Ein ganzer Eisberg: Gespräch mit Michaela Senn über „Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt“

Zahlen, die unsagbar schwer wiegen: Mit Stand 2022 hat jede dritte Frau, die älter ist als 15 Jahre, bereits körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren. 16 % der Frauen erleben häusliche Gewalt. Monatlich fallen drei Leben der Gewalt zum Opfer, weil es Leben von Frauen sind.

Sexualisierte Gewalt ist dabei nie nur ein Akt der Lust, sondern ein Akt der Herrschaft. Sie ist das Werkzeug, um Macht zu behaupten und die totale Verfügungsgewalt über einen anderen Menschen zu sichern. Sie ist es auch,  die von allen Formen der Gewalt am meisten Zeit braucht, um ausgesprochen zu werden. Die, bei der die Opfer die Schuld am häufigsten bei sich selbst suchen. Psychische Gewalt hingegen wird oft gar nicht erst erkannt – sie hinterlässt keine sichtbaren Spuren, ihr Gift wirkt langsam, und oft erkennen nicht einmal die Opfer selbst den Angriff. Je länger man diesen Zustand aber aushält, aushalten muss, desto mehr bröckelt das Fundament des eigenen Selbstwerts. Das Fundament, aus dem heraus unter anderem unsere Kraft, Entscheidungen zu treffen, entsteht – wie die Entscheidung, die Tür zu einer Gewaltbeziehung hinter sich zu schließen und sie nicht mehr zu öffnen. Auch aus diesem Grund fällt es vielen so schwer, sich davon zu lösen.

Foto: Alena Klinger

Wir stehen in Österreich an der Spitze Europas, wenn es um Femizide geht. Gleichzeitig rutschen wir beim Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern bis auf den drittletzten Platz. Das ist kein Zufall, das ist ein Spiegel: Dort, wo der Wert von Frauen nicht anerkannt wird, dort, wo sie im Lohn am stärksten benachteiligt sind, dort, wo sie in ständiger Abhängigkeit gehalten werden, endet für viele der Weg in die tödlichste Form der Missachtung.

Felicia Zeller hat für diesen Text Bewohnerinnen eines Frauen*hauses befragt. Dort prallen bisweilen verschiedene Formen der Gewalt aufeinander – psychische, ökonomische, körperliche, strukturelle und sexualisierte Gewalt. Selten kommt eine Gewaltform allein.

In der Regie von Michaela Senn bringen Elke Hartmann, Christina Polzer und Wiltrud Stieger „Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt“ von Felicia Zeller auf die Bühne des Theater Praesents und lassen wohl kaum jemanden unberührt. Sarah Caliciotti hat mit der Regisseurin gesprochen.

Foto: Alena Klinger

Sarah Caliciotti: Normalerweise frage ich als Einstieg gerne, warum man sich für dieses Thema, das das Stück behandelt, entschieden hat. In diesem Fall erscheint mir diese Frage fast zynisch. So viel Gewalt, so viele Femizide in Österreich – monatlich werden etwa drei Frauen ermordet.

Michaela Senn: Ja, und das Bezeichnende ist: Während die Zahl der Morde in Österreich insgesamt zurückgegangen ist, ist das bei den Morden an Frauen nicht der Fall.

Häusliche Gewalt hat seit den Corona-Lockdowns zugenommen und das ist so geblieben.  Frauenhotlines sind häufig ausgelastet und nicht immer in der Lage, alle Anfragen unmittelbar entgegenzunehmen. Momentan gibt es in Österreich zwischen 25 und 30 Femizide im Jahr.

„Der gefährlichste Zeitpunkt im Leben einer Frau ist der einer Trennung.“

Das Stück besteht ja zu einem großen Teil aus Interviews mit Frauen*haus-Bewohnerinnen, wie ist das vonstatten gegangen? Hat Felicia Zeller selbst interviewt und wen?

Zeller hat das Stück in Zusammenarbeit mit Frauenhaus Oberhausen geschrieben und ist selbst dorthin gegangen und hat Interviews geführt mit Klientinnen, aber auch mit Angestellten, Ärzt*innen , Menschen aus dem Umfeld von Frauenhausbewohnerinnen – und hat es anschließend in typischer Zellermanier künstlerisch im Sprachrhythmus verwebt.

Wir verwenden im Stück auch Fremdtexte, z.B. Laura Leupis „Das Alphabet der sexualisierten Gewalt“. Damit wollten wir Übergänge auf eine Metaebene bringen.

Wir haben mit der Obfrau vom Frauen*haus Tirol Gabi Plattner zusammengearbeitet.

Klar geworden ist bei der Recherche: Die Ursache für Männergewalt hat nicht zwingenderweise mit kultureller Herkunft zu tun, sondern häufig u.a. mit dem konventionellen Männerbild, das generell herrscht – das Stück verdeutlicht zudem, dass sich dieses Problem durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht und beispielsweise auch in akademisch geprägten Haushalten verbreitet ist.

