Die STUDIO VISITS sind eine Programmschiene der Tiroler Künstler:innenschaft, um einen Rahmen des gegenseitigen Austauschens und Diskutierens über die Kunst hinweg zu schaffen. Am 8.11.2023 war der Künstler Tom Zabel mit seinem Projekt Triology of Change – und damit einhergehend einer Film- und Katalogpräsentation – zu Gast in der Neuen Galerie Innsbruck. Es ging um Verkabelungen des Lebens, Momente des Bewusstseins und Bewusstwerdens und um das Erinnern und Vergessen in Zeiten der Veränderung.

Es war eine Art künstlerische Selbstreflexion: Zwölf Tage lang breitete Tom Zabel diesen Sommer seine Habseligkeiten im MOHO-Areal aus. Das Resultat glich dann einem ästhetisch ansehnlichen Wirrwarr an Krimskrams: Da Koffer und Holzbehälter, dort ein paar Silber gefärbte Boots auf einer Metallkiste, daneben reihenweise Bücher, Magazine und Zeitschriften. Ein ganzes Konvolut an Gegenständen nistete sich in den ehemaligen Räumlichkeiten der Tiroler Tageszeitung, die heute Kulturvereinen und Sozialeinrichtungen ein Zuhause geben, ein. Es mutete fast so an, als sei der Künstler hier selbst eingezogen. Und doch blieb er seltsam unsichtbar, ließ lieber seine Gegenstände sprechen, die es sowieso besser können als jedes noch so gute Erinnerungsvermögen. Auch kann hier nicht mehr von leblosen Objekten die Rede sein, da sie alle und miteinander eine Geschichte erzählen. Um diese temporäre Performance festzuhalten, entstanden in diesem Zuge auch ein die Reaktionen des Publikums einfangender und das Projekt beschreibender Katalog sowie ein Film. Letzterer zieht wie mit einer Schnur den Entwicklungsstrang des Künstlers durch die Räume hindurch. Fast in Slow-Motion tastet er sich Schritt für Schritt vor, weniger aber um eine Biografie des Künstlers anhand von Artefakten zu formulieren, als vielmehr um zu Fragen des Lebens, dem ganz Existentiellen, zu kehren: Was willst du? Wer bist du? Was fragen sich Besucher:innen?

