Am 23. April eröffnete Patrick Roman Scherers neueste Ausstellung Taking the Side of Things im Davy Art Space in Wien (noch zu sehen bis 16. Mai). Ich hatte das große Privileg, dabei zu sein und seine Kunst in ihrer ganzen Tiefe zu erleben. Am nächsten Tag besuchte ich ihn in seinem Atelier, um mich mit ihm zusammenzusetzen und mit ihm über seine Arbeit, seine Inspirationen und die tieferen Bedeutungen alltäglicher Gegenstände in seinen Werken zu sprechen.

In Taking the Side of Things spricht Patrick Roman Scherer über seine künstlerische Praxis, in der Alltagsobjekte in vielschichtige visuelle Systeme aus Ornament, Rhythmus und Bedeutung überführt werden. Er arbeitet stark intuitiv, nicht anhand fester Skizzen oder Konzepte – seine Ideen entstehen unterwegs, im Prozess und durch Wiederholung. Seine Werke entwickeln sich organisch, wobei sich Kontrolle und Zufall ständig überlagern. Kindliche Neugier, spielerische Leichtigkeit und ein geschärfter Blick für übersehene Details des Alltags prägen seine Arbeit.
Wenn man einen einfachen Gegenstand wie einen Tennisschläger oder einen Kopierer in ein Ornament setzt, bekommt er eine andere Bedeutung und eine gewisse Wichtigkeit. Durch das Handwerkliche wirkt er aufgeladen, „charged up“. Patrick interessiert dabei besonders der Kontrast zwischen dem Industriellen und verschiedenen Zeitebenen, und die Diskrepanz, die sich daraus ergibt.
Seine Arbeiten tragen zwar historische Bezüge in sich, bewegen sich aber zwischen unterschiedlichen Epochen – von gotischen Architekturelementen bis hin zu jugendstilartigen floralen Mustern. Daraus versucht Patrick eine Art Symbiose zu entwickeln und einen abstrakten Ort entstehen zu lassen. Dabei geht es ihm auch darum, was zwischen den Gegenständen und Arbeiten passiert: wie sie miteinander kommunizieren und welche eigenen Geschichten daraus entstehen können.
Patrick arbeitet nicht klassisch mit Skizzenbüchern. Oft entstehen er sehr schnelle Zeichnungen auf Post-its – eher spontane Notizen oder visuelle Fragmente von Ideen. Vor Kurzem hat er zwar begonnen, ein Skizzenbuch zu führen, aber eher aus dem Gefühl heraus, dass man das als Künstler:in „haben sollte“. Wenn er sieht, wie andere ihre Skizzenbücher ständig dabeihaben, fragt er sich manchmal, ob er etwas falsch macht – aber so funktioniert er einfach nicht.
Seine Ideen entstehen selten am Tisch. Meistens kommen sie unterwegs, etwa beim Spazierengehen. Das ist für ihn eigentlich die intensivste Form der Planung: kurze Skizzen oder gedankliche Bilder. In der Regel arbeitet er an einem Werk nach dem anderen, und daraus entwickelt sich oft das nächste. Im besten Fall entsteht daraus so etwas wie ein Dominoeffekt – auch wenn das nicht immer passiert.

Raya Sotirova: Du hast erwähnt, dass Beziehungen zwischen Elementen zufällig wirken können. Wie findest du die Balance zwischen Zufall und Kontrolle in deinen Kompositionen?
Patrick Roman Scherer: Ich glaube, meine Arbeiten schauen kontrollierter und genauer aus, als sie tatsächlich sind. Ich bin nicht perfektionistisch. Und ich bin auch nicht super präzise – also, ich weiß nicht genau, wie viel Kontrolle da wirklich ist.
Wenn ein Bild fertig ist, ist es für Patrick abgeschlossen und er geht direkt zum nächsten über. Zweifel gehören für ihn zwar dazu und tauchen auch täglich auf, aber nie auf dieselbe Weise – jeder Tag fühlt sich anders an. Wenn er das Atelier verlässt, ist das Gefühl nie gleich: Manchmal ist er zufrieden mit der Arbeit, manchmal erscheint sie ihm im Nachhinein weniger stimmig.
