Nachts sind die wilden Frauen los.

Über den Zeitraum von vier Nächten – vom 13.10 bis zum 16.10 – wurden zum Anlass der 3.  DIAMETRALE Nachtvisionen im Leokino vier Filme unter dem Motto MAD GRRRLS vorgeführt. Bei dem Format Nachtvisionen reanimiert die DIAMETRALE – organisiert vom Verein zur Förderung experimenteller und komischer FilmKunst gemeinsam mit dem Kulturkollektiv Contrapunkt die Kultur der Spätvorstellungen. Die Filmvorführungen zu später Stunde luden zu schrägen Perspektiven, transgressiven Genres wie Horrotica und alles, was die Nacht sonst noch so zu bieten hat, ein. Unsere Gastautorin Ciára Landen war dabei und gibt einen Einblick in die Filmwelt dieses nächtlichen Geschehens.

Den Auftakt machte ein Film von Elfi Mikesch und Monica Treut: Verführung: die grausame Frau, aus dem Jahr 1985, eine künstlerische Darbietung des Sadomasochismus durch die, von Mechthild Grossman ausgezeichnet gespielte, Herrin Wanda. Mit ihren Inszenierungen der Folter nimmt sie die Zuschauer:innen mit in eine nahezu avantgardistische und surreale Exploration der Unterwerfung und der Machtverhältnisse, die diese zulassen. Mit konsequenter Kontrolle fordert der Film die Zuseher:innen heraus, sich an Wandas Performance der Versklavung ihrer Untertanen gedanklich zu beteiligen und mit ihr die Machtverhältnisse zu erforschen. Anhand ihres starren Blicks in die Kamera und ihrer Performance Art lehrt die Protagonistin, wie es dazu kommt, dass man ihr gehorchen möchte. Mit ihren Inszenierungen bietet sie einen Einblick in das Spiel mit Perversionen und evoziert eine Ästhetik ihrer eigenen Grausamkeit. Unterstützt und geleitet wird die Geschichte der Domina Wanda durch die verzerrte und manchmal etwas schräge Kameraführung, die uns mitten ins Geschehen dieses perversen Traums hineinzieht.

Mechthild Grossman und Udo Kier als Wanda und Gregor – Filmstill „Verführung: Die grausame Frau“

TRASH UND KUNST

Bei einem Q&A nach der Vorstellung erzählen die Regisseurinnen, dass sie sich bei der Figur der grausamen Frau auf Sacher-Masoch’s Novelle Venus im Pelz aus dem Jahr 1890 beziehen. Zum Filmstart im Jahr 1985 wurde der Film als jugendgefährdend eingestuft und durfte deshalb nur spät nachts aufgeführt werden. Vor diesem Hintergrund freue es die Regisseurinnen umso mehr, dass er heute auf Filmfestivals gezeigt wird. Diesen Widerspruch zwischen Ablehnung und Annahme erklärt sich des Mikesch dadurch, dass der Film gleichzeitig als Kunst, sowie als Trash eingeordnet werden kann. Die Figuren ihres Films, so Treut, bieten keine übliche Identifikationsmöglichkeit, somit entsteht zwischen Zuschauer:innen und filmischer Performance eine Distanz, die klar erkennen lässt, dass es um eine Zurschaustellung von Wandas Praktiken der Unterwerfung geht.

Die künstlerische Performance wird von schrägen Perspektiven und einer unkonventionellen Kameraführung unterstützt. Bei der Frage nach dem Hintergrund dieser Entscheidung erklärt Mikesch, dass sie versucht hat, das Konzept des menschlichen, wandernden Blickes durch ihre Kameraführung zu übermitteln. Auch das Konzept der Farben spiele eine wichtige Rolle. So übernahmen die Regisseurinnen die Farben, die auch in Sacher-Masochs Novelle Venus im Pelz vorkommen. Justine zum Beispiel, eine Anhängerin Wandas, zu Beginn der Performance in Unschuldsweiß gekleidet, kann sich ihrer bestimmenden Herrin nicht ganz unterwerfen. Als sie sich mehr und mehr auf Wandas Rahmenbedingungen einlässt, färbt sie sich rot und schließlich, zur final erreichten Grausamkeit, schwarz ein.

