Innsbruck aus dem Waldhüttl betrachtet

Am Rand von Innsbruck, beim Mentlberg, liegt das Waldhüttl – ein Zuhause für Roma und Sinti sowie für Menschen, die sich in schwierigen Lebenssituationen befinden. Lena Mittermaier hat einen Nachmittag dort verbracht und mit den Bewohnern Csaba, Alex und Joseph über ihren Alltag, über Gemeinschaft und darüber gesprochen, was Sicherheit und Freiheit für sie bedeuten. Eine Begegnung, die den Blick auf Innsbruck verändert. 

Es gibt Menschen, die wir tagtäglich sehen, aber wir kennen ihre Namen nicht.

Wir gehen an ihnen vorbei morgens auf dem Weg zur Arbeit. Vielleicht fahren wir auch mit dem Bus oder der Straßenbahn vorbei. Im Winter sehen wir sie mit hochgezogenem Kragen, im Sommer im Schatten der Hauswand. Immer mit einem Stapel 20er in der Hand. Immer mit einem Lächeln im Gesicht.

Sein Name ist Csaba.

Sein Lächeln ist eines dieser Lächeln, das nicht aufgesetzt wirkt. Eines, das auch dann bleibt, wenn jemand vorbeigeht, ohne zurückzulächeln. „98 Prozent der Menschen hier sind freundlich“, sagt er. Und für die anderen zwei Prozent habe er sein Lächeln trotzdem übrig.

Foto: Lena Mittermaier

Csaba verkauft den 20er immer vor der Wagnerschen, seit mehreren Jahren mittlerweile schon. Er lebt im Waldhüttl, beim Mentlberg. Wer hierher kommt, ist nicht zufällig dort. Zwischen Bäumen, Gärten und Gehegen mit Schafen und Eseln existiert eine eigene kleine Welt. Eine Welt, die erstaunlich ruhig ist. Man hört Vogelgezwitscher, irgendwo schlägt eine Tür zu, jemand lacht laut. Ein Mann repariert gerade das Dach. Ein Dach, das sehr wichtig ist, denn heute ist das Waldhüttl ein „Dach für Mensch und Seele”. 

In erster Linie leben hier Roma und Sinti, die immer noch vertrieben, verfolgt oder in Randviertel gedrängt werden. Die Bewohner erzählen mir von einer Vergangenheit geprägt von Diskriminierung, von Wohnungen ohne fließendes Wasser, von Perspektivlosigkeit. Nicht laut, nicht anklagend. Fast beiläufig. Das Waldhüttl ist auch ein Zuhause für andere Menschen, die im Laufe ihres Lebens in eine Notlage geraten sind. Das Haus selbst hat eine lange Geschichte. Heute wird es vom Stift Wilten gratis zur Verfügung gestellt, somit müssen die Bewohner:innen keine Miete bezahlen.

Csaba begrüßt mich an diesem Tag gemeinsam mit Joseph und Alex. Innerhalb weniger Minuten wird gescherzt, übersetzt und durcheinandergeredet. Ungarisch. Deutsch. Rumänisch. Ein bisschen Slowakisch. Zwischendurch spricht Joseph ein paar Wörter auf Swahili. Einfach damit wir den Klang erleben können. Irgendwann verliere ich den Überblick, welche Sprachen sie mir gerade zeigen. 

„Jeden Tag lerne ich ein rumänisches Wort“, sagt Csaba stolz. Der 16-jährige Alex bringt sie ihm bei. Csaba spricht bereits mehrere Sprachen und will die Sprachen der anderen gerne lernen. Das Interesse am Gegenüber ist ein wichtiger Grundsatz für das gemeinsame Zusammenleben im Waldhüttl. Das merke ich sofort.

Auf die Frage hin, wie viele Menschen gerade hier leben, sind sie sich uneinig. Jemand sagt 30, jemand anderes denkt, es wären aber mehr. Genau scheint es niemand zu wissen. In ein paar Tagen sollen wieder neue Menschen ankommen, das bereiten sie gerade vor.

Csaba kommt aus der Südslowakei, nahe der ungarischen Grenze. Drei Jahre hat er im Auto gelebt. Seine Familie lebt noch dort. Er fährt nur wenige Tage im Jahr hin, um seine Familie zu sehen. Ich frage ihn, ob das Urlaub für ihn ist. „Urlaub? Nein. Urlaub brauche ich nicht. Dort muss ich auch immer einiges erledigen. Das Waldhüttl ist schon Urlaub für mich.”

Foto: Lena Mittermaier

Heute nennt er das Waldhüttl seinen Urlaub und sein Zuhause zugleich.

„Für mich ist das hier wie das Hotel Hilton“, ergänzt er scherzend.

Ein Satz, der zuerst überrascht. Dann erklärt er ihn.

„Hier gibt es ein eigenes Bett. Menschen, die sich kümmern, wenn man krank wird. Das ist alles, was ein Mensch braucht. Gemeinsam gekochtes Essen. Sicherheit. Das ist etwas, das nicht selbstverständlich ist.”

Später sagt Joseph den Satz: „Das hier ist wie im Sozialismus.“

Alle lachen.

Und tatsächlich liegt darin etwas Wahres: Dinge werden geteilt. Eingekauft wird zusammen. Gemeinsames Kochen und Essen. Wer Hilfe braucht, bekommt sie. Wer etwas kann, bringt es ein.

Es werden auch gemeinsam Feste gefeiert. Erst vor Kurzem fand ein Romafest statt. Csaba kocht bei diesen Festen. Er ist der Koch, er macht Gulasch oder auch Lecce – eine vegetarische Variante. Früher war er auch Straßenmusiker. Wenn es sich ausgeht, greift er bei diesen Festen auch zu Musikinstrumenten. Er kann Akkordeon und Kontrabass spielen.

