„Factory of the eye and the ear, laboratory of the eye and the ear, amusement park of the eye and the ear“ war das Motto des diesjährigen International Film Festival Innsbruck (IFFI), das vom 2. – 7. Juni stattfand. Worte, entlehnt vom argentinischen Regisseur Fernando Birri, der so einst die Filmhochschule Escuela Internacional de Cine y TV (EICTV) im kubanischen San Antonio de los Baños beschrieb. Birri war der erste Direktor der Schule, die vom kolumbianischen Schriftsteller Gabriel García Márquez ins Leben gerufen wurde und sich von Beginn an als Gegenentwurf zu eurozentrischen Blickregimen verstanden hat. Über die Jahre hinweg entstand ein weit verzweigtes internationales Netzwerk, das auch das IFFI umschließt: Birri war mehrfach Gast des Festivals und viele Filme von Absolvent:innen fanden ihren Weg auf die Leinwände von Innsbruck. So auch in diesem Jahr zwei Kurzfilme von Raphael Webhofer: Un hombre im Rahmen des Tirol-Kurzfilmwettbewerbs und Once im Rahmen der Retrospektive: EICTV.

Wir haben den Filmemacher aus Innsbruck, der vor einem Jahr sein Studium an der EICTV abgeschlossen hat, nach dem Screening von Un hombre getroffen. Un hombre begleitet Juan, einen älteren Herren, der im Escambray-Gebirge in der kubanischen Provinz lebt. Täglich spaziert er weite Strecken von Haushalt zu Haushalt und predigt die Geschichte des Apostels Paulus. Im Interview erzählt uns Raphael mehr über den Film, der im Zuge einer Übung auf der EICTV entstand, seinen Zugang zum Dokumentarfilm und wie seine Zeit in Kuba sein Filmschaffen geformt hat.
Wie geht es dir, ein Jahr nach deinem Abschluss an der EICTV?
Das war schon eine große Umstellung. Man muss sich erst wieder an das normale Leben gewöhnen, weil man dort wie in einer Parallelwelt ist. Die Schule liegt außerhalb von Havanna relativ isoliert. Man hat jeden Tag die gleichen Routinen und die gleichen Menschen um sich. Man ernährt sich vom Kino und vom Filmemachen.
Un Hombre entstand im Zuge einer Übung an der Filmschule. Wie sah die Übung aus?
Für die Übung verbrachten wir sechs Wochen in der kubanischen Provinz in der Region Escambray, dort wo sich einst nach der Revolution anticastristische Rebellen verschanzt haben, um eine Gegenbewegung zu starten. Es ist eine trockene und hügelige Region, die landschaftlich sehr besonders ist.
Normalerweise haben wir die Filme an der Schule immer in größeren Teams gemacht. Bei dieser Übung ging es aber darum, einer Person möglichst “one on one” zu begegnen und sie filmisch zu porträtieren. Das bedeutet, dass die Regieperson auch die Kamera übernimmt und nur eine zweite Person dabei ist, die den Ton aufnimmt.
Fiel es dir schwer, selbst die Kamera zu übernehmen?
Ich bin über Fotografie zum Film gekommen, weshalb ich schon zuvor oft selbst die Kamera in der Hand hatte. Für mich war es anfangs eher eine Herausforderung, die Kamera abzugeben. Ich fand es schwierig, meine Vorstellungen zu kommunizieren. Mittlerweile habe ich aber erkannt, dass es manchmal gut sein kann. Vor allem, wenn die Arbeit mit den Personen vor der Kamera viel Aufmerksamkeit erfordert.
Wenn es sehr persönliche Themen sind oder ich besonders spontan sein will, mache ich aber immer noch gerne selbst Kamera. Weil ich dann sehr intuitiv arbeiten und die Geschichte direkt über meinen Blick durch die Kamera erzählen kann.
Wie hast du zu Juan als deinen Protagonisten gefunden?
Ich bin anfangs viel herumspaziert und habe am dritten Tag Juan kennengelernt. Wir sind ins Gespräch gekommen und ich habe nicht gleich erzählt, dass ich einen Film machen will, weil es für mich selber nicht klar war. Dann hat er mich eingeladen, ihn zu besuchen. Wir haben viel geredet und er hatte auch Interesse, etwas über mich zu erfahren. Nach mehreren Besuchen habe ich ihn dann gefragt, ob er sich vorstellen könnte, einen Film mit mir zu machen. Er war gleich interessiert und hatte Vorstellungen, wie das aussehen müsste. Protagonist:innen haben oft spannende Ideen. Besonders in Kuba, wo Kunst und Kultur einen hohen Stellenwert in der Bildung haben, hat jeder genaue Vorstellung darüber, wie ein Film sein soll.
