Zwischen Lektürezirkel und Gutenachtgeschichte: Literarisches Speeddating 

Herzklopfen, scheue Blicke, zitternde Hände: gar nicht so leicht, zum ersten Mal jemandem gegenüberzusitzen, sich mit ihm oder ihr zu unterhalten, einander tief in die Augen zu schauen und sich kennenzulernen. Immerhin offenbart man dem Gegenüber gerade seine Seele – indem man ihm das eigene Lieblingsbuch vorstellt. Wie bitte? Ganz genau: So funktionierte die Veranstaltung „Read to Me – Literarisches Speeddating“ am 2. November in der Bäckerei Kulturbackstube, organisiert von Studierenden des Masterstudiums Vergleichende Literaturwissenschaft unter Mithilfe von Lehrveranstaltungsleiter Martin Fritz. Das komplex war mit dabei.

Über Lieblingsbücher und Lieblingsautoren plaudern: So lautet das Konzept des literarischen Speeddatings. | Bild: Alex Frick

Das Konzept ist einfach: Bring dein Lieblingsbuch, such dir eine Textstelle aus, dann wirst du jemandem zugewiesen und ihr habt 15 Minuten Zeit, euch gegenseitig eure Bücher vorzustellen und euch zu unterhalten, bevor wieder durchgewechselt wird und man ein neues Gegenüber mit einem neuen Buch kennenlernt. Die Idee dazu hatten Jakob Häusle, Felix Schreiner und Tatjana Stocker im Rahmen der Lehrveranstaltung „UE Literaturvermittlung: Literatur veranstalten im WWW und IRL“ im Masterstudium Vergleichende Literaturwissenschaft unter der Leitung von Martin Fritz.

Es geht los: Seite für Seite, Seite an Seite

Ich bin überrascht, als ich die Bäckerei eine Viertelstunde vor Veranstaltungsbeginn betrete und schon so viele Menschen vor der Bar und auf den vorbereiteten Stühlen entdecke. Das Interesse für dieses Veranstaltungskonzept scheint also groß zu sein. Sehr spannend! Die drei Organisator:innen erzählen, dass die 34 verfügbaren Plätze restlos ausgebucht sind und das sogar, bevor sie wirklich begonnen haben, Werbung dafür zu machen. Ich freue mich für sie und bin schon gespannt, wie der Abend verlaufen wird.

Gleich beim Eingang darf man sich am Lostopf bedienen. Die 17 Tischnummern sind auf bunten Zettelchen in insgesamt vier Farben notiert – jede:r zieht eines in jeder Farbe. Die Veranstaltung beginnt, die erste Farbe wird verkündet: Blau. Ein Gewusel entsteht, allgemeines Stühlerücken ertönt, bis alle ihre Plätze gefunden haben. Dann setzen mehrere Empfindungen gleichzeitig bei mir ein: Nervosität, weil ich mich fühle wie in einer mündlichen Prüfungssituation, Entspannung, weil der Sessel gemütlich ist und eine gelöste Atmosphäre herrscht, und Vorfreude, weil ich gespannt bin, was mir mein Gegenüber erzählen wird. Speeddating halt: Nur, dass ich mein Gegenüber nicht von mir selbst, sondern von meinem Buch überzeugen will.

Hesse und Kafka, Handke und Haas, Taschler und Wells, Lunde und Leky. Die Liste ist lang. Glänzende Hardcover, die fast neu aussehen, zerfledderte Taschenbücher, dicke Wälzer, dünne Büchlein, eigenwillige Lesezeichen, Post-Its, vollgekritzelte Seiten, Eselsohren. So unterschiedlich wie die Besitzer:innen sind auch die Erscheinungsbilder ihrer mitgenommenen Bücher. Klassiker, Bestseller, komplizierte Belletristik, deutsche One-Hit-Wonder, österreichische Vorkriegs- und Nachkriegsliteraten, Biografien, blutige Krimis oder Badewannen-und-Strand-Lektüre: alles ist dabei. Genauso wie Lesen alles darf: herausfordern genauso wie entspannen, verstören, aufwühlen, provozieren genauso wie beflügeln, aufmuntern, inspirieren. Meine erste Gesprächspartnerin stellt mir ein Sachbuch zum Thema Minimalismus vor – ein Buch, das sie seit Jahren begleitet und ihr schon in vielen Situationen geholfen hat. Einfach cool!

