Der Müllhaufen, ein wertvolles Relikt – DAS GROSSE MULLMULLAHAUFNSCHAUGN

Mit lautem Getöse und klirrenden Kostümen vertreiben die MullMullas die Müllgeister als Symptom unseres verschwenderischen Lebensstils. Angelehnt an das traditionelle Muller-Brauchtum – in Arzl und Mils verbreitete Perchten, die durch die Dörfer geistern –haben sich die Initiatoren der sogenannten MullMulla, Daniel Jarosch und Stephan Pirker, einen Kalauer erlaubt. Sie haben das ihnen von Kindesbeinen an bekannte Erbe auf das Abhalten von inklusiven Müllperformances übertragen und laden nun regelmäßig als trashige Versionen der traditionellen Maskentänzer gemeinschaftlich zum Tanz ein. Als TKIopen 23-Projekt feierten sie am 20. und 21. Oktober im und vor dem Off-Space Reich für die Insel mit einem Live-Auftritt und einer anschließenden Ausstellung ihren vorläufigen Höhepunkt und luden zum Überdenken des gesellschaftlichen Umgangs mit Ressourcen ein.  

MullMulla vor dem Kubus Reich für die Insel | Bild: Alena Klinger

Das Ritual und Phänomen des Bannens angstmachender, unkontrollierbarer Dämonen und Gespenster, indem man sie als Masken oder Figuren darstellt, hat lange Tradition. Die Mullas in Tirol sind nur ein Beispiel und gehen ursprünglich auf die Idee zurück, den Winter zu überwinden und durch Beseitigung böser Winterdämonen die Fruchtbarkeit wieder zurück auf die Erde zu bringen. Man denke auch an das vielerorts bekannte Fastnachtstreiben, wo es dem Volksmund nach darum geht, durch Kostüme und Masken eine Bedrohung – in diesem Falle ebenfalls den Winter – zu inkorporieren. Insbesondere in der Zeit der Raunächte sind Perchtenaustreibungen gang und gäbe, scheint da, schenkt man den Okkultismus glauben, die Schwelle zwischen Diesseits und Jenseits am größten. Masken sollen Überlieferungen zufolge teufelsartige Kreaturen vertreiben, sie dienten rituellen und sakralen Bräuchen und gaben den Menschen Sicherheit. In vielen Kulturen wurden und werden sie gar verwendet, um Krankheiten beeinflussen zu können. Die Maske des Kana-Sanniya (der Blindheits-Krankheitsdämon) mit dargestelltem blindem Auge oder die Maske des Kora-Sanniya (Lähmungs-Krankheitsdämon) mit schräg nach oben verzerrtem Mund aus Sri-Lanka können in dem Zusammenhang genannt werden. Die Intention folgt von Alaska über die volkskulturellen Brauchtümer in Europa bis hin zu afrikanischen Stammesriten meist demselben Muster: Man glaubt, sich durch das Tragen der Masken quasi den Dämon selbst aneignen zu können, um ihn dann näher zu kommen oder im besten Fall gar vertreiben zu können.

MullMulla | Bild: Patrick Ausserdorfer

Die MullMullas greifen also diese ursprüngliche, sich in archaischen Kulturen herausgebildete Tradition des Maskenumzuges nun mit gewissem Augenzwinkern, doch gleichzeitig ernsthafter Botschaft auf. Die Initiatoren Daniel Jarosch und Stephan Pirker orientierten sich dazu an den ihnen seit der Kindheit vertrauten Muller-Perchten – nicht nur als Wortspiel – und kleideten ihren Brauch buchstäblich neu ein. Die Kostüme der Gruppe sind weitestgehend dem Muller-Brauchtum angelehnt, bestehen jedoch ausschließlich aus Abfallmaterial:

„Bei uns gibt es nur eine Regel. Nichts darf gekauft sein, alles muss aus Müll bestehen. So wird das, was in der Gesellschaft als scheinbar nutz- und wertlos angesehen wird, zur Ressource. In diesem Sinne stellen wir uns auch grundsätzlich die Frage, was überhaupt unter dem Begriff Müll verstanden werden kann“,

erklärt Daniel Jarosch. Wobei nicht direkt der Müll ihr Dämon ist, sondern vielmehr die problematische, konsumorientierte Gesellschaft, die ihn in dieser Menge erst heraufbeschwört:

„Das Problem ist, dass die Gesellschaft unseres Zeitalters extrem darauf aus ist, einen unglaublichen Berg an Müll zu hinterlassen. Es ist ein kollektives und weniger ein individuelles Problem. Die heutige Gesellschaft geht mit den Ressourcen falsch um, sodass ganz viel abfallt. Selbst bei einem Einkauf noch so biologischer Fair-Trade Produkte kommt man um den sich ansammelnden Plastikhaufen gar nicht mehr umhin. Auch die Plastikkaffeeverpackung des Fair-Trade Kaffees oder das Plastiksackerl der Bio-Tomaten hinterlässt einen großen ökologischen Fußabdruck – trotz Fair-Trade Siegel und kontrolliertem Handel. Man kommt dem nicht aus“,

