Im Zuge der Premierentage vom 2. bis 4. Nov 2023 geht der openspace.innsbruck am Eröffnungsabend (ab 21 Uhr) in seine finale Phase, zumindest in seiner jetzigen Form als klassischer Ausstellungsraum. Der Placemaker und Künstler Aaron Kopp reflektiert in einer praktisch angelegten Präsentation seiner künstlerischen Projekte nochmals den Ausstellungsort selbst. Er verwandelt sonst für die Öffentlichkeit unzugängliche Zonen wie das Lager und Teile des Gartens in mythische „other spaces“ – Orte, die sich als radikal anders ihrer Umgebung gegenüber geben und ihre eigenen Spielregeln besitzen. Besucher:innen werden eingeladen, den Zauber der Raumillusion auf sich wirken zu lassen und über das gewohnte Räumverständnis hinauszudenken.
Wie ein Gedankengang voller Überlegungen, die Aaron Kopp zur Masterthesis geführt haben, baut sich ein Weg durch den Lagerraum des openspace.innsbruck hindurch auf. Die beschriebene Situation lässt Besucher:innen etwas irritiert zurück. Ein bespieltes Lager in einer Kunstausstellung, das sieht man nicht alle Tage. Doch um eine solche unkonventionelle Erfahrung geht es Aaron Kopp gerade: Man nehme zum besseren Verständnis die Ausstellungsrealität wie man sie gemeinhin kennt als Vergleich – am Besten in Form des White-Cube. Galerieschauräume sind zum Herzeigen gedacht. Ein Abstellraum hingegen ist nicht wirklich Ort zum Verweilen. Er ist nicht für Menschen, sondern zur Aufbewahrung von Gegenständen gemacht. Nistet sich nun ein solcher in die gewohnte Raumstruktur, in den Ausstellungskontext, ein, durchbricht dieser Erwartungen. Er wirkt wie ein Fremdling. Aaron Kopp spricht dabei von „other spaces“ und ihrem magischen Potential. In weiterer Folge können diese unbekannten Räume zum Weiterdenken anregen, weil sie nicht wirklich rational erfahrbar sind und immer eine übergeordnete Ebene in sich beinhalten. Es benötigt die Phantasie, um ihnen näher zu kommen.

Das Prinzip der „other spaces“ ist nicht neu. Es fußt auf nicht unbedeutenden theoretischen Unterbau. Man denke an das, was der französische Philosoph Michel Foucault Heterotopias nennt oder an Edvard W. Soyas sowie Ray Oldenburgs Third Places. Im Grunde meinen sie dasselbe: Die Rede ist von Orten, die sich vom gewöhnlichen Terrain abgrenzen und grundsätzlich anderen Gesetzen folgen. Wie abgesteckte Wiederlager oder Gegenplatzierungen tun sie sich dann auf. Foucault zählt Friedhöfe oder Vergnügungsparks zu ihnen. Im erweiterten Sinne können „other spaces“ auch Museen, Bibliotheken, Kinos, Kasernen, psychiatrische Kliniken oder gar Gefängnisse sein. Und es braucht diese „other spaces“ in der Gesellschaft, heute dringender denn je, wie Aaron Kopp bemerkt: „Ohne sie würde es nur kommerziellen, kontrollierten Raum geben – leerstehende Gebäude, Büros, Institutionen und so weiter. Es sind eben diese ‘anderen Orte‘, die die Fantasie kitzeln und herausfordern, die Menschen ganz anders fordern, zu agieren und sich zu entfalten.“ Aaron Kopp sieht sich als Placemaker, ein noch relativ undefiniertes Tätigkeitsfeld, das sich der Beschäftigung mit und Kreierung von solchen „other spaces“ zum Wohle der Gesellschaft widmet: „Viele Dinge, die wir tun, die wir lernen und die das alltägliche Leben gestalten, sind eingeschrieben in die physischen Räume, die wir bauen. Der Raum ist daher Medium, wo ich gerne mitmischen würde“, sagt Kopp. Im Sinne Kopps sollen diese alternativen Orte den Gedanken der wirtschaftlichen Vereinnahmung durchbrechen, die immer problematischer wird:
„Blickt man auf ein Stadtzentrum, ist von der Magie, von den Ritualen, die es einzigartig macht, kaum mehr etwas zu spüren. Überall auf der Welt verschwinden nichtkommerzielle Räume, sie werden von privaten Unternehmen übernommen. Die Nutzung des öffentlichen Raumes ist zum politischen Akt geworden und zu einem Recht auf das wir nicht verzichten sollten.“
Nun zur Ausstellung zurück: Der überladene Ort des Lagerraumes wirkt chaotisch, birgt aber eine mystische Aura in sich und erinnert mit all seinem Gerümpel und wirr verteilten Schachteln an eine Landschaft nicht von hier. Zudem muss man sich, ganz entgegen des klassischen Ausstellungsprinzips, erst durch den Raum hindurcharbeiten, Barrieren überwinden, wo drüberklettern und hindurchkriechen. Der Rundgang führt dann weiter in den Außenraum, wo sich die Masterarbeit Aaron Koops mit dem Titel Design in the magical cosmos dann auf Banner, Schautafeln und Flaggen im ausgedehnten Umfang ausbreitet – das vorgestellte Projekt artet symbolisch in die Natur aus. Abermals tut sich ein „other space“ auf, diesmal in zweifacher Hinsicht: Der Garten zeigt sich als halb Natur, halb Schlachtfeld. Er ist ebenso chaotisch von Gerümpel durchzogen wie das Lager. Im letzten Schritt geht es dann zu den literarischen Grundlagen und damit wieder zurück ins Innere des Hauses. Dazwischen poppen Projekte des Künstlers wie a path is a conversation oder Hajde! Hajde! Hajde! auf, die dialogisch auf die theoretischen Positionen – der Masterarbeit, Foucault, Soya und Campagna – zurückweisen und anhand von Beispielen untermauern, was vor Ort im kleinen Rahmen zu sehen ist.
