komPOST #1 [F. Matz, A. A. Kelderer]

Im Rahmen unserer laufenden Online-Ausschreibung komPOST präsentieren wir die erste Beitragskombination mit Werken von Fabian Matz und Anton A. Kelderer:

state of matter

von Fabian Matz

state of matter – 2020 – Fabian Matz
Teilstück eines Feinstrumpfes aus Polyamidfasern mit ausgehärtetem Epoxidharz (21 x 11.5 x 8.7 cm)

Der schwangere Nietzsche

von Anton A. Kelderer

„Aber vielleicht ist dies der stärkste Zauber des Lebens: es liegt ein golddurchwirkter Schleier von schönen Möglichkeiten über ihm, verheißend, widerstrebend, schamhaft, spöttisch, mitleidig, verführerisch. Ja, das Leben ist ein Weib!“ [Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, 1882] – die im Folgenden dargelegten Denkbewegungen treten dafür ein, den Gedanken der Frau als allgemein gültiges und notwendiges Zauberelixier in Frage zu stellen und Momente einer phallozentristischen Logik dahinter aufzudecken. Ausgangspunkt der Überlegungen ist, dass die Obsession mit der Frau, Begierde nach dem Leib der Frau, auf den Willen zur Kopulation oder Appropriation verweisen und darum als unfertige Ausdrucksformen einer konfliktreichen Beziehung der Männer zu deren Sexualität gelesen werden können – vielleicht sogar zur Sexualität im Allgemeinen, aber zu oft schon hat sich der Mann angemaßt, über die Sexualität der Frau zu sprechen. Und wenn sich der Verdacht auftut, die Idee der Wahrheit als Frau sei unfertig, mangelhaft und irreführend als Metapher, so muss auch der Versuch gewagt werden, dieses Bild weiter zu denken, dem in den Wehen liegenden Nietzsche Geburtshilfe zu leisten.

Nietzsche der Schwangere, mit angeschwollenem Bauch, Denker der Schwangerschaft, sieht wohl, dass die Wahrheit der Frau, jenseits einer abschließenden Bestimmung, einer erschöpfenden Deutung liegen mag. Darum jenseits der Sprache, jenseits der Wahrheit, fernab von der Lüge der Begriffe und Systeme, Lüge der Mythen und Offenbarungen. Er denkt sie folgerichtig als janusköpfige Erscheinung, halb entblößt und halb verschleiert, halb gebend, halb verweigernd, einmal als Leben (femina vita), als Liebesprinzip, dann wieder als unheilvolle Todesbringerin, die mit eisernem Herz und ehernen Sinn die Granatäpfel des Hades überreicht. Im Zauberberg sagt Settembrini zu Hans Castorp: „Götter und Sterbliche haben zuweilen das Schattenreich besucht und den Rückweg gefunden. Aber die Unterirdischen wissen, dass, wer von den Früchten ihres Reiches kostet, ihnen verfallen bleibt.“ Und doch verharrt auch diese spannungsreiche Dialektik noch in der immer gleichen Logik der Verführung, offenbart den immer gleichen Blick der Begierde, die Besessenheit für eine verborgene Wahrheit, die es zu greifen und zu erobern gilt.

Nietzsches Denken erhebt den Anspruch, „am Punkt der letzten Philosophie und Skepsis des Weibes“ den Anker zu werfen, „im Widerspruch zwischen Liebe und Scham“, zwischen dem „Rätsel von Lösungen“ und der „Lösung des Rätsels“ neuen Halt zu finden, eine neue Wahrheit zu entwerfen. Das leibliche Ideal der Frau wird in eroticis in die Ferne gesetzt, die Verführung der Frau wirkt durch die Distanz und der Blick des Philosophen bannt erwartungsvoll die ferne Verheißung, dem Wahnsinn nahe sucht er die Sterne am Himmel ab. Die Frau freilich tut dem Mann Gewalt an, indem sie sich seinem Streben entzieht, wirft sie noch den ritterlichen Philosophen aus dem Sattel, den unerschrocken Wagemutigen, der dem Tod ins Antlitz zu blicken glaubt.

