das Land Island im Namen vorkommen? „Mich zog es immer schon in die nördlichen Länder und weil Norwegen oder Schweden aufgrund der Wortkombination nicht infrage kam, griff ich auf Island zurück. Und der Rabe ist bedeutungsoffener als beispielsweise der Löwe und zudem sehr relevant für den Lebensraum“, erklärt Schwarz. 

Blick ins Fenster eines Uhrengeschäfts in Innsbruck | Bild: Daniel Jarosch

Auch sein aktuelles Projekt reiht sich in den Kontext des Kollaborativen wie der Konzeptkunst ein. Wobei man im Fall von „5 vor 12“ schwer um künstlerische Beispiele der zeitgenössischen Kunst herumkommt, die sich konkret mit Zeit und Zeitlosigkeit auseinandergesetzt haben und als Referenzwerke herangezogen werden können. Da wären dann die zeigerlosen Uhren der Installation Dark Times des Künstlers Vadim Fishkin, die unaufhaltsam ticken, deren Zifferblätter jedoch schwarz eingefärbt wurden, wodurch sie das Publikum daran hindern, die Uhrzeit ablesen zu können und in eine graue Zone der Zeitlosigkeit verfrachten – ähnlich dem Projekt „5 nach 12“. Da wäre auch die Arbeit Untitled. Perfect Lovers vom Installationskünstler Félix Gonzáles Torres, zwei nebeneinander positionierte Wanduhren, die auf die gleiche Zeit gestellt wurden, doch im Laufe der Zeit nicht mehr synchron laufen. Oder Christian Marclay´s The Clock, einer 24-Stunden-Installation tausender Uhren aus Fernsehen und Film, vom Künstler so zusammengeschnitten, dass sie die tatsächliche Zeit wiedergeben. 

Einen Halbtag lang war die Zeit in großen Teilen von Innsbruck, Sautens und Schwaz also ausradiert. Einen Halbtag lang Zeit für sich selbst sein, könnte man sagen. Die Uhren wurden jedenfalls am besagten 18. um fünf nach Mitternacht auf Stillstand gestellt, damit die Menschen so wenig wie möglich davon Wind bekommen. Der bewusste Akt sollte sie überrumpeln. Fünf Minuten nach dem Mittagsläuten nahmen sie wieder gewohnte Fahrt auf. Nachzuhören gibt es die Aktion vom 18.10 übrigens als finales Hörstück und Dokumentation der Ereignisse, das den Abschluss des gesamten Projektes bildet. Es soll am 27.10 online gehen. „Das Werk ´5 nach 12´ wird auf diese Weise hörbar“, so ein Zitat auf der Projekt-Homepage.

| Florian Gucher

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