Epigonia – Sinnlose Sinnsuche mit Insektenpuppe

Vom 14. bis zum 18. Juni 2021 findet im Leokino zum fünften Mal das experimentelle Filmfestival DIAMETRALE statt. Im Rahmen des Festivals feiert am Sonntag dem 18. Juni um 18:15 Uhr im Leokino der Film Epigonia von Peter Brandlmayr, Karl-Heinz Machat, Maurizio Nardo, Ekehardt Rainalter, ein Regiekollektiv aus Innsbruck, seine offizielle Premiere. Im Zoom Gespräch haben uns die Filmemacher erzählt, wie eine übergroße Insektenpuppe sie dazu bewegte, einen Film zu drehen und was die Pataphysik damit zu tun hat.

v.l.n.r.: Peter Brandlmayr, Karl-Heinz Machat, Ekehardt Rainalter, Maurizio Nardo [Filmstill]

Maurizio Nardo streift durch eine unendlich scheinende Karstlandschaft, auf seinem Rücken eine übergroße Insektenpuppe. Aus dem Off begleiten ihn die epische Erzählerstimme von Johannes Nikolussi. Er liest vor aus einem Chat, den die Regisseure Peter Brandlmayr, Karl-Heinz Machat, Maurizio Nardo und Ekehardt Rainalter nach dem Filmdreh via Skype geführt hatten. Sie beschreiben sich selbst als unaufhaltsame Assoziationsmaschine. „Wir kaufen dein Auto? Deine Mutter? Zweitens – zwei Grundmotive: Hamlet und Elefanten. Wie kommt das? Gute Frage!“ Experimentelle Musik, die in Kooperation mit Martin Brandlmayr entstand, vereint sich mit den Geräuschen der Umgebung – Wind, Meer, Gestein – zu einer immersiven Klangkulisse.

Epigonia [Filmstill]

Eine Insektenpuppe und die Pataphysik

Ein Mann, der etwas durch die Gegend trägt. Ein altbekanntes Konzept: Jesus Christ, Django, Sysiphos. Was neu ist, ist das getragene Objekt: Eine Insektenpuppe. Sie war auch der Stein, der das Filmprojekt ins Rollen brachte. Schon 2014 war das etwa 1,5 Meter große und 30 Kilogramm schwere Gestell in der Oper Epigonia (Regie: Michaela Senn und Ekehardt Rainalter; Buch: Martin Fritz und Peter Brandlmayr) zu sehen. Weil die Puppe als physisches Überbleibsel Regisseur Ekehardt und Drehbuchautor Peter nicht losließ, entstand die Idee, einen Film damit zu drehen.  Den Film und das Bühnenstück verbinden aber nicht nur der Kokon. Beide Werke spielen mit der Pataphysik, einem absurden Wissenschaftskonzept, das der Schriftstellers Alfred Jerry im 19. Jahrhundert aufstellte. „Ich wollte eigentlich mit der Pataphysik nie etwas zu tun haben.“, erzählt Peter. Weil er aber wieder und wieder darauf hingewiesen wurde, dass seine Arbeiten etwas Pataphysisches an sich haben, schien ihm eine Auseinandersetzung damit letztendlich unausweichlich. „Die Pataphysik gilt oft als Schatten der Wissenschaft, etwas das eben nicht Wissenschaft ist. Ich glaube aber, dass die Grenzen oft sehr verschwommen sind. Jede Wissenschaft hat absurde Seiten. Genauso braucht die Pataphysik immer einen realen Bezug.“ In der Puppe sieht er ein Symbol für die Pataphysik, weil man auch bei ihr nicht wisse, ob sie nur ein leeres Konstrukt ist, oder ob vielleicht doch etwas schlüpfen könnte. Oder, wie er es formuliert: „Trägt Maurizio ein Monstrum herum oder einen Patafly.“ Die Insektenpuppe löste sich im Laufe der Dreharbeiten auf. Die Filmemacher konnten sie also endgültig hinter sich lassen und entsorgten sie noch vor Ort. Ob nun etwas geschlüpft ist oder nicht, müssen wohl alle, die den Film sehen, für sich selbst beantworten.