Kannst du einen Moment in deinem Prozess beschreiben, in dem ein Werk „klickt“ oder seine Richtung offenbart?
Patrick Roman Scherer: Das ist sehr unterschiedlich und hängt stark von der jeweiligen Arbeit ab. Außerdem sieht man die eigene Arbeit jeden Tag anders, deshalb ist es schwer, das konkret zu beantworten. Eigentlich passiert dieser Moment für mich oft erst später – zum Beispiel, wenn eine Ausstellung aufgebaut ist und alles hängt. Dann erkenne ich plötzlich einen größeren Zusammenhang zwischen den Arbeiten. Während einer Ausstellung habe ich oft das Gefühl, dass alles mehr Sinn ergibt. Im Studio ist das nicht immer so klar. Erst im Ausstellungsraum verbinden sich die einzelnen Punkte stärker miteinander.
Wie findest du die Symbiose zwischen den zufällig ausgewählten Objekten in deinen Ausstellungen?
Patrick Roman Scherer: Zuerst kommen die Idee und das Gefühl dazu. Alles andere versuche ich danach in eine visuelle Sprache zu übersetzen. Am Anfang ist es einfach ein intuitiver Prozess.
Wie sich diese zwei Dinge miteinander verbinden, kann ich gar nicht so genau sagen – es passiert einfach. Das ist vielleicht auch ein Teil dieses Zusammenspiels von Zufall und Kontrolle: etwas zuzulassen und zu schauen, was entsteht, wenn es miteinander in Beziehung tritt. Gleichzeitig liegt das nicht nur bei mir, sondern auch bei den Menschen, die die Arbeiten betrachten. Ich gebe meinen Bildern keine Titel, wodurch eine gewisse Offenheit und Freiheit für die Betrachter entsteht. Es geht mir darum, Raum für Interpretationen und eigene Geschichten zu lassen.

Wie entscheidest du welche Objekte in dein visuelles Universum gelangen? Ist das impulsiv oder eher eine über die Zeit entwickelte Intuition?
Patrick Roman Scherer Ich entscheide das oft weniger rational als intuitiv. Natürlich gibt es ein inneres Auswahlverfahren dafür, welche Objekte in mein visuelles Universum gelangen, aber meistens beginnt es mit einem Gefühl oder einer Anziehung. Manchmal habe ich sofort eine stärkere Idee davon, welche Symbolik ein Objekt in sich trägt und wie weit man diese verfremden oder transformieren kann. In anderen Fällen erschließt sich mir erst später, warum mich ein bestimmter Gegenstand überhaupt interessiert hat oder woher die Idee dafür kam.
Wenn du zurückblickst: Wie hat sich dein künstlerisches Vokabular über die Jahre am stärksten verändert?
Patrick Roman Scherer Das betrifft hauptsächlich vergangene Arbeiten und das Wiederaufnehmen von Motiven. In dieser Ausstellung gibt es zum Beispiel ein Regalmotiv, das sich auch auf ältere Arbeiten bezieht – ich recycle auch Ideen und entwickle sie weiter. Für mich ist das fast wie ein Archiv aus Objekten, Patterns und Zeichenstilen, die ich unterschiedlich einsetze.
Manche Dinge vergisst man vielleicht wieder, aber es ist wie verschiedene Schubladen, die man öffnet. Ich kann keienn genauen Zeitpunkt nennen, an dem sich das verändert hat. Aber ich würde sagen, dass ich meine Arbeit seit 2013 Stück für Stück darauf aufbaue.
Wenn ich heute zurückschaue, machen viele Dinge für mich Sinn. Ich sehe Parallelen zwischen älteren und neuen Arbeiten und merke, dass alles auf diesem Vokabular aufbaut.

