„gestures of archiving“ – mit ESTHER STRAUSS und NADJA AYOUB über die Kultur des Erinnerns 

Ein idyllisches Löwenzahnfeld zwischen Schwaz und Buch in Tirol lädt dazu ein, über diese Fragen nachzusinnen. Es ziert die offizielle Einladungskarte der Ausstellung „gestures of archiving“, die noch bis 27. Jänner 2024 im Kunstraum Schwaz besucht werden kann. Die Ausstellung wurde kuratiert von Nadja Ayoub und Iryna Kurhanska. Sie ist Teil des Kooperationsprojekts „Memories of Memories. Das Lager Oradour der Tiroler Landesmuseen und vereint verschiedene künstlerische Positionen, die sich mit Fragen nach dem Umgang mit Geschichte und der damit in Verbindung stehenden Verantwortung für eine Gesellschaft beschäftigen. 

Sujet der Ausstellung „gestures of archiving“

Die blühende Wiese des Sujets war einst der Boden, auf dem sich 1944 ein NS-Zwangsarbeiterlager befand. Viele der dort Untergebrachten kamen bei Arbeiten im nahegelegenen Bergwerk ums Leben. Nach dem Krieg benannten die französischen Besatzer das Lager nach dem französischen Ort „Oradour“ (Oradour-sur-Glane), der 1944 von der SS zerstört und dessen Bewohner:innen ermordet wurden. Das Arbeitslager wurde in diesem Zuge zum Entnazifizierungslager und später zum Flüchtlingslager für Vertriebene aus Mittel-, Süd- und Osteuropa. In den späten 80ern wurden die Baracken abgerissen, seither ist auf dem ehemaligen Standort nicht mehr viel von dessen Geschichte zu sehen. 

„Das Wort ‚gestures‘ leitet sich aus dem lateinischen Wort ‚gestus‘ ab, was auch Bewegung bedeutet – es ist unmittelbar mit einem körperlichen Akt verbunden“, so Nadja Ayoub, die die Auseinandersetzung mit Erinnerung als beweglichen Prozess beschreibt: „Erinnerungen sind nie gleich, sie verändern sich. So verhält es sich auch mit Denkmälern – diese entstehen in einem bestimmten Kontext, ihre Aufgabe und was sie transportieren, müssen aber ständig neu hinterfragt werden“. In der Ausstellung werden unterschiedlichste künstlerische Positionen gezeigt, die sich mit Archiven und Erinnerungskultur beschäftigen. „Sie alle dokumentieren diesen beweglichen Prozess, eine Gestik, ein performativer Akt, der der Auseinandersetzung mit Erinnerung vorausgeht und ein Teil von ihr ist“. 

Ganz in diesem Sinne steht auch die künstlerische Praxis von Esther Strauß, deren Werke von performativen und dynamischen Aspekten zeugen. „Bei den ersten Überlegungen für diese Ausstellung dachte ich sofort an die Künstlerin Esther Strauß, die sich in ihren Arbeiten mit existentiellen Themen wie Liebe, Tod, Verlust und Geheimnis oder der Beschaffenheit von Erinnerung beschäftigt“, so Ayoub, die die Radikalität und Klarheit von Strauß schätzt. „Ihre Arbeiten tragen dazu bei, sich neuen Formen von Erinnerung und Gedenken zu widmen. Das performative Denkmal nimmt hier eine wichtige Rolle ein, es bleibt dynamisch und offen, doch was vielleicht am wichtigsten ist, es tritt in Beziehung mit uns“. 

Im Rahmen der diesjährigen Premierentage hat am 4. November 2023 ein Artist Talk mit Esther Strauß und Nadja Ayoub im Kunstraum Schwaz stattgefunden. Fürs komplex hat die Künstlerin noch weitere Fragen zu Ihrem Werk beantwortet: 

Esther Strauß beim Artist Talk im Kunstraum Schwaz | Foto: Verena Nagl

komplex: Wie steht Ihre Arbeit „den Boden unter unseren Füßen“ im Rahmen der Ausstellung „gestures of archiving“ in Bezug zur Geschichte des Lagers Oradour? 

Esther Strauß: Ich habe mich für „gestures of archiving“ mit dem Gelände des ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlagers zwischen Schwaz und Buch beschäftigt. Etwa 400 Menschen mussten dort die Messerschmitthallen in eine Produktionsstätte für die Me262 umbauen, ein Kampfflugzeug, das den Angriffs- und Vernichtungskrieg der Deutschen Wehrmacht gewinnen sollte. Die Arbeitsbedingungen in den Stollen waren katastrophal, die Lagerleitung hat den Tod vieler Zwangsarbeiter bewusst in Kauf genommen. Heute ist das Gelände eine landwirtschaftliche Nutzfläche, auf der im Frühjahr der Löwenzahn blüht und im Herbst Kühe weiden. 

