Am Freitag, den 25. September 2026, fand in Wilten ein Nachbarschaftsfest statt. Gefeiert wurde in der Durchgangspassage der Mentlgasse und teilweise auch im Openspace Innsbruck. Ein besonderer Teil des Festes war der Artist Talk im Rahmen von Magic Carpets.

Magic Carpets ist ein europäisches Kunst- und Kulturprojekt, an dem 17 Länder beteiligt sind. Ziele des Projekts sind es, Beziehungen zu schaffen und globale Themen lokal zu behandeln. In Innsbruck werden im Rahmen von Magic Carpets, kuratiert von Danijela Oberhofer Tonkovic, bereits zum neunten Mal Artist-in-Residence-Projekte umgesetzt. Künstler:innen kommen nach Innsbruck, beschäftigen sich mit dem Stadtteil und treten in Austausch mit den Menschen, die dort leben. Das Motto der diesjährigen Residency ist „Just Around the Corner“ – bezogen auf den Stadtteil Wilten.
In diesem Jahr sind drei Künstler:innen beteiligt, die mit unterschiedlichen künstlerischen Formaten arbeiten: Patrick Bonato mit Comics, Ruben Teodoro mit Architektur und der Gestaltung von öffentlichen Räumen und Aslan Kudrnofski mit Fotografie. Trotz dieser diversen Zugänge verbindet sie eine gemeinsame Frage: Was lässt sich entdecken, wenn man genauer hinschaut – auf die Menschen, Geschichten und Räume direkt vor der Haustür?

Die drei Projekte sind im September gestartet und befinden sich noch mitten im Entstehungsprozess. Beim Artist Talk wurden deshalb größtenteils nicht fertige Arbeiten präsentiert. Stattdessen ging es um Ideen, Beobachtungen und Erfahrungen. Es ging um die Erlebnisse der Künstler:innen selbst beim Arbeiten mit Menschen, aber insbesondere auch um die anderen Menschen, mit denen sie gearbeitet haben. Es ging darum, den gewohnten Blickwinkel zu ändern und der Frage nachzugehen, was passiert, wenn man „um die Ecke schaut”.
Patrick Bonato und MANzine
Der Illustrator und Graphic-Novel-Autor Patrick Bonato lud zwei unterschiedliche Männergruppen zum gemeinsamen Zeichnen ein. In seinem Projekt entstand dabei tatsächlich auch ein fertiges Produkt: ein Comic-Heft mit dem Titel MANzine. Es beschäftigt sich mit dem Thema „Caring Masculinities“ – mit Bildern, Erwartungen und persönlichen Erfahrungen von Männlichkeit.
Dafür veranstaltete Patrick zwei Workshops: einen mit Vätern und einen mit Burschen in der Pubertät. Beide Gruppen setzten sich zeichnerisch mit der Frage auseinander, was Männlichkeit für sie bedeutet. Bewusst wurden dafür zwei sehr prägende Phasen des Mann-Seins gewählt. Patrick erzählt, dass er vor den Workshops nervös war. Wie würden die Teilnehmer reagieren? Würden sie sich darauf einlassen, zu zeichnen und über persönliche Erfahrungen zu sprechen?
Die Skepsis löste sich jedoch schnell auf. Besonders in der Gruppe der Väter wurde viel geteilt. Unter anderem kam das Bedürfnis nach einem Raum zur Sprache, in dem offen über das Thema Männlichkeit gesprochen werden kann. Dieser gemeinsame Wunsch sorgte für eine offene und schöne Atmosphäre. Unterstützt wurde Patrick bei beiden Workshops von Hermann Niklas, Schriftsteller und politischer Bildner, und von Alexander Eder, Berater bei StoP Wilten. Für sie alle war besonders interessant, dass die gezeichneten Geschichten im MANzine nicht allein entstanden sind, sondern dass sie gemeinsam entwickelt wurden.
Wichtig wurde das Thema für Patrick insbesondere durch seine eigene Rolle als Vater. Er hat das Gefühl, es reiche nicht mehr aus, lediglich gegen problematische Vorstellungen von Männlichkeit zu sein. Vielmehr brauche es eine aktivere Auseinandersetzung mit dem Thema.
Das Zeichnen selbst versteht Patrick als etwas sehr Ursprüngliches. Als Kinder hätten es viele Menschen getan, später gehe es aber oft verloren. „Zeichnen ist etwas, wo man sich selbst sehr nahe kommt. Es ist etwas ganz Menschliches“, sagt er. So wurde der Workshop schließlich wichtiger als das fertige Produkt, das MANzine. Entscheidend war der Austausch. Und der zeigte: Es gibt ein gemeinsames Bedürfnis, über Männlichkeit zu sprechen.