Aaron Kopp schlägt im openspace zwei Fliegen mit einer Klappe. Im Zuge der Premierentage stellt er nicht nur einige seiner Projekte als installierte Rauminterventionen aus, er führt auch gleich praktisch vor, wie sich „other spaces“ – zumindest auf kleiner Skala – realisieren lassen. Dazu greift er manipulatorisch in den Raum ein, bringt versteckte Ecken zum Erklingen, die ihn faszinieren:
„Ich möchte versuchen, dass die Räume ein Mehr als das geben, was sie eigentlich sind. Ferner geht es um das Zusammenblenden meiner Konzepte und der Räume wodurch die Ausstellung zur physischen Erfahrung werden soll.“,
so der Künstler. Kopp aktiviert, wie eingangs beschrieben, den Lagerraum sowie Teile des Gartens des alternativen Kulturtempels. Es sind Orte, die in der über 10-jährigen Geschichte des Ausstellungsraumes, die sich allmählich dem Ende zuneigt, nie bespielt wurden, doch wie selbstverständlich dazugehören: „Aaron Kopp ist ein Künstler, der alleine seiner Ausbildung wegen immer über den Raum hinausblickt. Im Zuge der Ausstellung dringt er daher auch in Räume vor, die den Openspace als Ausstellungsraum erst zum funktionieren bringen“, so Charly Walter als Inhaber der Offspace-Galerie. Der Raum wird übrigens noch bis nächsten Frühsommer bespielt und soll dann einen neuen, performativeren Format weichen:
„Das klassische Ausstellungsformat hat sich überlebt. Für mich ist die passive Haltung zu wenig, daher bin ich auf der Suche nach neuen Formen, die stärker ins Partizipative gehen. Ich denke da durchwegs an das, was Beys als soziale Skulptur bezeichnet hat. Kunst muss den Weg in die Gesellschaft suchen und nicht umgekehrt“,
erklärt Charly Walter. Vor dem Hintergrund des auslaufenden openspace als Ausstellungsräumlichkeit ist Aaron Kopp nochmals darauf aus, den Ausstellungsraum, diesmal mit allen Nebenräumen, erfahrbar zu machen.

Wie sich in der Ausstellung zeigt, ist für Kopps Schaffensprozedere das Moment der Magischen, Unerklärbaren besonders wichtig.
„Nimmt man einen Stuhl, so kann dieser, so er mit kultureller Symbolik aufgeladen ist, über seine bloße Funktion als Stuhl hinausweisen. Für die Person, die ihn benützt, kommen dann andere Ebenen hinzu. Ist er reich verziert, könnte sich die Person möglicherweise besonders und erhaben fühlen im Moment der Erfahrung.“
Irgendwann im Gespräch mit komplex kommt Aaron Kopp auf diesen Vergleich zurück, um zu beschreiben, was Magie für ihn und sein Konzept ausmacht. Aaron Kopp ist Placemaker, das heißt, er kreiert Räume im öffentlichen Raum, die mit einer gewissen Magie beseelt sind. Wer dabei an Harry Potter oder aus dem Hut gezauberte Kaninchen denkt, liegt schwer am Holzweg. Kopps „other spaces“ sind mehr realisierte, besser gesagt realisierbare Utopien. Zur Veranschaulichung sei dazu ein im Vorraum dieser Ausstellung gezeigtes Beispiel genannt: Zu sehen ist hier das Konzept seiner Projekt-Kampagne mit dem Titel Hajde! Hajde! Hajde! – zu Deutsch nichts anderes als ‚Beweg´ dich, komm´ her und lass´ uns gehen‘ – die einem von Emigration gezeichnetem Dorf in Albanien zum Aufschwung verhelfen will. Der Hintergrund ist schnell erklärt. Dervician, so der Name des Dorfes, wird aufgrund fehlender Perspektiven zunehmend von der dort ansässigen jungen Generation verlassen – ungeachtet der Potentiale, die durchwegs vorhanden sind. Zu nennen sind der Gesang sowie in der Umgebung wachsende Wildkräuter, die es dort in einer Vielzahl gibt. Aaron Kopp kommt mit einer Idee: Würde man in Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung für eines dieser Potentiale einen „other space“ als einen alleine der Relevanz dieser Sache gewidmeten Ort kreieren, der von allen genutzt wird, wäre dies Versprechen genug, auf das die Bewohner:innen bauen könnten. Diese Vision käme einen Bewusstseinsakt gleich, einer protoreligiösen Erfahrung, die am Ende zu einer besseren Zukunft, einem Abwanderungsschwund und sogar zum wirtschaftlichen Aufschwung des Dorfes beitragen könnte. Der Historiker Mircea Eliade schrieb in seinem Buch The sacred and the profane von der Wirkkraft des Heiligen in der profanen Welt. Das Heilige ist bei Kopp Platzhalter für alles jenseits der menschlichen Erfahrung Liegende. Es ermöglicht den Menschen erst, sich in der Welt selbst zu finden und zu manifestieren.