Da viele Projekte, die im Rahmen der Kooperation „memories of memories“ umgesetzt wurden, in Institutionen gezeigt werden sollten, wollte ich gerne vor Ort am Feld arbeiten. In der Recherche stellte sich heraus, dass das Gelände nach Abriss der Barracken mit einer ein Meter dicken Erdschicht aufgeschüttet worden war. Entscheidend für die Entwicklung des Performance-Projekts war auch die Stele, die die Gemeinde Schwaz 2015 am Rande des Feldes errichtet hatte. Der kurze Text, den sie trägt, lässt zwei entscheidende Informationen aus: Er erkennt zwar die Morde an 642 Menschen in Oradour als solche an, erwähnt aber nicht, dass viele Zwangsarbeiter des Schwazer Lagers durch Arbeit ermordet worden sind. Darüber hinaus enthält der Text die Tatsache vor, dass im Entnazifizierungslager „Oradour“ überwiegend Tiroler inhaftiert waren, die Mitglied der SS, SA oder NSDAP waren, dass die Alliierten also das taten, was die ÖsterreicherInnen damals zu vermeiden versuchten, nämlich NS-TäterInnen aus den eigenen Reihen für ihre Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen. Für mich war daher schnell klar, dass ich mich in meiner Arbeit mit den NS-Verbrechen in Schwaz und nicht mit den NS-Verbrechen in Frankreich beschäftigen wollte. 

Sie hatten ursprünglich ein performatives Partizipationsprojekt am ehemaligen Standort des Lagers geplant, das kurz vor Ausstellungsbeginn nicht genehmigt wurde – wie hätte dieses Vorhaben ausgehen und weshalb konnte es letztendlich nicht umgesetzt werden?

Ich wolle am Gelände des ehemaligen NS-Zwangsarbeiterlagers einen Kubikmeter Erde ausheben und ihn in den Kunstraum Schwaz bringen, um ihn dort in einem 1x1x1 Meter großen Glaskubus auf den Kopf zu stellen. Im Kunstraum wären Pickel, Schaufel und Kübel für die Schwazer:innen bereit gestanden. Sie wären eingeladen gewesen, das Werkzeug im Rahmen von geführten Touren durch die Stadt und zum Feld zu tragen. Sie hätten die Möglichkeit gehabt, an jener Stelle, an der ich die einen Meter dicke Erdschicht abgehoben hätte, tiefer zu graben, und so die lokale NS-TäterInnen-Geschichte zu punktieren. 

Zwei Wochen vor der Vernissage haben wir dann durch Zufall erfahren, dass das Gelände vom Bundesdenkmalamt als Funderwartungszone deklariert ist. Eine Grabung wäre daher nur mit der entsprechenden Genehmigung und durch studierte Archäolog:innen mit entsprechender Ausgrabungserfahrung möglich gewesen. Die entscheidende Frage war dann für mich, welche anderen Wege es gibt, in der lokalen NS-TäterInnen-Geschichte zu graben. So ist eine zweite Arbeit entstanden, die sich mit dem Bundesarchiv Berlin beschäftigt. Dort liegen neben 12,7 Millionen NSDAP-Mitgliederkarteien auch Personalunterlagen von Angehörigen der SA und SS. Wer Mitgliedschaften von Verwandten überprüfen lassen möchte, benötigt dafür nichts weiter als deren Namen, Geburts- und Todesdaten. Ich habe das Formular zur Einbringung dieses Antrags für alle 14.211 Einwohner:innen der Stadt Schwaz ausgedruckt; sie liegen nun im Kunstraum zum Ausfüllen bereit. 

„den Boden unter unseren Füßen“ von Esther Strauß im Kunstraum Schwaz | Foto: Verena Nagl

Dieser Prozess Ihres nicht bewilligten Vorhabens ist Teil Ihrer künstlerischen Forschung und eröffnete neue Erkenntnisse – nicht nur für Sie persönlich, sondern auch für die Grundstücksbesitzerin und die BH Schwaz, die über die Funderwartungszone nicht Bescheid wussten. Ihre Arbeit hat also bereits etwas aufgedeckt, das sonst unsichtbar geblieben wäre.
Warum haben Sie sich anschließend entschieden, ein alternatives Projekt für die Ausstellung zu konzipieren, anstatt etwa den Prozess des ursprünglich geplanten Projektes auszustellen?