Ruben Teodoro und common space builders
Ruben Teodoro interessiert sich dafür, wie Menschen ihre unmittelbare Umgebung wahrnehmen und mitgestalten. Der Künstler vom Colectivo Warehouse aus Lissabon arbeitet in Innsbruck mit einer Klasse der Mittelschule Ilse-Brüll, bestehend aus 26 Schüler:innen und unterstützt von vier Lehrer:innen.
Sein erster Eindruck von Innsbruck war geprägt von Sauberkeit, breiten Gehsteigen und Fahrradwegen. Alles schien perfekt. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass Menschen nicht unbedingt mit ihren öffentlichen Räumen verbunden sind. Öffentlicher Raum und Menschen würden wie getrennt voneinander wirken, als existierten sie nebeneinander und nicht zusammen.
Mit der Schulklasse wollte er diese Beziehung zur Stadt genauer untersuchen und herstellen. Sein Ansatz: den Prozess möglichst offen halten und die Schüler:innen selbst zu Beteiligten werden lassen. „Wir bauen unseren gemeinsamen Raum“ lautet ein Motto des Projekts common space builders.
Als die Schulklasse hörte, dass Teodoro aus Lissabon kommt, war ihre erste Assoziation allerdings weniger urbane Theorie als Fußball: Cristiano Ronaldo. Ruben erinnert sich an ein lautes „Suíííí!“, begleitet von geballten Fäusten, angespannten Körpern und nach hinten gezogenen Armen – die typische Gewinnerpose des portugiesischen Fußballers. Ein unerwarteter Einstieg in ein Projekt über öffentlichen Raum. Doch mittlerweile sind die Schüler:innen tief in den Prozess eingetaucht und denken darüber nach, wie sie ihre Umgebung mitgestalten können. Auf die Frage, wie eine Intervention im öffentlichen Raum aussehen könnte, entwickelten sie unter anderem Propaganda-Schilder und Graffiti mit Wünschen und Botschaften an andere Menschen. Durch ihre bunte Gestaltung sind sie bei einem Spaziergang durch Wilten aktuell kaum zu übersehen. Das Wort Graffiti könnte auf den ersten Blick nach einer riskanten Kunstaktion klingen, doch wurde dabei ausschließlich wasserlösliche Kreide verwendet – eine clevere Idee, um die gesetzlichen Restriktionen in der Gestaltung von öffentlichen Räumen zu umgehen.
Für Ruben bestehe ein wichtiger Vorsatz des Projekts darin, dass die Jugendlichen beginnen, sich selbst als Teil ihrer Umgebung wahrzunehmen. Er möchte ihnen aufzeigen, dass sie wichtig sind und durchaus auch ein Mitspracherecht haben. Ruben konnte erfolgreich zu einem Perspektivenwandel in den Schüler:innen beitragen, denn ihr Vorhaben möchten sie auch in Zukunft weiterführen. Und genau das sei für ihn der größte Erfolg an der Aktion.