Wie hat Farbe den Entscheidungsprozess beeinflusst? Siehst du Farbe eher als Erweiterung deines Vokabulars oder als Bruch mit deiner früheren Praxis?
Patrick hat zehn Jahre lang ausschließlich mit Bleistift auf Papier gearbeitet, installativ und im Großformat. Seit 2021 ist Farbe in Form von Acryl dazugekommen,. Für ihn ist das jedoch keine Malerei, sondern weiterhin Zeichnung – eher ein grafischer Spielraum.
Patrick Roman Scherer: Ich finde eigentlich nicht, dass Farbe mein Vokabular verändert hat. Daran habe ich jetzt auch gar nicht gedacht. Meine Bildsprache ist immer noch sehr ähnlich zu den Arbeiten, die nur Bleistift auf Papier entstanden sind.
Ich glaube eher, dass Farbe nur eine grafische Erweiterung ist – eine Möglichkeit, mit Zeichnung anders umzugehen. Sie hat mein Vokabular nicht verändert, sondern mir zusätzlichen Spielraum gegeben. Ich sehe das eher als eine Erweiterung und es ist eine Neugier, mit der ich das umsetze.
Welche Rolle spielt Neugier in deiner künstlerischen Praxis?
Patrick Roman Scherer: Sie ist eigentlich der Antrieb hinter meiner Arbeit. Diese Mischung aus Neugier und einer gewissen Ungeduld bringt mich dazu, weiterzumachen und herauszufinden, wie die nächste Arbeit aussehen könnte. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass Neugier sehr individuell ist und sich in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich zeigt.
Ich finde auch den Gedanken spannend, dass Kinder oft besonders neugierig sind, weil sie sich selbst weniger im Weg stehen. Diese Offenheit versuche ich mir in meiner Arbeit zu bewahren.
Gab es bestimmte Schlüsselmomente oder Werke, die einen Wendepunkt in deiner Arbeit markiert haben?
Patrick Roman Scherer: Schlüsselmomente sind für mich schwierig klar wahrzunehmen. Ich wachse eher organisch mit meiner Arbeit zusammen.
Früher habe ich Leporellos und Papierobjekte gemacht, und der Übergang ins Installative war schon ein wichtiger Schritt. Da habe ich gemerkt, dass ich Lust habe, den ganzen Raum zu gestalten und Zeichnung auch räumlich zu denken.
Es war aber nicht so, dass eine einzelne Arbeit alles verändert hätte – es ist eher ein langsamer Prozess.

Wie forderst du dich selbst heraus, Wiederholungen zu vermeiden und gleichzeitig eine wiedererkennbare Bildsprache beizubehalten?
Patrick Roman Scherer: Wiederholung gehört für mich einfach zum Prozess dazu. Ich lasse das eher passieren. Manchmal gibt es mehr Wiederholungen, manchmal weniger, aber ich glaube, es hat auch mit dieser ständigen Beschäftigung zu tun. Mir geht es eniger um das einzelne Bild als um die kontinuierliche Beschäftigung mit der künstlerischen Arbeit. Dabei entsteht etwas, auch wenn manche Arbeiten im Momentvielleicht weniger spannend wirken. Vielleicht ergeben sie später mehr Sinn.
Wie reagieren Betrachter:innen typischerweise auf deine Arbeiten? Überraschen dich ihre Interpretationen manchmal?
Patrick Roman Scherer: Es gibt da verschiedene Zugänge. Besonders Kinder reagieren oft sehr direkt und erzählen eigene Geschichten zu den Arbeiten. Auch viele andere Menschen knüpfen an persönliche Erinnerungen an – etwa bei Motiven wie Federbällen, Tennis oder Wäscheklammern. Diese individuellen Assoziationen finde ich immer sehr spannend.
Daneben gibt es auch Fragen zum Handwerklichen: wie viel Zeit ich brauche, welche Materialien ich verwende oder wie ich arbeite. Das gehört für mich genauso dazu, weil das Technische und Inhaltliche bei mir ohnehin miteinander verwoben sind. Interessant wird es für mich vor allem dann, wenn die Wahrnehmung über das rein Beschreibende hinausgeht.
