komplex besucht INFF – Tag 2

Nachhaltigkeit ist ein Thema, dem sich nicht nur die Filme des Innsbruck Nature Film Festival widmen. Auch das umfangreiche Rahmenprogramm bietet Workshops, Vorträge und Führungen rund um das Umweltbewusstsein. Gestern Abend fand im Café Max Standard eine Lesung des Wiener Autors Thomas Weber statt. Dabei ging es um Verbraucher-Punkte, Online-Handel sowie „Bio“ und „Regionalität“. 

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Wir Menschen leben auf großem Fuß – nicht zuletzt, was unseren „ökologischen Fußabdruck“ betrifft. Unsere Lebensweise und unser Rohstoffverbrauch stehen in keinem Verhältnis mehr zu den global verfügbaren Ressourcen. Die meisten Menschen in den Industriestaaten denken wahrscheinlich nur ungern über so etwas nach, und es gibt vielleicht sogar noch den ein oder anderen, dem das gar nicht bewusst ist. Thomas Weber kramt all diese unangenehmen Wahrheiten hervor und hält sie uns direkt vor Augen – oder vor Ohren, als er am Mittwochabend im Max Standard einige Ausschnitte aus seinem Buch „100 Punkte Tag für Tag“ vorliest.

Das 100-Punkte-System

Mit dem 100-Punkte-System bedient sich der Journalist und Autor eines anschaulichen Konzepts, das den CO2-Verbrauch der Menschen unter die Lupe nimmt. Entwickelt wurde dieses von der Vorarlberger Initiative „Ein guter Tag hat 100 Punkte“. Die volle Punktzahl entspricht dabei dem wissenschaftlichen Richtwert von 6,8 kg CO2, die ein Mensch pro Tag höchstens verbrauchen sollte, um die Umwelt und das Klima zu schonen. Der Verbrauch richtet sich beispielsweise auf Konsum, Mobilität, Heizen und Stromverbrauch. Als Beispiel: „Alleine mit Heizen, Kleidung und aller Technik in der Wohnung gehen täglich 30 bis 50 Punkte drauf“, erklärt Weber. Ziel ist es also, die eigene Lebensweise diesen 100 Punkten anzupassen.

„Bestell online“

Zu Beginn seines Vortrags liest Weber das Inhaltsverzeichnis seines Buches „100 Punkte Tag für Tag“ vor. Das Publikum darf sich zwei Kapitel aussuchen, die der Autor in der Folge vorliest. Die Zuschauer entscheiden sich zunächst für: „Bestell online“. Auf den ersten Blick wirkt diese Maxime im Kontext des nachhaltigen Handelns absurd, angesichts der Ausmaße, die der Online-Handel in den letzten Jahren angenommen hat. Aber Weber sagt: Vor allem die Transporte seien oft ökologischer und besser koordiniert als die private Fahrt zum Supermarkt. Dabei bezieht er sich auf eine Studie des Logistikum der Fachhochschule Oberösterreich. Die Voraussetzung dafür ist die Missachtung dessen, womit der Online-Handel vorwiegend wirbt: der „sofortness“. Stattdessen solle man auf „slowness“ setzen und auch einmal mehrere Tage auf das bestellte Produkt warten. Dann ist der Lieferwagen voll und die Fahrt zahlt sich aus. Heimische Supermärkte nutzen laut Weber in Ballungszentren bereits das „shop-courier-service“, wobei Kuriere die Bestellungen innerhalb weniger Stunden ausliefern, die der Kunde im Internet bestellt hat. Dies könne die lokale Wirtschaft fördern und das Verkehrsaufkommen reduzieren.

„Kauf bio, nicht regional“

Als nächstes will das Publikum mehr über „Kauf bio, nicht regional“ wissen. Darin spricht Weber einen Irrglauben an, dem viele Käufer unterliegen: dass das Label „regional“ gleichzeitig für die Qualität des Produktes steht. Dabei befinden sich unter so gekennzeichneten Produkten auch konventionell hergestellte Waren. „Nur ‚bio‘ garantiert beispielsweise die artgerechte Tierhaltung“, stellt Weber fest. In den letzten Jahren sei laut einer Verbraucherstudie die Attraktivität und Vermarktung von regionalen Produkten enorm gestiegen. Das berge außerdem ein großes Potential für Verbrauchertäuschung.

Dazu erzählt Weber eine Anekdote: Im Frühjahr habe er sich auf einem Bio-Lebensmittelmarkt in Franken mit dem Gründer der dort ansässigen Regionalwert-AG unterhalten. Dieser habe ihm von Kohlrabi erzählt, der mit dem Attribut „gewachsen in Baden Württemberg“ vermarktet wurde. „Wenn man sich den Weg dieses Kohlrabi vor Augen führt, passt das Label ‚regional‘ plötzlich nicht mehr so gut: Das Saatgut kommt aus Amerika, die Setzlinge wurden in Dänemark auf Kokosfasern aufgezogen, nach Deutschland importiert, sind auf Humusboden aus Aserbaidschan gewachsen und wurden schließlich von Erntehelfern aus Nordafrika geerntet.“ Er nennt noch andere solcher Geschichten: Für das biorama recherchierte ein Redakteur zum Thema Bio-Hotels und fand heraus, dass der dort angebotene „Tiroler Käse aus dem Nachbartal“ eigentlich aus Linz stammte. Überraschend dabei: „Auch wenn die Bezeichnung nicht stimmt, ist der Transport auf diese Weise tatsächlich ökologischer im Vergleich dazu, wenn der Bauer aus dem Seitental jede Woche mit seinem Allrad den Käse liefert.“

Es ist also nicht leicht, sich durch den Dschungel des nachhaltigen Lebens zu manövrieren. Ständig muss man abwägen und hinterfragen. Das will Thomas Weber vermitteln. In seinem Buch finden sich einige Handlungsanleitungen, wie man sein Leben bewusster gestalten kann. Viel mehr aber noch ist das Buch eine Zusammentragung von Erkenntnissen, Geschichten und Widersprüchen. Weber zitiert Studien, Websites, erzählt Anekdoten. Er ist häufig unterwegs im Auftrag der Nachhaltigkeit, besucht beispielsweise auch Landwirtschafts- und Industriebetriebe. Man merkt: Weber hat vieles zu berichten. Seine Botschaft ist nach der Lesung und der anschließenden Diskussion jedenfalls bei allen angekommen.

JZ

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