Links:Q&A mit den Regisseurinnen Elfi Mikesch und Monika Treut 13.10.2021.Rechts: Moderatorin des Q&A,Roberta Hofer

NUTZLOS UND SCHÖN

In der zweiten Nacht zeigten die Veranstalter:innen den Film Satans Heiße Katzen – The Female Bunch von Al Adamson aus dem Jahr 1969. In einer ungewöhnlichen Mischung aus Western und Exploitation Film nahm eine Frauengang uns mit auf die Reise zu ihrer Selbstbestimmung, natürlich per Pferd. Der Film porträtiert eine Gruppe aus MAD GRRRLS, die beschließen, auf alle Regeln zu pfeifen, außer auf die, die befiehlt, ohne Männer zu leben. Wilde Partys und Drogenexzesse lassen die Frauen aber auch diese Regeln brechen, denn ihr liebster Zeitvertreib ist es, Männer zu terrorisieren. Als Zuschauerin muss man oft über die bösen Miezen schmunzeln. Diese Gruppe aus Femme-Fatale-Cowgirls übertrumpfen alle Western Bösewichte und schauen dabei verdammt gut aus.

Auch in der dritten Nacht ging es ähnlich wild zu, denn bei der Vorstellung des Films Coffy – Die Raubkatzevon Jack Hill aus dem Jahr 1973 waren wir bei einem Blaxplotation-Revenge-Movie par excellence angekommen. Mit ganz viel Verführung und Gewaltexzessen rächt sich Coffy, eine afroamerikanische Frau gespielt von Pam Grier an einem Mafiaboss, der unzähligen Afroamerikaner:innen in ihrer Stadt, inklusive ihrer Schwester, auf dem Gewissen hat. Pam Grier könnte einigen aus dem Quentin Tarantino Film Jacky Brown bekannt sein, der als eine Hommage an Coffy – Die Raubkatze gilt. Coffy entscheidet sich dafür, Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen und portraitiert eine starke, autonome Frauenfigur, die sich immer im Mittelpunkt des Gefechts bewegt. Coffy im Gegenzug zu Jackie Brown überzeugt durch ihre “Rohheit”, welche Tarantino in seinem Film nur erahnen lassen kann. Das ist aber auch der Charme der als trashig eingestuften B-Movies: Die Kunst der Imperfektion.

DIAMETRALE Nachtvisionen 2021

Am letzten Abend

Zum Abschluss, in der vierten Nacht der Veranstaltung, tauchten die Besucher der Diametrale Nachtvisionen mit Vampyros Lesbos aus dem Jahr 1971 in die verweiblichte Horrotica (Horror und Erotika) Welt der lesbischen, lüsternen Vampire ein. Hier orientierte sich Regisseur Jess Franco an Bram Stokers Dracula, jedoch tauschte er jegliche Rollen, die im ‚Original‘ von Männern belegt waren, mit Frauen aus. So erzählt er die Geschichte der letzten Nachfolgerin von Dracula, die es sich zum Ziel gemacht hat, die Juristin Linda in ihre Welt des Blutdursts und der Lust zu entführen. Mit weniger expliziten Sex-Szenen als erwartet, spielt der Film mit seinem Ausdruck der Sexualität durch sehr intensive und begrenzte Performances der Lust. Der Filmüberzeugt nicht nur durch die erotischen Bilder der tanzenden Vampirin, sondern auch durch den von Manfred Hübler und Sigi Schwab kreierten Soundtrack Sexadelic Dance Party, welcher nach der Vorführung zu dem ein oder anderen Glas Rotwein abgespielt wurde, um den vom Film initiierten Rausch der Erotik hinauszuzögern.

Die vier spät-abendlichen Kino Besuche haben mir gezeigt, dass B-Movies, wenn auch als zweitklassig eingestuft, jedenfalls mit erstklassigen visuellen Stimulationen, psychedelischen Bildern und repräsentativer Ästhetik der jeweiligen filmischen Epochen überzeugen können. Spannende Frauenfiguren in den Hauptrollen, feministische Filmkonzepte und das Flair der Spätvorstellung schufen ein Kinoerlebnis voller Kunst, Theater und Edge. Für mich persönlich eine Einladung, tiefer in die dunkle Welt der unkonventionellen Filme und Niché-Genres einzutauchen.

| Ciára Landen

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