komplex beim HEART OF NOISE – ein Wochenende Urlaub im Kopf

Hier ist sie wieder, diese gähnend leere Woche nach dem Heart of Noise, in der man sich nicht mehr daran erinnern kann, was man das restliche Jahr über eigentlich mit sich anfängt. Nach jenen drei Tagen, an denen Innsbruck mir immer am meisten wie „daheim“ und zugleich am meisten wie „woanders“ vorkommt. Ein Festivalbesucher beschrieb es im Vorbeigehen folgendermaßen: „Ich fühle mich das ganze Jahr über wie ein Alien. Aber hier sind alle Aliens!“. Vielleicht ist das HoN-Stammpublikum wirklich nicht ganz von dieser Welt, zumal sich diese Leute jedes Jahr aufs Neue solchen rohen und zeitweise ungemütlichen Klängen aussetzen. Aber aus gutem Grund: Hier verbringt man drei Tage in einer Art Trancezustand, und fast jeder kommt im Laufe des Festivals mal völlig verzaubert aus einem Konzert und braucht einige Minuten, um wieder in die Realität zurückzukehren. Dieses Jahr schafften das oft jene Konzerte, die wir in Pausengesprächen als „monotone Massagemusik“ bezeichneten – wobei die Massage selbstredend durch den Bass vollzogen wird. Acts wie Maria W. Horn, Hiedelem und Lucy Railton beförderten die am Boden sitzenden oder liegenden Besucher*innen mit hypnotisch langsamem oder hämmerndem Noise und Drone in andere Welten.

Installation

Installation – PARANOISE SPACE / EXARCH
| Foto: BE

Eine Umstellung ist es schon, sich nach zwei Jahren im dunklen Treibhaus-Keller jetzt im Haus der Musik wiederzufinden, diesem neuen „Juwel der Stadt“, wo Angestellte in Anzügen die Festivalbänder kontrollieren und man durchs Fenster Menschen im hauseigenen Edelrestaurant beim Essen zusehen kann. Doch es funktioniert: das Haus der Musik bietet als Festival-Location viel Platz, gute Akustik, eine angenehme Klimaanlage und nicht zuletzt die Wiese am Vorplatz, die sich zum zwischenzeitlichen Entspannen eignet (was hin und wieder sehr nötig sein kann). Ein ästhetischer Pluspunkt ist außerdem das Fenster hinter der Bühne des großen Saales, welches den Blick auf den Baum am Vorplatz freilegt. Dieser wurde während dem Festival in verschiedenen Farben beleuchtet und bot Acts wie Gazelle Twin einen interessanten Hintergrund, ganz ohne digitale Visuals. Besonders schön fand ich außerdem die Rückkehr des Para Noise Garden, der Open Air Fläche des Festivals, welcher letztes Jahr zugunsten der Baustelle am Vorplatz leider wegfallen musste. Endlich konnte man hier also wieder vor der Kulisse der Hofburg schwierige Musik hören und in die verwirrten Gesichter der zufällig vorbeikommenden Touristen blicken. Drei Tage lang gehört die Wiese im Herzen der Stadt den Festivalbesucher*innen und ist zur Abwechslung mal nicht nur zum Herzeigen und gut aussehen da. Oder zumindest zum gut aussehen auf andere Arten. Die Open Air Bühne DISCO VOLANTE, die dieses Jahr von Studierenden des studio 3 – Institut für experimentelle Architektur und dem Künstler*innenkollektiv columbosnext gebaut wurde, bildet jedenfalls eine elegante Addition zur ohnehin schon seltsamen Kombination aus Hofburg, Haus der Musik und Landestheater. Umso schöner, dass sie noch eine Weile stehen bleiben darf und weiterhin bespielt werden soll.

KORNELIA BINICEWICZ

Adler’s Rooftop – KORNELIA BINICEWICZ | Foto: BE

Was eigentlich normal sein sollte, ist in der (elektronischen) Musiklandschaft noch immer bemerkenswert: das Heart Of Noise Line-Up bestand dieses Jahr zur Hälfte aus weiblichen Acts. Auch bei der Tramatic Ride und der Rooftop Party im Adler’s teilten sich jeweils ein Künstler und eine Künstlerin die Bühne. Bei beiden Veranstaltungen bekamen wir außerdem einen abwechslungsreichen Mix aus komplizierter und tanzbarer Musik zu hören. Der erste Teil der zweistündigen Straßenbahnfahrt nach Kreith und zurück, welcher von der georgischen Künstlerin Vo Ezn mit düsteren metallischen Klängen begleitet wurde, ließ die vorbeiziehende ländliche Idylle aus Einfamilienhäusern und Kuhherden wie den baldigen Schauplatz eines Horrorfilms wirken. Konzertbesuche wie diese sind es, die mich im Alltagsleben bisweilen dazu bringen „Wo kommt denn hier die Musik her?“ zu fragen – worauf dann jemand mit „Du meinst die Baustelle?“ antwortet. Auf der Rückfahrt nach Innsbruck brachte Zanshin die Straßenbahnfahrer*innen dann mit rhythmischerem Sound in zaghafte Bewegung: mit einer Hand an der Haltestange oder im Sitzen wurde – soweit auf engem Raum möglich – getanzt.

Und so ging es am Sonntagabend dann auch weiter. Hier konnte das HoN seinem diesjährigen Motto „Don’t stop the dance“ wirklich Ehre machen und zeigte eine Reihe von Konzerten, die meine persönlichen Höhepunkte darstellen. Schon im Para Noise Garden konnten wir bei DJ Raph nicht mehr sitzen bleiben, später brachten die Peruaner Dengue Dengue Dengue mit ihren Cumbia-Beats und psychedelischen Visuals den ganzen Saal dazu, in einen Tanzrausch zu verfallen. Seinen Abschluss fand das diesjährige Heart of Noise mit der „Hakke Show“ der Gruppe Gabber Eleganza. Eine gewagte Line-Up-Wahl, die man wohl als „going out with a bang“ bezeichnen könnte. Nach 1 ½ Stunden Bass-Prügelei verließen wir erschöpft und schweißgetränkt das Haus der Musik. Ich bin dankbar für drei Tage Urlaub von und in der eigenen Stadt und freue mich schon jetzt aufs nächste Jahr. Wir sehen uns!

DS

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