Jenseits von Blau und Rosa – im Gespräch mit JULIA JENEWEIN und JULIA NEUHOLD

„Lauwarm“ heißt das Stück, das derzeit ins Theater praesent lockt. Lauwarm fühlt es sich auch an – nicht kalt und nicht heiß, sondern etwas dazwischen. Es lässt sich nicht einfangen, schubladisieren oder definieren, es behandelt etwas, wofür es jahrhundertelang keine Worte gab und dem nun anhand neuer Kategorien eine Stimme gegeben wird – Kategorien, die mitunter aber wiederum einschränken können, wenn man nicht aufpasst. Es geht um falsch verstandene und nicht akzeptierte Bisexualität, es geht um die schwierigste Zeit in unserem Leben, in der uns am meisten abverlangt wird: Die Pubertät mit all den damit verbundenen Unsicherheiten und Ängsten, aber auch mit all dem Neuen, das wir an uns entdecken. Und es geht um ein neues Zeitalter, das unser binäres Denken nicht bloß hinterfragt, sondern schlichtweg als falsch entlarvt.

Kostüme und Bühnenbild | Bild: Dino Bossini

Julia Jenewein hat eine moderne Adoleszenz-Geschichte inszeniert, die sich gegen klassische Rollenbilder und eine heteronormative Gesellschaftsstruktur wehrt. Julia Neuhold hat Bühne und Kostüme dazu gestaltet und dabei das Lauwarme eingefangen. Im Gespräch mit komplex-Redakteurin Sarah Caliciotti verraten sie Details zum Stück.

Julia Jenewein, was hat dich so an Sergej Gößners Text fasziniert, dass du ihn für diese Inszenierung ausgewählt hast?

Julia Jenewein: Es ist ein Text, in dem es um Bisexualität geht, das kommt nicht oft vor und hat mich interessiert. Ich hab viel recherchiert und dabei neue Perspektiven erfahren. Außerdem ist es auch sehr spannend für mich gewesen, so etwas aus der Sicht eines Mannes zu lesen.

Es geht um den Zwischenzustand zwischen Homo und Hetero und ich denke, das Stück ist auch für Jugendliche sehr wichtig, weil sie in der Pubertät noch mehr damit konfrontiert sind, als wir es damals waren – jetzt kommen all die gender identities, Pronomen, Symbole und Flaggen dazu, auch im Internet ist der Diskurs stärker, es wird mehr darüber gesprochen.

Seht ihr die fehlende Akzeptanz in erster Linie als Dorfproblem oder ist es in der Stadt genauso schwierig für Menschen, die nicht in die heteronormative Ordnung passen?

J.J.: Es ist im Dorf sicherlich immer noch schwieriger; ich komme vom Land und was diese Dinge betrifft, dauert alles um die die fünfzig Jahre länger. Einige Großstädte sind natürlich aufgeschlossener, wobei man ja gerade aus großen Städten in den USA auch oft von Morden an beispielsweise Transpersonen hört. Mich erstaunt immer wieder, wie hasserfüllt eine Szene ist, in der es um Liebe geht.

Julia Neuhold: Es geht meiner Meinung nach vielmehr ums Umfeld, als um den Ort. Es kann auch sein, dass du den Menschen am Land näher bist und sie dich daher eher akzeptieren, wie du bist, während du in der Stadt distanzierter zu deinen Nachbarn und anderen bist.

J.J.: Ganz grundsätzlich begegnen sich die Menschen viel weniger von Angesicht zu Angesicht, sondern in ihren Bubbles und im Internet, was das Ganze nicht erleichtert.

„Neues zuzulassen ist für die meisten Menschen schwierig.“

Was glaubt ihr, warum haben Menschen Vorbehalte gegenüber Queerness?

J.N.: Ich denke, es ist in erster Linie Gewohnheit und das Standardbild vom Leben, das leider nach wie vor aus Mann, Frau und Kinder besteht, was ja prinzipiell nichts schlechtes ist. Aber das Bild ist verankert in den Köpfen und Neues zuzulassen ist für die meisten Menschen schwierig, weil sie Gewohnheitstiere sind.

J.J.: Ich glaube auch, es sind Ideale, veraltete traditionelle Rollenbilder, die patriarchale Gesellschaftsstruktur und vor allem Angst.

Angst wovor?

