Als ob es echt wäre – Verdrusskolumne von SARAH CALICIOTTI

„Nehmen wir an: Theater ist ein spezieller Ort. Ein Ort, an dem eine Gesellschaft über sich nachdenken kann.“ (Grit van Dyk)

„Irgendwo in Polen“, Delia Salzmann, 2025

Einige Menschen dürften es auch kennen: Das Gefühl, etwas, das nicht leicht zu fassen ist, mehr als alles andere fassen zu wollen; etwas verstehen zu wollen, das allein schon deshalb nicht zu begreifen ist, weil es sich selbst noch nicht begriffen hat. Vielleicht kennen auch nur die Menschen dieses Gefühl, die Liebe unabdingbar mit Schmerz sowie mit (der eigenen) Unterwerfung verbinden und für sie – die Liebe –  ohne zu Zögern zur völligen Aufopferung bereit sind.

Ich jedenfalls bin diesem Gefühl abertausende Male begegnet. Zumeist ausgelöst durch einzelne Protagonisten, die mein Leben kreuzten, hält es sich wohl am konstantesten in Bezug auf die große Hassliebe meines Lebens: das Theater.

Das Theater ist seit einigen Jahren mein Arbeitsplatz und es ist eine Institution, die mit keiner anderen vergleichbar ist. Es ist in seiner ganzen Komplexität nur sehr schwer zu erfassen und genau das ist es, was mich dazu veranlasst, es umso mehr verstehen zu wollen. Das dürfte eine Lebensaufgabe sein, denn das Theater ist nie statisch, stets im Wandel – und doch ist so vieles seit so vielen Jahren gleich geblieben.

Aber dieser Aufgabe habe ich mich wohl verschrieben, so unbequem es auch wird, wenn man beginnt, althergebrachte, als „normal“ geltende Strukturen zu hinterfragen. Allzu gerne wird hier der Mantel des Schweigens über gewisse Zustände gelegt. Gerade weil ich diese Kunstform, diesen Ort, diese Tätigkeit so sehr schätze, muss ich aber versuchen, dem Theater seine Magie für einen Augenblick zu nehmen und der Realität, die sich hinter dem Vorhang abspielt, ebenfalls eine Bühne zu geben.

Im Theater herrschen eigene Regeln, viele davon unausgesprochen, die sich zuweilen auch immer wieder ändern und deren Nichteinhaltung dennoch keine Sekunde geduldet wird. Dazu zählen noch ganz amüsante, abergläubische Gesetze wie „Nicht in Straßenkleidung über die Bühne gehen“ oder „Nicht danke sagen, wenn dir jemand Toi Toi Toi wünscht“. Es gehören abe

r auch Dinge dazu wie: Mit wem darf ich wie sprechen, welche hierarchischen Codes sind zu beachten, wann ist meine Meinung wirklich gefragt (kaum) und wann wollen die Menschen sich nur bestätigt fühlen in dem, was sie tun (fast immer). Das klingt jetzt vielleicht nicht nach etwas Theaterspezifischem, weil es in vielen Bereichen so zugeht, aber der große Unterschied ist: Im Theater herrschen die allergrößten Befindlichkeiten. Ich habe bereits in einigen Branchen gearbeitet, aber nirgends habe ich so viel Egozentrik auf einem Haufen erlebt, wie im Theater. Menschen brauchen grundsätzlich viel Bestätigung, natürlich – aber im Normalfall versuchen sie das zu verbergen, es ist ihnen unangenehm oder sie kaschieren es zumindest. Im Theater gehört der Befindlichkeitsirrsinn hingegen bisweilen zum guten Ton – wer etwas auf sich hält, findet ununterbrochen Gründe, sich nicht genug wertgeschätzt oder nicht respektvoll behandelt zu fühlen und dies auch lautstark kundzutun.

Als Regieassistentin habe ich erkannt: Diese Position ist in vielen Häusern dazu da, eine*n Schuldige*n für alles zu haben, was schief läuft. Es ist schließlich einfacher, einer Person, die nicht in der Position ist, sich zu wehren, die Verantwortung zuzuschieben, als zu reflektieren, was tatsächlich warum nicht funktioniert hat und wie man dies verbessern könnte. Dafür müsste es einem um Inhalte gehen – es geht aber zumeist um Machtausübung.