Und fest steht nach wie vor: Der gefährlichste Zeitpunkt im Leben einer Frau ist der einer Trennung, der gefährlichste Ort häufig die eigenen vier Wände. Die allermeisten Gewalttaten stammen ja aus dem familiären Umfeld.

Foto: Alena Klinger

Was denkst du warum es vielen Opfern von Gewaltbeziehungen, abgesehen von finanziellen Abhängigkeiten, die leider viel zu oft zentral dabei sind, so schwer fällt, zu gehen? Ist es die Angst vor dem Täter? Oder ist es auch eine emotionale Abhängigkeit, in die sie sich begeben haben?

So viele kehren wieder zu ihrem gewalttätigen Partner zurück, selbst wenn sie den Schritt zu gehen einmal geschafft haben. Woran liegt das?

Betroffene benötigen im Durchschnitt etwa sieben Anläufe, um eine gewaltvolle Beziehung dauerhaft zu verlassen. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um sieben Trennungen, sondern auch um wiederholte Versuche, Hilfe zu suchen oder sich zu lösen.
Grundsätzlich ist das Finanzielle ein extrem wichtiger Faktor, manche Frauen sind von ihren Männern finanziell abhängig. Andere wollen ihre Kinder nicht aus ihrer Umgebung reißen, das kreiert natürlich emotionale Abhängigkeit. Einige können das Frauenhaus gar nicht bezahlen – das muss man sich man sich mal vorstellen, eine Frau ohne finanzielle Möglichkeiten kann sich im Frauen*haus verschulden! Eine Frau muss dafür zahlen, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen. Und bei migrantischen Personen sind auch Asylthemen relevant und machen das Ganze sehr komplex.

Und was man nicht vergessen darf, ist, was in der Psyche eines Menschen in solchen Situationen passiert …

Ja, so ist es. Eine Frau, die sich aus so einer Beziehung befreit, muss erst mal Ruhe finden, weil sie sonst dermaßen die Verbindung zu sich selbst verliert, dass sie ihre eigene Wahrnehmung zu hinterfragen beginnt und nicht mehr weiß, was stimmt und was nicht. Das ist das Perfideste daran, dass Betroffenen von häuslicher und/oder sexualisierter Gewalt ihre eigene Wahrnehmung häufig abgesprochen wird. Deswegen ist es so wichtig, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr Nervensystem zu beruhigen, damit sie runterkommen können und wieder zu sich finden. Und wenn der gewalttätige Mann die einzige Ansprechperson der Frau ist – was oft der Fall ist, weil er die Frau häufig von anderen Menschen isoliert – bekommt er umso größere Macht, weil er ihre Wahrnehmung ohne „Kontrollorgane“ manipulieren kann.

Und auch Scham ist ein Grund. Frauen die sich nicht eingestehen wollen, dass sie einen gewaltbereiten Partner haben, weil sie sich dadurch auch die Blöße geben, nicht feministisch genug zu sein oder was auch immer…

„Der Femizid bildet nur die Spitze des Eisbergs“

Im Stück wird auch thematisiert, dass Täter sich Kontrolle zurückholen wollen, die sie ihrer Meinung nach durch Liebe verlieren. Warum sind das vorwiegend Männer, denkst du? Ist es Besitzdenken, das vom Patriarchat begünstigt wird? Ist es die schiere Körperkraft gepaart mit ungesundem Umgang mit Gefühlen?

.Über Generationen hinweg wurde vermittelt, dass einem Mann etwas zustehe – ein Anspruch auf eine Frau, auf ihre Arbeit und auf ihre Liebe. Diese Vorstellungen wurden uns allen gesellschaftlich mitgegeben. Wir dürfen auch nicht vergessen: Vergewaltigung in der Ehe etwa wird erst seit 1989 als Straftat angesehen und verfolgt.

Auch die gesellschaftliche Erwartung, dass Männer keine Gefühle zeigen und nicht weinen sollen, kann dazu führen, dass sich Emotionen aufstauen und schließlich in unkontrollierten Ausbrüchen entladen. Die Körperkraft spielt natürlich auch eine Rolle, aber Gewalt beginnt meist nicht mit einem Schlag, sondern früher. Das zu erkennen, ist die Aufgabe unserer Zeit. Der Femizid bildet dabei nur die Spitze des Eisbergs. Darunter liegen zahlreiche Formen von Sexismus und alltäglichen Grenzüberschreitungen – etwa sexistische Witze, Übergriffigkeiten im öffentlichen Raum, das bewusste Einnehmen von Raum oder das Unterbrechen von Frauen beim Sprechen. All diese Verhaltensweisen bilden einen gesellschaftlichen Nährboden, auf dem sich Gewalt gegen Frauen entwickeln kann.

Wo sollten wir anfangen?

Ich würde vorschlagen: bei der Erziehung. Und abgesehen davon hat das Gesetz so viele Hebel in der Hand. Verpflichtend den Genderpaygap schließen, verpflichtende Elternzeit für beide Elternteile einführen. Warum werden potenzielle Gewalttäter, die bereits polizeibekannt sind, nicht mit einer Fußfessel kontrollierbar gemacht? Wenn sich die gesetzliche Rahmung ändert, ändert sich auch im Umgang mit den Geschlechtern etwas, da bin ich sicher.

