Das Theater 7ieben&7iebzig in Innsbruck zeigt die von Sarah Milena Rendel inszenierte Performance „Harte Kost“. Der Name kann zeitgleich als Warnung gesehen werden für das, was einen erwartet, denn leicht verdaulich ist die Beschäftigung mit den Themen Bulimie und Essstörung freilich nicht. Persönliche Erfahrungen werden mit Interviewausschnitten sowie mit theoretischen Reflexionen verwebt. Innere Spannungen treten zutage und verbreitete gesellschaftliche Vorstellungen von Körper, Leistungsfähigkeit und Kontrolle werden kritisch hinterfragt. Zudem wird der politische Boden eines zutiefst persönlichen, ja intimen Themas deutlich. Denn während wir oft glauben, unsere Selbstzweifel und unsere allgegenwärtige Angst, nicht zu genügen, seien von uns selbstgemacht und könnten durch ein bisschen positives Denken ohne Weiteres aufgelöst werden, liegt die Wurzel des Problems meist viel tiefer. Lässt das System, in dem wir leben, es überhaupt zu, aus dem ewigen Kreislauf des sich Vergleichens mit anderen auszubrechen? Können wir uns selbst jemals gänzlich unabhängig von all dem betrachten, das uns von außen aufoktroyiert wird? Wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht können wir irgendwann Wege finden, damit umzugehen, ohne uns selbst die Schuld an diesem letztlich strukturellen Problem zu geben.

Sarah Caliciotti war fürs komplex im Gespräch mit der Regisseurin:
Sarah Caliciotti: Wie ist der Text zur Performance entstanden?
Sarah Milena Rendel: Der Text ist entstanden aus Interviews mit zwei (ehemalig) von Essstörung betroffenen Menschen und aus einer Bachelorarbeit von einer der beiden Interviewten. Genauer: Sandrine, sozialtherapeutische Betreuerin, hat eine Bachelorarbeit zu dem Thema geschrieben und wir haben sie anschließend dazu interviewt. Dann wollten wir aber noch eine nicht weiblich gelesene Perspektive auf dieses Thema, da es ja durchaus, wenn auch weniger, auch Männer betrifft, was man oft vergisst. Daher haben wir noch ein Interview mit David Prieth geführt, der vor allem bekannt für seine Kulturarbeit und seinen Aktivismus in Innsbruck ist. David hat ja schon zu Corona-Zeiten bei „Fannys Friday“ öffentlich über seine Essstörung gesprochen. Diese drei Teile – die Bachelorarbeit und die beiden Interviews – machen den Großteil des Textes aus. Hinzu kommen noch Zitate von anderen Betroffenen.
Warum das Thema Essstörung?
Ines Stockner vom Theater 7ieben&7iebzig wollte gerne eine Performance zu diesem Thema haben, weil sie viel mit Jugendlichen arbeitet und das einfach ein sehr präsentes Thema unter Jugendlichen ist. Außerdem beschäftige ich mich grundsätzlich viel mit der Frage, wie Körper im Patriarchat und im Kapitalismus verhandelt werden, deswegen habe ich diese Herausforderung sehr gerne angenommen.
Woher kommen Schönheitsnormen deiner Meinung nach überhaupt? Der Begriff davon, was schön ist, ändert sich ja immer wieder, dennoch ist Dünnsein ein Aspekt, der immer wiederkommt – warum?
Ich denke, Schönheitsnormen dienen der Legitimation von Unterdrückungsmechanismen und von großen Ausgrenzungstendenzen. Menschen werden auf- und abgewertet durch Schönheitsnormen. Zudem wird vermeintlich Hochkulturelles wie zum Beispiel ein Versace-Kleid immer als schöner gelten als ein Jogginganzug, obwohl das natürlich keiner inneren Logik entspricht.
Ich hab das Gefühl, jeder Fortschritt bringt gewisse Rückschritte mit sich. Manche Schönheitsnormen werden wieder neu entzündet, gerade weil es heute Fortschritte wie Body Positivity oder den neuen Gedanken „Warum muss ich überhaupt schön sein?“ gibt – oder auch mental health issues, die sichtbarer werden.
Was das Dünnsein betrifft: Hinter Diätkulturen steckt auch einfach wahnsinnig viel Geld. Es gibt großes Interesse daran, dass Menschen dünn oder sportlich sein wollen, weil es schlichtweg Geld bringt, die dafür angepriesenen Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen. Da verweben sich verschiedene Unterdrückungsmechansimen und reproduzieren dadurch solche Schönheitsbilder.

Wird dieses Problem durch soziale Netzwerke ein zunehmend größeres?
Es gibt natürlich Foren, wo sich Menschen mit Essstörungen gegenseitig befeuern mit Tipps zum Abnehmen etc., das ist sicherlich alles andere als förderlich und kann auch sehr gefährlich sein. Aber andererseits ist es natürlich wichtig, diesem Thema auch medial zu Sichtbarkeit zu verhelfen und Heilungsprozesse oder Therapiemöglichkeiten aufzuzeigen, weil man durch soziale Netzwerke usw. natürlich viel mehr Menschen erreicht. Mit einer gewissen Sensibilität und gewissen Rahmenbedingungen kann man gerade für Jugendliche durchaus Möglichkeiten schaffen, diese Thematiken gut zu vermitteln.
Können wir als Gesellschaft darüber hinaus etwas tun?
In den Nachgesprächen nach den Vorstellungen merken wir zunehmend, wie wichtig es ist, das Thema anzusprechen. Die Tabuisierung – wenn auch nur im Kleinen – ein wenig einzureißen. Es waren Personen in den Vorstellungen, die danach total offen gesagt haben, sie waren auch betroffen und wie sehr ihnen Sichtbarkeit ohne Verurteilungen und Vorurteile hilft. Ich denke, – und das steht auch im Text und wurde auch in den Interviews gesagt – dass frühes Thematisieren von Körperbefinden und -empfinden im Allgemeinen, sowie kritische Bildung zu Körpernormen und damit verbunden auch zu patriarchalen und kapitalistischen Strukturen in Schulen und Institutionen verankert werden sollten.
Was ist dir persönlich besonders wichtig, in deiner Inszenierung zu zeigen?
Dass diese ganzen Zweifel und Sorgen diesbezüglich wirklich wahnsinnig viele Menschen betreffen. Ich will sichtbar machen, dass man nicht allein ist mit den Selbstzweifeln nach dem Blick in den Spiegel – und, dass niemand von uns diese Zweifel haben müsste und sollte.
Mit welchem Gedanken sollen die Menschen bestenfalls aus der Performance rausgehen? Was sollen sie mitnehmen?
Ich würde mir grundsätzlich wünschen, dass Menschen durchs Leben gehen und sich frei fühlen können ohne das Gefühl zu haben, sie müssen so und so aussehen oder sein. Wenn die Performance da einen Teil dazu beitragen kann würde mich das sehr glücklich machen.
| Sarah Caliciotti
Vorstellung im Theater 7ieben&7iebzig: 7.03. um 19:00 (Wiederaufnahme und Schulvorstellungen in Planung).
Performance mit: Ines Stockner und Maximilian Heiß
Regie: Sarah Milena Rendel
