komplex goes Wiesenrock

Wattens wurde vergangenes Wochenende zum zehnten und vorerst letzten Mal zum Festivalgelände: Den Kirchenplatz schmückten selbst gebaute Holzbars, auf Oma-Sofas trotzten die Besucher*innen der aufkommenden Kälte, die Daniel-Swarovski-Statue trug passend zur Wetterlage knallorangene Regenschirme und war eingenebelt in eine Duftmelange aus Bio-Kartoffelrösti von Woody’s, köstlichem Gemüse des Feldvereins, Curry von Thailicious und herzhaften Burgern von InSteps. Allesamt Tiroler Alternativ-Gastronomen mit individuellen Konzepten. Als ob all das nicht schon Besuchsgrund genug wäre, durchschritten wir für das eigentliche Spektakel die Tore der Hauptschule: zur Bühne des einzigartigen Wiesenrock Festivals.

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Vom deutschsprachigen Pop der Tiroler Band Vormärz, dem mitreißenden Hip Hop der Salzburger Scheibsta & die Buben, den psychedelischen Klängen von Mother’s Cake und dem in gemütliche Töne eingepackten Wiener Dialekt des Freitags-Headliners Voodoo Jürgens ließen wir uns, zugegeben, selbst nur von unseren komplex-Kolleg*innen erzählen. Doch das Resümee aller, die wir trafen und befragten: „Einfach ein Wahnsinn!“ Obwohl der graue Himmel das Wasser herabkübelte? „Ach, das hat nix gemacht!“ Am zweiten Tag, dem Samstag, waren die meisten zwar schon mit Gummistiefeln oder matschkompatiblen Bergschuhen ausgestattet – doch das Wetter spielte mit! Aber jetzt lasst uns mal nicht über’s Wetter reden …

Das Publikum war bereits ab der ersten Band topmotiviert. Die drei Innsbrucker von lilla brillierten mit verträumt-melancholischem Sound und waren der ideale Einstieg in den Abend. Wenn Töne elegant klingen können, dann trugen jene von Julien Geffriaud, dem Sänger der nächsten Band, Yalta Club, Anzug. Der Franzose gab bewegende Lyrics mit seiner kraftvollen Stimme zum Besten, nicht ohne dem nötigen Schwung, um die tanzende Meute bis nach vorne ins nass-matschige Erdreich zu locken. Dazu gab’s Gruppenkuscheln am Mikro, teilweise Doppelbesetzung am Schlagzeug und einen regen Instrumentenwechsel. Ein gelungener Auftritt, fanden wir beide. Ebenso schwungvoll gab sich die Meraner Band Mainfelt. Ein deutscher Besucher meinte zwar, er verstünde kein Wort von dem, was die Herren zwischen den Songs sagten, aber das machte nichts: Die englischen Texte verstand man jedenfalls. Auch er wurde durch die Art der Band, eingängigen Mainstream-Rock mit einem Flair irgendwo zwischen irischer Bar und texanischem Rodeo zu verbinden, zum Tanzen animiert. Lebhafter Folk Rock inklusive Banjo und Mundharmonika.

Als ich mir zwischendurch mal eine Zigarette anzündete, entsorgte ich meinen Stummel brav im grünen mobilen (T)aschenbecher, den ich beim Eingang bekommen hatte. Ähnelte zwar ein wenig einem Gefäß für Urinproben, aber es erfüllte seinen Zweck: das Festivalgelände blieb bis zum Ende des Abends zwar durchweicht, aber blütenrein. Alles hier folgte dem grünen Motto: Bitte kein Müll, bitte Respekt für die Natur! Deshalb wurden auch Keramik- anstatt Plastikteller gegen Pfand ausgegeben, der Strom stammte zu 100% aus erneuerbaren Energiequellen und es gab Bio-Essen, das mit einer Scheckkarte bezahlt wurde, um der Papierflut der Registrierkassen zu entgehen. Nicht umsonst wurde man seit 2014 als erstes „Green Event Tirol“ ausgezeichnet.

