In komPOST # 58 nähern sich verschiedene Lebensphasen aneinander an. Hannah Ebersberg wirft im Text aus erwachsenen Augen einen Blick zurück auf eine lang vergangene Freundschaft, während ein kleines Mädchen eine Zeichnung von Stefani Ruprecht aus ihrer Perspektive vervollständigt.
/ In komPOST #58, different stages of life come closer together. In her text, Hannah Ebersberg looks back from an adult’s perspective on a friendship from long ago, while a little girl completes a drawing by Stefani Ruprecht from her own perspective.
Binanenbaum
Stefani Ruprecht, 2017

Brief an H. / Brief an eine Mädchenfreundschaft
Hannah Ebersberg, 2025
Im Kindergarten habe ich dich kennengelernt. Du warst so mutig. In jedem Raum hast du dich ganz selbstverständlich bewegt. Strohblondes Haar und der Kopf in die Höhe.
Eigentlich kann ich nichts sagen. Es wurde alles schon gesagt. Bitte sei nicht böse. Es ist nicht so, als würde ich dir nicht gerne zuhören.
Das meiste kann ich nur durch Nebel und Watte betrachten.
Heute träume ich noch manchmal von dir. Gemeinsam flechten wir Gelatine-Gummischlangen, spielen Nintendo und tauchen bis wir keine Luft bekommen.
Ich habe lange versucht, die Regeln zwischen uns zu verstehen.
Schrebergarten, Leberfleck am Oberarm, Sommersprossen, Wasserrutschen, Chlorwasser in der Nase, Pommes mit Ketchup und Mayo, Im Regen mit dem Rad zu dir fahren, Aufklebtattoos, Scham, Breites Lachen, Wachstumsschmerzen, Lipgloss.
Wir haben so viel gewusst. Wir waren so schlau.
Eure Festnetznummer kann ich heute noch auswendig.
Unsere Namen waren fast ident. Du warst 3 cm kleiner und 3 Monate jünger als ich. In der Schule hatten wir beide nur selten die Hausaufgaben dabei. Wir waren beide meist abgelenkt. Wir beide hatten Zahnlücken.
Wenn du dich unbeobachtet gefühlt hast, hattest du oft einen traurigen Ausdruck im Gesicht. Als wäre dein Leben schon vorbei gewesen, bevor es richtig begonnen hat.
Manchmal hast du meine Mama umarmt und sie mehre Minuten nicht mehr losgelassen und ich hatte Angst, sie zu verlieren. Es tut mir leid, dass ich alles nicht besser verstehen habe können. Es tut mir leid, dass ich nicht richtig hinschauen habe können.
Oft fühlte es sich so an, als würde heißes Wasser unter meiner Haut brodeln.
Oft hatte ich Angst.
Einmal warst du vier Nächte hintereinander bei uns. Du hattest kein Heimweh. Ich hatte immer Heimweh, wenn ich bei dir übernachtet habe. Meistens war ich die ganze Nacht wach mit rasendem Herzen.
Irgendwann hast du alle Mädchen in der Klasse dazu gebracht, mich zu ignorieren. In dieser Zeit habe ich mich unecht gefühlt. Weil du so getan hast, als würde ich nicht existieren, habe ich auch nicht existiert.
Du konntest es nicht ertragen, wenn ich mit anderen außer dir gelacht habe.
Irgendwann seid ihr aus der Stadt gezogen. Manchmal war ich noch zu Besuch bei dir und du bei mir, aber es war alles nicht mehr so wie früher. Aber vielleicht war es nie so. Vielleicht hatte ich nur eine rege Fantasie.
Gruselgeschichten am Abend, Finstervilla in Mario Kart, Ahlgrens Bilar, Knoten im Bauch, Übelkeit, Frosch im Hals, Kesha am MP3-Player, Golfbälle im Wald sammeln, Mutproben.
Klappernde Zähne vom eisigen Wind. Magisches Denken. Schiefer einziehen. Das Arbeitszimmer deiner Eltern.
Würden wir uns grüßen, wenn wir uns auf der Straße begegnen würden? Ich denke manchmal an ein Wiedersehen. Daran, dass du mir davon erzählst, was in den Jahren passiert ist und ich dir erzähle, dass ich noch immer an dich denke, wenn ich Gummischlangen im Geschäft sehe.
Ich hoffe, du machst noch immer mit deiner Mutter jedes Jahr ein Lebkuchenhaus mit Smarties. Ich hoffe, deine Katze lebt noch. Ich habe ihren Namen vergessen. Ich hoffe, du lachst viel.
In meinen Träumen klettern wir gemeinsam aus dem Fenster deiner alten Wohnung und laufen durch die Stadt. Du immer einige Meter vor mir.
Alles Liebe,
Große Hannah
The komPOST series presents monthly artistic submissions in a wide variety of media. The works are selected and combined by the editorial team of komplex–KULTURMAGAZIN.
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BIOS
Stefani Ruprecht
(*1985 in Schwaz, Tirol) besuchte die Fachschule für Kunsthandwerk in Elbigenalp mit Schwerpunkt Malerei und Design und die Freie Kunstschule für klassische Malerei in Kramsach. Seit 2004 arbeitet sie als freischaffende Künstlerin in Tirol. 2024 erhielt sie den 3. Preis beim Art Award des BVBK Österreich in Wien. 2026 zeigte sie ihre Einzelausstellung „Ontologie der Verbundenheit“ im Haus der Begegnung Innsbruck beim Artilog#1.
@stefani.ruprecht.art / stefaniruprecht.eu
Hannah Ebersberg
(*2001 in Kitzbühel), absolvierte nach einer Lehre zur Hotelkauffrau die Matura in Wien. Dort begann sie das Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft sowie der Komparatistik. Seit Ende 2025 lebt sie wieder in Tirol und führt ihr Komparatistik-Studium an der Universität Innsbruck fort. Das Schreiben begleitet sie seit ihrer Jugend; Inspiration schöpft sie besonders aus Menschenbeobachtungen. Ihr Fokus liegt auf fragmentarischer Prosa und dem Schreiben ohne Schablone.