J.J.: Dass das Bild, an dem man sich seit jeher festklammert, sich plötzlich als falsch offenbart. Aber auch Angst vor der eigenen Sexualität –  ich glaube, es sind viel mehr Menschen bisexuell, als  sich eingestehen und auf Unterdrücktes wird oftmals aggressiv reagiert. Viele meinen, einen zu hohen Preis zahlen zu müssen, würden sie es offen leben – Die Familie, die sich für einen schämt, Freunde die einen beschimpfen, die Arbeit, in der man anders wahrgenommen wird und so weiter. Dabei sollte man auf sich hören – das Problem ist ein Problem der anderen. Love is love!

Julia Neuhold, was soll die Ausstattung in diesem Stück vordergründig transportieren?

J.N.: Die Masse an Symbolen und Einordnungen, die die Gesellschaft vorgibt und die daraus resultierende Überforderung – den Zwang sich einordnen zu müssen, auch wenn das nicht nötig ist oder man das nicht will. Das gilt vor allem für die Bühne. Die Kostüme sind lauwarm. (lächelt vielsagend)

Kostüme, lauwarm | Bild: Dino Bossini

Wie geht der Prozess der Bühnengestaltung in deiner Arbeit vonstatten? Hast du deine Ideen schon vor der ersten Probe?

J.N.: Im Normalfall lese ich das Stück, dann mach ich erste Skizzen und schreibe Ideen auf. Diese bespreche ich mit der/dem Regisseurin/Regisseur, dann mixen wir unsere Ideen zusammen. Oft geht es dann ans Pläne zeichnen. Nicht selten werden die anfänglichen Konzepte auch wieder verworfen, weil in den Proben Szenen entstehen, zu denen das ursprünglich Angedachte nicht mehr passt, da muss man flexibel sein. Dann geht es ans Einkaufen, Bauen und Malen!

Worin liegt die Herausforderung für dich, dass das Theater praesent so ein kleiner Raum ist? Was hättest du für für eine große Bühne anders gemacht?

J.N.: Vor allem ist der Raum nicht gerade und daher schwer zu gestalten und zu bespielen. Die größte Herausforderung ist aber die, dass das Publikum so nah am Geschehen sitzt.

Wir arbeiten viel mit dem Boden, was wir bei einer großen Bühne nicht machen könnten, weil man es dort vom Zuschauerraum aus nicht so gut sehen würde. Im großen Raum kann man größer denken, aber im kleinen kann ich mehr Details verwenden. Es hat also beides seine Vorteile.

J.J.: Ich finde, die Intimität des Raumes ist für das Thema sehr wichtig, so fühlt man sich beobachtet und angesprochen und fragt sich ständig: Wo stehe ich eigentlich?

„Diversität sollte auf der Bühne immer das Ziel sein.“

Wie wurden die Schauspieler:innen ausgewählt? Warum sind es zwei, obwohl es ein Monolog ist und und warum wurden eine Frau und ein Mann ausgesucht?

J.J.: Der Text hat sich nicht wie ein Monolog angefühlt. Die Hin- und Hergerissenheit in einem Menschen und die verschiedenen Stimmen im Kopf können durch einen Dialog spannender dargestellt werden. Ich hab mich bemüht, die Rollen genderfluid aufzuteilen, beide könnten mehrere Sexualitäten haben. Julia Posch und Fabian Mair Mitterer passen sehr gut in diese Rollen. Grundsätzlich ist das Ganze ja die autobiografische Geschichte von Sergej Gößner, also ausgehend von einem Mann – das vergisst man aber schnell, weil es keine Rolle spielt, denn Diversität sollte auf der Bühne immer das Ziel sein.

Gab es für dich eine besondere Herausforderung in der Inszenierung?

J.J.: Ein Jugendstück zu einem Erwachsenenabend zu machen, es aber für Schulklassen tauglich lassen – es ist schwierig, so zu inszenieren, dass es für alle spannend bleibt.

Aber es ist sehr lehrreich, sich als Erwachsene in die Pubertät zu schmeißen – oder es zu versuchen. Jede/r kann sich mit etwas davon identifizieren.

„Was habt ihr euch denn dabei gedacht?“

Was sind eure Lieblingspassagen?

J.N.: „Was habt ihr euch denn dabei gedacht? Menschen? Dass wir genau in diesem Alter entscheiden sollen, wo wir hinwollen in unserem Leben. Beruflich und all das. Was ein Scheiß. Ich bin depressiv, hab meine erste große Sinnkrise und soll gute Noten nach Hause bringen. Wer hat euch den ins Hirn geschissen?“

J.J.: Was ich am Stück am meisten schätze, ist dass man nicht alles benennen muss, sondern einfach sein kann. Dementsprechend ist meiner liebster Satz:„Als Mensch bin ich doch im Werden, ich bin im Sein. Woher soll ich heute wissen, was ich morgen bin?“

| Sarah Caliciotti

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