One cannot exist without the other: Im Rendez-Vous mit INNSBRUCK INTERNATIONAL

Welche Rolle kann Kunst in einer Zeit politischer, sozialer und ökologischer Umbrüche noch einnehmen? Dieser Frage und vielen anderen versucht die Biennale INNSBRUCK INTERNATIONAL innerhalb von zehn Tagen auf die Spur zu kommen. Das Kunstfestival will heuer ein Ort sein, an dem kollektive Versammlungen stattfinden. Mit einem Fokus auf Performances wird dabei auf ein breiteres Publikum gesetzt. 

Innsbruck International am Marktplatz | Foto: Dino Bossnini

Intensiv, kompakt und performativ

Ein Rendez-Vous sei eine kurze Verabredung, die „kaum begonnen, schon wieder vorbei ist“, beschreibt Chris Clarke, Kurator der Biennale, die sich rund um den Marktplatz Innsbruck abspielt und am 3. Mai nach zehn Tagen schon wieder endet, aber dafür ohne Pausen tägliches Programm bietet. Zum ersten Mal läuft die siebte Biennale Innsbruck International nun in einer komprimierten Form – aber dafür intensiver und intimer. Passend zum Thema „Rendez-Vous – Schmerzen schmecken, Träume sehen“ stehe die Begegnung der Menschen im Vordergrund. „Wir haben mit Rendez-Vous etwas schaffen wollen, das die Leute wieder näher zusammen bringt“, sagt Tereza Kotyk, die mit Franziska Heubacher 2013 die Innsbruck International Biennial of the Arts gegründet hat. 

Christian Falsnaes, Collaboration | Foto: Dino Bossnini

Im Vergleich zu den früheren Ausstellungen zeitgenössischer Kunst sind die Veranstaltungen performativer geworden und so angelegt, dass das Publikum nicht vereinzelt und allein kommt, sondern in den Dialog gebracht wird. Mit einem Mix aus Musik, Tanz, Film, Gesprächsrunden und dem Fokus auf teils sehr unterschiedliche Performancedarstellungen werde versucht, auch Menschen abseits der Kunstszene anzulocken. In den Langzeitprojekten „Cinémations“ und „raising flags“ werden unter anderem Identifikation und Machtstrukturen hinterfragt.

Die Performance „Collaboration“ möchte Christian Falsnaes die Grenzen zwischen Künstler und Publikum auflösen. Isaac Chong Wai beschäftigt sich mit individuellem Ausdruck und Gruppendynamiken, im Leokino werden Positionen zu Kollektivität, Autorität und Solidarität verhandelt und Sabine Mitterecker verknüpft in der Leseperformance von Ingeborg Bachmanns „Malina“ Weltliteratur mit elektronischer Musik. Und ein Highlight der Biennale sei etwa die interaktive Bustour der irischen Künstlerin Léann Herlihy. 

Isaac Chong Wai, Collective Individual Exercises, 2018 | Foto: Mariska Kerpel

Versteckte Botschaften im Survival-Bus

Herlihys „Beyond Survival School Bus“-Tour ist angelehnt an die Dramaturgie von Reality TV-„Survival-Sendungen“ und alle Teilnehmer:innen bekommen von Ranger Herlihy eine Rolle zugeteilt. „Etwas, das bei Performances oft passiert, ist dass sie als Unterhaltung wahrgenommen werden“, beschreibt Herlihy, die dieses Konzept umdrehen will und das Publikum glauben lasse, es werde unterhalten, während es tatsächlich in die Handlung mit reingezogen wird. Diese 90-minütige Bustour hat die Künstlerin 2022 entwickelt und leicht adaptiert. „Im Grunde geht es um Durchhaltevermögen, die Fähigkeit, auf unterschiedliche Weise zu existieren und aufzublühen.“ 

Leann Herlihy, Beyond Survival School Bus |
Foto: Dino Bossnini

Herlihy arbeitet über mehrere Jahre hinweg an ihren Projekten, die sich speziell auch an die Queer- und Trans-Community richten. „Ich bin nicht daran interessiert, das Publikum an die Hand zu nehmen, sondern eher daran, dass meine Arbeit diese versteckten Botschaften enthält, die eigentlich nur Menschen aus der Community wirklich verstehen. Viele ihrer Performances drehen sich um Themen wie öffentliche Sicherheit und Selbstverteidigung: „Es geht viel um Deeskalation und darum, wie man den Forderungen von Gewalt nicht nachkommt.“ 

Arriving at heaven and hell

Während das Festival viele internationale Künstlerinnen und Künstler in die Stadt bringt, soll mit dem „Innsbruck International Special Recognition Award“ im internationalen Kontext auf aufstrebende Künstler:innen mit Tirol-Bezug aufmerksam gemacht werden. Diese Auszeichnung geht heuer an die bildende Künstlerin Julia Frank und ihre Ausstellung „Where heaven where hell“, die auch über das Kunstfestival hinaus bis 23. Mai in der Neue Galerie zu sehen ist. Die Südtiroler Künstlerin untersucht in ihrem „Himmel und Hölle-Spiel“ binäre Konzepte zwischen „Gut und Böse“ und nähert sich den Schwellen zu Angst, Kontrollverlust und Berührungen. Dafür hat sie Kontraste und gegensätzliche Extreme (wie richtig und falsch, rechts und links, plus und minus, Himmel und Hölle) herausgearbeitet und in einer sinnlich verspielten und begehbaren Rauminstallation zugänglich gemacht.

Julia Frank, Himmel & Hölle, 2026 (videostill)

„One cannot exist without the other“, beschreibt die Künstlerin dabei im Künstlergespräch passend, wie sich diese gedanklichen und tiefergehenden Fragestellungen durch die ganze Ausstellung ziehen. Auf der ersten Wand im Eingangsbereich zeigt Frank Fragmente eines androgynen Körpers, der aus dem sexualisierten Kontext gehoben, Berührungen auf eine sanfte Verspieltheit verkörpert, ohne dabei die Identität des Menschen preiszugeben. „Ich wollte mir dieses Bild aneignen und es so transformieren, dass es meiner Meinung nach allgemeiner gültig ist.“ In den weiteren Ausstellungsräumen bezieht sich Frank auch auf das orakelhafte Kinderspiel Himmel und Hölle und diese prägende Zeit der Kindheit. „Ich wollte irgendwie einen Weg finden, Angst darzustellen“, beschreibt Frank. Sie hat die Wände mit einer schwarzen Tafel ausgekleidet und mit einer geheimnisvollen Soundinstallation verknüpft. Im nächsten Raum ist die Tapete weiß und angemalt, es geht um Orientierungslosigkeit, aber auch um Macht und Kontrolle und um Zustände des „Dazwischen-Seins“. 

| Sieglinde Wöhrer

Hinterlasse einen Kommentar