Und wo sind die Männer?

Gute Frage. 80 Prozent der Menschen im Publikum bei unserem Stück sind Frauen – so als wäre männliche Gewalt ein Frauenproblem. Gewalt gegen Frauen ist aber nicht nur ein Problem der Betroffenen, sondern v.a. auch ein Männerproblem. Deshalb müssen Männer ihren Teil dazu beitragen, Gewalt und die zugrunde liegenden Strukturen zu erkennen und zu verändern.

Wir sind wieder ein weiblich besetztes Regieteam, Schauspielerinnenteam usw… Wir kümmern uns um männliche Probleme. Genauso ist es auf Podiumsdiskussionen, die um diese Themen kreisen. Jede*r kennt mindestens 3 Opfer von sexualisierter Gewalt, aber die Frage ist: Wo sind die Täter?

Bei Übergriffen und Vergewaltigungen versucht man ja auch oft den Frauen eine Mitschuld zu geben. Sie brauche sich nicht wundern, wenn sie sich so anzieht, ist z.B. ein häufig zu hörender Vorwurf. Damit begehen wir aber Täter-Opfer-Umkehr und schieben die Verantwortung auf die falsche Seite. Die Scham (richtig übersetzt heißt es eigentlich: die Schande) muss die Seite wechseln – wie es Gisele Pelicot sagte: nicht die Betroffenen von Gewalt sollen beschämt werden, sondern die Täter.

Männer sollten sich in Gruppen aufmachen, diese Probleme zu behandeln. Es ist ermüdend, dass wir Frauen uns ständig um diese Probleme kümmern müssen, als wären es unsere – weil es sonst niemand tut.

Foto: Alena Klinger

Worauf legt das Stück den Fokus?

Ich wollte, dass es auch eine gewisse Absurdität hat. Ich wollte es ein bisschen schriller daherkommen lassen, dass es aus diesem heiligen, unantastbaren Tabu herausgeholt wird. Die Bühne und Kostüme haben eine comichafte Ästhetik. Die Küchenzeile auf der Bühne kann alles sein. Die Figuren sind in einem Moment Opfer, dann Verharmloserinnen, dann auch mal Täterinnen. Das Leben ist komplexer als wir es oft denken.

Ich habe Gabi Plattner gefragt, wie sie es schafft, über so viele Jahre so viele Betroffene solcher Gewaltbeziehungen zu begleiten. Sie sagte, dass neben all dem Schweren auch unglaublich viel Schönes passiert: „Wir erleben auch oft Menschen, die sich auf den Weg in ein neues Leben machen, das voller Kraft steckt.“ Genau diese Seite wollte ich ebenfalls zeigen.

Außerdem war mir wichtig, zu betonen, dass es so viele Betroffene gibt – es sollte nichts sein, für das man sich selbst die Schuld geben oder schämen sollte, wir sind viele! Jede dritte Frau! Wir sind nicht allein mit dieser Erfahrung und das soll auch Stärke und Antrieb geben.

Das Stück wurde ja vor 2 Jahren schon mal aufgeführt. Warum gibt es eine Wiederaufnahme?

Wir haben „Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt“ 2024 als erstes Stück im neuen Theater Praesent aufgeführt und am Ende war alles ausverkauft und es gab so viel Nachfragen. In einer E-Mail schlug eine Lehrperson sogar vor, dass das Stück alle Maturaklassen verpflichtend in den Lehrplan aufnehmen sollten.

Und heuer gab es ja auch wieder Anfang des Jahres in Innsbruck eine Welle an Gewalt an Frauen. Ich hab das Gefühl, es ist noch nicht vorbei. Leider. Leider ist es mindestens so akut wie vor zwei Jahren.

Ändern wir durch diese Art von Theater etwas?

Ich muss dran glauben, dass das was ändern kann, weil ich deswegen Theater mache. Ich glaube, Theater kann Perspektiven verändern. Ich hatte oft Gespräche mit Menschen, die nach der Vorstellung noch sitzen geblieben sind, berührt waren und das Gespräch gesucht haben, manchmal auch ihre Geschichten geteilt haben. Sie waren auf eine andere Weise berührt als durch eine bloße Schlagzeile. Ich glaube fest daran, dass Theater uns Themen, die wir sonst von uns wegschieben oder verdrängen, auf emotionaler Ebene näherbringen kann und damit vielleicht einen Anstoß geben kann, Dinge ins Gute zu verändern.

| Sarah Caliciotti


Vorstellungstermine:


SA 07.11.2026, 20 Uhr
SO 08.11.2026, 18 Uhr
FR 13.11.2026, 20 Uhr
DO 19.11.2026, 20 Uhr
FR 20.11.2026, 19 Uhr
SA 21.11.2026, 20 Uhr
FR 27.11.2026, 20 Uhr

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