Ein zergliederter Raum, der Bewegung in feste Bahnen lenkt. Eine geteilte Gesellschaft, strikt separiert in vier Gruppen, wir können sie auch Klassen oder Kasten nennen. Die eingeteilten Körper teilen sich denselben Raum, aber bewegen sich auf verschiedenen Bahnen. Die Menschen nehmen alle am Leben teil, tun dies aber in völlig verschiedenen Bereichen. Sie existieren nebeneinander und sogar füreinander, aber in keiner Weise miteinander. Sie tragen jeweils eine Farbe: blau, gelb, rot und grün; die Zugehörigkeit soll zu jeder Zeit klar ersichtlich sein.

Dieses gespaltene System folgt einem verborgenen Kommando, das allen stets ihre Rolle einflüstert. So erledigt eine Gruppe Aufgaben für die andere, ganz ohne Bitte oder direkten Befehl von diesen, allein weil es das geheime Gesetz dem alle gemeinsam folgen so will. Und so besitzt diese Gesellschaft trotz der Spaltung einen geordneten Ablauf und funktioniert, von unsichtbarer Hand geführt, wie ein gut getaktetes Räderwerk.

Die Zugehörigkeit der einzelnen Räder zu ihrer Gruppe entspringt viel weniger der Farbe, als der jeweiligen Position in diesem Mechanismus. Dies reicht vom Regiment der (männlichen) Arbeiter bis hin zu jenen, welche sich dem (passiven) Konsum verschreiben müssen. Dabei tauschen sich die Mitglieder der unterschiedlichen Gruppen niemals mit Worten aus, das ist auch gar nicht notwendig, es lenkt nur ab. Die Aufmerksamkeit soll, bei den einen, ganz auf ihren Aufgaben liegen, während die anderen einer angenehmen begleitenden Musik lauschen mögen. Die Kommunikation beschränkt sich mal auf eine ritualisierte Form der Anerkennung für den arbeitenden Teil, ein Klatschen welches jedoch eigentlich nur den Arbeitstakt vorgibt. Oder es ist ein kollektiver Blick mit vorgestrecktem Zeigefinger, vielleicht um anzuzeigen, dass die anderen schon noch als Menschen wahrgenommen werden.

Nach dieser Einladung dürfen sie auch kurz die Rolle wechseln, einen Blick in das Leben der anderen werfen, um danach mit einem Aufatmen wieder in ihre gewohnte Umgebung entlassen zu werden. Denn dieses Leben, sonst nur von außen betrachtet, erscheint der anderen Gruppe, gefangen in ihrer eigenen Existenz, fern und fremd. Und so besteht der Sinn eines solchen Lebens schließlich in dieser Ordnung selbst. Es wird nicht hinterfragt, stattdessen folgen alle vier Gruppen den unsichtbaren Regeln, welche der Umgebung eingeschrieben sind. Das Gesetz liegt hier bei den Räumen, nicht bei den Menschen. Du hast selbst einer dieser Gruppen angehört und erst als die Töne einer Geige und ein Tanz von jenseits der Ordnung diese durchbrachen und einen neuen, gemeinsamen Raum erschufen, warst Du wieder frei.

Die benannten Räume waren jene des freien Theaters BRUX in Innsbruck, wo die Performance „Bodies in Bias“ zweimal im Juni von der Gruppe OFFTANZ Tirol unter der Regie von Emmanuelle Vinh aufgeführt wurde. Die etwa 35 Teilnehmer*innen wurden dabei in vier Gruppen eingeteilt und während der gesamten Zeit über Kopfhörer mit Anweisungen, Erklärungen oder (live eingespielter) Musik versorgt. Von Raum zu Raum wurden in mehreren Stationen verschiedene Situationen erlebbar gemacht, wobei die anderen Gruppen jeweils die Kulisse lieferten. Dieses Konzept führte zu vier Versionen derselben Performance mit sehr unterschiedlichen Eindrücken und Empfindungen.
| Markus Penz
