Weißräume, Interpretationsfreiheit und die Darstellung des Unsagbaren: „Politisch Zeichnen“ im Ötztal mit LILEE IMPERATOR und NICOLAS BLECK

Street Artist Lilee Imperator und Graphic-Novel-Künstler Nicolas Bleck waren am 17. Juni im Rahmen der Sonderausstellung NS-ZEIT IM ÖTZTAL für ein Doppelinterview zu Gast im Turmmuseum in Oetz. Sie erzählten nicht nur von ihren Arbeitsprozessen, sondern auch von Macht und Ohnmacht, die sie vor allem dann verspüren, wenn ein Kunstwerk fertiggestellt ist und der Öffentlichkeit präsentiert wird. Die Gastgeberin Edith Hessenberger, Leiterin der Ötztaler Museen, führte das Künstler*innengespräch und bereicherte es mit kulturwissenschaftlichen Einordnungen. 

Workshop im Ötztal mit Lilee Imperator und Nicolas Bleck | Foto: Ötztaler Museen

Wir befinden uns im Dachgeschoss des Turmmuseums, einem Gebäude aus dem Mittelalter im Zentrum der Ötztaler Gemeinde Oetz. Dort, wo die Bergidylle, geprägt von Landwirtschaft, alten Traditionen und wunderschöner Natur, noch Realität zu sein scheint, wirken die städtisch-modernen Kunstrichtungen Street Art und Graphic Novels beinahe etwas deplatziert. Passen diese beiden Kunststile ins Ötztal? Oder braucht das Ötztal diese Kunst sogar? 

Antworten auf meine Fragen sollte ich bald bekommen, denn Edith Hessenberger eröffnet um 19 Uhr das Gespräch mit einer kurzen Vorstellung der beiden Künstler*innen und übergibt dann das Wort. Nicolas Bleck hält gleich zu Beginn fest, dass die Arbeiten von Lilee Imperator und ihm – obgleich beide zeitgenössisch – zunächst sehr unterschiedlich erscheinen. So interveniert Lilee Imperator nämlich primär in großformatiger Street Art auf dreißig Meter langen Parkmauern, den Außenfassaden von Firmengebäuden und anderen Oberflächen im öffentlichen Raum. Nicolas Bleck hingegen arbeitet, wie er selbst sagt, hauptsächlich „in DIN A4“ und veröffentlicht seine Graphic Novels, auch Comics genannt, in Buchform. 

Auszug aus der Graphic Novel von Nicolas Bleck

Lilee Imperator zieht ebenfalls einen Vergleich zwischen ihrer Kunst und jener von Nicolas Bleck und benennt die unterschiedliche zeitliche Ausrichtung: „Nicolas macht mit seiner Kunst die Vergangenheit begreifbar und ich porträtiere eine mögliche Version der Zukunft.“ Dennoch arbeite auch er mit fiktiven Elementen, erklärt Nicolas Bleck. Denn auch bei historischen Inhalten wisse man trotz Bildern, Briefen und anderen Quellen nie genau, wie es tatsächlich war. „Ein bisschen Fiktion braucht es immer.“ 

Diese Fantasie spielt auch bei den Weißräumen und Lücken eine Rolle, die beide Künstler*innen einsetzen – wenn auch mit teils unterschiedlichen Intentionen. Für Nicolas Bleck sind es vor allem die Lücken zwischen den einzelnen Panels einer Graphic Novel. In diesen Weißräumen kann er die Geschichte verlangsamen oder beschleunigen. Weißräume sind ihm wichtig, „weil die Menschen diese füllen können.“ Lilee Imperator gibt in den Weißräumen ihrer Werke hingegen den Emotionen Raum: „Gefühl braucht keinen Hintergrund, Gefühl ist einfach da.“ 

Beim Zuhören wird klar: Beiden Künstler*innen ist bewusst, dass sie nur begrenzte Kontrolle über ihre eigenen Werke haben. Abgesehen von den beschriebenen Weißräumen, die jeder und jede Betrachtende automatisch mit seinen oder ihren eigenen Vorstellungen füllt, ist auch das Gezeichnete oder Gemalte selbst, spätestens nachdem es veröffentlicht wurde, der Interpretation jeder einzelnen Person regelrecht ausgeliefert. Jeder Mensch sieht die Kunst durch seine individuelle „Brille“, die innere Bilder und Gedanken hervorruft. Letztere entsprechen selten genau jenen, die die Künstlerin oder den Künstler ursprünglich inspirierten. 