Wie hat diese Übung deine Sicht auf den Dokumentarfilm verändert?
Ich habe sehr viel von meiner Zeit mit Juan gelernt. Es war ein Versuch, die Welt eines Menschen zu verstehen. Am Anfang wollte ich eigentlich keinen Film über ein religiöses Thema machen. Es fiel mir schwer, weil ich nicht wusste, wie ich selber dazu stehe. Mir wurde aber schnell klar, dass es vielleicht gar nicht nur um Religion geht, sondern auch um das Geschichtenerzählen. In der Geschichte von Pablo geht es viel darum, sich nicht unterkriegen zu lassen, das Leben trotz Schwierigkeiten zu meistern. Juan lebt in einer sehr ruralen Gegend und hat zum Beispiel kein fließendes Wasser in seinem Haus. Er muss jeden Tag zur Quelle gehen. Vielleicht bedeutet ihm die Geschichte von Pablo so viel, weil es Parallelen zu seinem eigenen Leben gibt.
Die Situation in Kuba derzeit ist generell sehr herausfordernd. Menschen, die schon lange am Limit leben, werden nochmal mehr an ihre Grenzen getrieben. Das macht es für mich verständlich, dass Religion so populär ist. In einem System, wo die Menschen wenig Mitsprache- und Entscheidungsrecht haben, ist die Suche nach anderen Erklärungen besonders stark.
Wie hat das Leben in Kuba dein Filmemachen beeinflusst?
Kubaner:innen sind Weltmeister im Improvisieren. Das ist nicht nur gut, weil es auch immer seinen Preis hat. Aber wenn der Alltag von Problemen geprägt ist, lernt man, Lösungen zu finden, sodass die Dinge trotzdem weitergehen. Ich glaube, dass das im Film auch interessant ist. Teilweise ergibt sich aus einem Problem eine ganz neue Möglichkeit und man bekommt spannende Resultate, die man vielleicht nicht hätte, wenn von Anfang an alles gut gelaufen wäre.
Wie hast du die Vorführung gestern im Leokino erlebt, weit weg von Juans Lebenswelt?
Der Film ist langsam, weil auch das Leben von Juan in gewissen Bereichen langsam ist. Bisher habe ich den Film nur in Kuba gesehen. Gestern im Kino ist er mir besonders langsam vorgekommen, vielleicht weil das Leben hier in Europa sehr schnell ist. Es kann sehr interessant sein, nicht nur Fakten zu transportieren, sondern auch zum Beispiel das Zeitgefühl von Orten mitzunehmen.
Beim Dokumentarfilm taucht man in die Welt von Personen ein und entscheidet, wie man sie darstellt. Wie denkst du darüber nach?
Natürlich hat man da eine totale Machtposition und von der kommt man auch nicht weg. Man muss sich ihrer bewusst sein und es kommunizieren. Letztlich hat man als Dokumentarfilmer die Verantwortung darüber, wie man Menschen zeigt und in welchem Kontext die Rezeption stattfindet.
Ich glaube, viel ist eine Frage von Zeit. In der Schule hatten wir in meinen Augen oft zu wenig Zeit für Recherche. In meinen letzten zwei Filmen habe ich deshalb auch nicht mehr so eng mit Menschen gearbeitet, weil ich mich nicht für so kurze Zeit in ihr Leben drängen wollte. Mit Menschen, mit denen ich näher zusammengearbeitet habe, habe ich den Kontakt gehalten. Das ist mir wichtig.
Man muss den Menschen aber auch zutrauen, dass sie selbst die Entscheidung treffen, mitzumachen. Zu denken, dass alles nur an einem selbst als Regisseur liegt, ist auch eine paternalistische Sichtweise. Ich glaube, dass wenn man offen auf Menschen zugeht und die eigenen Intentionen transparent darlegt, kann es für alle zu einer tollen Erfahrung werden.

Beim Dokumentarfilm ist die Grenze zwischen Realität und Fiktion unscharf. Wie gehst du damit um?
Bei uns in der Schule hat sich die Frage nach dem puren Dokumentarfilm nie gestellt. Es war immer klar, dass Dokumentarfilm lediglich ein Versuch ist, Realität darzustellen. Die Mittel sind nicht immer das pure Filmen der Realität.
