Von Funken, Strömen und Frequenzen – im Gespräch mit ZUNDER und SANNA LU UNA

Wir finden uns zu viert beim Mittagstisch in der Bäckerei ein, um über das ZUNDER-Festival zu sprechen: Barbara Alt (Inseminoid), Lino Lanzmaier (Verschub), Lukas Umek (SNKTBRTLM / Verschub) und ich vom komplex KULTURMAGAZIN. Gespräche wie diese, in denen engagierte Menschen aus Kunst und Kultur zusammenkommen, sind oft der Ausgangspunkt für Projekte. Auch das ZUNDER, wie mir die drei erzählen, begann in so einem Moment – einem Funken, der bald Größeres entfachte.

Die ZUNDER-Crew in St. Bartlmä | Foto: Jules Covi

Das experimentelle Musikfestival findet am 12. und 13. Juni bereits zum dritten Mal in Innsbruck statt. Getragen von den Innsbrucker Kulturvereinen Inseminoid, Verschub und SNKTBRTLM, liegt die Initialzündung in einem Bargespräch im Kult: „Wir sollten mal zusammen was in St. Bartlmä machen“, erinnert sich Lukas Umek an seine Unterhaltung mit Fuad von Inseminoid. Was zunächst als eine gemeinsam organisierte Veranstaltung gedacht war, entwickelte sich rasch weiter. „Das war eigentlich nicht so ganz geplant, dass es ein Festival wird, aber es ist dann relativ schnell aus dem Enthusiasmus heraus entstanden“, sagt Lino Lanzmaier. Aus einer Idee wurde ein zweitägiges Format – auch aus praktischen Gründen: Die begrenzten Spielzeiten vor Ort, die eine mitternächtliche Schließstunde vorsehen, ließen sich kaum anders organisieren.

Die spezifische Form des ZUNDER entsteht aus dem Zusammenspiel seiner Trägervereine: Inseminoid, Verschub und SNKTBRTLM bringen unterschiedliche Erfahrungen, Netzwerke und Zugänge ein – von experimenteller Elektronik über Architektur und Raumgestaltung bis hin zu organisatorischer Praxis. Barbara Alt beschreibt diese Zusammenarbeit als produktive Überlagerung verschiedener Kompetenzen, bei der Booking, Licht, Infrastruktur und räumliche Gestaltung ineinandergreifen, wobei die Aufgaben im Team nicht streng verteilt sind – das Festival entsteht aus einem kollektiven Prozess, in dem sich alle Beteiligten auf unterschiedliche Weise einbringen können.

Gestaltung Vorraum Halle 6 | Foto: Daniel Jarosch

Dass ZUNDER in St. Bartlmä stattfindet, ist dabei mehr als eine infrastrukturelle Entscheidung: Der Ort selbst gehört zum Konzept. Das Industriegelände erweist sich als ideale Projektionsfläche. Seine Offenheit ermöglicht räumliche Interventionen, während der Vorbereich der Halle eine soziale Begegnungszone schafft, die für ein Festival dieser Größenordnung essenziell ist.

Was dem ZUNDER seinen besonderen Charme gibt: Gerade die gestalterische, visuelle Dimension wird vom Team als integraler Bestandteil verstanden. Limitierte, handgefertigte Siebdruck-Tickets, eigens produzierte Schlüsselanhänger aus dem 3D-Drucker oder individuell entwickelte Visuals – die Liebe zum Detail ist spürbar und lässt die Leidenschaft des Teams, das gänzlich ehrenamtlich arbeitet, auch beim Publikum ankommen.

In die Gestaltung eingebunden werden außerdem auch Architekturstudierende der Universität Innsbruck, nicht zuletzt, weil insbesondere Mitglieder des Vereins Verschub im ./studio3 – Institut für experimentelle Architektur verankert sind. Bereits in den vergangenen Editionen wurde der Außenraum der Halle 6 durch Sitzlandschaften, Projektionen und Installationen zu einem temporären Versuchsfeld. Auch heuer wird die universitäre Zusammenarbeit fortgesetzt – diesmal im Rahmen eines eigenen Kurses zum Prototypenbau unter der Leitung von Lino Lanzmaier: „Die Studierenden sind angeleitet, den Außenraum als Szenografie zu begreifen. Sie sollen die Qualitäten des Raums – etwa die Trägersäulen unter dem Vordach – aufgreifen und weiterdenken.“

Gestaltung Vorraum Halle 6 | Foto: Daniel Jarosch

Die enge Verwobenheit mit dem Gelände von St. Bartlmä ist identitätsstiftend für das Festival. Schon der Name „ZUNDER“ verweist auf die industriellen Funken, die hier entstehen – und auf das Prinzip, aus bestehenden Bedingungen heraus Neues zu entzünden. Gleichzeitig ist diese Verbindung auch fragil. In einer Stadt, in der das Verschwinden autonomer Kulturorte zunehmend diskutiert wird, gibt es für ein Format wie ZUNDER aktuell kaum Alternativen. Hinzu kommt, dass die Nutzung von St. Bartlmä inzwischen auf zehn Veranstaltungen pro Jahr beschränkt ist. Dass ZUNDER darunter Priorität hat, ist zwar gesichert – wie lange der Ort in dieser Form bestehen kann, bleibt jedoch offen.