„Sobald die Kunst mein Atelier verlässt, wird sie politisch. Denn dann habe ich nicht mehr in der Hand, was die Menschen daraus machen, wie sie sie interpretieren.“
– Lilee Imperator

„Fasnacht“ von Lilee Imperator, 2026

Was für die Künstler*innen ein selbstverständlicher Ausdruck ihrer Wahrnehmung ist, ist für andere eine Provokation. Dies verdeutlicht auch die Anekdote von Edith Hessenberger: „Ich lasse mir nicht vorschreiben, was ich denke!“ lautete demnach eine Reaktion auf das Bild von Lilee Imperator, das fixer Bestandteil der Ausstellung im Turmmuseum ist. Es zeigt zwei Frauen bei den Vorbereitungen für die Sautner Fasnacht. Eine von ihnen stellt die Künstlerin selbst dar. Lilee Imperator bricht dabei mit den Vorstellungen, dass nur Männer Teil der Fasnacht sind, und widerspricht mit der Darstellung ihrer dunklen Haut dem gängigen Stereotyp, Tiroler Brauchtumsträger*innen seien ausschließlich weiß. In ihrer Kindheit habe die Künstlerin fast ausschließlich Darstellungen von weißer Haut gesehen und betont: „Die Leute, die am sichtbarsten sind, prägen die Gesellschaft.“ Aus diesem Grund sei es für sie wichtig, sich selbst und ihrem Äußeren auf diese Weise Sichtbarkeit zu verschaffen. „Das ist meine Heimat. Ich habe mich in meiner Heimat dargestellt. Für mich ist das selbstverständlich.“ 

Doch nicht nur ihre Ohnmacht ist den beiden Künstler*innen deshalb bewusst, auch ihre Macht und die Verantwortung, die mit dem Schaffen von Kunst einhergeht. Nicolas Bleck erlebt diese beispielsweise beim Zeichnen von bereits verstorbenen Personen, von denen keine Fotos existieren. So erzählt er vom Dilemma, reale Menschen detailgetreu abzubilden, ohne ihre Identität zu verfälschen. Genauso schwierig sei es, belastende Themen wie Gewalt oder Tod darzustellen. „Ein leeres Bett sagt dann oft aber mindestens genauso viel wie eine explizite Darstellung.“ Ähnliches empfinde er bei seinen Einsätzen als Graphic Recorder, wo er während einer Veranstaltung – zum Beispiel beim Innsbrucker Bürger*innenrat – live mitzeichnet, sozusagen zeichnerisch Protokoll führt. „Ich bin der, der selektiert, das ist eine große Verantwortung.“ 

Edith Hessenberger hebt diesbezüglich die Bedeutung von Nicolas Blecks Arbeit für die Vermittlungsarbeit hervor. Mit seiner Graphic Novel „Wer widerstand? Georg Mair, ein Deserteur aus Tumpen, und wer ihm half“ mache er ein gesellschaftspolitisch bedeutsames Thema, das oft verstaubt und wenig greifbar wirkt, – nicht nur, aber auch – für Jugendliche zugänglich. 

Lilee Imperator und Nicolas Bleck | Foto: Ötztaler Museen

Am Ende des Abends ist für mich klar: Die Kunst von Lilee Imperator und Nicolas Bleck passt nicht nur ins Ötztal, sondern wird dort sogar dringend gebraucht. Sei es in Form von Graphic Novels, die Geschichte begreifbar machen, um besser daraus lernen zu können, oder Street Art, die mit einer zukunftsweisenden Perspektive veraltete Denkweisen aufbricht und so den Weg für neuere, inklusivere Interpretationen bahnt. 

| Tamara Scheiber


BIOS

Lilee Imperator

stammt aus dem Ötztal und ist als Street-Art-Künstlerin in Frankreich, Deutschland und Tirol aktiv. Zu ihren aktuellen Projekten zählt die Gestaltung eines Feuerwehrschlauchturms im oberösterreichischen St. Roman, der kurze Zeit nach Fertigstellung den Status eines Wahrzeichens erlangte. 

(Zum Interview mit Lilee Imperator im komplex-Magazin (19.02.24): hier)

@lileeimperator

Nicolas Bleck

ist gebürtiger Kölner, wohnt in Innsbruck und behandelt als studierter Geschichtslehrer in seinen Graphic Novels häufig historische Themen. Zuletzt erarbeitete er in Zusammenarbeit mit den Ötztaler Museen einen Comic über die Geschichte eines Deserteurs aus Tumpen, der die aktuelle Ausstellung im Turmmuseum ergänzt. 

@nicolas_bleck

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