komplex besucht DIAMETRALE – Tag II

komplex war auch am Tag II der DIAMETRALE wieder mit von der Partie. Es war aber nicht nur der zweite Tag des Festivals, sondern auch die zweite Runde mit Wenzel Storch, dessen Film SOMMER DER LIEBE schon die Zuschauer*innen des Warm-Up Events verblüffte. Dieses Mal durften wir seinen letzten und, wie gemunkelt wird, den allerletzten Film seines Lebens, DIE REISE INS GLÜCK bewundern. Ein Film, der zehn Jahre seines Lebens in Anspruch genommen hat. Anstatt Geld wurde Zeit investiert und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Aus Sperrmüll, zwei Zwillingsbären, einem Hasen, Fröschen und Laien als Darsteller hat Wenzel Storch mit DIE REISE INS GLÜCK eine wundersame, psychedelische Fantasiewelt geschaffen, die sich, über alle Skurrilität hinaus, auch noch hauptsächlich in einem Schneckenhaus abspielt. Der Künstler war dieses Mal sogar höchst persönlich anwesend. Nach der Filmvorstellung fand ein Gespräch mit ihm auf der Bühne des Leokinos statt, das wir hier für euch aufgezeichnet haben – weil die Zeit im Kinosaal für Fragen sehr begrenzt war, hat sich für komplex im Anschluss die Gelegenheit ergeben, noch offen gebliebene Fragen an Wenzel Storch zu stellen…

Q&A mit Wenzel Storch im Kinosaal

Diametrale: Das spannende an dem Film ist, dass einem auch beim dritten Mal ansehen noch neue Dinge auffallen. Was mich als Erstes interessiert ist, wie kommst du zu einem Drehbuch?

Wenzel Storch: Also dieser Film leidet für meine Begriffe ein bisschen darunter, dass das Drehbuch ein bisschen wirr ist. Anders als bei Sommer der Liebe, wo mir das Drehbuch supergut gefällt, ist diese Drehbuch so ein bisschen unausgegoren gewesen. Das liegt daran, dass zu Beginn einige kleine Förderungen im Spiel waren und wir irgendwann einfach anfangen mussten. In der Zeit, in der wir noch am Drehbuch herumbastelten, haben wir zugleich versucht uns den Umgang mit einer 35 mm Kamera anzueignen, da keiner von uns damit umzugehen wusste, ich aber die Erfahrung gemacht habe, dass es nicht funktioniert, wenn ich mit echten Profis zusammenarbeite. Zur selben Zeit war auch klar, dass dieser Film wieder ein Ausstattungsfilm werden würde. Wir haben Anzeigen in landwirtschaftlichen Fachzeitschriften geschaltet und so nach Schrott als Rohmaterial gesucht. Das waren Anzeigen wie: Künstler sucht Schrott für Skulptur, da die Leute ja, wenn sie Film hören, sofort denken, dass da Geld im Spiel sein muss. Im Endeffekt war aber sogar das, ebenso wie das Abklappern von Flohmärkten zu teuer. Glück hatten wir, als wir herausfanden, dass eine nahe Gießerei schloss, wo wir dann verschiedenste Gussformen fanden. Es wurde uns ausdrücklich verboten diese zu nehmen, weshalb wir das dann eben nachts getan haben. Mir wurde dann auch klar, warum wir das nicht durften. Das Gebäude war extrem baufällig und gefährlich. Nach einem Jahr hatten wir dann eine Lagerhalle voller Rohmaterial. Weil das alles parallel passierte, ist das Drehbuch jetzt eine Art Steinbruch. Ich finde auch, dass da ein paar sehr viele faule Witze in dem Film sind, die mir auf den Kecks gehen.

Diametrale: Ach so.

Wenzel Storch: Ich bin immer hin und hergerissen. Aber heute fand ich ihn ganz gut.

Diametrale: Du hast ihn auch schon länger nicht mehr gesehen oder?

Wenzel Storch: Ja. Vor drei oder vier Jahren fand ich ihn nicht so gut. Aber es freut mich immer, wenn andere Leute den besser finden als ich. Es gibt tatsächlich Leute, die den Film fünf oder sechs Mal gesehen haben und immer wieder sehen wollen.

Diametrale: Bei mir war das so, dass ich die Geschichte beim ersten Mal einfach nicht verstanden habe. Ich habe gehört, dass einer der Schauspieler gesagt hat, dass ihm sein Kind den Film beim ersten Mal sehen erklären musste.

Wenzel Storch: Den Schauspielern zeige ich das Drehbuch davor nie. Sie wollten es aber auch nie sehen, weil ich sonst ja verlangen könnte, dass sie die Texte können. Den fertigen Film und somit auch die Geschichte haben sie deshalb erst im Kino gesehen. Und dieser Schauspieler hat die Geschichte wie er sagt, erst verstanden, als es ihm die Kinder erklärt haben.

Diametrale: Also hattest du wirklich ein Drehbuch?

Wenzel Storch: Es sieht vielleicht nicht so aus aber ja.

Diametrale: Es sieht insgesamt schon gelungen aus aber ich habe den Verdacht gehabt, dass das eher stichwortartig war.

Wenzel Storch: Naja die Sätze, die sie da sprechen waren schon vorgegeben.

Diametrale: Was ist DIE REISE INS GLÜCK denn eigentlich für eine Geschichte?

Wenzel Storch: Du hast es ja gesehen.