Hajde! Hajde! Hajde! ist nur eine von vielen Arbeiten, in denen sich Kopp mit dem Konzept des Placemakings auseinandersetzt. Seit Jahren beschäftigt sich der gebürtige Tiroler, der an der Königlichen Akademie der Künste Den Haag studiert hat, mit Raumgestaltung im Sinne einer Aufwertung des öffentlichen Raumes. Die Auseinandersetzung gipfelte in seiner Masterarbeit Design in the magical cosmos und den daran anknüpfenden Projekt The architecture of sacrifice. Dort folgte er basierend auf Federico Campagnas Konzept des technischen und des magischen Kosmos* dem Gedankenstrang, jedes Jahr ein leerstehendes Gebäude in Den Haag zu opfern und versiegeln zu lassen, um die schrittweise Übernahme natürlicher Prozesse zu fördern. In einem Zeitraum von 100 Jahren soll sich dann das Stadtzentrum verwandeln, halb urbaner Raum, halb Natur werden:
„Die Idee ist stark von der Idee des Opferns durchdrungen. Während das Opfern im heutigen Verständnis eher einen Verlust suggeriert, greift hier die Vorstellung des Opfertransfers von einer Idee in eine andere, die den magischen Kosmos innewohnt.“
Das Projekt space of potential nutzte wiederum den Public Space als Möglichkeitsraum, um ein Stück von der Stadt rauszunehmen und in Form einer temporären Intervention neu und anders zu programmieren. In a path is a conversation hingegen verlieh Kopp im Kontext des Festivals SALT+EARTH 2022 nahe Folkestone einen von ihm entdeckten, unbekannten Weg eine Identität, indem er begann, den Weg zu bewohnen, zu beobachten und durch Interventionen, Wegweiser, Hinweistafeln und Bänke zu einem Ziel für sich zu machen.

Aaron Kopps Personale „other spaces“ fügt sich von der Ausrichtung her gut ins grundsätzliche Konzept der Premierentage ein. Niederschwellig angesiedelt, geht es ja in den Premierentagen darum, Kulturinstitutionen Innsbrucks und darüber hinaus sichtbar zu machen. Vor einem am Sparkassenplatz installierten Wohnwagen werden Passant:innen über das Festival zeitgenössischer Kunst, das heuer bereits sein 25-jähriges Jubiläum feiert, informiert. Ein Festival-Team ist in der Innenstadt zugange, macht auf die Premierentage aufmerksam: „Ein lässiges Headquarter, spezielle Angebote wie organisierte Shuttlebusse zu den Ausstellungen nach Schwaz und Hall sowie aktives Ansprechen von Leuten auf der Straße, soll auch abseits der Kunst- und Kulturblase Interesse wecken. Zudem sind alle Ausstellungen bei gratis Eintritt besuchbar“, so die Organisator:innen Matthias Mangeng und Magdalena Saxer. Kommen wir zum diesjährig von Amanda Burzić bespielten Wohnwagen als Stützpunkt zurück: Argumentiert man nach Aaron Kopp, kann er durchaus als „other space“ bezeichnet werden – als Ort, der sich seiner Umgebung radikal entzieht und dadurch sein Potential als „Alien am Sparkassenplatz “ entfalten kann. Dieser Link ist wohl mehr bemerkenswerter Zufall als Intention, doch die Ausstellung im Openspace bringt amüsanterweise ein Verständnis von Kulturräumen ins Feld, das dem zeitgenössischen Festival selbst anheftet.
*Als technischer Kosmos ist das ökonomische Denken des gegenwärtigen Zeitalters gemeint. Als Gegenpol dazu tut sich der magische Kosmos auf, der das Ritual und die Magie als wichtigen Bestandteil des öffentlichen gesellschaftlichen Lebens auffasst.
| Florian Gucher