Die Information, dass es sich bei dem Feld um eine Funderwartungszone handelt, hat uns tatsächlich überrascht. Wir haben mit den Recherchen für das Projekt ein Jahr vorher begonnen und waren in Austausch mit verschiedenen Historiker:innen und Behörden. Wie wir später erfahren haben, gibt es im Rauminformationssystem Tiris die Möglichkeit, die Deklarationen des Bundesdenkmalamts öffentlich einzusehen, waren dann aber doch erstaunt, dass selbst die Besitzerin des Feldes nicht über die Widmung in eine Funderwartungszone verständigt worden war. Die für Tirol zuständigen Beamt:innen des Bundesdenkmalamts haben dann erwogen, uns kurzfristig eine Genehmigung für eine Grabung auszustellen, diese wäre aber von Archäolog:innen durchzuführen gewesen. Die lokale Bevölkerung wäre dadurch von der Teilnahme an dem Projekt ausgeschlossen gewesen und das war für mich der springende Punkt an der ursprünglichen Konzeption. Ich habe mich daher entschieden, eine neue Arbeit zu entwickeln, die übrigens denselben Titel trägt, wie die Arbeit, die ich ursprünglich umsetzen wollte. Auch in ihr wird gegraben, allerdings nicht mit der Schaufel, sondern mit dem Stift. 

Die Gestik des Grabens wird in der von Ihnen ausgestellten Arbeit „den Boden unter unseren Füßen“ vom Physischen ins Symbolische übertragen. Weshalb legen Sie in Ihren performativen Projekten Wert auf Partizipation und welche Bedeutung sehen Sie dabei in der Geste des Grabens? 

Ich glaube nicht, dass das Graben im Archiv weniger körperlich ist, als das Graben am Feld es gewesen wäre. Wer in Berlin Unterlagen zu den eigenen Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern ausheben lässt, zieht in Zweifel, was ihr oder ihm über die NS-Geschichte der eigenen Familie erzählt oder verschwiegen worden ist. Das bedeutet im Falle vieler österreichischer Familien auch, anzuerkennen, dass die nationalsozialistischen Verbrechen nicht von den NationalsozialistInnen sondern von den eigenen Vorfahren begangen, ermöglicht, unterstützt, ausgenützt, hingenommen, toleriert oder relativiert worden sind. Unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern sind die Menschen, die uns in die Welt gebracht haben. Nach Berlin zu schreiben, um Verantwortung für die NS-TäterInnen-Geschichte der eigenen Familie zu übernehmen, bedeutet auch, das Bild der eigenen Herkunft zu erschüttern. Wenn dieser Prozess ernstgenommen und entlang historischer Tatsachen verfolgt wird, lässt er meiner Erfahrung nach weder Körper noch Seele unberührt. 

Warum ist es Ihnen persönlich wichtig, sich in Ihren künstlerischen Arbeiten mit den Themen Erinnerung und Erinnerungskultur auseinanderzusetzen?

Wenn ich mit Täter:innen-Nachkommen spreche, fällt mir auf, dass viele von ihnen nach wie vor der Meinung sind, dass ihre Angehörigen, die NSDAP-, SA- oder SS-Mitglieder waren, diesen Verbindungen nicht beitreten wollten, sondern ihnen beitreten mussten. Es hatte aber weder die NSDAP noch die SA noch die SS Interesse daran, Menschen in ihre Reihen aufzunehmen, die die nationalsozialistische Ideologie nicht geteilt haben. Ganz abgesehen davon hat sich ein Gutteil der österreichischen Bevölkerung damals gegen diese Mitgliedschaften entschieden. Im Rahmen der Entnazifizerungsbemühungen der Alliierten hat man in Österreich bis April 1948 über 543.000 Personen als NSDAP-, SA- oder SS-Mitglieder identifiziert. 1934 und 1951 wurden in Österreich durch Volkszählungen 6,7 beziehungsweise 6,9 Millionen Einwohner:innen erfasst. 

Auch das Argument, man habe dieses oder jenes nicht gewusst, ist nur sehr begrenzt zutreffend. Schließlich hat die NSDAP in ihrer Propaganda nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass der Nationalsozialismus zum Ziel hatte, bestimmte Gruppen von Menschen zu vernichten. Die „Vernichtung der Bolschewiken“ und die gewaltsame Eroberung des Lebensraums der Menschen im Osten war zum Beispiel ein dezidiertes Ziel der Deutschen Wehrmacht, das ihren Soldaten bekannt war. Das ist unter anderem durch Umfragen belegt, die nach dem Krieg mit Angehörigen der Deutschen Wehrmacht durchgeführt wurden.

