Die Ausstellung „Pot Shop Boyz“ im Kunstraum Innsbruck widmet sich der künstlerischen Arbeit mit Keramik mit Werken von gelatin, Elmar Ottenthal, Michèle Pagel, Karl Pfeifle, Elisa Schober und Rosemarie Sternagl.

Seit Jahrtausenden formen Menschen aus Ton Gegenstände und so praktisch, wie die Keramik mittlerweile für unseren den täglichen Gebrauch geworden ist, so vielseitig wird sie schon lange auch in der Kunst eingesetzt. Funde von Keramikstatuen wie etwa die Venus von Dolní Věstonice werden auf bis zu 30.000 Jahre geschätzt. Dass die keramische Arbeit längst nicht nur funktional und kulturell tief verwurzelt und mit Stereotypen verhaftet ist, sondern als Kunstform tiefgreifende philosophische Überlegungen und auch unser eigenes Handeln hinterfragt und anschaulich macht, zeigt die Ausstellung Pot Shop Boyz im Kunstraum Innsbruck. In den zehn Positionen von Elmar Ottenthal, Michèle Pagel, Karl Pfeifle, Elisa Schober, Rosemarie Sternagl und dem Künstlerkollektiv gelatin spannt die Ausstellung einen Bogen, der unterschiedliche Techniken und die vielen Möglichkeiten aufzeigt, die der leicht formbare und fragile Ton bietet. Was alle Werke verbindet, ist das Verhältnis zum Material und die die komplexe Art und Weise, wie die Künstler:innen sich über übliche Zuschreibungen hinwegsetzen. Denn wie Pot Shop Boyz zeigt, kann die Kunst mit Keramik mehr sein als handwerklich ästhetisch verzierte Gefäße.
Im Kunstraum Innsbruck hängen die Werke als intuitive Energie kachelartig an der Wand, stehen mit einem Blick auf die Zukunft auf Podesten und führen uns als Tierfiguren kritisch unsere Gewohnheiten und Laster buchstäblich in einem Spiegel vor Augen. In Prozess des Formens und Brennens erhalten die Objekte ganz neue Bedeutungsebenen, die Bezüge zu unserer äußeren und inneren Welt aufgreifen und unseren Gedanken vielleicht auch mal um die Ecke lenken. Mit Werken aus zwei Jahrhunderten wird das ausdrucksstarke Potential der Keramik in unterschiedlichen Techniken und Ansätzen gegenübergestellt.

Ein erster Blickfang ist die bunte und verspielte Installation „Alle für alle“, in der sich aus 174 individuell gestalteten Kermikfliesen ein wolkenartiges Gebilde über die Wand zieht. Die darauf abgebildeten teils grotesken und ironischen Skulpturen lenken auf eigenwillige Weise den Fokus auf die Identität des menschlichen Körpers und fügen sich als einzelne Elemente – von erschrockenen Gesichtern über Geschlechtsteilen bis hin zu Schachfiguren detailreich zu einem harmonierenden Gesamtwerk zusammen. Die Arbeit wurde 2021 vom Wiener Künstlerkollektiv gelatin und eingeladenen Künstler:innen im Rahmen einer mehrtägigen Performance im Ferdinandeum entworfen.
Einen starken Kontrast zu den vielen bunten Skulpturen bildet die Gebäudetypologie von Karl Pfeifle aus dem Jahr 1971. In der Skulptur aus luftgetrocknetem Ton hat sich der Bildhauer mit visionären Formen des Bauens auseinandersetzt und eine Plastik entwickelt, die in den Umrissen als fiktive Siedlung aber genauso als altes Radio interpretiert werden könnte. Die in Schwaz lebende Bildhauerin Rosemarie Sternagl zeigt in ihrer 1991 entstandenen Werkserie etwa an der Wand hängende Keramikreliefs, die narrativ mit Botanik, Tieren und menschenähnlichen Wesen phantastische Szenen liefern. Mit kleinen nebeneinandergereihten Tieren in statuenhaft-würdevollen Körperhaltungen ist die Künstlerin Elisa Schober vertreten. Und Tiere sind auch das Thema vom 1951 geborenen Künstler Elmar Ottenthal der Skulpturen von zwei Raben und einem Perlhuhn zeigt. Es sind Arbeiten, die das Verhältnis von Natur und Körper verhandeln und einen Raum für ökologische Fragestellungen bereithalten.

| Foto: Daniel Jarosch, 2026
Auch Michèle Pagels Werke können als kritischer Kommentar auf eine Gesellschaft im Überfluss und den Umgang mit der Natur verstanden werden und eröffnen mit den aussagekräftigen Titeln eine rätselhafte Ebene. Für die Skulptur „The fat of the land“ aus dem Jahr 2024 sind kryptische Zeichen – möglicherweise Schriftzüge – ziegelartig aufeinandergereiht. Ästhetisch interessant ist ihre Arbeit „Sleeping Flamingo“, in der sich der schlafende Vogelkörper aus Ziegelsteinen und alläglichen Gebrauchsobjekten zusammensetzt. Nachdenklich macht auch „Crrrreature of habit“ ein Pfau der vor einer verschlossenen Metalltür von der Wand gespiegelt wird und möglicherweise auf die einschränkende Macht der Gewohnheiten verweist. Die Kurator:innen Sofia Ohmer & Florian Waldvogel beschreiben die Ausstellung im Saaltext auch als Palimpsest aus Referenzen, Zitaten, Abdrücken und Transformationen: „Die Exponate folgen einer Logik der Intermaterialität, in der Glasur auf Idee trifft, Form auf Kritik, Funktion auf Ironie.“
Geöffnet bis 5. September, Dienstag bis Samstag.
| Sieglinde Wöhrer