Wann erschafft das Kind in dir, und wann lässt du den erwachsenen Teil von dir den kreativen Prozess übernehmen?
Patrick Roman Scherer: In mir steckt auf jeden Fall noch etwas Kindliches. Es tauchen auch immer wieder Motive und Gegenstände auf, die mich an meine Kindheit erinnern. Zum Beispiel Seifenblasen – allein das Wort „Kind“ ruft solche Bilder hervor. Es gibt Arbeiten von mir, die sich stark mit Kindheitserinnerungen beschäftigen: Wasserbomben, Seifenblasen oder vielleicht auch Federball. Wobei ich glaube, dass das etwas ist, das viele Menschen mit ihrer Kindheit verbindet.
Das „Kind in mir“ steht für mich vor allem für Neugier. Vielleicht auch für Unbekümmertheit – für ein Gefühl von Freiheit und eine gewisse Naivität. Und genau diese Naivität ist wichtig, um sich fallen lassen zu können und dadurch etwas entstehen zu lassen. Das ist eigentlich mein Ziel.
Es ist allerdings immer phasenabhängig. In den letzten Wochen, besonders während der installativen Arbeit, hat sich vieles sehr spielerisch angefühlt. Ich habe das Gefühl, dass meine Arbeit im letzten Jahr wieder verspielter geworden ist.

Patrick erzählt, dass er momentan weniger Musik hört als früher und stattdessen häufiger Podcasts hört. Bei Musik hat er oft das Gefühl, erst den richtigen Vibe oder die passende Stimmung finden zu müssen – eineSuche, die schnell ablenkend werden kann.
Patrick Roman Scherer: Gerade weil ich mich auch viel mit Rhythmus und Kontrasten beschäftige, spielt das eine Rolle. Im Idealfall spiegelt meine Arbeit ein Zusammenspiel aus Rhythmus, Kontrast, Ruhe und unterschiedlichen Geschwindigkeiten wider. Das ist zumindest etwas, worauf ich hinarbeite.
Wohin entwickelt sich deine Arbeit als Nächstes? Gibt es neue Materialien, Formate oder Ideen, die du gern erkunden möchtest?
Patrick Roman Scherer: Ich arbeite immer fokussiert an einem Werk, bis es abgeschlossen ist, und gehe dann weiter zum nächsten. Veränderungen oder neue Ideen passieren nicht im Nachhinein, sondern fließen direkt in die nächste Arbeit ein. Wohin sich meine Arbeit genau entwickelt, ist offen. Ich habe zwar Ideen und Richtungen im Kopf, aber kein festes Konzept.
Neue Materialien oder Formate entstehen eher aus dem Prozess heraus – durch das Arbeiten selbst, nicht als vorher festgelegte Entscheidung. Am Ende ist es ein fortlaufender Prozess, in dem sich alles ständig weiter verschiebt und entwickelt.
Ich war von Patricks Arbeiten sehr beeindruckt, sie sind definitiv etwas Neues und Frisches. Er versteht es meisterhaft, seinen Kunstwerken und all den alltäglichen Gegenständen Leben einzuhauchen. Da es zu den wichtigsten Aufgaben der Kunst gehört, eine Reaktion hervorzurufen und Gefühle zu wecken, gelingt ihm genau das. Seine Werke wecken Erinnerungen, die man vielleicht schon längst vergessen hatte, und regen zum Umdenken an.
Wenn man aus seiner Arbeit etwas mitnimmt, dann vielleicht das: Kein Tennisschläger bleibt einfach nur ein Tennisschläger – und selbst der unscheinbare Kopierer bekommt irgendwann seinen Auftritt im großen Ornament des Alltags. Vielleicht sollten wir Dingen generell etwas weniger Vertrauen in ihre „eigentliche Rolle“ schenken.
| Raya Sotirova