So lange also Menschen in Österreich bereit sind, sich zum Schutz ihrer Angehörigen gegen historische Tatsachen zu stellen, braucht es Projekte, die Räume für eine kritische Auseinandersetzung öffnen. Mahnmäler im öffentlichen Raum haben eine wichtige Funktion, können aber die Auseinandersetzung mit der politischen Geschichte der eigenen Familie nicht ersetzen. 

Artist Talk mit Nadja Ayoub und Esther Strauß in Schwaz | Foto: Verena Nagl

In Ihrer Kurzvita steht, dass Sie „gezielt Lücken und Geheimnisse einsetzen“ – das, was Ihre Performances verbergen, sei ebenso wichtig, wie das, was sie preisgeben. Auch im Artist Talk erwähnten Sie, dass Sie in Ihren künstlerischen Arbeiten gerne Geheimnisse herstellen.
Welches Potenzial sehen Sie darin, bewusst Geheimnisse und Lücken zu schaffen? Und wie steht diese Praxis mit Ihrer Aufforderung, Archivarbeit zu betreiben und somit Geheimnisse aufzudecken, in Verbindung? 

In einer meiner ersten Performances habe ich über eine Zeitungsannonce einen 15-minütigen Hand-in-Hand-Spaziergang entlang der Donau in Linz verschenkt. Ich habe mich damals entschieden, das, was an diesem Tag am Fluss geschehen ist, als Geheimnis zu bewahren, nicht zu filmen, zu fotografieren oder Auskunft zu geben und im Ausstellungsraum nur die gerahmte Zeitungsannonce zu zeigen. So entsteht eine Lücke, die es den Besucher*innen erlaubt, sich verschiedene Variationen dessen, was geschehen hätte können, vorzustellen. In ihrer Vorstellung wird die Performance seit mittlerweile 14 Jahren immer wieder neu re-enacted. Diese verspielte Lebendigkeit, die sich dem Geheimnis verdankt, mag ich sehr. 

2020 habe ich dann für ein performatives Denkmal meinen eigenen Namen abgelegt, um ein Jahr lang den Namen Marie Blum zu tragen. Marie Blum wurde am 5. September 1943 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau in Sektor BIIe geboren – jenem Sektor, in dem Rom*nja, Sinti*ze, Jenische und andere von den NationalsozialistInnen als „Zigeuner“ verfolgte Menschen interniert worden sind. Dort wurde sie am dritten Tag ihres Lebens ermordet. Die zentrale Frage war für mich damals, welche Verantwortung ich als Künstlerin auf mich nehme, wenn ich ein Denkmal für einen ermordeten Menschen entwerfe. Mir war es wichtig, Marie Blums Namen zu erlauben, den meinen in Schwierigkeiten zu bringen.

Seit fünf Jahren arbeite ich nun die NS-TäterInnen-Geschichte meiner eigenen Familie künstlerisch und historisch auf. Darüber hinaus entwickle ich Werke, die der Tatsache begegnen, dass NS-TäterInnen in Österreich sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum nach wie vor sehr gut geschützt sind und teilweise sogar noch geehrt werden. Um dieser Systematik etwas entgegenzusetzen müssen Verbrechen klar benannt und Lücken, die in verschiedenen, der Forschung widersprechenden Geschichtsbildern zum Schutz von Täter:innen angelegt worden sind, gefüllt werden. Für die Nachkommen von NS-Täter:innen bedeutet das mitunter die Entscheidung, ins Archiv zu gehen und Geheimnisse, die ihre Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern bezüglich ihrer Vergangenheit hergestellt haben, nicht länger zu wahren. Es ist mitunter nicht ganz einfach, sich in dieser Weise gegen die eigenen Vorfahren zu stellen. Ich persönlich sehe aber keine Alternative dazu. Wer die Opfer ernst nimmt, schützt die Täter:innen nicht. 

| Brigitte Egger 

Die Ausstellung kann noch bis 27.01.2024 im Kunstraum Schwaz besichtigt werden, wo neben den Werken von Esther Strauß auch Werke der Künstler:innen Andrii Dostliev (UKR), Olia Fedorova (UKR), Thomas Heise (DEU), Nikita Kadan (UKR), Eduardo Molinari (ARG), Isabel Peterhans (CHE) und Simone Schönett (AUT), Miriam Visaczki (DEU) und Claire Waffel (DEU) zu sehen sind. 

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