Tom Zabel ist ein Allroundtalent. Der gebürtige Heidelberger ist unter anderem als Straßenmusiker, Puppenspieler, Komponist, Performer, Tänzer, Theatermacher, Alleinunterhalter und bildender Künstler tätig. Bekannt ist er vor allem für seine Klassikprogramme für Marionette und seine für One-Man-Shows gedachten, aus einer Vielzahl an Instrumenten bestehenden Musikmaschinen, mit die er durch ganz Europa zog und die von einer komplizierten Aufmachung ausgehend immer zweckmäßiger und minimalistischer wurden. Nicht unberücksichtigt sollte man sein künstlerisches Engagement lassen, dem er sich seit jeher, doch insbesondere in den letzten Jahren verstärkt widmet. Stark beeinflusst wurde Zabel anfänglich von der künstlerischen Praxis eines Dieter Roth, der in seinen Arbeiten mit organischen Materialien hantiert, die einer allmählichen Veränderung unterliegen. Zeitlichkeit ist auch eine Konstante in Zabels Kunst, wenngleich er weniger – in Roth‘scher Manier – mit Verwesung und Schimmel arbeitet, als sich von dem Prozesshaftem in dessen Kunst triggern lässt. Nahe steht ihm künstlerisch auch der früh verstorbene Künstler Martin Kippenberger – man denke an seine Materialauslegungen in einer Turnhalle oder seinen transportablen U-Bahn Eingang. Aufgewachsen in der Zeit als Konzeptkunst, Fluxus und Happenings in aller Munde waren, spiegelt sich der Einfluss der Postmoderne im Werken und Wirken Zabels, das sich stark dem Performativen annähert. Er studierte bildnerische Erziehung an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien bei keine geringeren als Peter Weibel und Bernhard Leitner, was den Bogen zurück zu seinen Vorlieben für Raumuntersuchungen sowie Performanceakten schlägt. Immer wieder kam er auf das Auslegen von Material als künstlerischen Prozess zurück – das neueste Projekt diesen August mit dem Titel Trilogy of Change bildet nun quasi den Rahmen, weil es vorangegangene Performances dieses Formates reflektiert. Es handelt sich auch um das zeitlich wie inhaltlich intensivste Projekt dieser Art:
„Das Auslegen hat viele Ebenen, die für mich interessant sind – nicht nur ästhetisch, sondern auch soziologisch, kulturell und psychologisch. Durch den Akt des Auslegens liefere ich mich aus, stelle mich selbst in Frage und werde auch von den anderen Personen, Rezipient:innen, in Frage gestellt.“,
so Zabel in einem Gespräch mit dem komplex-KULTURMAGAZIN. Stark wirkt das Prozesshafte dieser Arbeit, baute Zabel diesen Performanceakt nicht in einem Zuge auf, sondern erweiterte ihn sukzessive. So reihten sich Bücher erst im Laufe dieser zwölf Tage in die Gesamtkomposition ein: „Es wäre gar nicht möglich gewesen, alles auf einmal zu legen. Das hätte den Rahmen gesprengt.“
Mit dem Bild von Sarah Vanhees Performance Oblivion vor Augen wird Tom Zabels Trilogy of Change noch eingängiger. Die niederländische Installationskünstlerin hob ein ganzes Jahr lang ihren Müll auf und breitete ihn dann im Zuge der Wiener Festwochen 2019 vor der Öffentlichkeit aus. Teil für Teil reihte sie Plastikflasche, Tablettenverpackung, Joghurtbecher und Frischhaltefolie auf großer Bühne nebeneinander, stellte sich öffentlich bloß und als Teil der Konsumgesellschaft in Diskussion. Tom Zabel geht ähnlich vor: Nur nimmt er gleich sein Ganzes, lebenslang angesammeltes, hier künstlerisches Hab und Gut und legt es, zeitlich versetzt, in drei Teilen auf. Einmal tat er es bereits 1978 als 22-jähriger ohne Publikum, unmittelbar bevor er sich dann in kathartischer Manier – einer Tabula rasa gleich – davon befreite und den ganzen Haufen zur Müllverbrennung brachte. Dann folgte 2009 in der Innsbrucker Galerie KOOIO eine Materialauslegung, wo eine Übersiedelung der Auslöser war. Schließlich bildete die Aktion im MOHO, Trilogy of Change, den Schlusspunkt: Abermals war eine Umsiedlung Motivationsgenerator dafür, weil sie ihm bewusst machte, wie viele Dinge er habe, wobei die MOHO-Performance, um die Trilogie rund zu machen, quasi nochmals die anderen beiden Teile in sich aufnahm. Tom Zabel fasst diese künstlerischen Performanceakte – insbesondere den letzten – als Einschnitte auf, die zurückreflektieren auf das, was war und einen Neubeginn zulassen. Sind es in seinem Falle nicht gemeinhin Abfallprodukte, so stellt er doch in Diskurs was Müll ist und was nicht. Dinge können im Laufe der Zeit ihre Bedeutung und Relevanz verändern. Was einem wichtig erschien, kann plötzlich völlig an Wert verlieren und umgekehrt.

Im MOHO gruppierten sich also ausgehend von einem mit Zabels Geburtsjahr versehenen alten Tisch herum sich also auf mehreren Räumlichkeiten verteilt Objekte, die wie einzelne Lebensstationen des Künstlers wirken und doch miteinander verwoben sind: Requisiten aus dem Puppentheater, Masken, Gewänder, Körbe, Koffer, Kisten, Taschen, Gemälde, eine Gitarre, eine Harmonika sind dabei, rundherum stapeln sich Publikationen. Selbst eine Gießkanne ist in diesem Wirrwarr an Gegenständen auszumachen, wo einzelnes aus der Menge heraussticht, anderes untergeht. Es liegt im Auge des Betrachters, was man aufschnappt: So manche:r wird an der von Fäden herabhängenden Puppe mit Clownsgesicht hängen bleiben, andere bei der Venezianischen Faschingsmaske oder dem auf einem Pult stehenden Buch „Geniale Dilettanten“. Man erkennt einen Kabelsalat, der metaphorisch für dieses Gewusel steht, das ganz im Sinne Zabels entknotet werden muss – um sich selbst gewahr zu werden, wo man steht. Jede:r hat es im Alltag schon erlebt: Manchmal bleiben Dinge liegen, manchmal verstauben Gegenstände im Eck oder in der Schublade, dann wiederum werden sie wieder hervorgekramt. Manchmal wird einem Ding neue Bedeutung verliehen. Tom Zabel hat aus seiner Marionette mal aus aktuellem Anlass einen Weihnachtsmann gebastelt – vielleicht ist es eine banale Anekdote oder nette Metapher, im Falle von Trilogy of Change zeigt es gut, um was es Tom Zabel geht. Die Marionette konnte man in der Ausstellung sehen, wieder in der ursprünglichen Form. Ganz so verschieben sich die Bedeutungen des Lebens.
| Florian Gucher

Beeindruckend und nicht ohne Wirkung, inspirierend!
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