Ein Stern stirbt, zerstrahlt, verschlingt sich selbst und speit sich wieder aus, schüttelt ab die alten Schichten in grellen Blitzen, die das Mark erschüttern und den Geist erstarren; übrig das kollabierte Nichts, das die Grenzen des Verstandes sprengt und sich tief in die Synapsen bohrt; verzaubert müde Seelen mit zarten Klängen der Finsternis; wiegt sie in den ewigen Schlaf, wo nichts nichts ist und alles Dunkel dieser Welt verdurstet.
– Schwarzschildradius
Im Rahmen der Heart of Noise Vinyl Edition 12 präsentieren monomono (Ekehardt Rainalter und Maurizio Nardo) gemeinsam mit Maria Reiter, Gündo Vural und Raphael Hanny ihre Platte Schwarzschildradius – am Freitag, 20. Juni, um 21:00 Uhr im Messe Forum Innsbruck.
Neben internationalen Auftritten bietet das Heart of Noise mit der jährlichen Vinyl Edition gezielt eine Plattform für regionale Produktionen – eine Form der Förderung, die das Festival seit jeher auszeichnet. Auch Schwarzschildradius wurde bereits im Vorjahr in einem performativen Format vorgestellt – nun erscheint es in einer etwas weiterentwickelten Form als Schallplatte.

Wer das Heart of Noise kennt, weiß: Man kommt selten wegen der Namen, sondern wegen der oftmals überraschenden Erfahrungen. Oder wie Ekehardt Rainalter es formuliert: „Ich kenne meistens vielleicht zehn Prozent vom Booking, aber ich gehe trotzdem jedes Jahr gern hin – nicht, weil ich einen Act kenne, sondern weil ich etwas Neues entdecken kann.“
Schwarzschildradius ist mehr als ein musikalisches Experiment. Vielleicht ist es eher ein Zustand. Oder der Versuch, inmitten der Spaltung so etwas wie ein gemeinsames Koordinatensystem zu entwerfen – auch wenn es nur für die Dauer einer künstlerischen Performance hält.
Im Vorfeld der Aufführung habe ich mit Ekehardt Rainalter – bei Schwarzschildradius zuständig für „Energie und Klang“ – ein Interview geführt. Gleich zu Beginn verweise ich auf die Schwierigkeit, über etwas zu schreiben, das ich noch nicht live gesehen habe. Doch für Ekehardt tut das nicht viel zur Sache: „Ich glaube, wenn man es gesehen hat, weiß man genauso wenig drüber.“ – ein etwas mysteriöses Projekt also, bei dem aber allen Anschein nach doch viele Gedanken dahinterstecken: „Es ist eine abstrakte Sache – wie üblich beim Heart of Noise: sehr avantgardistisch und künstlerisch“, sagt Ekehardt weiter. Das Mysterium wird im Folgenden also etwas gelüftet. Wer dafür noch nicht bereit ist, kann diesen Beitrag nach der Festivalperformance weiterlesen.

Es steckt also ein tiefgehenderes Konzept dahinter. Was ist ein Schwarzschildradius?
Ekehardt Rainalter: Der Schwarzschildradius ist ein Begriff aus der Physik – ab diesem Punkt, auch Ereignishorizont genannt, wird man unwiderruflich in ein schwarzes Loch hineingezogen. Für uns war es ein Begriff, der auch gesellschaftlich Bedeutung hat: dieses Radikalisieren in alle Richtungen fühlt sich an wie ein Auseinanderdriften. Das schwarze Loch steht dabei symbolisch für eine gemeinsame Bedrohung, etwas, das alles und alle betrifft und verschlingt. Es ist ein zerstörerisches Phänomen, aber eben auch ein kollektives Problem.
Der Schwarzschildradius beschreibt dabei einen Anziehungsbereich, der uns alle gleichermaßen erfasst– eine Art übermenschliche Gravitation, die nicht nur physikalisch, sondern auch politisch wirksam ist. Etwas sehr Demokratisches, das der Sphäre der Politik eingeschrieben und doch gleichzeitig enthoben ist. Ein schwarzes Loch als Sinnbild einer existenziellen Kraft, die auf alles, jede und jeden wirkt.
Du und Maurizio Nardo macht ja bereits seit 2013 als monomono gemeinsam Musik. Kann man sagen, dass Schwarzschildradius daraus entstanden ist?
Ekehardt Rainalter: Ja, das kann man so sagen. Vor der Pandemie haben wir jahrelang Musik aufgenommen, wussten aber nicht, wie es damit weitergehen soll. Dann kam Maria Reiter dazu – es war eine Art Krisenbewältigung für uns alle. Eine Band in der Krise. Das, was man an verständlicher Information wahrnimmt, kommt von ihr. Und im Nachhinein, durch viele Gespräche, wurde daraus ein Konzept. Später erweiterten wir das Projekt noch um Gündo Vural, Sänger der Thrash–Metal-Band YMP, der dem Ganzen die nötige Dringlichkeit verleiht.