Aslan Kudrnofski: “Eine Geschichte über Abwesenheit”
Aslans Projekt trägt den Titel Eine Geschichte über Abwesenheit und beschäftigt sich mit Sucht, Erinnerung und den Spuren, die Abhängigkeit in familiären Beziehungen hinterlässt. Dabei verbindet sie Fotografie mit Audioaufnahmen.
Aslan versteht ihre Fotografie dokumentarisch. Die abgebildeten Personen sollen möglichst unverfälscht erscheinen, sie selbst möchte so wenig wie möglich hineininterpretieren. Das Thema ihres Projekts ist eng mit ihrer eigenen Biografie verbunden: Aufgrund der Abhängigkeit ihres Vaters wuchs sie ohne ihn auf.
Als sie in diesem Jahr für das Artist-in-Residence-Projekt angefragt wurde, war ihr Vater gerade im Krankenhaus, und es ging ihm nicht gut. Zunächst wusste sie nicht, ob sie überhaupt teilnehmen sollte. Auch ein konkretes Thema hatte sie noch nicht. In einem Gespräch kam dann die Mentlvilla in Wilten zur Sprache, ein Ort für suchterkrankte Menschen. Von dort aus entstand die Idee für ihr Projekt, eng verwoben mit ihrer eigenen Geschichte.
Mittlerweile haben sich drei Erzählstränge entwickelt: ihr Vater und damit auch die Geschichte seiner Frau; Martin, ein Patient der Mentlvilla; und Franzi, eine Mitarbeiterin der Caritas. Mit allen führte Aslan Gespräche, die aufgenommen und zum Teil transkribiert wurden. Dazu kommen Fotografien: aktuelle Porträts ihres Vaters aus der Rehaklinik, Ansichten seines Zuhauses und alte Fotografien von ihm und seiner Frau von gemeinsamen Reisen, aus einer Zeit vor der Suchterkrankung. Somit sind auch Fotos Teil des Projekts, die Aslan nicht selbst aufgenommen hat, wo sie selbst nicht anwesend sein konnte. Hier wird ihre Theorie unterstrichen, dass auch Abwesenheit prägend sein kann.
Denn Aslan sagt:
„Abwesenheit ist nicht einfach das Gegenteil von Anwesenheit. Sie kann eine Beziehung prägen, weil ein Mensch nicht da ist. Sie kann sich über Jahre hinweg in Erinnerungen, Fragen und Vorstellungen einschreiben. Sie kann weiterwirken, lange nachdem sich die Umstände verändert haben, die sie verursacht hat. In diesem Sinne ist Abwesenheit eine Form von Präsenz.“
Eines der zentralen Bilder ihrer Fotoreihe zeigt die Hände von Aslan und ihrem Vater, in der Rehaklinik, also in der Gegenwart. Sie geben sich die Hand und halten sich fest.
Für Aslan war es schwierig, überhaupt zu diesem Thema zu gelangen und die eigene Familiengeschichte öffentlich zu teilen. Sie merkt, dass der Prozess gerade erst begonnen hat und noch Aufarbeitung vor ihr liegt. Wie das Projekt am Ende aussehen wird, bleibt noch offen. Sie denkt an eine Ausstellung, in der die Fotografien und Tonaufnahmen gemeinsam gezeigt werden. Das will sie sich aber vorerst offen lassen.

Beziehungen schaffen
Was die drei Projekte verbindet, ist der Versuch, Beziehungen herzustellen: zwischen Menschen, zu einem Ort und zu den eigenen persönlichen Ideen und Reflexionen. Kunst wird dabei zum Ausgangspunkt für Begegnungen, Gespräche und neue Perspektiven. Gerade weil die Arbeiten noch nicht abgeschlossen sind, bleibt Raum für das, was erst im gemeinsamen Prozess entstehen kann. Vielleicht bedeutet „um die Ecke schauen“ deshalb vor allem, sich auf andere einzulassen – und dabei zu entdecken, was es an gemeinsamen Wünschen gibt, was gemeinsam aufgearbeitet werden kann, was Neugierde hervorbringt. Erst in Beziehung werden scheinbar komplexe Themen greifbar.
| Lena Mittermaier
