Brüche sind hier Programm: Ein Nachbericht vom Heart of Noise Festival 2023

Am letzten Maiwochenende durfte sich komplex wieder ins Heart of Noise-Getümmel stürzen. Das Innsbrucker Festival für experimentelle Musik lockte zahlreiche Zuschauer:innen ins Treibhaus, das Reich für die Insel, den Musikpavillon im Hofgarten, das Cinematograph und in die Galerie Thoman. Von hier aus konnte sich das Publikum an vier intensiven Tagen durch einen Mix aus Musik, Performance, Film und Architektur in andere Welten zaubern lassen. Eine Sammlung von Eindrücken im Nachbericht.

Hatis Noit | Bild: Daniel Jarosch

Freitagabend. Wir sitzen auf den Stufen vor dem Landestheater und spielen „HoN oder Hochkultur?“, indem wir versuchen, ankommende Gäste optisch dem Theater oder dem Festival zuzuordnen – oft gar nicht so einfach. Werden die Besucher:innen des einen durch den zentral gelegenen Platz doch auch oft spontan zum Laufpublikum des anderen. Dass es trotz experimenteller Inhalte hier eine Brücke schlagen kann, ist eine der großen Stärken des Heart of Noise Festivals. Nachdem auf eben diesem Platz die diesjährige Heart of Noise Edition im Zuge einer Performance von Karin Ferrari präsentiert worden war (mehr dazu hier) startete das Programm im Treibhaus. Am ersten Abend im Turm packt mich der Auftritt der Berlinerin Hüma Utku mit beklemmenden wie fesselnden Visuals am meisten. Die japanische Band Boris wirkt im Anschluss ein bisschen theatralisch und übertrieben – wobei anderen genau dieses leicht Aufgesetzte so daran gefällt. Typisch beim HoN: gemischte Reaktionen und ein Gefühl von „auch wenn‘s mir nicht gefallen hat, bin ich froh, es gesehen zu haben“. Weil man hier eben Dinge erleben kann, die in Innsbruck selten stattfinden.

Musikpavillon | Bild: Daniel Jarosch

Im Musikpavillon wird am Samstag ein spannendes und vielseitiges Programm von Mutant Radio aus der georgischen Hauptstadt Tbilisi gestaltet, wobei mir vor allem das intensive sonische Spektakel von Zesknel in Erinnerung bleibt. Im Treibhaus-Turm angekommen begleitet uns dann Norman Westerberg mit einer Ambient-Performance in den Abend. Der Musiker scheint an der Gitarre ununterbrochen tonlos zu sprechen, simultan mit dem Publikum in eine Art Meditation versetzt. Wenn es so unendlich langsam vorangeht, kann man jeden Ton einzeln in sich aufnehmen. Während dem zweistündigen Konzert von Swans scheinen dann einige um mich herum in einem Zustand entrückter Andacht aufzugehen. Jemand meint hinterher, das Konzert sei wie eine Messe gewesen. Für mein Empfinden ist das Ganze vielleicht etwas zu eintönig und zu sehr auf Sänger Michael Gira fokussiert, der seine Band dirigiert und zwischendurch in gebrochenem Deutsch Kommentare a lá „Ein ganz nettes Dörfchen haben Sie hier!“ ans Publikum richtet. 

Wer schon öfter beim Heart of Noise war, weiß: ästhetische Brüche sind hier Programm. Mit einem sich nach gängigen Logiken steigernden Spielplan sollte man lieber nicht rechnen. Wenn die Festivalbesucher:innen am Samstagabend aufgehitzt und tanzwütig sind, ist es ein Risiko, statt einem DJ oder einer Band einen einzelnen Künstler mit einem Instrument auf die Bühne zu stellen. Zu wenig darf man dem Publikum hier aber nicht zutrauen: respektvoll ruhig reagiert die Menge auch noch zu später Stunde auf die reduzierte und fragile Performance von Bendik Giske, der, von Nebelschwaden umhüllt und nur mit einem Saxophon ausgerüstet, den Raum mit Gefühl durchdringt. Fast ebenso reduziert und unerwartet berührend der darauffolgende Auftritt von Rian Treanor und Ocen James. Und das Schweizer Duo Xindl liefert zum Abschluss dann doch noch den aggressiven Sound, zu dem man die angestauten Gefühle des Tages abschütteln kann. 

Neben Freaky Fairy Flux Foundation von Karin Ferrari ist noch eine weitere Ausstellung Teil des Festivals: in der früheren Tabaktrafik hat sich das mit 70 Studierenden des ./studio3 – Institut für experimentelle Architektur entwickelte Projekt 70 BPM eingenistet. Beim Betreten des engen Kioskraums ist man prompt mit allem gleichzeitig konfrontiert: entlang einer langen Stahlkonstruktion werben zahlreiche winzige Einzelarbeiten piepend, blinkend und rotierend um Aufmerksamkeit. Mein Favorit ist der einsame rote Luftballon, in endlosen Fluchtversuchen und unermüdlicher Abhängigkeit zum unter ihm lauernden Kaktus gefangen. Eine simple Idee; mehr braucht es auch gar nicht. 