Musikalisch bewegt sich das Festival – wie es selbst formuliert – „zwischen Druckwellen und Stille, zwischen Noise-Fragmenten, maschinellen Rhythmen, organischen Schwebeklängen und glitchenden Mikrobewegungen“. Es entsteht Feld, wo elektronische Radikalität und fragile Momente aufeinandertreffen, wo sich Hörgewohnheiten verschieben und Wahrnehmungen neu organisieren.

Mit einem diversen Pool an Acts (Aho Ssan, Brootworth feat. Rogine, Chewlie, Chloé Ryo, Emma DJ, Exploited Body, Fabian Lanzmaier, Hüma Utku, Sanna Lu Una und Slikback) spannt das diesjährige Programm einen Bogen zwischen internationalen Positionen und lokaler Verankerung. Dabei stehen weniger klar definierte Genre-Ausrichtungen im Vordergrund als ein insgesamt stimmiges Booking, das sich aus einer Vielfalt von Interessen und Einflüssen ergibt. 

Tot Onyx live am ZUNDER 2025 | Foto: Daniel Jarosch

Eine besondere Erweiterung erfährt das Festivalgelände diese Jahr durch die Einbindung der St. Bartlmä-Kapelle, einer gotischen Kapelle aus dem 13. Jahrhundert, die sich direkt am Areal befindet. Dort wird eine Soundinstallation mit einem eigens komponierten Stück von Fabian Lanzmaier präsentiert. In zeitlich gesetzten Slots öffnet sich dieser Raum für konzentrierte Hörerfahrungen. Auf die Frage, wie schwierig es war, die Genehmigung vom Stift Wilten dafür zu erhalten, fällt die Antwort mit einem Lächeln knapp aus: „Der Marco hat einen Draht nach oben.“

Expandierende Zukunftsvisionen hat das Team vorerst noch nicht. Dass das ZUNDER auch 2027 wieder stattfinden soll, darüber ist man sich dennoch einig – „im besten Fall wieder in der Halle 6 in St. Bartlmä“, meint Lukas. Vieles entsteht hier eben nicht aus langfristigen Strategien und Wachstumsplänen, sondern aus Momenten der Begeisterung, aus Freundschaften und gelebter kollektiver Praxis. 


Zur Einstimmung in das Booking habe ich im Anschluss noch ein Interview mit der Wiener Sound-Künstlerin Sanna Lu Una geführt. Sie wird dieses Jahr am ZUNDER gemeinsam mit dem Cellisten Angelo Beltrame unter anderem ihr Debütalbum „Pierce the Ground“ performen.

Sanna Lu Una | Foto: Dashugar

Brigitte Egger: Was für ein Konzept steht hinter deinem Debütalbum „Pierce the Ground“? 

Sanna Lu Una: „Pierce the Ground“ beschreibt für mich ein sehr kraftvolles Gefühl – stark, getrieben, schmerzvoll, mit Aggression und Anstrengung verbunden – viel Aufgestautes, das mit einer Wucht transportiert wird. Über drei Jahre ging es viel um Aufarbeitung von alten und sehr präsenten Themen. Der Prozess war, etwas Ungreifbares in Materie umzuwandeln, etwas Physisches daraus zu machen. Es war nicht nur Heilung, sondern Transformation von negativ ins Positive. Und ich habe nach Bildern gesucht, die genau das widerspiegeln.

Bilder von Natur ziehen sich stark durch dein Album. Woher kommt diese Verbindung? 

Die Natur ist mein Anker in dieser aufwühlenden Welt. Ich habe mich während der Entstehung des Albums wissenschaftlich viel damit beschäftigt, den Planeten besser zu verstehen – mit Gletschern, Gletscherschmelze, dem Untergrund, Wäldern. Und ich bin ein großer Fan von geologischen Büchern . Das sind Themen, die mich sehr interessieren. Gerade beschäftigen mich Flüsse sehr. 

Mit Titeln wie „Liquid Poem“, „Ice Is Memory“ oder „I Dream Water“ scheint insbesondere das Element Wasser ein zentrales Motiv zu sein, auch klanglich kommt es zur Geltung – hat das für dich eine persönliche Bedeutung? 

Ich habe einen sehr persönlichen Bezug zu Wasser. Seit ich denken kann, träume ich immer vom Meer, wenn ich emotional überfordert bin. Daher entspringt auch das Lied “I Dream Water”. Ich habe grundsätzlich eine Tendenz zu Träumereien oder verträumten Sphären, und das hatte wahrscheinlich mehr Einfluss auf das Album als alles andere. Für mich ist das alles sehr eins, ich versuche das nicht so zu separieren. Ich glaube, das Album spiegelt das auch wider – ich versuche, Grenzen aufzulösen und dieses Wort Natur vielleicht auch zu zerlegen. 