Der Abend schreitet voran, die Zettelfarben ändern sich. Die anfängliche Unsicherheit legt sich, manche Gläser leeren sich, Wangen röten sich, die Menschen werden redseliger, die Unterhaltungen gehen über das Gelesene hinaus. Lange nachdem die letzten Büchergespräche verstummt sind, wird noch an der Bar diskutiert. Über die Möglichkeit, dass die Veranstaltung nun nicht vorbei, sondern vielleicht noch einmal stattfinden könnte, wird geflüstert. Es ist ein voller Erfolg.

Über den Sinn, mit fremden Menschen über Bücher zu reden

Während des Speeddatings bin ich neugierig und frage meine Gesprächspartner:innen, wie sie zur Veranstaltung gekommen ist. Einige unter ihnen sind Teilnehmer:innen der Lehrveranstaltung, andere wurden von Freund:innen auf die Veranstaltung aufmerksam, wiederum andere sind durch Zufall darauf gestoßen. Es ist ein bunter Haufen an Menschen, die eines gemeinsam haben: Sie lesen gerne. Und Lesemenschen sind ja immer auf der Suche nach neuem Lesestoff.  

Betrachtet man die Veranstaltung aus diesem Blickwinkel, könnte man sich fragen, worin die Qualität eines Lektüretipps von einer fremden Person liegt. Man kann ja zunächst nicht beurteilen, ob man den Geschmack der Person teilt, für wie wertvoll man ihren Ratschlag hält. Was unterscheidet ihre Empfehlung von einer anonymen Internetrezension? Eine solche Herangehensweise würde die Absicht dieser Veranstaltung aber gänzlich verfehlen.

Zunächst gibt es – im Gegensatz zur Onlinerezension – keinen Anlass für die Person, das Buch anders darzustellen, als es ihrer Meinung nach ist, zu lügen, zu manipulieren oder zu beschönigen. Noch dazu beruht die Veranstaltung insgesamt ja auf einer Zwanglosigkeit und Gegenseitigkeit, darauf, nicht nur selbst zu quatschen, sondern bewusst anderen zuzuhören und andere Perspektiven kennenzulernen. Vielleicht kennt man eine:n Autor:in vom Namen und hat nach dem Gespräch Lust, ihn:sie auf die Bücherliste zu setzen. Oder man sieht sich mit einem Buch konfrontiert, das man immer schon mal lesen wollte, und so bekommt man einen Vorgeschmack. Oder man hat noch nie von Autor:in oder Buch gehört und kann sich so auf etwas gänzlich Neues einlassen.

In einer Welt, die jedes Erlebnis auf Nutzenmaximierung reduziert, in der es Wahlmöglichkeiten ohne Ende gibt, Entscheidungsmüdigkeit vorherrscht und jede Erfahrung einer FOMO unterliegt, braucht es Veranstaltungen wie diese. Wo es um nichts geht. Die keiner unterschwelligen Erwartungshaltung unterliegt. Außer, einen gemütlichen Abend zu verbringen, interessante Gespräche zu führen, sich gegenseitig zu bereichern. Das ist ganz viel wert.

Ganz davon abgesehen: Das Potenzial, das „Literarische Speeddating“ auf die romantische Schiene zu bringen, ist definitiv gegeben. Man kann sich wohl kaum besser kennenlernen als mittels Gespräche über Bücher. Es kann durchaus persönlich werden, wenn man sich jemandem derart anvertraut, dass man ihm oder ihr Einblicke in sein Lieblingsbuch gibt, oder einander vorliest. Noch dazu: Was die Menschen lesen und welche Bücher ihnen gefallen, sagt viel über ihre Persönlichkeit und damit über mögliche Kompatibilität aus. Oder auch: Wie Leute ihre Bücher behandeln. Das Format könnte sich also wirklich auch als Matchmaker erweisen. Wenn sich das nächste Mal das Büchergespräch etwas vertieft: Warum nicht einfach länger sitzen bleiben?

| Julia Zachenhofer

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