Bild: komplex

Nicht nur im Kiosk, auch an der Hauptlocation, dem Treibhaus, spielt Architektur wieder eine wichtige Rolle: die Installation WHAT A WASTE! (ebenfalls aus den Köpfen des ./studio3 entsprungen), die als Sitzplatz und Spielplatz gleichzeitig fungiert, transformiert das Stück Innenhof in eine klimpernde Glitzerlandschaft. Die angehenden Architekt:innen bedienten sich dabei, entsprechend dem Namen, vor allem an Schrott, alten Möbeln und ausrangiertem Kleinkram als Baumaterial. Wir sitzen zwischen eingemauerten Stofftieren und Spielzeugautos, erloschenen Neonröhren und umgestürzten Klavieren. Man fühlt sich hier ein bisschen so, als hätte man sich gerade an einer Menge nährstoffloser Zuckerwatte überfressen. Oder als hätte man zu viel Zeit auf irgendeiner Explore-Page auf Social Media verbracht: überstimuliert durch viel bunte, attraktive Oberfläche, bei näherer Betrachtung aber verloren inmitten von Information, mit der nicht viel anzufangen ist; in hübschem Schrott eben. Ich muss plötzlich an ein Bild denken, das vor ein paar Jahren im Internet die Runden machte und angeblich die Wirkung eines Schlaganfalls simulieren sollte. Die Installation und ihr Name zeugen von einer Wertschätzung des Weggeworfenen: bedächtig wird hier Müll wieder zu Schatz, wird Überresten zu neuem Glanz verholfen. Winzige Glitzersteinchen, von einer detailaffinen Hand auf einer Säule platziert, fallen vielleicht erst beim dritten Hinschauen ins Auge. Ähnlich dem musikalischen Programm gibt es auch hier bei jedem Besuch etwas Neues zu entdecken.

WHAT A WASTE!, ./studio3 | Bild: Daniel Jarosch

Zwei Highlights warten am Sonntagabend noch im Treibhaus-Turm. Den Anfang macht die japanische Sängerin Hatis Noit. Ungewohnt gesprächig für HoN-Standards richtet die Künstlerin zwischen ihren betörenden Musikstücken Worte an das Publikum und beschreibt musikalische Entstehungsprozesse. So erfahren wir auch von den Hintergründen eines Liedes, für das sie das Meeresrauschen an der Küste Fukushimas, dem Schauplatz der nuklearen Katastrophe im Jahr 2011, aufgenommen hat. Das unbewohnbar gewordene Gebiet besingt Hatis Noit mit stiller, schmerzvoller Sehnsucht nach einer Heimat, die nie ihre war, und scheint gleichzeitig die Bühne entlang durch seichtes Wasser zu waten. Ihr Konzert beendet sie mit einem beinahe übernatürlichen Schrei: gleich dem Ruf eines wilden Vogels hallt der Ton in den Ohren nach.

Vom Meer zum Moor. Jetzt werden wir von der Küste Japans in das dunkle Nass einer Albtraumlandschaft versetzt. Die Performance von Puce Mary beginnt mit leisen Wasser- und Atemgeräuschen, einem Gefühl des Davonlaufens oder zumindest eines nächtlichen, ziellosen Wanderns, irgendwo strauchelnd zwischen Angst und Neugier. Der Übergang von leise zu sehr laut passiert graduell und sanft; die Musik hüllt uns in eine so samtige dunkle Wolke, dass man ihn kaum spürt. Am Boden liegend, im Wald der Beine, lässt sich beobachten, wie die Menschen im Publikum sich zu ihrem eigenen inneren Rhythmus bewegen: manche zucken wie unter Strom, andere schwingen gleitend – jede:r auf eigene Arten auf die Klänge reagierend. Fetzen weit entfernter Melodien, Spuren von etwas tragen uns durch eine atmosphärische Stunde.

Puce Mary | Bild: Daniel Jarosch

Dann wieder ein ziemlich harter Bruch, vielleicht der härteste bisher: in Innsbruck an einem Sonntagabend um 23 Uhr mit Konfettikanonen und Glowsticks aufzufahren, erfordert einen gewissen Mut. Denis Karimani alias Remute hat ihn jedenfalls. Das Publikum ist verwirrt und braucht ein bisschen, um aus der mentalen Tiefsee der vergangenen Stunden aufzutauchen. Aber irgendwann schmelzen Glitzer, Neon und Neue Deutsche Welle rundum die kühlen Herzen und die Stimmung wärmt sich auf. Eine Freundin meint strahlend „… es ist einfach so extra!“ – irgendwie muss man es lieben. Danach schließen Jay Mitta feat. Kadilida und Barbara B den Abend und das Festival mit gebührendem Krach und Tanzlaune ab.

Zum Abschluss bleibt zu sagen, dass ein Festival mehr Spaß macht, wenn auch die Künstler:innen offensichtlich ihre Freude daran haben. Davon war dieses Jahr mehr zu spüren als in den vorherigen, wohl auch aufgrund der Tatsache, dass man es 2023 mit verhältnismäßig wenig raumfüllenden Visuals auf großflächigen Screens zu tun hatte, hinter denen der oder die Künstler:in teilweise völlig verschwindet, das Setup oft reduzierter war und die Menschen mehr im Mittelpunkt standen – mit schönen Resultaten. Das Heart of Noise 2023 war erstaunlich fröhlich. Etwas weniger Lärm, weniger Strobo, weniger Stress, aber auch weniger Techno-Lastigkeit, deshalb alles ein bisschen weniger tanzbar vielleicht – oder die erforderlichen Tänze mussten während dem jeweiligen Konzert eben erst erfunden werden.

| Delia Salzmann

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