Auf unserem Spaziergang über den Dorfplatz fanden wir auch eine Holzkiste, die neben dem kryptischen Namen „Geheimnis#21“ keine weitere Bezeichnung trug. Hinter der Tür fanden wir eine diffuse Landschaft aus Instrumenten und Partybeleuchtung, die per Schalter von den Besucher*innen gesteuert werden konnte: eine Sound- und Lichtinstallation des Tiroler Musikers und Künstlers Philipp Ossanna. Viele der Besonderheiten des Wiesenrock Festivals sind eben gut versteckt und wollen von aufmerksamen Gästen gefunden werden.

Während auf der Main Stage umgebaut wurde, verschlug es uns jetzt zur nahegelegenen kleineren Bühne, welche dieses Jahr zum zweiten Mal das Format der Open Mic Sessions der Innsbrucker Kulturbackstube bespielte. Natürlich hatte man sich auch hier nicht mit einem standardmäßigen Setup zufrieden gegeben: der Tiroler Künstler und Tischler Christian Schwarzer hatte eine Flut von Holzstücken zu einem unkonventionellen Bühnendach zusammengefügt, das in seiner Leichtigkeit der Schwerkraft zu trotzen schien. Auf dieser Bühne hatten noch weniger bekannte Künstler*innen dieses Jahr erneut die Möglichkeit, das Publikum in den knappen fünfzehn Minuten während Soundcheck und Umbau für sich zu gewinnen. Keine große Herausforderung für die lettische Musikerin Baiba Dēķena, welche die Zuschauer*innen mit ihrer einzigartigen Stimme, die sie mit Klavier und experimentellen elektronischen Elementen mischte, innerhalb weniger Sekunden im Zwielicht verzauberte. Nicht das einzige Mal an diesem Abend verlangte das Publikum nach einer Zugabe, für die leider keine Zeit blieb. Hier bot die zweite Bühne mit ihrem begrenzten Fassungsvermögen einen wertvollen Zusatz zum Festival: in kleinem Kreise wurden ganz eigene, intimere Konzerte ermöglicht, die den Headlinern in ihrer Qualität in nichts nachstanden.

Als nächstes brachten Lola Marsh aus Tel Aviv melancholische Klänge auf die Main Stage mit, die uns kurz mal unter die Kapuzen unserer Hoodies verschwinden und in die Musik eintauchen ließen. Die Sängerin Yael Shoshana Cohen tanzte mit ihrem Tamburin feengleich über die Bühne und hüllte das Publikum passend zur einsetzenden Dunkelheit in ihre rauchige, geheimnisvolle Stimme. Der Headliner und letzte Act des Abends, die österreichische Indie-Pop-Band Garish, traf im Publikum wie auch bei uns auf geteilte Meinung. Während eine von uns fast “nonstop unter Strom” stand – wie es die Band ja auch prophezeit – und sich von den Texten zu den meist simplen, aber einprägsamen Melodien fangen ließ, erinnerte die Stimme des Sängers unsere andere Hälfte ein bisschen an einen fabulierenden Märchenerzähler – ein Eindruck, der sich während des ganzen Konzertes nicht abschütteln ließ.

Das führt uns zum Resümee dieses abwechslungsreichen Tages: Wir sind, wie auch im Vorjahr, wieder überzeugt worden. Das Wiesenrock besticht nicht nur durch sein musikalisches Angebot, denn durch das vielseitige Rahmenprogramm kommen auch jene, die keine eingeschworenen Indierock-Anhänger sind, Jahr für Jahr auf ihre Kosten. Hier fügen sich die bunte und vielseitige Dekoration, bei der jedes Detail beachtet wird, die freundlichen Mitarbeiter*innen und enthusiastischen Gäste sowie die familiäre Vertrautheit eines Schulhofes mit der musikalischen Untermalung durch sorgfältig ausgewählte Künstler*innen zu einer ganz besonderen Stimmung zusammen, die in der Tiroler Eventlandschaft zweifellos ein Loch hinterlassen wird. Wir sagen Danke, und vielleicht, hoffentlich, auf Wiedersehen.

CM, DS

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