Ausgangspunkt waren also die Texte von Maria Reiter – wovon handeln diese?
Ekehardt Rainalter: Genau. Ihre Texte sind meist sehr persönlich; es geht um Selbstbeobachtung, Konfrontation mit dem Unbewussten, Transformationen. Vielen Metaphern verweisen aber auch auf den Weltraum – der ja etwas sehr Leeres ist, aber für manche auch ein Sehnsuchtsort. Elon Musk zum Beispiel will ja zum Mars – das ist wahrscheinlich auch eine Art Fluchtbewegung. Manche flüchten nach innen, manche nach außen. Da spielt auch der Begriff „Safe Space“ mit hinein – ein sehr virulentes Thema. Viele Menschen fordern ihre individuelle Sicherheit ein, aber genau das thematisieren wir: dass es diese absolute Sicherheit in einem öffentlichen Raum nicht gibt.
Auch der Weltraum eignet sich letztlich nicht als Safe Space – er ist per se kein guter Rückzugsort. Ein sicherer Ort ist etwas anderes, eher ein privater Raum. Wer das infrage stellt, gibt das Öffentliche preis, flieht vor Beziehungen und deren Auseinandersetzung.
Der öffentliche Raum sollte ein Ort der Verhandlung und des Kompromisses sein. Hier darf und soll alles passieren, was den individuellen Vorstellungen von Anstand entspricht. Und hier sind sich natürlich nicht alle einig. Wenn Menschen ihre Identität auf der Straße zeigen wollen und gleichzeitig einen „Safe Space“ einfordern, ist das für mich ein Widerspruch.
Was wollt ihr dahingehend mit dem Schwarzschildradius-Projekt erreichen?
Ekehardt Rainalter: Wir versuchen, aus diesen Bedrohungsszenarien ein positives Bild zu entwickeln: Es lohnt sich, Gemeinsamkeiten zu finden. Depression, Vereinsamung, fehlende Lösungsansätze – auch soziale Medien bieten da recht wenig. Wir sind alle allein, wir werden alleine sterben, es gibt keine Sicherheit in der Zukunft. Das sollten wir anerkennen. Da wir dieses Problem aber alle gemeinsam teilen, könnte genau das ein Ausgangspunkt für eine neue Identität sein. Ein neues Menschenbild.
Auch das diskutieren wir in der Arbeit – und wir sind uns darin nicht immer einig.
Du hast auch einen Hintergrund in Theater und Performance. Liegt dem Album auch eine bestimmte Dramaturgie zugrunde?
Ekehardt Rainalter: Zusammen mit Stefan Meister haben wir versucht, eine Dramaturgie hineinzubringen. Ursprünglich hatte es die nicht – aber im Nachhinein wurde es wie ein Theaterstück strukturiert. Raphael Hanny hat dazu Projektionen erarbeitet – man sieht abstrakte Bildwelten in Schwarz-Weiß, die entfernt an Planeten und ihre Bewohner erinnern. Auch über die Titel der Stücke wird versucht, eine lose Dramaturgie zu erzeugen – es geht um Show, auf eine dunkle Art.