betont Jarosch, der sich als Ethnologe stark mit kulturellen Bräuchen wie jenen der Mulla auseinandergesetzt hat. Stephan Pirker hingegen ist als Künstler tätig, der den Abfall in seinem künstlerischen Schaffen auch immer wieder zum Material seiner Arbeiten macht – nicht zuletzt aus gesellschaftspolitischen Gründen. Diese Kombination zweier Kunst- bzw. Kulturschaffender, aus Ethnologie mit künstlerischem Umgang, scheint passgenau auf ein solches Projekt hin ausgerichtet. Die Kostüme der MullMullas können dann unterschiedlich ausfallen, machen die Problematik auf den ersten Blick erkennbar: Ein von Kopf bis Fuß ausschließlich aus amazon-Kartonschachteln bestehendes Müllmonster als Verkleidung spielt dann auf das kollektive Problem des Bestellens und Zurücksendens in Fließbandmanier an. Zusammengebastelte Plastikroboter deuten auf die Verschmutzung der Meere an. Ein wirres Geflecht aus Kunststoff-Absperrbändern um den Körper und Verkehrspylon als Hütchen kann schließlich als letzter Warnruf angesehen werden. 

MullMulla | Bild: Patrick Ausserdorfer

Das Ritual der MullMullas weicht dann von jenem ihrer Perchtenkollegen aus den Dörfern doch erheblich ab, auch wenn sie diese zum Ausgangspunkt nimmt. Es ist eine stärker politische Mitteilung, die die MullMullas ihrem Publikum mitgeben möchten. Auch spielt das kollektive Moment eine wesentliche Rolle in ihrem Wirken. Während die Mullas als eine sehr exklusive Gruppe bezeichnet werden können, arbeiten ihre trashigen Namensvetter hingegen inklusiv: „Es gibt sehr viele Auflagen, um bei den Umzügen der Mullas partizipieren zu können. So ist das ausschließlich Männern aus dem alteingesessenen Dorfkern aus Arzl sowie Mils vorbehalten. Bei uns aber kann jede:r Interessierte teilnehmen“, so Jarosch. Die Tradition des Austreibens wurde in diesem Falle übernommen, doch auf ein sehr gegenwärtiges Problem übertragen, wodurch die Umzüge sich vom Volksbrauchtum wiederum lösen und eher Richtung Performancekunst gehen. Demnach agieren die MullMullas zwar konzeptionell, was nur als Rahmen gilt, innerhalb dessen sehr viel Raum für Interpretation offengelassen wird. Zudem wirken ihre Performanceakte brandaktuell: „Als MullMullas versuchen wir den Müllwahnsinn, der eine Bedrohung darstellt als Figuren darzustellen.  Dadurch wollen wir, wenn vielleicht auch nur symbolisch, Einfluss nehmen.“ Dass sich die Gruppe dann aber wiederum am Brauchtum der Muller angelehnt und zeitgleich schätzt und würdigt, zeigt sich in ihren Performances: „Wir konnten einen echten Muller gewinnen, der uns die Musik, zu der wir tanzen und agieren, mit der Harmonika eingespielt hat“, so Jarosch.

MullMulla vor dem Kubus Reich für die Insel | Bild: Alena Klinger

In ihrem Auftritt vor dem Kubus hat sich die Gruppe, die übrigens dem eigens gegründeten Trägerverein Verein zur Förderung der Lebensfreude und zur Förderung eines Lebenswerten Planeten für alle zugeordnet ist, von ihrer bunten Seite gezeigt. Bezeichnenderweise wurden die MullaMullas als eines der TKIopen Projekte 2023 auserkoren, stand die Ausschreibung doch in diesem Jahr unter dem Aufhänger „kippen“. Etwas kippen, wollen die MullMullas insbesondere im Überdenken der konsumorientieren gesellschaftlichen Lebensweise. Die Performance-Aktion GROSSES MULLMULLAHAUFNSCHAUGN vor dem Kubus war quasi Grand Finale ihres TKIopen Zuschlages. Mit dazu kamen erstmals auch eigene, aus Müll gebaute Instrumente, die von Musiker:innen, dem sogenannten karrierefreiem Mullorchester, eingespielt wurden. Die Veranstaltung verlief sehr experimentell. Das vor dem Live-Akt ebenfalls mit Pfeifen und Schellen ausgestattete Publikum sowie die Musikschaffenden steuerten mit ihren musikalisch-performativen Aktionen die Improvisation der MullMullas auf der Bühne, die als Reaktion darauf sehr improvisatorisch agierten. Und wenn am Folgetag dann Müll-Hinterlassenschaften des großen Festes in einer Ausstellung im Kubus Reich für die Insel zu sehen waren, sagt das schon einiges über den Umgang und die Einstellung der Gruppe zum gesellschaftlich unbeliebten Abfall. Die Instrumente und Kostüme wurden als Müll-Relikte installiert, nisteten sich diesmal nicht länger als lästige Party-Hinterbleibsel im Raum ein. Und die MullMullas gaben der Vorstellung von Müll eine Wendung. Sie machten ihn, zumindest für die Dauer eines Wochenendes, zur wertvollen Ressource. 

| Florian Gucher

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