zu gut, um gut zu sein – JENA PARADIES

Wenn die Theater endlich wieder ihre Tore öffnen, gilt es keine Zeit zu verlieren, um auf der Bühne Platz für politisch relevante Themen zu schaffen. Sarah Milena Rendels Stück JENA PARADIES, das ab 9. Juni im Rahmen des Tiroler Dramatikerfestivals zu sehen ist, nimmt diese Herausforderung an. Es handelt von einer jungen Frau aus Deutschland, die in einer rechten Partei aktiv wird und dort aufsteigt. Sie driftet zunehmend in den Rechtsextremismus ab und muss schließlich erkennen, dass ein Entkommen aus dem vermeintlichen Paradies nicht einfach wird.

Alica Sysoeva | Bild: Julia Jenewein

Dem Rechtsextremismus haftet medial bekanntlich eine tendenziell männliche Anhängerschaft an. Dabei wird oft übersehen, dass Frauen zunehmend zu Ikonen der rechten Szene hochstilisiert und von letzterer für ihre Zwecke benutzt werden.

Inszeniert von Julia Jenewein und gespielt von Alica Sysoeva hat das Stück in erster Linie den Anspruch, versteckte Botschaften der Rechten zu decodieren, ihre unsichtbaren Strategien aufzudecken und vor allem die Rolle der Frau in der rechten Szene analysieren.

komplex im Gespräch mit Autorin Sarah Milena Rendel und Regisseurin Julia Jenewein

Sarah Milena Rendel und Julia Jenewein | Bild Alica Sysoeva

komplex: Wie bist Du auf dieses Thema gekommen und wie ist der Text entstanden, Sarah?

Sarah: Das Thema war für mich seit jeher präsent, ich war immer sehr politisch und habe seit 2013 die neue Rechte verfolgt und versucht herauszufinden, wie sie sich organisiert, um ihre Reichweite zu erfüllen und wie sie ihre politischen Themen auflädt, um Zuwachs zu bekommen. Die Genderperspektive interessiert mich zudem sehr – wie kommt eine Frau dazu, in eine Organisation zu treten, die so patriarchal ist wie die neue Rechte? Eigentlich wollte ich über eine Neonazi-Frau schreiben, habe mir dann aber das fiktive Element einer Aussteigerin ausgesucht.

k: Es gibt ja eine erste Fassung des Stücks, die bereits 2019 in Wien aufgeführt wurde. Wo liegt der Unterschied zwischen den beiden Fassungen?

Sarah: Die Erste ging mehr in Richtung „extreme Rechte“ und NSU, die jetzige Version für das Dramatikerfestival ist eher auf die AFD zugeschnitten – wie sie funktioniert, wie sie sich verändert hat und so weiter. Außerdem fokussiert sie die Frauenperspektive viel stärker.

k: Es ist also im Grunde ein anderes Stück?

Julia: Wir haben es etwas adaptiert – der Text bezog sich mehr auf Strache, Ibiza und Co., und hier haben wir uns mehr auf Deutschland konzentriert. Manche Parteien werden ja nicht müde, einem „Material“ zu liefern…

Sarah: Außerdem haben wir hier auch zum Beispiel die social media-Aspekte fokussiert, sowohl im Text als auch in der Inszenierung, und sind der Frage nachgegangen, wie die social media-Kanäle zur Verbreitung von rechtem Gedankengut genutzt werden.

Julia: Die Frauen in der rechten Szene sind mehr in den Vordergrund getreten, es gibt Bloggerinnen, Influencerinnen ect., die ein völlig anderes Klientel bedienen als die Männer. Es wird in der Sprache der Influencerinnen hip und modern rübergebracht, Begriffe wie Rasse werden ersetzt durch Begriffe wie Heimat, Identität und Kultur. Frauen werden mehr in den Mittelpunkt gerückt, um die „Feminismuskarte“ ausspielen zu können. Sie geben vor, für Frauenrechte zu kämpfen, was im Grunde nur einen Vorwand für Islamfeindlichkeit darstellt, um rassistisches Gedankengut auch bei der weiblichen Zielgruppe ankommen zu lassen. Sie wollen „volksnäher“ werden, was natürlich besser funktioniert, wenn man Familien- und Frauenthemen inkludiert. Extreme Inhalte bekommen so einen „femininen, verharmlosenden Touch“ verpasst. 

k: Sind Frauen heute gefährdeter, in die rechte Szene abzudriften, als früher?

