Der Kerosinofen als Relikt der Menstruationspflege – im Gespräch mit ENDI TUPJA 

Die Künstlerin, Filmemacherin, Storytellerin und Kulturschaffende Endi Tupja wurde 1984 in Albanien geboren und lebt heute in Berlin und Tirana. In ihren künstlerischen Tätigkeiten experimentiert sie mit Strategien der Gedächtnisregeneration und dem Potenzial des Re-Enactments mit Zeitzeug:innen. Endi Tupja residiert derzeitals Fellow im Künstlerhaus Büchsenhausen und nimmt an der Ausstellung FAULTS AND BRIDGES, die noch bis zum 5. August 2023 im Kunstpavillon besucht werden kann, teil. 

Die Ausstellungsbeiträge der Künstler:innen befassen sich mit gestischer Performativität zur Deutung der Welt, mit Monumentalität und memetischer Kommunikation in diktatorischen Regimekontexten, mit Abfall als Gemeingut und kapitalistisches Kulturerbe sowie mit den von Endi Tupja präsentierten spezifischen historischen und geografischen Räumen durch die Verbindung politischer Unterdrückung und Trauma mit menstrual care. Ihr Videoprojekt hard-boiled, contained, evaporated! thematisiert die Menstruationspflege, ihre Herausforderungen im kommunistischen Albanien und – in diesem Zusammenhang – Missstände der damaligen Zeit. Im Interview steht die Künstlerin Rede und Antwort. 

„Hard-Boiled, Contained, Evaporated“ – Dreikanal-Video-Installation von Endi Tupja, 2023 | Foto: Daniel Jarosch

komplex: Eines der Herzstücke Ihrer Forschungsarbeit hard-boiled, contained, evaporated! findet sich in Badezimmern des kommunistischen Albaniens. Welche Recherchefunde sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? 

Endi Tupja: Es gab keine gezielte Suche. Die Recherche orientierte sich an meinen Kindheitserinnerungen, als ich etwa sechs oder sieben Jahre alt war. Im Rahmen des Projekts habe ich versucht, diesen Spuren der Erinnerungen in der Gegenwart einen Raum zu geben. Im Zuge der Interviews mit diesen Frauen konnten viele meiner eigenen Erinnerungen bestätigt und validiert werden. Das blieb mir am meisten in Erinnerung und hat mich rückblickend am meisten berührt.

komplex: Wie werden Sie diese im Künstlerhaus Büchsenhausen im Zuge Ihrer Residency, vor allem in Ihrer anstehenden Ausstellung, präsentieren? 

ET: Die Residency im Künstlerhaus Büchsenhausen bietet mir die Möglichkeit, mich viel mit Ideen von Distanz, Zeitlichkeit, Zäsur und Grenze zu konfrontieren. Diese Aspekte sind für eine Künstlerin der Diaspora sehr wichtig, deren Interesse darin besteht, einen Raum für zeitliche Konfrontationen der Erinnerungen zu kreieren. Die Arbeit hat sich deswegen auch in Richtung Mehrkanal Video-Installation orientiert. Ich wollte damit die Missverhältnisse zwischen der Zeitlichkeit, dem Erinnern und dem Trauma hervorheben.

komplex: Der Schwerpunkt Ihrer Recherche liegt neben den Badezimmern sowie deren Bodenökologien auch im Paradigma des Kerosinofens. Warum der Kerosinofen? 

ET: Der Kerosinofen war während der kommunistischen Diktatur in Albanien ein wichtiger Teil des Hausarbeitsalltags der Frauen. Er war beides: Küche und Waschmaschine. Dort wurde sowohl das Abendessen gekocht, als auch die Menstruationsbinden, improvisierten Stoffbinden, ausgekocht (die damaligen Frauen hatten keine industriell hergestellten Menstruationsprodukte zur Verfügung). Das Objekt ist ganz stark in meiner Erinnerung geblieben und hatte, in Bezug auf die Entstehung der Arbeit, einen Domino-Erinnerungseffekt.

„Hard-Boiled, Contained, Evaporated“ – Dreikanal-Video-Installation von Endi Tupja, 2023 | Foto: Daniel Jarosch

komplex: Auf welche Hindernisse sind Sie im Zuge dieser kollektiven Erinnerungsaufarbeitung gestoßen? 