Foto: Lena Mittermaier

Samstage sehen im Waldhüttl immer gleich aus. Am Vormittag arbeiten noch alle auswärts, erst am Nachmittag kommen sie zurück. Dann gibt es zuerst Deutschkurs. Anschließend  wird geputzt, repariert, Rasen gemäht. Die Tiere werden versorgt. Und schließlich gibt es die Agape – es wird gemeinsam aus der Bibel vorgelesen, zuerst auf Deutsch, dann Rumänisch, dann Ungarisch. Die meisten haben als Erstsprachen Rumänisch oder Ungarisch. Nicht alle sind Christ:innen, doch das tut nichts zur Sache. Hier kommen verschiedene Religionen und Kulturen zusammen. Schließlich ist das Waldhüttl ein Ort der Vielfalt. Nach dem Gebet folgt eine Meditation. Am Ende essen alle gemeinsam, es gibt Kaffee und Gespräche.

Es klingt wie eine Community. 

Auch Alex erzählt von seinem Leben. Er kommt aus einer Stadt in der Nähe von Bukarest, etwas größer als Innsbruck. Er macht eine Lehre im Einzelhandel beim Interspar im Sillpark. Gerade darf er alle Abteilungen kennenlernen.

„Obst und Gemüse gefällt mir am besten.“

„Vielleicht wirst du ja selbst mal zum Chef?” Er lächelt. „Später.”

Er sagt das mit der Selbstverständlichkeit eines Sechzehnjährigen, der gerade beginnt, sich ein eigenes Leben aufzubauen.

Seine Eltern sind im Moment wieder in Rumänien. Zum ersten Mal lebt er hier alleine.

„Es ist schön. In Innsbruck ist alles schön“, sagt er. Dann folgt eine kleine Pause.

„Aber trotzdem vermisse ich mein Land.“

Seine Großeltern. Seine Freunde. Die Musik. Die Kultur. „Das Laute“, sagt er und muss selbst lachen.

Innsbruck sei ruhiger.

Vielleicht zu ruhig?

Foto: Lena Mittermaier

Joseph kennt diese Sehnsucht ebenfalls. Er stammt aus Kenia, lebt aber schon seit etwa 30 Jahren im deutschsprachigen Raum. Er hat zunächst in Dortmund studiert. Änderungen im Aufenthalts- und Studienrecht brachten ihn irgendwann in eine schwierige Lage. Arbeiten durfte er nicht. 

„Das Waldhüttl war meine Rettung.“

Heute ist er Messner in der Pradler Schutzengelkirche. Jeden Sonntag gestaltet er die Messe. Es ist sein Lieblingsort in Innsbruck. 

„Dort lade ich mich wieder auf. Es macht mich frisch für eine Woche, dann bin ich wieder mit Ideen versorgt.“

Auf die Frage hin, was ihm im Leben wichtig ist, pausiert er kurz. Er atmet einmal tief durch und sagt dann: „Ich bin einfach noch nicht fertig. Ich möchte im Leben noch viel erreichen.” Das Waldhüttl sei für ihn wie ein Zwischenort. Etwas, das ihn aufgefangen habe. Für immer hier bleiben wolle er jedoch nicht. Hier konnte er wieder zu Ruhe und Stabilität kommen, bald wolle er aber weiter.

Alle drei sind sich einig: Das Waldhüttl ist ein Ort der Ruhe.

Auffallend ist, dass sie erstaunlich wenig von Konflikten erzählen.

„Ich habe hier noch nie Streit erlebt“, sagt Joseph.

Wer hier wohnen möchte, verpflichtet sich zu gegenseitigem Respekt. Vielleicht funktioniert das Zusammenleben gerade deshalb so gut, weil die Menschen gemeinsame Werte teilen.

Immer wieder fällt das Wort Freiheit.

Freiheit, so erzählen sie, heißt hier nicht, alles allein tragen zu müssen. Freiheit bedeutet, gemeinsam leben zu können, ohne die ständige Angst vor dem Morgen. Es ist die Erleichterung, sich nicht Monat für Monat um die Miete sorgen zu müssen. Und es ist die Gewissheit, nicht allein zu sein – dass es Menschen gibt, die sich kümmern. Denen man nicht egal ist. 

Zwischendurch wird wieder gescherzt. Joseph war einmal in Budapest im Urlaub. Seitdem behaupten die anderen, er komme eigentlich aus Ungarn. Csaba grinst. Alex verdreht die Augen.

Foto: Lena Mittermaier

Doch wie funktioniert eigentlich die Kommunikation im Waldhüttl? Nicht alle sprechen Deutsch und viele haben keine gemeinsamen Sprachen. 

„Wir sprechen mit den Händen und mit den Augen”, sagt Joseph.

„Die gemeinsame Sprache ist der Humor. Das sprechen wir alle”, meint Csaba.

Und das Helfen. Das ist etwas, das sie alle miteinander verbindet.

Vielleicht gerade deshalb, weil sie alle auf Hilfe im Leben angewiesen waren bzw. es immer noch sind.

Obwohl ihnen oft im Leben Steine in den Weg gelegt wurden, können sie gemeinsam lachen. 

Oft steckt hinter einem schönen Lächeln eine lange Geschichte.

Wenn wir über Innsbruck sprechen, fallen häufig dieselben Wörter. Die Altstadt. Die Berge. Die Uni. Cafés. Skigebiete.

Vom Waldhüttl aus sieht Innsbruck anders aus. 

Nicht kleiner. 

Vielleicht menschlicher.


| Lena Mittermaier

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