Was ist für dich das Fragwürdige am Naturbegriff? 

Ich finde ihn problematisch, weil er uns Menschen sehr stark davon trennt. Natur ist ein Begriff der oft romantisiert wird und den Anschein erwecken kann, wir wären davon separiert. Aber wir sind nicht davon getrennt – da kommt das Leben her und wir sind Teil davon. Wir alle nutzen dieses Wort, aber es ist wichtig, es zu reflektieren und was es mit unserem Denken macht. 

Du arbeitest viel mit Field Recordings in deiner Musik – hat das auch mit deiner Begeisterung für die Umwelt zu tun? 

Field Recordings war neben der Stimme einer meiner ersten Kontaktpunkte zu Sound und Musik. Dieser Zugang bringt ein dokumentarisches Element und Echtheit rein. Gleichzeitig ist es ein Mittel, um nicht nur im Studio oder am Laptop zu sitzen, sondern sich aktiv mit Räumen oder Umgebungen auseinanderzusetzen.

Sanna Lu Una | Foto: Olesya Parfenyuk

Würdest du sagen, Soundaufnahmen sind eine Art Erinnerungsspeicher für dich? 

Ja, total. Wenn ich durch mein Soundarchiv gehe, werde ich sofort in Situationen zurückkatapultiert. Es ist wie eine Momentaufnahme. Soundaufnahmen haben für mich etwas Lebendigeres – man erlebt den Ort nochmal anders. Ich gebe dir recht, es ist ein bisschen wie Erinnerungen sammeln. 

Du hast eine Ausbildung in der bildenden Kunst. Warum wurde Sound irgendwann zum zentralen Medium? 

Ich komme aus der Malerei und dem Zeichnen und habe irgendwann gemerkt, dass ich mit dem Zweidimensionalen an Grenzen stoße. Es ist nicht der Ausdruck, den ich gebraucht habe, um mich ganz zu fühlen. 

Dein Sound und auch deine Musikvideos wirken auf eine Art sehr räumlich, fast architektonisch. Was für Räume versuchst du mit deiner Musik zu schaffen? 

Ich versuche, die Leute auf eine Reise einzuladen und einen sicheren Raum zu schaffen, um Gefühle zu fühlen und Verbundenheit zu spüren – wie in einer Geschichte, in einem Hörbuch, in einem Märchen. Man kann mit meiner Musik sowohl in eine Traumwelt abdriften, genauso wie sich mit tiefen, echten Emotionen verbinden. Vielleicht wie ein Wald mit Dickicht – man muss sich durcharbeiten, und wenn man aufmerksam ist, entdeckt man immer mehr. Ich würde die Räume von “Pierce the Ground” als vielschichtig beschreiben. 

Welche Rolle spielt Live-Performance dabei? 

Live ist für mich persönlich der schönste Raum, weil du mit dem Publikum in einen Austausch gehst und man gemeinsam diesen Moment zelebriert – ein Geben und Nehmen. Gerade jetzt habe ich das Gefühl, dass Konzerte besonders wichtig sind, weil wir uns alle so abkapseln und voneinander trennen und es so viel Angst, Hass und Schmerz auf dieser Welt gibt. Ein Festival oder ein Konzertabend kann verbinden oder zumindest für den Moment Ablenkung sein. 

Auf deinem Album sind einige Instrumente, unter anderem Streicher zu hören – was macht für dich die Qualität ihres Klangs aus im Vergleich mit den Natur-Sounds?

Neben Synths und digitalen Instrumenten sind Kontrabass, Bratsche, Geige, Cello, Horn und Tuba zu hören. Diese Instrumente haben etwas Filmisches und mächtiges Großes. Instrumente aus der Klassik sind kulturell stark behaftet, und ich mag es, sie zu dekonstruieren und in abstrakte Klangwelten einzubetten. Alte Instrumente haben ein eigenes Leben, tragen Geschichte – auch das Material, Holz oder Blech, war mir wichtig mit einzuarbeiten .

Wenn du selbst Musik hörst – was inspiriert dich? 

Ich umgebe mich gerne mit Musik in meinem Alltag . Es ist alles dabei. Eigenwilligkeit macht mich meist sehr neugierig. Live hat mich zuletzt die Akkordeonistin Suzan Peeters sehr berührt. 

Warst du schon einmal als Besucherin beim ZUNDER Festival? 

Nein, ich war noch nie auf dem ZUNDER Festival, aber freue mich sehr über die Einladung und auf die Atmosphäre. Ich war auch noch nie in Innsbruck – es gibt einen Fluss namens Sanna, eine Stunde westlich von Innsbruck, und den werde ich besuchen, darauf freue ich mich schon sehr.

| Brigitte Egger


Links

ZUNDER: @zunder_festival | zunder-festival.com

SANNA LU UNA: @sanna.lu.una | bandcamp: sannaluuna | SoundCloud: sannaluuna

(You can find the english version of the interviews with Sanna Lu Una here.)

Hinterlasse einen Kommentar