„Die Sprache des Theaters zu sprechen ist viel entscheidender, um gesehen zu werden, als seine eigene Sprache zu finden.“

Doch auch, wenn ich in meiner Arbeit als Dramaturgin Kritik zu einer geprobten Szene geben sollte, drehte es sich häufig nicht darum, produktiven Input zu liefern, sondern vielmehr um das Befolgen bestimmter Regeln, wie zum Beispiel: Zur richtigen Zeit zu sprechen – wenn die Schauspieler*innen nicht mehr im selben Raum sind, denn wenn sie mitbekommen, was man sagt, besteht immer die Möglichkeit, dass sie sich von dem Geäußerten angegriffen fühlen und die Stimmung folglich dermaßen kippt, dass keine konstruktiven Proben für die nächsten sieben Tage mehr möglich sind. 

Wichtig ist auch, genauestens auf die Laune der Regisseurin/des Regisseurs zu achten. Am besten ist diese bei der Regieassistenz oder der Hospitanz zu erfragen, denn in diesen Positionen verbringt man spätestens in den Endproben meist Tag und Nacht mit der Regie und sei es nur, um mit Block und Bleistift hinter ihr herzulaufen und alles zu notieren, was sie so von sich gibt, denn es könnte ja etwas dabei sein, das später einmal wichtig ist.

Ist der*die Regisseur*in schon vorher wütend, ist es jedenfalls nicht ratsam, etwas an der vermeintlich vor Genialität sprießenden Inszenierung zu kritisieren. Andernfalls könnte die Regieperson sich damit rächen, einem beim Premierenapplaus zu verbieten, sich auf der Bühne zu verbeugen. Damit wird kundgetan, dass man in seiner Tätigkeit weniger wert sei, als andere (wie zum Beispiel die Regieperson selbst), denen das unsägliche Glück des Verbeugen-Dürfens sehr wohl  beschert ist. Und auch sonst darf es gerade kein anderes Problem geben, das eventuell als wichtiger gelten könnte, es darf auch nicht zu heiß ist zum Denken sein oder zu kalt, um sich länger in dem Raum aufhalten zu wollen, als unbedingt nötig, geschweige denn zu laut, um sich unterhalten zu können, ohne einander anschreien zu müssen. Man soll niemandem die wohlverdiente Pause wegnehmen, aber während der Probenzeit ist natürlich anderes zu tun, kurz vor Probenbeginn ist meist niemand hier und nach der Probe am Abend kann sich ohnehin niemand mehr konzentrieren vor Müdigkeit. Es ist also nicht leicht, einen passenden Moment dafür zu finden und wenn er endlich gekommen ist, gleicht es einem Spießrutenlauf durch die Befindlichkeiten, die überall lauern. Worte sollten vorsichtig gewählt werden und niemals Zweifel daran lassen, dass einem das überbordende Talent der betreffenden Person natürlich nicht entgangen ist.

Eine andere unausgesprochene Regel lautet: Man tut gut daran, einfache und klare Anmerkungen mit umständlichen, uneindeutigen, sehr theaterspezifischen Begriffen zu umschreiben, wie zum Beispiel „der Bogen erzählt sich mir nicht“ anstatt „das ist unlogisch“ oder „das ist mir alles viel zu äußerlich“, anstatt „Das ist oberflächlich“. Nur dann wird einem geglaubt, dass man weiß, wovon man spricht. Die Sprache des Theaters zu sprechen ist viel entscheidender, um gesehen zu werden, als seine eigene Sprache zu finden.

„Leider herrscht am Theater das Unechte.“

Es ist wichtiger, den Kanon der Theaterliteratur (der zufällig fast ausschließlich Werke aus der Feder von alten weißen Männern beinhaltet) zu kennen, als sich eine eigene Meinung zu bilden. Das eigenständige Denken wird oftmals nicht so gerne gesehen.* Und das an einem Ort, der genau das dringender bräuchte als alles andere, weil es nicht zuletzt um Abbildung der Wirklichkeit geht – wenn auch mitunter in stark verfremdeter Form. Und auch wenn ich fantasiereiche Geschichten erzählen möchte, wird dies besser funktionieren, wenn alle daran beteiligten Personen Ideen einbringen und sich frei entfalten können in ihren Gedanken dazu. Wer wie am Fließband einem Erfüllungszwang zu unterliegen droht, kann unmöglich Kreativität und Kunst hervorzubringen in der Lage sein.

Leider herrscht am Theater allzu oft das Unechte. Damit meine ich nicht das, was auf der Bühne dargestellt wird – eine auf irgendeine Weise immer abgeänderte Form der Realität. Es gibt Kostüme, es gibt Maske und Perücken, es gibt einstudierte Choreos und Gesang, ein Bühnenbild, das etwas darstellen möchte – das ist, was auf einer ÄUSSERLICHEN Ebene passiert und das ist gut so. Was ich meine, ist das „So tun als ob“ hinter der Bühne – und die Erwartung, dass alle anderen diesem Show-Gehabe ebenfalls nachkommen.