Lochträger in Kroatien

Neben dem Träger und der Puppe spielt auch die Landschaft eine Hauptrolle im Film. Ein karges Karstgelände in Metajna auf der Insel Pag in Kroatien. In einem digitalen Modell hatten die Autoren vor den Dreharbeiten den Weg, den Maurizios mit der Puppe zurücklegen sollte, eingezeichnet. Diese Skizze war der dramaturgische Leitfaden, eine Art Drehbuch. Sieben Tage lang schleppte Maurizio das unhandliche Gestell kilometerweit durch die bröckelige Hügellandschaft. „Ich bin kein Schauspieler, wenn es im Film mühsam aussieht, ist das nicht gespielt“.

Im Kontrast zur Puppe, die für Leben und Veränderung steht, wirkt der steinige Boden starr und unfruchtbar.  Fossilienfunde zeigen aber, dass der Wandel auch vor diesem Stück Erde nicht halt gemacht hat. Peter, studierter Geologe, erzählt: „Die Fossilien, die wir dort gefunden haben, heißen Foraminiferen. Übersetzt aus dem Lateinischen bedeutet das Lochträger. Lustig, wenn man bedenkt, dass Maurizio eine leere Hülle trägt. Er ist quasi auch ein Lochträger.“

Epigonia [Filmstill]

Sysiphos und Narranath

Gegensätze zu kombinieren und Ambivalenz auszuhalten war generell ein zentrales Motiv der Produktion. Maurizio nennt zwei Sagenfiguren als Inspiration, die ein und denselben Sachverhalt völlig konträr erlebten: Sysiphos und der Irre von Naranam. Während Sisyphos darunter litt, einen Stein wieder und wieder den Berg hochrollen zu müssen, machte es Narranath freiwillig. Es bereitet ihm unbändige Freude, den Felsbrocken beim Abwärtsrollen zu beobachten. Peter glaubt, dass auch den Film jeder und jede anders erleben wird. „Wie die Puppe ist auch der Film eine Hülse. Jeder kann ihn für sich selbst mit Bedeutung füllen.“, stimmt Heinz ihm zu. Gleichzeitig empfiehlt Peter den Zuschauer:innen aber, sich von der Sinnsuche zu befreien und sich dem Flow des Filmes hinzugeben.

Auch in der Zusammenarbeit sei die Balance zweier Gegenpole entscheidend gewesen: Spiel und Arbeit, Spaß und Ernst. Heinz erklärt: „Ein Gleichgewicht aus Humor und Ernsthaftigkeit beizubehalten, hat uns geholfen, in Konflikten sehr weit gehen zu können, ohne uns die Schädel einzuschlagen.“

Demokratische Revolution gegen den Algorithmus

Bei der Produktion von Epigonia gab es keinen einzelnen Regisseur, niemanden der das letzte Wort hatte. Stattdessen trafen die vier Künstler alle Entscheidungen gemeinsam, basierend auf Konsens. „Es war ein stetiger Annäherungsprozess. Ein Ermüdungsprozess. Irgendwann gibt jemand auf.“, erzählt Heinz. „Wer Demokratie ernst nimmt, muss auch ein bisschen was aushalten,“ meint Peter und erzählt, dass es ganze 4 Jahre gedauert hat, den Film zu vollenden. Und das, obwohl das Regiekollektiv ausgeklügelte Hilfsmittel erfand, um nicht an dem Überfluss an Möglichkeiten zu ersticken. So bauten sie mehrere Mechanismen der Reduktion ein: Es gibt nur einen Schauspieler. Einen Sprecher. Eine Karstlandschaft. Und eine Puppe, die für alle Lebewesen steht. Zudem gaben sie Entscheidungen an externe Entitäten ab: Die Topografie der Landschaft bestimmte den Blick der Kamera. Der Weg durch das Gestein gab die Dramaturgie vor. Ein unparteiischer Zufallsalgorithmus übernahm den Schnitt. Von der ursprünglichen Idee, den Film in einer Endlosschleife wieder und wieder neu von dem Algorithmus schneiden zu lassen, kam das Filmteam aber ab: „Gegen Ende der Produktion gab es eine Revolution gegen den Algorithmus. Wir wollten wieder unsere eigenen ästhetischen Vorstellungen verwirklichen.“, erzählt Ekehardt. Ein potenziell unendlicher Film nimmt so ein menschengemachtes Ende.

| Johanna Hinterholzer


www.diametrale.at

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