Vielleicht war das Visier doch zu eng, das Sichtfeld verkürzt, der ritterliche Philosoph nicht wagemutig genug, das angestrebte Ziel verfehlt, die fern geglaubte Frau eigentlich zu nah, die actio in distans viel eher eine actio ex propinquitate in propinquitatem und demzufolge auch die Wahrheit in ihrer Verschleierung noch zu offensichtlich, in ihrer Abwesenheit noch zu präsent. Der Gedanke, der hier nur angedeutet werden kann, lautet, dass auch die Idee der Frau als Objekt, der Eroberung noch überwunden werden muss, dass selbst der erfurchts- und sehnsuchtsvolle Blick auf den bestirnten Himmel noch kein allgemeines, kein moralisches Gesetz offenlegt, keinem Naturprinzip entspricht. Vielleicht zeigt sich hierin vielmehr ein partikulärer Blick auf die Frau, auf das Ideal der Frau, auf die Wahrheit als Frau, das einem konkreten historischen Zeitpunkt und einer feststehenden kulturellen Tradition entspricht, wohlgemerkt einer männlichen Tradition.

Was aber, wenn es auch einen Modus des Sehens gäbe, der sich aus der Optik des Besitzen-Wollens entfernt? Ein Moment des Geschehens, das eine Demut des Wartens einfordert, den kairós des Verlangens erfasst, die Lust suspendiert, sich am Nicht-Wollen erfreut: Wille zur Umwertung alter Werte, Zerstörung überkommener Götzenbilder, die oft zitierte Selbst-Überwindung, der Pfeilschuss in Richtung großer Mittag? Eine Suche, zweifelsohne, und darum noch immer mit Blick auf ein Ziel, noch immer ein Bogen, der den Pfeil der Sehnsucht spannt, womöglich überspannt. Eine Sichtweise, der zweifelsohne noch der Mangel anhaftet, eine kontinuistische Voraussetzung in sich zu bergen, auf eine teleologische Ausrichtung der Eros-Konzeption zu bauen. Dessen ungeachtet deutet diese Sichtweise auch auf einen gebremsten Modus der Wahrnehmung hin, auf eine fortdauernde Reflexion, die um eine Erscheinung kreist, ohne diese dem Bann ihrer Objekthaftigkeit zu entreißen. Hierin deutet sich ein spannungsreiches Wechselspiel mit dem bewunderungswürdigen Objekt an, demgegenüber auf alle Formen der Aneignung, zu denen es gleichwohl provoziert, verzichtet wird, wodurch es im Rang des Fremden und Mysteriösen verbleibt.

Vielleicht konnte nun das Problem ansatzweise erkannt werden, vielleicht wirkt nun besagte Idee der weiblichen Wahrheit leicht verkürzt, etwas undifferenziert im Anspruch, der stärkste Zauber des Lebens zu sein. Die Möglichkeit des Willens zum Nicht-Wollen, Hoffnung auf den Zauber der Seins-Vergessenheit, Überwindung des Zwanges zur Entscheidung, Loslösung vom principium individuationis – angesichts der aufgezeigten Denkansätze könnten diese naiv anmutenden Vorstellungen gar nicht mehr so realitätsfern erscheinen, womöglich wurden sie nun eine Spur konkreter und greifbarer. Nota bene nicht die Kastration wird hier vorgeschlagen, die Verneinung des Willens durch Leugnung, vielmehr eine neue Sichtweise wird in Aussicht gestellt, eine verwandelte Sehnsucht, ein veränderter Impuls und Antrieb. Ob hierfür erst die passende Metapher gefunden werden muss, ist eine andere Frage. Wem das Bild der Frau trügerisch erscheint, der finde eine bessere Metapher!


KURZBIOS

Fabian Matz

geboren 1986 in Basel, ist ausgebildeter Polygraf (Mediengestalter) und studierte Kunst & Vermittlung an der Hochschule Luzern. Seit mehreren Jahren betreibt er das atelier fabian matz – studio for elastic states und erschafft als Plastiker und Installationskünstler abstrakte und teils bizarre Werke in unterschiedlichen Medien und Techniken mit Polyamid-Feinstrümpfen.

Anton A. Kelderer

studiert Rechtswissenschaften im Doktorat und Philosophie und Komparatistik im Master.

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