Zudem, und das ist wohl noch viel wichtiger, kenne ich kaum eine Branche, in der althergebrachte, hierarchische Strukturen heute noch so stark sind wie an bestimmten Theatern und Schauspielhäusern* – vom klassischen Nach-Unten-Treten bis hin zu (Macht)Missbrauchsfällen, die in den letzten Jahren insbesondere in der Theaterbranche zunehmend publik werden. Warum bietet gerade dieser Ort so einen fruchtbaren Boden für solche Gewalt? – Weil die Menschen in Führungspositionen dort ungleich mehr Macht auszuüben vermögen als in den meisten anderen Branchen. Weil einige Intendant*innen für zehn, fünfzehn Jahre und länger in ihren Chefsesseln sitzen, ohne Austausch, ohne Kontrollorgane, ohne Veränderung befürchten zu müssen – wodurch sich das Machtgefüge umso mehr verstärkt. Weil die Persönlichkeiten, die in diesen Positionen landen, allzu oft Menschen mit stark narzisstischen Zügen sind. Menschen, die sich ihr Selbstwertgefühl darüber holen müssen, alle anderen um sie herum klein zu machen. Menschen, die ohne Scham von sich sagen: „Ja, ich bin ein Arschloch und das ist auch gut so, der Erfolg gibt mir Recht.“ Aber auch weil die Jobs am Theater rar gesät sind und kaum jemand eine solche Arbeit „per Zufall“ macht. Die meisten, die dort arbeiten, tun dies sehr bewusst und aus einem Bedürfnis heraus, sich dort selbst zu verwirklichen. Theater ist oft Lebenstraum. So riskieren natürlich die Wenigsten, durch aufmüpfiges oder widerständiges Verhalten einer Führungsperson gegenüber einen Rauswurf, (oder eine üble Nachrede, denn die Szene ist klein), sondern schweigen stattdessen aus Angst – und genau damit wird „von oben“ auch gerechnet. Und, nicht zu vergessen, die bereits angesprochenen unverhältnismäßig riesigen Egos, die in jenen Führungspositionen sitzen und es niemals dulden würden, kritisiert oder gar angeprangert zu werden. Was im vergangenen Jahr über Theaterleitungen publik wurde, ist nur ein Bruchteil dessen, was tatsächlich passiert. Ich traue mich fast zu sagen: Wenn es um die Frage von Unterdrückung und Machtmissbrauch geht, ist es nahezu die Norm. Das Veröffentlichen solcher Verhaltensweisen ist wichtig, um die Missstände sichtbar zu machen und zumindest langfristig gesehen hoffentlich an diesem veralteten System zu rütteln. Kurzfristig führt es oftmals nur dazu, dass andere Intendant*innen sich beeilen, eigene „Compliance“-Richtlinien zu verfassen und im Haus zu verteilen, sodass der Eindruck entsteht, dieses Thema sei ihnen ansatzweise wichtig – nur um genau gleich weiterzumachen, wie es bis dahin der Fall war. 

Ein schönes Bild: Ich erinnere mich an einen Arbeitsplatz, an dem ich gerade dabei war, diese Richtlinien zu lesen, in denen als einer der ersten Punkte geschrieben stand, dass jegliche Form der Diskriminierung nicht toleriert werde. Ich hatte den Satz noch nicht zu Ende gelesen, als hinter mir jemand in einer Führungsposition zu jemand anderem sagte, dass Frauen leider nicht in der Lage sind, wirklich lustig zu schreiben und es deswegen doch klar sei, dass man eher Stücke von Männern inszeniere. Mal abgesehen davon, dass es auch nicht so viele Stücke von Frauen gäbe.

Der Spielplan der zu dieser Zeit aktuellen sowie auch der darauffolgenden Saison beinhaltete übrigens ausschließlich Stücke, die von Männern geschrieben wurden.