Beim Anhören des Albums sind mir starke Genre-Kontraste aufgefallen – von Black Metal zu Techno – inwiefern passen diese Brüche ins Konzept?
Ekehardt Rainalter: Ich würde nicht sagen, dass das Teil eines bewusst geplanten Konzepts ist. Wenn verschiedene Menschen zusammenarbeiten, wirken eben verschiedene Einflüsse. Ein Ziel war es jedenfalls, etwas Konsumierbares zu schaffen – also verschiedene Dinge auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, ohne dabei elitären Ausschluss zu erzeugen.
Das Heart of Noise-Festival bleibt eine Randgruppenveranstaltung. Unser Versuch war es, nicht ins Extreme zu kippen, sondern auch Zugeständnisse zu machen und Kompromisse zuzulassen. Ich finde, unsere Musik sollte einen inklusiven Charakter haben und zugänglich sein – ein bisschen Show für alle.
Kann man euch als Band bezeichnen oder wie lässt sich die Identität eurer Gruppe verstehen?
Ekehardt Rainalter: Das lassen wir bewusst offen. Unser „Black-Hole-Tirol“-Maskottchen ist eine Art Antimarke – eine Neuinterpretation des Tiroler Adlers, vielleicht ein Symbol, auf das man sich wieder einigen können soll. Denn wir leiden alle ein bisschen an unserer verlorengegangenen Mitte. Politisch wie seelisch gibt es nur mehr Ränder. Subkulturen aller Richtungen radikalisieren sich in ihren Forderungen. Die Zentrifugalkräfte wachsen und die Welt driftet auseinander.
Wir haben auch überlegt, unser Maskottchen der Tirol Werbung als neues Wappentier vorzuschlagen. Denn, wenn du durchs Land fährst, siehst du überall Tiroler Adler auf den Autos oder auf den Häusern. Das kann man schlimm finden – oder auch als Versuch der Abgrenzung von Land- gegenüber Stadtbevölkerung sehen. Ja, der Tiroler Adler ist ein Symbol mit nationalistischen Untertönen – was nicht immer negativ sein muss – die Leute mögen es eben. Aber städtische, eher linke Menschen verstehen oder mögen es oft nicht.
Vielleicht braucht es neue Symbole, die helfen, ein politisches Miteinander zu ermöglichen.
Denn die Forderungen beider Seiten werden immer extremer – und das Auseinanderdriften ist ein echtes Problem. Wenn wir von Rechtsruck reden, hat das auch damit zu tun, dass auch die Linken sich immer stärker abgrenzen und red flags setzen, wo es keine bräuchte.

Ist euer Projekt ein Versuch, diese gesellschaftliche Stimmung in Musik zu übersetzen?
Ekehardt Rainalter: Ja, das kann man so sagen. Das Heart of Noise-Festival war ja immer ein Ort für Grenzgänger – Avantgarde, Subkultur, Gegenkultur. Aber diese Andersartigkeit wird zunehmend exklusiver. Unsere Arbeit ist auch als Kritik daran zu verstehen. Trotz der Abstraktion der Kunst versuchen wir, auch etwas Poppiges zu schaffen – etwas Hörbares für mehrere Menschen, ohne das künstlerische Image des Festivals zu verlieren.
Innerhalb des Festivals gab es ja auch Spannungen, Spaltungen im Leitungsteam. Das ist ein Symptom, das man überall sieht – besonders in linken Szenen. Die Rechten können sich innerhalb ihrer Gruppen besser solidarisieren – die Linken nicht. Da wird ständig unterteilt. Und das hat auch dieses Projekt beeinflusst.
Du siehst Schwarzschildradius also auch als Kritik an der linken Kulturszene?
Ekehardt Rainalter: Total. Es ist ein Versuch, mit humorvollen Vorschlägen etwas zu gestalten, das dem Festival gerecht wird – aber auch eine breitere Wirkung entfaltet. Etwas Verbindendes. Ob das gelingt, sei dahingestellt.
Ich empfinde die Spaltungen zwischen den Meinungsgruppen als Beziehungskrise. Sie steht symbolisch für die oft kleinlichen Kämpfe der Kulturvereine. Manche Leute gehen absichtlich nicht mehr zu bestimmten Veranstaltungen, weil sie auf der „richtigen“ Seite stehen wollen.
Es gibt derzeit dieses Bedürfnis nach Zerstreuung. Es entstehen eher sanfte Formate – sehr korrekt und bemüht, aber ohne Tradition. Tradition ist kein ausschließlich konservativer Begriff – auch progressive Gesellschaftsteile brauchen Traditionen. Und die verliert man, wenn man Beziehungen aufgibt. Unser Projekt ist ein Versuch einer Kritik – nicht jeder wird sie verstehen. Das liegt jetzt an dir, das zu kommunizieren.
| Brigitte Egger