ET: Die Interviews und Gespräche haben sich auf die Erinnerungen von Frauen zwischen 60 und 80 Jahren konzentriert. Es war ziemlich schwierig, Gespräche für diese filmische Arbeit zu führen. 

komplex: Woran lag das Ihrer Meinung nach?

ET: Die Fragen nach Raum und Intimität mit dem eigenen Körper haben die interviewten Teilnehmerinnen als ungewohnt empfunden. Ich habe noch vor den Antworten gespürt, wie die Erinnerungen bei den Teilnehmerinnen aufstiegen. Dieeigene Menstruationserfahrung ist bei ihnen untrennbar verbunden mit der Diktatur jener Zeit. Gespräche oder Erinnerungen entstehen in der Regel informell, in familiären Milieus und sporadisch. Im Filmprojekt werden diese gezielt hervorgeholt und gesammelt. Den Frauen brachte dieser Sammelakt viele schmerzhafte Gefühle.

komplex: Mit welchen Hindernissen waren Sie persönlich im Zuge der Forschungsarbeit konfrontiert?

ET: Die Auseinandersetzung mit der diktatorischen Vergangenheit ist ein kollektiver Prozess, der sich in den letzten 30 Jahren in Albanien sehr brüchig und konfus entwickelt hat. Während meines Lebens in der Diaspora hat sich mehr und mehr der Wunsch ergeben, diese Auseinandersetzung in meiner Kunst weiter zu erforschen. Ich denke es ist ein unmittelbarer Prozess, der nicht neu ist, aber ich hoffe auf die Hervorbringung von etwas Neuem und Nützlichem. Allerdings besteht während dieses Prozesses die Gefahr, den eigenen Schmerz zu romantisieren und diesen in den Projekten zu suchen. Was ich persönlich noch sehr schwierig finde, ist den Impuls dieses Projektes mit den europäischen Erfahrungen und Historie in der menstrual care zu vergleichen. Denn die Dimensionen der spezifischen Geschichte sind groß genug, um bei unterschiedlichstem Publikum Empathie hervorrufen zu können.

komplex: Das früher kommunistisch-diktatorische Albanien hat nach einer tiefen wirtschaftlichen und politischen Krise seine Regierungsform gewechselt. Welche Veränderungen für menstruierende Frauen können durch die Öffnung hin zu einer parlamentarischen Republik verzeichnet werden? 

ET: Die elementarsten materiellen Bedingungen haben sich geändert: Es gibt Menstruationsprodukte! Das Thema der Menstruation ist offener geworden, es gibt mehr Informationen aber immer noch viel Schweigen. Es ist nach wie vor ein Tabuthema

Zeichnung aus der Serie „Bathroom Floor Geographies“, 2023 | Foto: Daniel Jarosch

komplex: Woher stammt Ihr Interesse an diesen Themen?

ET: Meine Arbeit konzentriert sich oft auf das Erinnern, besonders auf das Erinnern traumatischer Ereignisse und die daraus resultierenden Gestaltungsmöglichkeiten im Medium Film/Video. Die Idee ist nach einem Gespräch über Intimität, Räumlichkeit und Pubertät entstanden, als ich als erwachsene Frau den Moment meiner ersten Periode analysiert habe. Meine Gedanken haben aber unmittelbar versucht, die Erfahrung meiner Mutter zu ergreifen. Unsere Verbindung ist starkmit der Diktatur und deren Ende verwoben. Hier sind unsere Menstruationserfahrungen (aber auch die Intimität mit dem eigenen Körper) sehr unterschiedlich gewesen. Ich habe versucht, meine Idee weiter zu entwickeln, nämlich mit der Intention Arbeit, menstrual care, und Diktatur in einer bestimmten erzählerischen Struktur zu verbinden. Das war der Ausgangspunkt des Projekts.

komplex: Welche Unterschiede stellen Sie in der menstrual care zwischen ihren Arbeits- und Wohnorten Berlin und Tirana fest? 

ET: Ich möchte ganz stark betonen, dass es meiner Meinung nach leider aktuell keine menstruelle Emanzipation gibt. Im sogenannten progressiven Westen auch nicht. Das Thema ist noch von viel Schweigen, Unzulänglichkeit und Ignoranz umgeben. 

|  Doris Braunhofer

Die Ausstellung Faults and Bridges ist noch bis 5. August 2023 in Innsbruck im Kunstpavillon zu sehen. 

Website von Endi Tupja

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