Zirkus und Akrobatik von Alexa kontrolliert – zu Besuch beim KRAPOLDI

Das KRAPOLDI Festival (21.–31. August 2025) lockt wieder internationale Ensembles aus Clownerie, Neuem Zirkus und Straßentheater nach Innsbruck. Angereist ist auch die Gruppe Psirc aus Barcelona, deren Artist:innen in der Show „After All“ zeigen, wie Zirkusleben und neue Technologien aneinandergeraten. 

Foto: Psirc

Eine Lampe richtet sich zum Publikum, die Stimme spricht verzerrt vor einem sumpfigen Gebiet im Zelt, in dem die Gruppe Psirc in ihrer Show „After all“ beeindruckende Akrobatik in einer von Comedy und Clownerie durchzogenen Geschichte präsentiert. Vier Artist:innen tanzen und balancieren aufeinander, vollführen Kunststücke auf einem Fahrrad und verwandeln sich von Zeit zu Zeit in Prometheus, Herkules, Zeus und Artemis und auch in die personifizierte Künstliche Intelligenz, die als Alexa mit einem Megaphon als Kopf die Artisten herumkommandiert: „Immer mit der Ruhe, ich bin es, Alexa.“ 

In „After all“ ist alles ein bisschen durcheinander, so wie man das vom Zirkus kennt. Die Show läuft in verschiedenen Sprachen und serviert die Ereignisse in kleinen Happen als künstlerische Impressionen mit schnell wechselnden Szenen, die wie Tiktok-Videos mit diversen Musikausschnitten hinterlegt werden. So erzählen die Zirkusartisten gleich mehrere Geschichten von der Zukunft und der Gegenwart, von Göttern und Sagen, neuen Technologien und einer Landschaft als „exotic place“, in der sich auch das Leben einer Familie von Zirkusartisten verändert.

Seit vierzehn Jahren treten Adrià Montaña, Anna Pascual, Benet Jofre und Wanja Kahlert zusammen als Artistengruppe auf, touren durch Spanien, Europa und Südamerika. In guten Zeiten sind sie um die 100 Tage im Jahr unterwegs. Die aktuelle Produktion „After All“ ist im Winter 2019/20 ursprünglich als Serie entstanden: Es gab eine große Produktion mit 20 Leuten und 90 Minuten Spielzeit und mehreren Spin-Offs – für jede Figur eine eigene Folge, die nun auf ein Stück quasi als erweiterten Trailer komprimiert wurden, um die Aufführungsbedingungen zu erleichtern und die Show auch als Straßenperformance zu ermöglichen. 

Foto: Psirc

Mehrdeutig und urteilsfrei

Die komplette Geschichte dreht sich um eine Zirkusfamilie, die von der Stadt in ein bewaldetes sumpfiges Gebiet zieht, um dort neu zu starten und eine alternative Gesellschaft aufzubauen. „Drumherum geht die Welt in künstlicher Intelligenz und der Apokalypse unter, in der die Technik die Welt übernimmt.“, beschreibt Wanja Kahlert die Rahmenhandlung, deren Hintergründe in der aufgeführten Kurzversion aber nicht erklärt werden. Denn „Kunst muss diese Probleme auf der Bühne anders darlegen, da muss ein bisschen Mehrdeutigkeit dabei sein, ohne darüber zu urteilen und zu sagen, die Guten sind die, die Bösen sind die, die künftige Intelligenz wird uns alle umbringen oder retten.“

Psirc arbeitet parallel mit Bühne, Licht, Ton und Bewegung, die sich im Prozess zu einer Geschichte materialisieren. „Wir haben in den ersten Monaten sehr viel Zeit damit verbracht, zu interpretieren, was wir tun.“ Von Vornherein sei der Humor wichtig, weil er die tiefgründigen Interpretationen erst möglich mache. Mit der Akrobatik kommt aber auch die Frage vom Zirkus als Kunst selbst auf: „Was tut Zirkus? Was macht Akrobatik mit Menschen, mit Körpern, die ein Leben lang trainieren und wie beeinflusst das dann auf individueller Ebene?“ Die kreierte Familie in der Show stehe sinnbildlich für die Artisten, die eine Gruppe bilden und „tagelang und jahrelang an körperliche Grenzen gehen und zusammen Ängste und Paranoia durchlaufen. Dadurch schöpft die Geschichte sehr viel, von dem was Akrobatik an sich ist“, sagt Kahlert. 

Die Artist:innen stehen mit ihren echten Namen als fiktive Figuren auf der Bühne und verkörpern gleichzeitig die mythischen Charaktere, wodurch im ästhetischen Universum der Zirkuskunst verschiedene Ebenen und Wirklichkeiten entstehen, die man als Zuschauer manchmal nicht klar trennen kann. Aber es sei eben wichtig, dass nicht alles auf dieselbe Weise verstanden wird, sondern dass beim Publikum unterschiedliche Interpretationen hervorgerufen werden, beschreibt Wanja Kahlert.

| Sieglinde Wöhrer

Weitere Aufführungen von „After All“: Heute und morgen um 19.30 Uhr, Großes Zirkuszelt, Infos unter http://www.krapoldi.at

Hinterlasse einen Kommentar