komPOST #54 [P. Nowotny, E. Mondragón]

Hier geraten Körper und Beziehungen aus den Fugen: Ausgabe 54 unserer Einsendungsreihe komPOST zeigt eine Sammlung absonderlicher Begegnungen, irgendwo zwischen Erinnerung und Hirngespinst. Mit Kurztexten von Philipp Nowotny und Malereien von Emiliano Mondragón.

/ Here, bodies and relationships are out of balance: Issue 54 of our komPOST series presents a collection of bizarre encounters, somewhere between memory and delusion. Featuring short texts by Philipp Nowotny and paintings by Emiliano Mondragón.

Leinwand

Philipp Nowotny, 2024

Die Sonne geht über den Bäumen auf. Ich ziehe meinen Vater an den Haaren, er lacht, dann nicht mehr, aber er bleibt ruhig, reicht mir einen Pinsel, ich tauche ihn in schwarze Farbe. Meine Striche sind nicht so fein wie seine, ich streiche kreuz und quer über seine schöne Welt. Er nimmt mir den Pinsel weg. Plötzlich blühen Tulpen auf, hoppeln kleine Hasen aus dem Bild. Schmetterlinge und Vögel steigen auf, und ganz hinten, da seh ich den Schatten eines Drachen. Ich staune. Mein Vater staunt auch.

Benzodiazepine Dreams

Emiliano Mondragón, 2025

Oil on canvas, 100 x 80 cm, 2025

Kinderlieder

Philipp Nowotny, 2024

Meine Großmutter backt den besten Apfelkuchen, aber sie hat das Rezept vergessen. Sie sagt, sie wisse genau, dass Zahnpasta eine wichtige Zutat sei. Wir verrühren Eier, Mehl, Zahnpasta und ihren besten Whisky, trinken davon einen großen Probierschluck. Dann vergessen wir zu backen. Meine Großmutter beginnt zu singen, und ich mache mit, wir singen alte Kinderlieder. Sie streichelt meine Hand, ich weine, und sie lächelt glücklich.

You Might Never Sleep Again

Emiliano Mondragón, 2025

Oil on canvas, 75 x 90 cm, 2025

Familienteil

Philipp Nowotny, 2024

Wir lieben unseren Vater. Anders als der Rest von uns, mischt er sich nie in andere Angelegenheiten ein. Ein stiller Beobachter. Nie habe ich erlebt, dass er seine Stimme erhob. Er lächelt in sich hinein, wenn bei Familienfeiern die Fetzen fliegen. Ich bewundere seine Selbstkontrolle. Nur letztes Weihnachten gab es ein kleines Problem, als sein Kopf während des Essens herunterfiel. Wir mussten ihn mit Heißkleber fixieren. Er wird immer Teil der Familie bleiben.

But What You Had Was Too Bad

Emiliano Mondragón, 2025

Oil  and charcoal on canvas, 100 x 80 cm, 2025

Abschied

Philipp Nowotny, 2025

Ich umarme sie, muss mich hinunterbeugen, und sie sagt, jetzt habt ihr euch nicht mehr aussprechen können, das hat ihn sehr traurig gemacht, dass du böse auf ihn warst, und sie weint. Da ist ein Fenster, dahinter ein Sarg, darauf sind Kränze, auf einem Trauerflor steht auch mein Name, um uns herum stehen Menschen, die sie jetzt auch umarmen wollen. Er liegt in dem Sarg, ich war nicht böse auf ihn, das hat er nicht gewusst.

A Place Called Nostalgia (Once Upon a Time in Mexico)

Emiliano Mondragón, 2025

Oil on canvas, 80 x 100 cm, 2025

Im Blick

Philipp Nowotny, 2025

Ich gehe zum Grab meines Vaters. Fühle mich unsicher. Ich vermute, er mag meine Besuche. Ohne meine Mutter wissen wir nicht, was wir reden sollen. Ich erzähle, ich wolle mir eine Pole-Dance-Stange ins Zimmer bauen, da ich vorhabe, Pole Dance zu lernen. Er lenkt das Gespräch dankbar in eine technische Richtung und empfiehlt mir Schrauben und Dübel. Dann sagt er, er habe mich immer im Blick, und deutet auf die Höhlen in seinem Schädel.


The komPOST series presents monthly artistic submissions in a wide variety of media. The works are selected and combined by the editorial team of komplex–KULTURMAGAZIN.

If you also want to be part of komPOST, read our open call and submit your works. 


BIOS

Emiliano Mondragón

(b. 1996, Mexico City, Mexico) is a contemporary painter based in Hamburg, Germany.

His practice engages with contemporary reflections on the human condition, focusing on the pressures of constant visibility on social media, the desire to escapes from one’s own body, and the constant feeling of burnout produced by hyperconnectivity and high-performance social expectations. His paintings often incorporate references to popular culture and diverse mythologies which he reinterprets through a fragmented, psychologically charged lens.

emilianomondragon.com / @_emilianomondragon

Philipp Nowotny

geboren 1989 in München, ist Journalist und Autor. Er studierte in Dresden und München Geschichte, Philosophie, Soziologie und Journalismus, wurde an der Deutschen Journalistenschule in München zum Redakteur ausgebildet und arbeitete für diverse Zeitungen und Magazine. Seine literarischen Texte erscheinen in Anthologien und Zeitschriften.

@notions.of.nobody.de

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