Tiroler Künstler:innen im Dialog mit Ingeborg Bachmann

Mit der aktuellen Ausstellung „Die Anrufung – 100 Jahre Ingeborg Bachmann“ im Kunstraum Schwaz wird das Wirken und Leben der Lyrikerin Ingeborg Bachmann anhand von künstlerischen Bezügen durch Sarah Bogner, Christoph Hinterhuber, Christine Ljubanović, Peter Lorenz, Wolfgang Pfaundler und Siljarosa Schletterer widergespiegelt.

Die Gruppenausstellung ist eine Hommage an das Werk von Ingeborg Bachmann – einer Sprachkünstlerin, die vor hundert Jahren in Kärnten geboren wurde. Der Titel der Ausstellung „Die Anrufung“ ist angelehnt an Bachmanns Titel ihres zweiten Gedichtbands „Die Anrufung des großen Bären“ (erschienen 1956), der als signierten Erstausgabe in der Ausstellung zu finden ist. „Aber „die Anrufung“ ist gleichzeitig etwas wie ein theatralischer Moment, eine Wertschätzung, eine Hommage“, erklärt die Kuratorin des Kunstraum Schwaz Karin Pernegger. Und in dieser Hommage sind vier neue künstlerische Positionen entwickelt worden, die gemeinsam mit zwei historischen Positionen Bachmanns Werk aufgreifen.

Ausstellungsansicht Kunstraum Schwaz, 2026 | Foto: Aslan Kudrnofsky

Junge Lyrik

Der Kunstraum Schwarz macht einen Schritt zurück in die Zeit, als Bachmann jung war und für ein halbes Jahr in Innsbruck studierte, weil hier die Universität im Herbst 1945 als erste wieder für Studenten öffnete. Und unter anderem hier – möglicherweise in der Pradler Straße in Arzl, wo Bachmann wohnte – entstanden auch vier der fiktiven Liebesbriefe, aus denen sie im Rahmen der Jugendkulturwoche 1957 gelesen hatte und die erst posthum von ihrer Schwester im Band „Briefe an Felician“ herausgegeben wurden. Anhand von Dokumenten wie etwa ihrem Studienblatt, einem Brief an Lilly von Sauter, Bachmanns Cover auf der Zeitschrift Spiegel 1954 und dem Artikel über ihr nächtliches Schriftstellerleben in Rom werden Bezüge zu ihrer ersten Lebensphase als aufstrebende Literatin hergestellt. „So kleine Gedichte und so viel Lärm!“, kommentierte etwa ein Carabinieri Bachmanns Arbeit auf der Schreibmaschine in den frühen 1950er Jahren. Mit diesen kleinen Gedichten schaffte es Bachmann, sich bereits als sehr junge Frau als wichtige Lyrikerin ihrer Generation zu etablieren. 1953 erschienen sie unter dem Titel „Die gestundete Zeit“. Mit der Veröffentlichung von weiteren Gedichtbänden, Hörspielen, Erzählbänden und dem Roman „Malina“ und ihren inhaltlich radikalen und hochgradig philosophischen Ansätzen wurde sie eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen des 20. Jahrhunderts.

Ausstellungsansicht Kunstraum Schwaz, Christoph Hinterhuber, 2026 | Foto: Aslan Kudrnofsky

Neue künstlerische Positionen

Ingeborg Bachmann habe immer so hart mit der Sprache und dem Unsagbaren gerungen, beschreibt Karin Pernegger die Zweifel an der Sprache, die in ihren Werken zum zentralen Motiv wurden. „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, ist ihr eindringlichstes Zitat, das heute noch sehr präsent ist“, sagt die Kuratorin und beschreibt wie Bachmann als 16,17- jährige Jugendliche zwei Jahre während des Kriegs alleine in einem zerbombten Haus gelebt hat, um die Matura machen und schnell studieren zu können.  „Sie war sehr emanzipiert, sehr selbstbestimmt.“ Aus dieser Zeit stammen frühe Gedichte, die der Künstler Peter Lorenz (1995) anhand einzelner Zeilen in seiner Textcollage „Frühe Untergänge“ neu arrangiert hat und dazu Bachmann Formulierungen auch in einer Installation übertragen hat. „Licht trinken“, „dieses Lastbewusstsein“ oder der „Demutsfrieden, den alle anderen so leicht erdienen“ verweisen auf die „immense Resilienz“. Darin wird gespiegelt, wie Bachmann „unter dieser frühen Popularität und gepaart mit dem Ehrgeiz auch eine sehr fragile Persönlichkeit geworden ist.“

Siljarosa Schletterer | Foto: Wally Witsch

Die 1991 geborene Lyrikerin Siljarosa Schletterer hat eine Arbeit zu den Liebesbeziehungen Bachmanns entwickelt und in „Die römischen Anrufungen“ zwei Gedichte geschrieben, die in mehreren schwarzen und weißen Rahmen ineinandergreifen und sich jeweils von links bzw. rechts lesen lassen. „Die Gedichte entsprechen der Recherche zu den Liebesbeziehungen Bachmanns“, verweist Pernegger auf die Liebesbriefe und Gedichte, die während der intensiven Beziehungen zu Paul Celan und Max Frisch entstanden sind. Die Soundkünstlerin Sarah Bogner 1980 hat die Originalaufnahmen der frühen Lyrik-Lesungen von Bachmann mit ihren eigenen Soundfragmenten verwebt und das vorkommende Motiv der Blumen auch in einem Wandbild angeknüpft.

Karin Pernegger und Peter Lorenz | Foto: Wally Witsch

Ausgestellt wird auch das Werk “Ungargassenland” aus dem Jahr 1980, in dem die in Paris lebende Tiroler Künstlerin Christine Ljubanović (1939) den zentralen Ort aus der Handlung von Bachmanns Roman Malina – die Ungargasse in Wien – in den Fokus rückt. Malina ist der einzige Teil ihres Schreibprojekts zu den Todesarten, den Bachmann fertigstellen konnte. In Bezug auf das finale und unveröffentlichte Werk der Todesarten hat der Tiroler Künstler Christoph Hinterhuber (1969) einen Schriftzug gestaltet, der im Ausstellungsraum und auch auf Billboards zu sehen ist. Begegnungen mit Bachmann gibt es auch in Bildern. In den Ausstellungsräumen verteilt sind bisher unveröffentlichte Porträtaufnahmen, die von Wolfgang Pfaundler (1924-2015) während Bachmanns Besuch in Innsbruck 1957 gemacht wurden.

| Sieglinde Wöhrer


Die Anrufung – 100 Jahre Ingeborg Bachmann, Kunstraum Schwaz, verlängert bis 21.11.2026.

Artist Talk mit Peter Lorenz und Christoph Hinterhuber, 7.11., 10 Uhr, Kunstraum Schwaz im Rahmen der Premierentage.

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