Julia: „Nur“ Hausfrau und Mutter zu sein wird heute oft abgewertet, daher zieht es Frauen dorthin, wo das als erstrebenswert gilt. Was passiert, ist, dass eine „Minderheit“ sich einem Kollektiv anschließt, gegen eine andere „Minderheit“ kämpft und sich somit selbst stärker fühlt.

Sarah: Wir merken heute oft die Auswirkungen des Neoliberalismus in unseren Jobs – es gibt immer weniger fixe Jobs, mehr befristete Arbeitsverträge und so weiter – dadurch kehren viele lieber in alte Muster zurück, da diese vermeintlich sicherer sind.

Julia: Ein großes Anliegen der Rechten ist außerdem Nachwuchs, um den „Bevölkerungsaustausch“ zu verhindern, sie haben panische Angst vorm „Aussterben“. Daher setzen sie gezielt auf das traditionelle Familienmodell und viele Kinder und dafür brauchen sie wiederum „gebärfreudige“ Frauen.

k: Warum habt ihr entschlossen, das Stück noch einmal hier in Innsbruck aufzuführen?

Julia: Sarah hat im Ateliertheater in Wien einen open-call gewonnen, deswegen wurde es dort uraufgeführt. Klaus Rohrmoser, der Leiter des Dramatikerfestivals, hat es dort gesehen und wollte es für das Festival in Tirol haben.

k: Was interessiert dich an dem Stück besonders, Julia?

Julia: Frauenthemen sind allgemein mein Steckenpferd. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass jeder Mensch in die Szene abrutschen kann und Empathie mit der Figur erzeugen, anstatt mit dem Finger auf die „bösen Rechten“ zu zeigen. Zudem gilt es, einige Strategien der neuen Rechten zu entlarven und die Leute zu warnen: Passt auf, was und von wem ihr im Internet konsumiert.

k: Wodurch passiert dieses Abrutschen in erster Linie?

Sarah: Angst wird geschürt, diese wird zu Wut und die Wut wird zu Hass. Letztlich ist es wohl Unsicherheit.

Julia: Es geht so schnell, dass man auf social media in eine Bubble reinkommt, in der man nur noch einseitige Berichterstattung mitbekommt; dadurch verliert man leicht den Blick für die Realität und will sich dann gegen das Feindbild wehren.

k: Wie könnte diese Gefahr vermindert werden?

Julia: Ich finde, es braucht ein Unterrichtsfach in Richtung Medienkompetenz. Die Rechte ist relativ geschickt in der Analyse dessen, was die „Wähler von morgen“ und ihre Akquirierung betrifft. Man bekommt oft rechte Diskurse untergejubelt, ohne, dass beispielsweise die Jugend, die dem auf social media ununterbrochen ausgesetzt ist, es bemerkt.

Sarah: Ich denke auch, was es braucht ist politische Bildung, Analyse, wie Diskurse funktionieren, mehr Sensibilisierung für das Genderthema, Benennung von Gewalt und toxischer Männlichkeit sowie mehr kritische Buben- und Männlichkeitsarbeit.

Julia: Und die neuen Begriffe zu decodieren ist wichtig.

Sarah: Genau, die alten Ideologien sind nun bloß harmloser verpackt – heute spricht man eher von kulturellem als von biologistischem Rassismus.

Julia: Und wenn in der Schule der Nationalsozialismus behandelt wird, sollte auch die heutige Zeit betrachtet werden: Was ist davon noch übrig?

k: Was könnten solche Stücke denn erreichen und verändern in Anbetracht der Tatsache, dass das Zielpublikum vermutlich eines ist, dem diese Dinge bereits bewusst sind?

Julia: Ich sehe das Dramatikerfestival dahingehend als Chance, da das Stammklientel des Dramatikerfestivals auf Talstation-Publikum trifft. Eine Chance, verschiedene (Theater-) Generationen zusammenzubringen.

Sarah: Wir könnten vielleicht Freikarten für die vergeben, die eine FPÖ-Mitgliedschaft beziehen. (lacht)

k: Wenn sie nach dem Theaterbesuch austreten...

| Sarah Caliciotti

Das Stück JENA PARADIES ist jeweils am 9./10./11./17./18./19. Juni 2021 um 20 Uhr in der Talstation Innsbruck zu sehen.

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