Ich glaube, man hat die Verantwortung, sich gut vorzubereiten. Die Abläufe schon davor anzusehen und zu wissen, was passiert und wie man es gerne filmen würde. Bei Un hombre stammen alle Szenen wirklich aus Juans Alltag. Natürlich muss man manchmal fragen: Kannst du kurz warten, wir würden das gerne filmen.
Denkst du, du wirst beim Dokumentarfilm bleiben, oder interessiert dich auch das fiktionale Kino?
Dokumentar – und Spielfilm sind in meinem Kopf nicht wirklich getrennt. Es interessiert mich definitiv, bei reellen Dingen zu starten. Meine letzten beiden Filme waren auch keine klassischen Dokumentarfilme, sondern eher essayistisch. Ausdrücke von Ideen.
Bisher habe ich noch nicht mit Schauspieler:innen gearbeitet, aber es würde mich sehr interessieren. Einen klassischen Spielfilm zu machen kann ich mir aber gerade noch weniger vorstellen, vor allem weil alles sehr teuer und groß ist.
Zurück in Österreich, hast du schon Pläne für deine nächsten Projekte?
Ich versuche, mir Zeit zu nehmen. Ich arbeite gerade mit Archivmaterial eines Innsbrucker Ehepaars, eine zeitintensive Arbeit. Auch da interessiert mich das Dazwischen, die menschlichen Beziehungen, die nicht immer ganz klar sind, die Orte, ihre Geschichten und Vorstellungen. Eingeschrieben in 50 Jahre altem Material, welchem ich mich aus der Jetztzeit nähere.
Ich würde gerne hier in Österreich mit Kolleg:innen aus der Filmschule zusammenarbeiten, weil ich diesen Blick von außen sehr spannend finde. Wenn jemand aus Kuba oder Chile Kamera macht, sieht die Person wahrscheinlich Dinge, die mir hier gar nicht mehr auffallen. Das war auch bei uns in der Schule interessant. Es waren nur ca. ein Drittel aus Kuba und die fanden es immer sehr faszinierend, was für Blickwinkel wir auf Kuba hatten.
Auch wenn man diesen Blick von außen durchaus kritisch sehen kann, finde ich, kann er auch sehr spannend sein.
Gibt es Themen im Bezug auf die Tirol, die dich besonders interessieren?
Mich hat immer schon Raum interessiert. Für mich sind Kino und Raum sehr eng miteinander verbunden. Wenn ich früher auf die Nordkette gefahren bin, habe ich immer gedacht: Innsbruck ist gar nicht so klein, aber man bewegt sich immer im gleichen Radius. Ich fände es interessant, Teile von Innsbruck zu besuchen, die man nicht so kennt, wo man selten unterwegs ist. Die vielleicht ganz anderes Leben in sich tragen. Wo vielleicht Sport und Berge gar nicht so große Rolle spielen.

Du warst früher Freerider und hast Skifilme gemacht. Es gibt einige im zeitgenössischen Filmschaffen, die eine ähnliche Vergangenheit haben, zum Beispiel Ruben Östlund, der ebenfalls mit Skifilmen gestartet hat und Joachim Trier, der Skatefilme gemacht hat. Denkst du, es gibt da eine Verbindung?
Ich habe schon manchmal darüber nachgedacht. Es gibt schon gewisse Parallelen. Wenn ich am Abend vor dem Dreh im Bett liege, spüre ich oft eine ähnliche Nervosität wie vor einem Skiwettbewerb. Und ich glaube, dass es beim Skifahren sowie beim Filmemachen viel um Intuition geht. Natürlich ist es anders, Skifahren ist eher körperlich, beim Filmemachen passiert eher im Kopf. Aber ich glaube, Bauchgefühl und Vertrauen auf das, was man macht, ist bei beiden wichtig.
Ein wesentlicher Unterschied ist sicher, dass es beim Skifahren letztlich um einen selbst geht. Beim Filmemachen spielen die Beziehungen vor und hinter der Kamera eine wesentliche Rolle. Beim Skifahren ist man in sich geschlossener, abgeschottet gegenüber den Emotionen. Beim Filmemachen muss man offen bleiben, um zu spüren, was vor der Kamera passiert.
Filmschaffende, die Raphael inspirieren:
Serge Dvorzevoi
Chantal Akerman
James Benning.
| Johanna Hinterholzer