Diametrale: Sie beginnt mit einer guten Tat, die aber zum Schlechten führt. Mir sind aber auch viele andere Sachen aufgefallen, wie zum Beispiel die Anspielungen auf Werbefilme.

Wenzel Storch: Das sind die Sachen, die mir auf den Kecks gehen

Diametrale: Für mich sind das Erinnerungen an früher. Präsent ist in dem Film auch die katholische Kirche.

Wenzel Storch: Das wurde aber mit jedem Film weniger.

Diametrale: Die Produktion hat insgesamt 10 Jahre gedauert. Wie hast du es geschafft, dass die Leute über eine so langen Zeitraum unentgeltlich in ihrer Freizeit mitgemacht haben?

Wenzel Storch: Es war für die Leute selbst eine willkommene Abwechslung. Sie wussten auch intuitiv was mit dem Film gemeint war und haben deshalb nie nachgefragt, was ich mit dem Film aussagen will. Wichtig war auch das die Stimmung immer gut war. Bei dem letzten Film hat sich aber alles, wie gesagt, ewig gezogen und war schon sehr strapaziös. Im Nachhinein ist das schon ziemlich irre. Das Prinzip war immer, dass die Darsteller nichts bekommen, da sie sich ja dafür hinterher auf der Leinwand sahen. Das war für die immer in Ordnung.

Diametrale: Was war das Budget des Films?

Wenzel Storch: Das kann ich dir wirklich nicht mehr sagen. Das habe ich verdrängt.

Diametrale: Ich habe gelesen, dass der Film ein Hundertstel von dem gekostet hat was ein Film in dem Rahmen normalerweise kosten würde.

Wenzel Storch: Ja der Film sieht schon deutlich teurer aus als er war. Es ist eine Ausstattungsorgie und wenn ich sage, dass mich das Drehbuch nervt, ist auf der anderen Seite doch immer viel zu gucken.

Diametrale: Was ist dann eigentlich mit der Ausstattung passiert?

Wenzel Storch: Das Rohmaterial kam ja alles vom Müll und ist dann auch wieder dort gelandet. Ich dachte am Ende des Drehs schon, dass man das eventuell verkaufen könnte, aber kein Mensch wollte das haben. Die Kulisse wurde aber von Sibille Bergemann für das GEO Magazin fotografiert und in Form einer 14- seitige Reportage dokumentiert. Ein Großteil der Gussteile hat ein Kneipenbauer gekauft. Wahrscheinlich sind Ausstattungsteile von der „Reise ins Glück“ in irgendwelchen Kneipen in Deutschland eingebaut, ich weiß aber leider nicht wo.

Publikum: Wie war die Arbeit mit den Tieren?

Wenzel Storch: Mal so mal so und je nach Tier anders. Tiere machen ja nicht das was man will, auch Film Tiere nicht. Das Kaninchen war aber zum Beispiel kein Film Tier. Als wir das dem Züchter zurückgeben wollte, meinte der er würde es abschlachten und deswegen hat es jetzt eine Bekannte einer Darstellerin. Das Kaninchen hat nie gemacht was wir wollten, aber das Drehen mit den Bären war super und ein tolles Erlebnis. Dadurch dass sie so kuschelig waren mit ihrem Fell unterschätzt man, dass die auch sehr gefährlich sind. Mein Kameraassistent zum Beispiel, hat den Bären beim Vorbeigehen immer ganz selbstverständlich hinter den Ohren gekrault. So ein Verhältnis entwickelt man da. Die Räume waren auch sehr klein und es gab keine Fluchtwege. Der Bär hätte uns ganz einfach auffressen können, aber das ist dann nie passiert. Das war ganz schön.

komplex im Gespräch mit Wenzel Storch

k: Was war die erste Inspiration zum Film?

Wenzel Storch: Im Grunde wieder einen Ausstattungsfilm zu machen. Die beiden Filme davor waren ja auch Ausstattungsfilme. Der erste Film war der Versuch, ein katholisches Wunderland aus Schrott zu bauen, der zweite Film, aus ebenso gefundenem Material eine 70er Jahre Welt zu erschaffen. DIE REISE INS GLÜCK sollte ein Abenteuer- Märchenfilm werden. Das riesige Schneckenschiff und das Schloss zu bauen war der erste Impuls.

k: In der zehnjährigen Produktionszeit, wie sehr hat sich die ursprüngliche Idee verändert?

Wenzel Storch: Es hat am Ende natürlich komplett anders ausgesehen als zu Beginn gedacht. Man ist ständig Sachzwängen ausgesetzt und nichts geht so, wie man es sich denkt. Im Grunde bestimmt das Material das Aussehen der Kulisse. Wir haben auch nie Skizzen gemacht, sondern einfach aufgeschrieben welche Räume wir brauchen und dann sind die so langsam gewachsen. Die sahen dann alle anders aus, als vorher gedacht.

k: Für Sie persönlich war dieser Film wahrscheinlich auch eine Reise. Ich denke, in zehn Jahren verändert man sich auch persönlich sehr.

Wenzel Storch: Ja. Für mich ist das fast irritierend, wenn ich das heute sehe.

k: Hat ihre persönliche Entwicklung in der Zeit auch einen Einfluss auf den Film gehabt?

Wenzel Storch: Wüsste ich nicht. Leute die mich kennen sehen da vielleicht irgendwas. Ich selber kann das nicht sagen.

JH

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