Ich habe geschrieben, wenn es um Machtmissbrauch geht, sind solche Verhaltensweisen am Theater fast die Norm. Bekanntlich gibt es neben der Norm aber immer etwas, das von ihr abweicht. Es gibt sie, die Menschen, die kommen, um ein Haus zu übernehmen und die dabei zeigen, dass es nicht nur „auch anders“, sondern vielmehr nur anders geht, wenn es gut werden soll. Dass sie es schaffen, ohne starkes Hierarchiegehabe und ohne Angst und Schrecken zu verbreiten, zu führen. Sie beweisen, dass es möglich ist, auf menschliche, respektvolle Weise gemeinsam für eine Sache zu kämpfen, die allen am Herzen liegt, nämlich: die Kunst. Und dass dadurch etwas anderes, um das es eigentlich nie hätte gehen sollen, endlich in den Hintergrund rutscht: Der Personenkult um die Leitung des Hauses oder auch um andere Protagonist*innen, deren Fehlverhalten mit einem willkürlichen Genie- und Kunstbegriff entschuldigt wird. Und dass Dinge, die immer schon so waren, eben doch auch ganz anders funktionieren können.

Diese Menschen ermöglichen es mir, dass ich neben all der Wut auf dieses Gefüge, die sich in mir angesammelt hat, und trotz all der psychischen Gewalt, die mir im Zuge meiner Arbeit widerfahren ist, letztlich vor allem Liebe für das Theater empfinde. 

„Nirgends sonst kann auf so selbstverständliche Weise eine so überwältigende Parallelwelt erschaffen werden.“

Ich liebe die Entwicklung einer Geschichte – wie sie zunächst nur auf Papier existent zu einem Stück heranwächst und mit jeder Probe mehr Form annimmt. Ich liebe es, auf wieviele unterschiedlichen Arten ein und dieselbe Geschichte erzählt werden kann und wie unterschiedlich sie beim Publikum ankommen kann, je nachdem, was dieses für Erfahrungen, Prägungen und auch Sehgewohnheiten mitbringt. 

Ich liebe meine Arbeit als Dramaturgin, wenn mir plötzlich ermöglicht wird, mitzuentscheiden, welche Stücke auf den Spielplan gesetzt werden und ich vielleicht jemandem eine Stimme geben kann, der*die bislang keine hatte, weil die Herkunft zu wenig westlich oder das Geschlecht zu wenig männlich war. Ich liebe es, eigenständig Textfassungen schreiben zu können, die nicht in jedem zweiten Satz vor unreflektierten Klischees strotzen.

Ich liebe, wie viele Menschen unterschiedlichster Bereiche und Abteilungen an einem einzigen Stück arbeiten und mitverantwortlich für das sind, was die Zuschauer*innen am Ende zu sehen und hören bekommen. Ich kenne keinen anderen Ort, an dem mit so viel Leidenschaft für das eigene Schaffen gearbeitet wird und ich kann mir beim besten Willen keinen schöneren, vielseitigeren Arbeitsplatz vorstellen, als ein Theater. Nichts steckt so voller Überraschungen. Nirgends sonst kann auf so selbstverständliche Weise eine so überwältigende Parallelwelt erschaffen werden.

Also ist der Verdruss im Grunde natürlich gegen das System gerichtet und nicht gegen das Theater an sich. Denn wenn diese Leidenschaft derart ausgenutzt wird – und das wird sie viel zu oft, darin besteht kein Zweifel – stellt sich eine sehr alte Frage wieder aufs Neue: Ist es überhaupt klug, eine sinnstiftende Arbeit zu suchen, einen Beruf, der einen erfüllen soll? Ist es sinnvoll, die eigene Identität über die Arbeit zu definieren? Oder wäre es schlauer, Lohnarbeit als reine (Über)lebensnotwendigkeit zu sehen – traurig genug, dass das System dies bedingt – und sich nicht mehr dafür aufzuopfern? Keine Überstunden, kein Engagement über die Mindestanforderung hinaus und vor allem kein Erdulden von unangebrachtem Verhalten von Vorgesetzten oder Kolleg*innen. Aber vielleicht auch: Keine Kunst als Lebensaufgabe?

 Auch das ist wohl eine Ambivalenz, die nicht so einfach aufzulösen sein wird. Weil viele von uns sich eben nicht so einfach dafür entscheiden können, auf die Liebe zu verzichten, um dem Schmerz zu entgehen. Man riskiert stets das Eine, um das Andere zu bekommen – und am Ende schließt sich der Vorhang und wir sind vor Erschöpfung eingeschlafen.

* Die freie Szene ist hiervon zum größten Teil ausgeschlossen. Natürlich sind auch nicht alle größeren Häuser damit gemeint, sondern einzelne Institutionen, einzelne Personen und eine grundsätzliche Tendenz, die sich seit jeher abzeichnet.

| Sarah Caliciotti

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